Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Kirche der Zukunft gestalten

Kirche der Zukunft gestalten

Vortrag von Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong

am Reformationstag 2021

Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong, Kiel

Kirche der Zukunft gestalten

Vortrag am Reformationstag in der Gemeinde St. Johannis- Harvestehude

am 31.10.2021

die Kirche steht mitten in großen Veränderungsprozessen. Gerade die Formen, die noch vor einigen Jahrzehnten selbstverständlich schienen wie die zuverlässige, flächendeckende Präsenz von Kirchengemeinden überall, die Zuständigkeit von Pfarrpersonen für „ihre“ Gemeinden, der räumliche Bezug, das Angebot für alle Generationen unter einem Dach stehen heute infrage. Städtische Gemeinden wie die Ihrige tun sich mit den Veränderungen einerseits leichter, weil sie schon immer mobiler und experimentierfreudig waren und seit Jahrzehnten schon gefragt haben, was sie verändern können, um Menschen in ihren veränderten Lebensverhältnissen neu zu erreichen. Aber auch sie schätzen oft das, was sie kennen und was ihnen vertraut ist. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass sich die Gestalt von Kirche und Gemeinde noch wesentlich grundlegender verändern muss als bisher, wenn die Kirche zukunftsfähig sein möchte.

Das kann auf den ersten Blick entmutigen, weil ja in den letzten Jahren schon viel geschehen ist: Der enge „Kirchturmhorizont“, in dem nichts als die eigene Gemeinde interessiert, hat sich geweitet. Gemeinden arbeiten zusammen, haben Schwerpunkte entwickelt, versuchen neue Zielgruppen zu erreichen, teilen sich Hauptamtliche etc. Hatte man vor einigen Jahren noch denken können, dass damit

dann auch die wesentlichen Ziele erreicht und die neuen Strukturen 1
Sehr geehrte Anwesende,
der Kirche zumindest mal für die nächsten Jahrzehnte gefunden sind, so ist mittlerweile deutlich, dass das nicht zutrifft. Denn zum einen machen die Prognosen der Freiburger Studie – noch vor Corona erstellt – deutlich, dass im Jahre 2060 im Vergleich zu 2017 die Hälfte der heutigen Kirchensteuereinnahmen und die Hälfte der Kirchenmitglieder zu erwarten ist. Die Zahl der Pfarrpersonen wird vermutlich noch sehr viel rascher deutlich zurückgehen. Schon damit haben die bisherigen Bemühungen, die traditionelle Gestalt von Kirche und Gemeinde behutsam weiterzuentwickeln, deutliche Grenzen, wenn man nur auf die Ressourcen blickt. Denn bereits zeigt sich ja, dass ein Netz von Ortsgemeinden nur begrenzt dehnbar ist. In Westdeutschland kommen wir damit allmählich an die Grenzen und in Ostdeutschland ist es teilweise längst überdehnt – denn Pfarrstellen mit einer Zuständigkeit für 12 Gemeinden und 19 Predigtstellen widersprechen nicht nur der Idee von menschlicher Nähe und persönlichem Kontakt zu Hauptamtlichen, sondern schaffen auch Arbeitsbedingungen, die die Abwärtsspirale für den pastoralen Nachwuchs enorm verstärken. Insofern scheint mir der Weg, die bestehenden Formen mit weniger Mitteln und Ressourcen zu dehnen und vorsichtig weiterzuentwickeln, nicht länger gangbar.

Die Suche nach neuen Formen von Kirche birgt jedoch große Chancen. Denn während die Veränderungen, die sich am Bestehenden orientieren, häufig von einem „weniger werden“ und von einer Haltung eines „das geht jetzt nicht mehr und deshalb müssen wir“ und damit von einem Verlustgefühl geprägt waren, birgt die Offenheit neuer Formen in anderer Weise die Chance zu fragen, welche Kirche wir heute eigentlich wollen und brauchen – und was genau eigentlich ihr Ziel ist.

