Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Jenseits von Eden

Jenseits von Eden

Predigt am 29. August
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 13. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu 1. Mose 4, 1-16a

Predigttext:

Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN. 2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. 3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. 4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, 5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. 6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? 7 Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. 8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. 9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? 10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. 11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. 12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. 13 Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. 14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. 15 Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. 16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten. (1. Mose 4)

Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz, er segne unsere Reden uns Hören. Amen.

Ich sage es gleich vorweg: Die entscheidende Frage kann ich Ihnen nicht beantworten – nämlich: Warum nimmt Gott das Opfer von Abel gnädig an und Kains Opfer nicht. Ich weiß nicht, warum das so ist. Ich weiß nur, dass es so ist. Das wissen wir alle. Das ist eine urmenschliche Erfahrung, dass die einen Erfolg haben und die anderen nicht. Oft liegt das natür­lich an den Handelnden selbst, an geschicktem Verhalten, Fleiß, Begabungen. Aber oft bleibt es eben auch unerklärlich. Warum gelingt dem einen alles, während die andere sich be­müht und immer wieder scheitert. Könnte Gott da nicht für aus­gleichende Gerechtigkeit sorgen, müsste er das nicht? Sieht Gott nicht unterschiedslos auf die Person? Gilt nicht gerade vor ihm der Gleichheitsgrundsatz? Die Fragen an das Gottesbild, die hier aufbrechen, sind radikal.

Es geht hier um eine von Gott gesetzte Zumu­tung, die auch unsere Geschichte nicht erklärt, sondern nur beschreibt. Und dann beschreibt sie, was dabei herauskommt. Nämlich Wut. Kain ergrimmt. Das kann wohl jede und jeder nach­voll­ziehen. Wenn wir erleben, wie wir übersehen werden, nicht beachtet werden, andere bevorzugt werden – das ist unglaublich kränkend. Opfer spielen natürlich für uns in der Gottesbeziehung keine Rolle mehr, aber in zwischenmenschlichen Beziehungen schon. Da opfert sich jemand für seine Ehe auf oder für die Kinder, da bringt jemand am Arbeitsplatz vollen Einsatz. Und dann wird das nicht gesehen, nicht gedankt, vielleicht nicht mal gewollt. Das kränkt zutiefst, das kann uns rasend machen.

Natürlich sind wir keine Mörderinnen und Mörder, aber solche starken Emotionen kennen wir alle. Wer wollte nicht schon mal jemanden gedanklich an die Wand klatschen. Wer hat nicht schon mal gedacht oder gesagt: „Der oder die ist für mich ge­storben!“ Und die meisten von uns lassen sich zumindest manchmal zu verbaler Gewalt hinreißen. Und dann erschrecken wir über uns selbst und über die Wucht unserer Gefühle und unserer Reaktionen. Starke Affekte sind in uns verankert, die in ihrer Unmenschlichkeit eben menschlich sind. Das Englische unterscheidet die Begriffe „humane“ und „human“ – das eine bedeutet „menschlich“ im Sinne von mit­menschlich, zugewandt, mitfühlend, eben human; das andere beschreibt die men­sch­liche Natur mit allen guten Seiten, aber eben auch den Abgrün­den. Und menschlich ist es eben, dass wir auch unmenschliche Seiten in uns haben, die wir nicht ein­fach ignorieren können, denen wir uns stellen müssen, damit wir sie kontrollieren können. Diese menschlichen oder eben unmen­schlichen Abgründe hält uns die Geschichte vom Bruder­mord vor Augen. Die Eifersucht überwältigt Kain und Kain überwältigt Abel.

