Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Kunst in der Karwoche: Jesus auf der Rast

Kunst in der Karwoche: Jesus auf der Rast

Impuls am 30. März 2021
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Passionsandacht am 30. März 2021

Impuls zum Schmerzensmann aus dem Ratzeburger Dom

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev schreibt in ihrem 2015 erschienenen Roman mit dem Titel „Schmerz“ über eine Frau, die bei einem Terrorangriff schwer verletzt wurde und deren Leben danach Kopf steht. Das Attentat liegt zehn Jahre zurück, die Wunden sind schon längst verheilt, die komplizierten Knochenbrüche zusammengewachsen, die Bilder der Zerstörung und die Schreie der anderen Verletzten in ihrer Seele unter der Oberfläche vergraben. Aber ein falsches Wort ihres Ehemannes, eine merkwürdige Bewegung eines Passanten auf der Straße, ein schrilles Geräusch genügen – und sofort ist alles wieder da: die Sirenen und Operationen, die Hilflosigkeit und der Schmerz. Der Schmerz des Körpers und der Schmerz der Seele durchziehen diese Frau und bleiben.

Der Schmerz ist vielfältig. Jede und jeder kennt ihn. Nicht immer können wir ihn genau lokalisieren oder erklären. Es ist schwierig, Schmerzen zu beschreiben, aber wir können sie zweifellos fühlen. Ein Ziehen, ein Brennen oder Pochen. Die ermüdende Wiederkehr, die Lähmung, die plötzlichen Attacken…

Schmerz ist mehr und anderes als ein reiner Nervenimpuls. Ein vielschichtiges, komplexes Geschehen, in dem Geist und Körper miteinander verwoben sind, das den ganzen Menschen betrifft.

Es gibt wohl kein menschliches Leben ohne Schmerz, Verletzungen, Krankheit oder Leid. Und mitunter gehören Schmerzen auch zu unserer Entwicklung dazu: zu Entscheidungen und Abschieden, Reifungsprozessen und Veränderungen, so wie Wachstumsschmerzen bei Kindern und Jugendlichen. Wenige Krankheiten oder Krisen, aus denen wir nicht verändert hervorgingen.

Als ein Grundakkord des Lebens werden Leid und Schmerz beschrieben – neben den anderen Grundakkorden, Tonarten und Melodien, die unser Leben ausmachen oder es zum Klingen bringen.

Die Passionszeit, die Karwoche, der Leidensweg Christi zum Kreuz als eine Zeit im Kirchenjahr, die den Schmerz in besonderer Weise in den Blick nimmt und ihm Raum gibt. Die den Blick auf Jesu Schmerz richtet, auf dass wir die Schmerzen der Menschen – und auch unser eigenes Leid – anders ansehen können.

Als Schmerzensmann wird Christus in der bildenden Kunst gezeigt. Als einer, der exemplarisch und stellvertretend Schmerzen erleidet.

Eine solche Darstellung habe ich heute mitgebracht; Sie sehen sie vorne auf dem Gottesdienstblatt. Eine Holzskulptur aus dem Ratzeburger Dom, spätgotisch, das Alter kennt man nicht, auf jeden Fall vor 1500. Jahrzehntelang, vielleicht jahrhundertelang war die Figur im Turm abgestellt, bis sie in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wieder einen Platz im Seitenschiff des Doms fand und der rechte Oberarm ersetzt wurde.

Die Holzfigur, etwa 1,20 m groß, sitzt auf einem Holzblock. Nackt, nur mit einem Lendentuch bekleidet. Der Körper war bemalt, über und über mit dreiblättrigen Blutstropfen. Die dunklen Haare und der Bart sind sorgfältig geschnitzt. Auf dem Kopf sind Reste einer Dornenkrone zu erkennen.

Bemerkenswert, charakteristisch ist die Haltung: die gekreuzten Unterschenkel als seien die Knöchel gefesselt, die fehlenden Hände, wohl ursprünglich ebenfalls vor der Brust gekreuzt oder zusammengelegt. Wie gebunden und gefesselt wirkt der Schmerzensmann, jedoch ohne äußere, sichtbare Stricke. Als warte auch er darauf, losgebunden und erlöst zu werden.

Den Kopf leicht schräg gehalten, scheint es, als blicke er die Betrachtenden seinerseits an. Der leicht geöffnete Mund, als wolle er uns etwas sagen, als wären wir gerade mitten im Gespräch.

In der Kunstgeschichte gibt es verschiedene Bezeichnungen für diese Art der Darstellung Jesu: neben dem „Schmerzensmann“ die des „Christus im Elend“ oder des „Christus in“ oder „auf der Rast“. Mir hat sich die Letzte eingeprägt, die des „Christus auf der Rast“. Jesus, der auf seinem Leidesweg innehält, sich ausruht, vielleicht Erleichterung, Kraft oder Frieden sucht. Der im Schmerz Pause macht.

Vielleicht kennen wir das aus unseren Schmerzerfahrungen, aus den Wehen einer Geburt, von Verletzungen, Demütigungen, wiederkehrenden Krankheiten: dass man manchmal dennoch Pause machen kann und muss. Luft holen, ein Glas Wasser trinken, mit einem anderen Menschen sprechen, sich berühren, trösten oder etwas Gutes tun lassen. So, wie auch dieser hölzerne Christus offensichtlich von vielen Händen gestreichelt, angefasst, berührt wurde. Dass wir in Kontakt kommen mit dem, was es außerhalb des Schmerzes in unserem Leben auch gibt, und uns verbinden mit der Lebendigkeit, der Liebe und Kraft.

Wie ein Gegenüber sitzt Jesus, der Schmerzensmann, hier vor uns. Wie jemand, an dem man sich festhalten kann, mit Händen oder mit Blicken. Einer, der weiß, was wir mitunter erleiden, welche Wunden immer wieder schmerzen, welches Leid uns quält oder bis in unsere Albträume hinein verfolgt.

Jesus weiß es nicht besser, er steht nicht teilnahmslos daneben oder gar darüber. Sondern er kennt uns und unser Leid. So, wie es im alten Philipper-Hymnus heißt:

Er nahm Knechtsgestalt an, wurde den Menschen gleich und als Mensch erkannt.

 

(Philipper 2,7)

Ein Bruder, ein Gefährte im Elend, der Verbundenheit und Geschwisterlichkeit stiftet – auch im Schmerz. Jesus teilt den Weg mit uns und die Rast. Er lädt uns zum Gespräch ein, zur Stille und zum Innehalten und lässt uns miteinander als Gemeinde Christi verbunden sein. Als eine geschwisterliche Gemeinschaft, die auch um die Schmerzen der anderen weiß, die das Scheitern, die Tränen, Krankheit und Angst nicht ausblendet. Dass wir und alle, deren Schmerzen nicht vergehen, doch wissen mögen, dass wir wenigstens nicht allein sind. Sondern gehalten, getröstet und ermutigt von Jesus Christus, Gottes Sohn, der unsere Schmerzen auf sich genommen und sie überwunden hat, auf dass wir erlöst und frei werden.

Wir sind nicht allein. Jesus Christus teilt mit uns unseren Weg.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre uns und unsere Herzen in Christus Jesus. Amen.