Allerdings muss dann erst einmal grundsätzlich gefragt werden: Wie ist dies theologisch zu bewerten? Was bedeutet es in geistlicher Perspektive, dass die bisherigen Formen der Kirche offensichtlich nicht mehr aufrechtzuerhalten sind und neue gesucht und gefunden werden müssen? Wie weit dürfen wir dabei gehen?
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Für die Suche nach einer Antwort ist es gut, sich zunächst einmal bewusst zu machen, wozu es die Kirche eigentlich gibt. Historisch ist sie entstanden, als der frühen Christenheit deutlich wurde, dass das Reich Gottes wohl doch nicht unmittelbar mit dem Kommen des Messias oder nach der Auferstehung Jesu anbrechen wird, wie die Anhänger*innen Jesu gedacht hatten. Damit aber war Zeit – und viel Motivation –, die Botschaft von der unermesslichen Liebe Gottes zu seiner Schöpfung, die sich in dem Wirken und in der Auferstehung Jesus von Nazareth gezeigt hatte, an möglichst viele Menschen weiterzugeben; in heutigen Worten: das Evangelium zu kommunizieren. Dies geschah im persönlichen Bereich, sehr rasch aber – vor allem durch das Wirken des Apostels Paulus – in einem größeren Rahmen in der Mission. Bereits damals gab es Strukturen, die diese Bemühungen, dass Menschen die Bedeutung des Evangeliums für sich und ihr Leben erfahren und entdecken, unterstützten. Und in den Jahrhunderten danach wurde deutlich, dass es gut ist, wenn diese Bemühungen unterstützt werden von einem größeren Ganzen. So entwickelten sich Organisationsformen und Strukturen, die wir „Kirche“ nennen. Ohne die Kirche wäre es sehr viel mühsamer und in der Wirkung ganz sicher nicht so weitreichend, das Evangelium zu kommunizieren. Denn die Kirche unterhält Gebäude, in denen sich Menschen zur Kommunikation des Evangeliums versammeln, sie bezahlt Menschen dafür, dass sie hauptberuflich dafür zur Verfügung stehen, sie bietet Sozialformen an etc. Ihr Ziel ist es, dass sie den Kontakt zwischen Menschen und Evangelium unterstützen, konkret: Dass sie helfen, dass Menschen die unendliche Liebe Gottes zu seiner Schöpfung erleben können und ganz persönlich erfahren, sodass sie es in ihrem Leben spüren.

Diese Strukturen, Sozialformen, Ämter, Gebäude und Kommunikationswege dienen also dem Evangelium. Sie sind jedoch nicht das Evangelium, denn sie gehören zu den weltlichen Dingen. Der göttliche Schatz des Evangeliums wird in „irdenen Gefäßen“ kommuniziert, wie Paulus es im zweiten Brief an die Gemeinde in
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Korinth (4,7) ausdrückt. Die Gestalt der Kirche ist immer eine Folge menschlicher Versuche, nach bestem Wissen und Gewissen die Kommunikation des Evangeliums bestmöglich zu unterstützen. Darin ist sie nie perfekt, sie ist irrtumsanfällig und sie muss sich vor allem verändern, wenn sich die Verhältnisse und die Menschen verändern. Die Strukturen müssen sich ausrichten an der Frage, ob sie die Unterstützung des Kontakts mit dem Evangelium – ob als Erstbegegnung oder auf lange Sicht – voraussichtlich bestmöglich leisten. Dies aber ist für jede Zeit und Kultur unterschiedlich. Man stelle sich einmal vor, wir hätten noch die autoritären Formen des Mittelalters oder die sehr bürokratischen der Staatskirche des 18. und 19. Jh. – die Chance, dass wir in ihnen besonders gut das Evangelium erfahren dürfen, wäre doch sehr gering.