Bevor er zuschlägt, passiert allerdings noch etwas: Gott spricht Kain an, er warnt ihn. Aber Kain antwortet nicht, er bricht den Kontakt mit Gott ab. Hier taucht in der Bibel das erste Mal der Begriff „Sünde“ auf – hier und nicht, wie man vielleicht denkt, beim sogenannten Sündenfall, der davor geschildert wird. Sünde heißt ja, dass wir uns von Gott absondern und genau das macht Kain. Er beendet die Kommunikation. Zuerst mit Gott und dann auch mit seinem Bruder. Im hebräischen Originaltext steht: „Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel“ und dann spricht er nichts. Da ist eine Leerstelle. Er sagt gar nichts. Das „Lass uns aufs Feld gehen“ wurde später ergänzt, weil diese Leer­stelle so störend war. Aber eigentlich ist diese Lücke im Text sehr beredt, sie sagt nämlich, dass nicht mehr mitein­ander geredet wird. Kain redet nicht mehr mit Gott und nicht mehr mit seinem Bruder. Die Wortlosigkeit führt zur Gewalt. Kains Frust, seine Gekränktheit findet keine Sprache: Da ist keine Klage mehr, keine Anklage, das ist nur noch Gewalt. Als Kain ausholt und zuschlägt, wird aus der Sünde – dem Kontaktabbruch mit Gott – konkrete Schuld.

Und die schreit zum Himmel. „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde“ – sagt Gott und fragt „Wo ist dein Bruder?“ Kain beschönigt nichts und rechtfertigt nichts. Er antwortet fast pampig.

„Soll ich meines Bruders Hüter sein?“

Ja – ist die einzig richtige Antwort auf diese Frage. Ja, du sollst deines Bruders Hüter sein. Wir alle sollen Hüter unserer Brüder und Schwestern sein. Das erzählen uns die biblischen Texte dieses Sonntags: Davon redet beispielhaft die Geschichte vom barm­herzigen Samariter, dazu lockt uns der Wochen­spruch „Was ihr diesem meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan!“– Uns gegenseitig zu behüten, das ist un­sere urmen­schliche Aufgabe. Eine Aufgabe, an der wir immer wieder auch scheitern.

Und was passiert mit denen, die scheitern? Mit Kain z.B., der das Blut seines Bruders an den Händen trägt. Die Geschichte hat kein billiges Happy End. Zum Glück. Ge­schichten mit Gewalt können nicht gut ausgehen. Es ent­steht zu viel Leid durch Gewalt. Haben Sie sich mal vorge­stellt, was das für Adam und Eva bedeutet, ihre beiden Kinder zu ver­lieren: der eine ermordet, der andere der Mörder? Wir wollen ja auch keine Welt, in der Gewalttäter ungeschoren davon­kommen, was leider oft genug geschieht und oft noch mehr Leid hervorruft. Gut also, dass die Geschichte für Kain nicht gut ausgeht; gut aber auch, dass sie nicht einfach ausgeht, zuende ist, dass sie weitergeht. Wo ein Mensch sich verfehlt und schuldig wird, gibt es trotzdem Zukunft. Kain hat unter den Konsequenzen zu leiden. Er flieht ins Land Nod, was soviel heißt wie „Land der Ruhelosigkeit“. Aber er flieht mit dem Kainszeichen, das ihn davor schützt, genauso erschlagen zu werden, wie er seinen Bruder erschlagen hat. Damit unterbricht Gott die Eskalation der Gewalt. Es ist eine zweite Chance für Kain, aber auch keine billige Gnade. Sein Leben ist gezeichnet und wird es für immer bleiben, aber es ist „nur“ gezeichnet, und nicht verwirkt. Die Erzählung zeigt: Men­schen werden mit den Folgen ihres Tuns konfrontiert, aber sie müssen nicht darin untergehen. Gott sieht in den Menschen immer noch mehr als das, was sie tun, selbst wenn ihr Tun barbarisch ist.

Wir leben Jenseits von Eden, als Nachkommen Kains. Und hören heute diese Geschichte. Gott spricht zu uns durch diese Geschichte, so wie er zu Kain gesprochen hat – noch vor dem Mord. Er hat Kain gewarnt und er warnt uns. Diese Geschichte ist Gottes Warnung an uns, seine Erinnerung: Ja, ihr sollt eures Nächsten Hüter sein. Das ist eure Verantwortung. Wenn ihr diese Verantwortung nicht übernehmt, wenn ihr so wie Kain aufhört, mir zu antworten, dann könnt ihr die unmenschlichen Anteile eurer menschlichen Natur nicht kontrollieren. Oder – wie es im Text heißt – dann lauert die Sünde nicht nur vor der Tür, dann zieht sie bei euch ein.