Genau in dieser Situation und in dieser Fragehaltung fand sich vor etwas mehr als 500 Jahren Martin Luther vor. Aufgrund seines persönlichen Ringens um einen gnädigen Gott, den er in der Gestalt der Kirche seiner Zeit nicht fand, kam er zu einer grundsätzlichen Infragestellung der Kirche seiner Zeit. Dies betraf zunächst die Inhalte der Verkündigung, aber führte unweigerlich weiter zur Gestalt der Kirche, denn Formen und Inhalte sind nicht zu trennen. Auch er fragte: Wie muss die Kirche beschaffen sein, damit Menschen in ihr geistliche Nahrung finden und damit sie in ihr und durch sie die Botschaft von der unermesslichen Liebe Gottes als bewegend und lebensverändernd erfahren? Martin Luther war dabei wirklich radikal – sehr viel radikaler, als wir es heute in Bezug auf die Kirche sind. Für ihn war klar: Die Kirche muss dem Evangelium dienen und nicht umgekehrt. Die Strukturen der Kirche dienen einzig und allein dem Zweck, dass Menschen das befreiende Evangelium durch sie möglichst gut erfahren können. Wenn dies nicht gut gelingt, dann müssen sie verändert werden. Zu jeder Zeit muss sich die Kirche die Frage stellen, wie gut ihre Formen dem Evangelium dienen – und sie immer wieder verändern, wenn dies nicht optimal der Fall ist. Daher ist der Satz „ecclesia semper reformanda“ – die Kirche muss
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beständig reformiert werden – ein zentraler Grundsatz der Reformation geworden. Entsprechend entwirft Luther auch keine bestimmte Form, wie eine Gemeinde konkret ausgerichtet oder gestaltet sein soll. Im Gegenteil gibt es die Strukturen von Gemeinde eher frei, gerade weil er sie im Rahmen irdischer Zweckmäßigkeit sieht. Im Verlauf der Reformation hat er verschiedenen Kirchenordnungen durchgesehen und beurteilt und ganz unterschiedliche Formen gutgeheißen – wenn sie in ihrem Kontext dem Evangelium dienten. Damit befindet er sich auch auf gut biblischer Grundlage.

Denn die Bibel berichtet ebenfalls von sehr unterschiedlichen Formen von christlicher Gemeinschaft. Die Evangelien erzählen, dass Frauen und Männer – meist auf seine Aufforderung hin – als Nachfolgegemeinschaft mit Jesus lebten und wie er das Leben von Wanderprediger*innen führten. Vermutlich gab es daneben auch „Sympathisant*innen“, die in ihren Orten in Galiläa wohnen blieben und die Nachfolgegemeinschaft unterstützten. In der Apostelgeschichte wird uns die von Einmütigkeit, Gemeinschaft und Besitzverzicht geprägte Jerusalemer Urgemeinde vor Augen geführt, die aber auch von Konflikten nicht verschont blieb. Paulus hat offensichtlich Gemeinden gegründet, die sich in Privathäusern versammelten und in denen es ebenfalls immer wieder ein Ringen um den richtigen Weg des christlichen Glaubens gab. Als sich das Christentum aufgrund seiner Missionserfolge ausbreitete, entstanden vor allem in den Städten Gruppierungen, die einer minderheitlichen Sekte ähnelten. Viele Gemeinden organisierten sich als Hausgemeinschaften, andere nach dem Vorbild von Synagogen, manche aber auch nach dem Vorbild von Philosophenschulen oder Mysterienvereinen. Die Christenheit eines Ortes war also in den ersten beiden Jahrhunderten nicht systematisch und schon gar nicht territorial organisiert. Eine christlich verbindliche Sozialform ist nicht zu beobachten.

Es gibt in der Bibel also weder ein einheitliches Bild noch eine Norm

von „Gemeinde“. Viel wichtiger als die Form ist das, was in diesen 5
Formen geschieht, wie der Glaube gelebt wird, wir würden heute sagen: wie Menschen darin dem Evangelium begegnen.

Und Luther gibt auch noch einen weiteren Hinweis: Es reicht nicht aus, dass Menschen mit dem Evangelium in Kontakt kommen. Das Evangelium ist vielmehr erst dann an seinem Ziel, wenn es bei den Menschen und in ihrem Leben angekommen ist. So hat er formuliert: „Denn auch wenn sich Christus tausendmal für uns gegeben hätte und gekreuzigt worden wäre, es wäre doch alles umsonst, wenn nicht das Wort Gottes käme, es austeilen und mir schenken würde und spräche: Das soll dein sein, nimm hin und habe es als deines“ (in der Schrift „Wider die himmlischen Propheten“ von 1525, Weimarer Ausgabe 18; 202,37-203,2).

Für die Ausrichtung und den Charakter der Kirche ist dies ist insofern bemerkenswert, als es damit keinen Gegensatz gibt zwischen einer Orientierung am „Auftrag“ und einer Orientierung an den „Adressat*innen“, wie es früher manchmal unterschieden wurde. Es ist gerade umgekehrt: Wenn sich die Kirche am Evangelium orientiert, muss sie sich an den Menschen orientieren. Sie muss daher keine Sorge vor einer „Verweltlichung“ haben oder sich in der Gefahr sehen, sich zu wenig von der Welt zu unterscheiden. Das Evangelium zielt darauf, für Menschen in ihrem Alltag bedeutungsvoll und hilfreich für ihr Leben zu sein – in ihrem Lebensgefühl, in ihrem Kontakt mit Mitmenschen, in ihrer Haltung zur Schöpfung, in der Kindererziehung, im Umgang mit Schicksalsschlägen, in der Haltung zu Schwächeren etc.

Wenn die Aufgabe der Kirche ist, dass Menschen durch ihre Kommunikation das Evangelium als lebensrelevant erfahren, dann bedeutet dies auch: Da sich Menschen und ihre Lebensverhältnisse ständig verändern, müssen sich auch die Formen der Kirche beständig verändern. Dass Formen, die vor 2000, 200 und vielleicht auch noch vor 20 Jahren sinnvoll waren, heute ebenso sinnvoll sind, ist eher unwahrscheinlich. Und zugleich wird der beständige Wandel dem
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Charakter des „Menschenwerks“ der kirchlichen Strukturen gerecht – denn werden nicht beständig überprüft, reflektiert und potenziell verändert, wächst die Gefahr, dass sie selbst in die Nähe des göttlichen Evangeliums rücken und man sich in der Gestaltung der Kirche an Strukturen orientiert statt an deren Funktion für das Evangelium. Ein Grund dafür, dass im Moment solche weitreichenden Entscheidungen anstehen, ist gerade, dass sich die Sozialformen der Kirche zwischen dem Ende des 19. und dem Ende des 20. Jh. trotz weitreichender gesellschaftlicher Veränderungen nur sehr wenig verändert haben. Und die Wandlungen der letzten 25 Jahre, die auf diesen Strukturen beruhten und ihre Weiterentwicklung anstrebten, waren möglicherweise genau der richtige Weg, mit der Veränderung zu beginnen und sich einem grundlegenderen Wandel eher positiv anzunähern.

Die Aufgabe, die heute ansteht, ist also die Suche nach Formen von Kirche, die voraussichtlich dem Auftrag, den Kontakt mit dem Evangelium für möglichst viele und unterschiedliche Menschen zu unterstützen, in der Gegenwart besonders gut gerecht werden. Dafür gibt es nicht den Königsweg oder das eine große Modell, dass fraglos alle Probleme löst und die Kirche in eine goldene Zukunft führt – angesichts der Komplexität der Herausforderungen einerseits und der unterschiedlichen Erwartungen, wie Kirche sein soll, andererseits wäre dies auch erstaunlich. Wohl aber gibt es die große Orientierung an der Dienlichkeit der Formen für die lebensrelevante Begegnung mit dem Evangelium, aus der dann einige konkretere kleinere Orientierungen entstehen können.