Wenn uns diese Erzählung also schon nicht alle unsere Fragen beantworten kann, so hat sie doch eine klare Botschaft: Die Geschichte des Brudermordes, die Geschichte der Gewalt zwischen Menschen muss sich nicht ewig wiederholen. Wir können in unserem Leben anfangen, damit aufzuhören. Wir müssen nicht zu Möder:innen werden, wir können Hüter und Hüterinnen sein. Dann könnte die Geschichte neu geschrieben werden – so wie Hilde Domin das in einem Gedicht verzweifelt herbeisehnt. Sie schreibt

Abel steh auf
es muss neu gespielt werden
täglich muss es neu gespielt werden
täglich muss die Antwort noch vor uns sein
die Antwort muss JA sein können
wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort
sich je verändern…
steh auf
damit Kain sagt
damit er sagen kann
Ich bin dein Hüter
Bruder
wie sollte ich nicht dein Hüter sein …
Abel steh auf
damit es anders anfängt
zwischen uns allen…

Es ist ein Gedicht ohne Punkt und Komma – fast gehetzt. Es spiegelt die Angst der Dichterin, dass das tödliche Bruderdrama das Grundmodell des zwischenmenschlichen Zusammenlebens sein könnte, dass das immer so weiter gehen könnte, dass Missachtung, Eifersucht, Wut in einer Endlosschleiße immer wieder in Gewalt münden. Angesichts ihrer Lebens­­geschichte ist diese Angst verständlich. Hilde Domin, Anfang des letzten Jahrhunderts als Hildegard Löwenstein, geboren, überlebt die Nationalsozialisten nur durch mehrfache Flucht, Millionen andere Jüdinnen und Juden überleben nicht.

Für diese Angst, die Gewalt könnte sich endlos wiederholen, bietet aber auch dieses Jahrhundert und unsere heutige Welt leider nur zu viel An­schau­ungs­material. Was tun Menschen nicht einander an? Gerade wieder in Afghanistan, aber auch an so vielen anderen Orten der Welt. Deswegen kann man eigentlich nur miteinstimmen, wenn Hilde Domin Abel anfleht:
Steh auf!
Sei wieder am Leben, damit dein Bruder Kain seine Verantwortung übernehmen kann. Die alte Geschichte darf nicht das letzte Wort behalten, sondern:
Es muss täglich neu gespielt werden.
Täglich muss die Antwort noch vor uns sein.

Kain kann nicht mehr Ja sagen. Ja, ich soll und ich will meines Bruders Hüter sein. Aber wir können das. Wir haben die Frage noch vor uns, wir haben sie immer wieder vor uns. Bist du deines Bruders, deiner Schwester Hüter? Wir können uns natürlich umschauen und darauf zeigen, wie viel Gewalt es auf der Welt gibt und daraus schließen, dass es doch überhaupt keinen Unterschied macht, ob wir Ja oder Nein sagen. Aber das glaube ich nicht. Für Abel macht es einen Unterschied, einen ganz entscheidenden. Und deswegen kann jedes Ja, das wir sagen, ein neuer Anfang sein, mit jedem Ja steht Abel auf. Hilde Domin hat wohl an irgendeiner Stelle einmal gesagt, dass sie dieses Gedicht für ihr wichtigstes hält. Es wundert mich nicht. Es liegt an uns, jeden Tag einen kleinen neuen Anfang zu setzen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, indem wir den anderen nicht übersehen, indem wir die andere wertschätzen, indem wir uns füreinander verantwortlich fühlen, indem wir einander zu Hütern und Hüterinnen werden. Amen