Fünf von ihnen möchte ich Ihnen gerne vorstellen – und Sie mögen prüfen, wie weit Sie sie bisher in Ihrer Gemeinde verwirklicht sehen und wieweit sie Ihnen ansonsten als Orientierung für Veränderungen dienen können.
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1. Vielfältige Kontaktflächen zum Evangelium

Wenn sich die Kirche daran orientiert, dass möglichst viele Menschen dir frohe Botschaft von der unermesslichen Liebe Gottes als hilfreich für ihr Leben erfahren, dann braucht sie vielfältige Kommunikationsformen und Kontaktflächen mit dem Evangelium. Galt es schon immer, dass Menschen individuell und auf unterschiedliche Weise vom Evangelium erreicht werden, ist dies in der Gegenwart noch stärker der Fall. Wir wissen aus den Milieustudien empirisch recht genau, dass der Zugang zur Kirche und damit auch zum Evangelium keine reine Glaubensfrage ist, sondern durch den Lebensstil, das Alter, die Bildungsbiografie, den Familienstand etc. geprägt wird. Das aber entspricht nicht dem Evangelium von der vorbehaltlosen Liebe Gottes, die allen Menschen gleichermaßen gilt – besonders aber denen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Ebenso sollten besonders die im Blick sein, die bislang noch keinen Kontakt zum Evangelium hatten: Welche einladenden Kontaktflächen gibt es für religiös suchende Menschen, ohne diese gleich in bestehende Strukturen „eingemeinden“ zu wollen?

Die Orientierung am Evangelium bedeutet nämlich auch, dass es keine feststehende Hierarchie von Kommunikationsformen des Evangeliums gibt: Menschen können die Liebe Gottes sowohl im Gottesdienst wie in der seelsorglichen Beratung erleben, auf der Konfifreizeit wie in der diakonischen Hilfe für Obdachlose, im Orgelkonzert wie in der digitalen Kirche, in der interreligiösen Begegnung wie in der Kinderkirche etc. Ob und wie Menschen vom Evangelium erreicht werden, muss sich immer wieder neu ereignen und erweisen. Machen können wir es nicht, aber die Wege dafür zu ebnen ist unsere Aufgabe.

2. Arbeitsteilige Kirche Jesu Christi

Wenn es um vielfältige und ganz unterschiedliche Kontaktflächen mit dem Evangelium gilt, dann ist damit jede einzelne Gemeinde 8
überfordert. Keine Gemeinde kann alle Menschen und Bevölkerungsgruppen gleichermaßen ansprechen, das würde zur völligen Überforderung führen. Das muss sie aber auch gar nicht. Denn jede Gemeinde ist Teil der Kirche Jesu Christi und nicht die gesamte Kirche. Im Gegenteil: Hätte eine Gemeinde den Anspruch, das Evangelium vollständig zu kommunizieren, würde dies theologisch zum Problem. Denn das Evangelium ist ja immer größer ist als alle menschlichen Möglichkeiten und Versuche, alle seine Formen möglichst vollständig abzudecken, verkennt die menschliche Begrenztheit des kirchlichen Handelns. Eine bewusste Begrenzung des kirchlichen Handelns hat daher auch eine geistliche Dimension.

Insofern muss sich jede Gemeinde einerseits fragen, wie sie ihre jeweils vorhandenen Ressourcen klug einsetzt: Welche Arbeitsfelder bieten vor Ort, im Stadtteil, im Kontext besonders gute Chancen, dass Menschen in ihnen das Evangelium als lebensdienlich erfahren? Oft ist dabei weniger mehr: So kann das Evangelium möglicherweise ausstrahlungskräftiger wirken, wenn manches mit Lust, Zeit und Leidenschaft gestaltet werden kann, als wenn allzu vieles auch noch erledigt wird.

Damit aber ist deutlich: Es braucht eine Abstimmung der gemeindlichen Schwerpunkte in der Region und im Kirchenkreis, wie sich andere ausrichten. Denn wenn in einer Region sich viele Gemeinden ähnlich ausrichten, dann haben bestimmte Gruppen von Menschen sehr viel geringere Chancen als andere, in Kontakt mit dem Evangelium zu leben. Wichtig ist, dass in einem größeren Radius die Vielfalt von Möglichkeiten, im Kontakt mit dem Evangelium zu sein, gelebt wird.

Dies bedeutet auch, noch stärker als bisher eine Kultur zu entwickelt, gemeinsam mit anderen Kirche Jesu Christi zu sein und das eigene Handeln als Verweis auf das immer größere Wirken Gottes zu verstehen. Wen das eigene exemplarische Handeln nicht erreicht, kann ein anderes ebenso exemplarisches Handeln erreichen. Wenn
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man sich für bestimmte Bereiche bewusst entscheidet und andere bewusst lässt, wird das eigene Angewiesenheit auf andere spürbarer, die Stärken anderer Gemeinden und Menschen kommen bewusster in den Blick: andere beschreiten andere Wege mit demselben Ziel. Die Perspektive des gemeinsamen Zieles, Menschen und Evangelium in Kontakt zu bringen, kann möglicherweise helfen, weniger von dem eigenen Handeln her zu denken als von der gemeinsamen Sache. Jede Gemeinde ist gemeinsam mit allen anderen sowie mit den kirchlichen Einrichtungen gemeinsam Kirche Jesu Christi und leistet vor Ort einen bestimmten Beitrag zur Kommunikation des Evangeliums – und kann oder muss nicht alles machen und abdecken.

3. Gemeinde im gesellschaftlichen Engagement

Geht man von dem Ziel des hilfreichen Kontakts zwischen Person und Evangelium aus, fragt man weniger, wie man mehr Menschen für die Kirche gewinnen kann und mehr, wie die Kirche ihnen Menschen dienen und da sein kann, wo sie gebraucht wird. Die Kirche lädt dann weniger zu bestimmten Angeboten ein und begibt sich stärker für Menschen und mit ihre in die Lebenskontexte hinein. Unter den Stichworten „Gemeinwesenarbeit“ oder „Sozialraumorientierung“ wird dies seit einigen Jahren überlegt und gerade hier in Hamburg ja an vielen Orten auch bereits intensiv erprobt. Theologisch ist die Grundidee davon, dass Wort und Tat eng zusammengehören und in beiden Dimensionen Evangelium kommuniziert wird – und dass die Kirche dann besonders glaubwürdig wird, wenn sie sich uneigennützig auf die Lebenswelten von Menschen einlässt. Die Gemeinde nimmt dann sorgfältig wahr, welche Themen und welche Nöte Menschen in ihrem Umfeld beschäftigen und unterstützt sie in ihrem Bemühen, Probleme zu lösen und an einem besseren Leben zu arbeiten. Dabei schließt sie sich mit anderen Einrichtungen und Institutionen zusammen. Dies kann sich beispielsweise in einem generationenübergreifenden Mittagstisch, in der Unterstützung für
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geflüchtete Menschen oder in der Stärkung der Stadtteilkultur konkretisieren, aber auch in ganz anderen Bereichen. Die Kirche begibt sich damit in die Gesellschaft und kommuniziert uneigennützig und unaufdringlich, aber glaubwürdig und überzeugt Evangelium in ihrem Engagement.

4. Kirchliche Ämter neu durchdacht

Wir haben in der Kirche eine bestimmte Tradition kirchlicher Berufsbilder und Ämter in der Kirche, die sich historisch entwickelt hat, heute aber nur noch bedingt sinnvoll ist. So haben wir eine traditionelle Hierarchie, die das Pfarramt tendenziell über Gemeindepädagog*innen, Diakon*innen, Kirchenmusiker*innen und andere hauptamtlich in der Kirche angestellte stellt. Gleichzeitig wird ihnen als „Generalist*innen“ eine Fülle von Tätigkeiten zugesprochen, die in vielen Fällen bereits in den jetzigen Verhältnissen eine Überlastung wahrscheinlich machen. Mit einer Reduktion der Pfarrstellen um 50 % erscheint es kaum möglich, dieses von Allzuständigkeit geprägte Berufsbild aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig sind die Berufsbilder von Gemeindepädagog*innen und Diakon*innen oft nicht deutlich geklärt, was strukturell eine Konkurrenz zum Pfarrberuf nahelegt.

Die Orientierung an der Kommunikation des Evangeliums legt nahe, Abschied zu nehmen von dem Versuch, eine „pastorale Versorgung“ in möglichst großem Umfang aufrechtzuerhalten. Sinnvoller ist es zu fragen, was eigentlich welches Berufsbild für den Kontakt zwischen Menschen und Evangelium besonders gut leisten kann.

So könnte beispielsweise gefragt werden, ob die Verwaltungsaufgaben, die sich im Zuge seiner generalistischen Orientierung an das Pfarramt angelagert haben, nicht sinnvoller von „Gemeindemanager*innen“ übernommen werden, wie es gegenwärtig in einigen Kirchenkreisen beispielsweise in der Hannoverschen Landeskirche erprobt wird. Für die Begleitung und
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Unterstützung von Ehrenamtlichen könnten möglicherweise Gemeindepädagog*innen und Diakon*innen passgenauer ausgebildet sein als Pfarrer*innen. Wie auch immer die Entscheidungen konkret ausfallen – zukunftsfähig werden sie dann, wenn sie nicht von gegenseitiger Abgrenzung, Sicherung des Bestehenden und Konkurrenz geprägt ist, sondern von der Idee des gemeinsamen Zieles. Im Moment gewinnt der Ansatz der multiprofessionellen Teams an Bedeutung, der Gemeindeleitung als gemeinsame Aufgabe verschiedener Berufsgruppen und teilweise auch Ehrenamtlicher versteht.

5. Das „neue Ehrenamt“ als Chance der Gemeinde

Ehrenamtliche werden künftig eine noch wichtigere Rolle in der Kirche spielen. Dies reagiert nicht nur auf die weniger werdenden Hauptberuflichen, sondern setzt auch theologisch das Priestertum aller Gläubigen um. Gleichzeitig können und sollen sie nicht einfach die Lücken der Hauptamtlichen füllen – und es sind auch immer weniger Menschen bereit dazu. Denn in der Gesellschaft und auch in der Kirche hat längst ein Wandel des freiwilligen Engagements begonnen, der als „neues Ehrenamt“ beschrieben wird. Immer mehr Menschen engagieren sich nicht deshalb, weil jemand für eine Tätigkeit gebraucht wird, sondern weil sie sinnvoll und erfüllt tätig werden möchten. Sie möchten dabei ihre persönlichen Fähigkeiten einsetzen bzw. auch entdecken und weiterentwickeln. Sie möchten über den Umfang und die Art der Tätigkeit selbst entscheiden und sie auch wieder beenden dürfen. Sie möchten darin wahrgenommen, wertgeschätzt sowie freundlich und kompetent begleitet werden. Dies kann, aber muss nicht in der Kirche sein – die Kirche steht darin in Konkurrenz zu Kultur, Sport, Musik, Elternbeiräten etc. So wäre es eine Chance, Kirche künftig stärker als ein besonders attraktives Feld für ein freiwilliges Engagement zu profilieren.
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Dann würden Hauptamtliche viel weniger Aktivitäten in der Kirche selbst planen und durchführen als heute, sondern stärker Ehrenamtliche darin unterstützten, dies zu tun. Ihre Aufgabe würde sich stärker in Richtung der Begleitung von Ehrenamtlichen verlagern und diese darin unterstützen, ihre persönlichen Charismen und ihr allgemeines Priestertum zu entfalten. Damit würden nicht Menschen für eine konkrete Tätigkeit gesucht, sondern mit ihnen gemeinsam würde überlegt, welches Tätigkeitsfeld zu ihnen passt. Danach würde sich auch ein großer Teil der Aktivitäten der Gemeinde richten, d.h. die Hauptamtlichen und der Kirchengemeinderat würden deutlich weniger Einfluss darauf haben, was es in einer Gemeinde gibt und was nicht. Sie müssten entscheiden, was sie für unverzichtbar halten, was dann von Hauptamtlichen getätigt wird – dies müsste jedoch einen wesentlich geringeren Umfang haben als bisher, damit wirklich Kapazitäten für die Begleitung von Ehrenamtlichen frei werden.

Soweit meine Überlegungen zur Kirche der Zukunft auf dem Boden der Reformation. Jetzt bin ich auf Ihre Fragen und Reaktionen gespannt.