Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Kirche der Zukunft gestalten

Kirche der Zukunft gestalten

Predigt am 31. Oktober
Pastorin

Andrea Busse

Reformationstag

Predigt zu Galater 5, 1-6

Predigttext:

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! 2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. 3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. 4 Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. 5 Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen. 6 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. (Galater 5, 1-6)

Predigt:

Am letzten Wochenende haben hier in die Kirche knapp 30 Konfir­man­dinnen und Konfirmanden übernachtet. Das ist immer ein Highlight der gemeinsamen Zeit. Thematisch haben wir uns – eine Woche vor dem Reformationsfest – mit Martin Luther beschäftigt. Ich habe mit den Jugendlichen dazu ein Diskussionsspiel gespielt. Auf Kärtchen standen einzelne Behauptungen, und dann haben sie auf eine Zielscheibe ihre Spielfiguren gesetzt, je nachdem, ob sie fanden, diese Aussage trifft ins Schwarze – dann eben Spielfigur in die Mitte – oder sie trifft nur so halb zu bis hin zu „Dem stimme ich gar nicht zu“, dann wurde die Spiel­figur auf den äußeren Rand gestellt. Vieles wurde kontrovers diskutiert, aber bei manchen Statements landeten alle Spiel­fi­guren in Sekunden­schnellen auf der 1 – also ganz im Zentrum, z.B. bei „Ich finde, in der Schule dreht sich zu viel um Leis­tung.“ oder „Die hohen Leistungs­anforderungen in unserer Gesellschaft können krank machen.“

Die Jugendlichen stehen, das haben die Diskussionen bei diesem Spiel gezeigt, unter einem enormen Leistungsdruck. „In der Schule wird alles bewertet“, sagen sie „natürlich die Klau­suren, Tests, Präsentationen, aber auch wie ich mich mündlich beteilige oder wie engagiert ich bei einer Gruppen­­arbeit bin. Wenn man mal einen schlechten Tag hat, sofort wird das ge­sehen und fließt in die Note ein.“ Im Gespräch fielen Sätze wie „Ich muss besser sein als der Durchschnitt, sonst reicht es nicht.“ Und „Manche denken, meine Eltern machen mir Druck, aber den mache ich mir selbst!“ Dazu passt, dass im Vorfeld ein 1/3 der Konfis diese Kirchen­über­nachtung abgesagt hatten, weil sie zu viel für die Schule tun müssen oder Leistungssport betreiben, der an diesem Wochenende für diverse Wettkämpfe ihre Präsenz forderte. Bei mancher Absage kam der Druck, unter dem die 14-Jährigen stehen, allem gerecht werden zu müssen, deutlich zum Ausdruck.

Dieses Diskussionsspiel hatte ich mit den Konfis gespielt, damit sie sich in Martin Luther hineinversetzen können, der ja genau­so unter einem enormen Leistungsdruck stand, einem religi­ösen Leistungsdruck. Er wollte ja nicht nur den Leuten gerecht werden, er wollte ja vor allem vor Gott bestehen. Immer mit dem Schreckensbild der damaligen Zeit, mit dem Fegefeuer oder sogar der Hölle vor Augen. Also hat Luther ver­sucht, sich des Himmels würdig zu erweisen mit Fasten, Beten, Wachen, Studieren, noch mehr Studieren, auf dem nackten Fußboden schlafen, usw. Er wollte damit Gottes Ansprüchen genügen, sich selbst gut machen, besser machen als der Durchschnitt. Und er hat immer wieder fest­gestellt: Ich schaffe es nicht. Die Angst trieb ihn zur Verzweiflung.

Bis – bis er endlich er einen Ausweg entdeckte. In der Bibel. Beim Bibellesen kam ihm die Erkenntnis, die ihn aus diesem Teufelskreis befreit hat, nämlich:

Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Gott will kein Hamsterrad, er will nicht, dass wir uns ewig ab­strampeln, um es allen anderen, um es uns, um es ihm recht zu machen, sondern wir sind schon recht so, wie wir sind. Wir werden von Gott nicht durchweg bewertet, so wie die Jugend­lichen in der Schule sich in jedem Moment bewertet fühlen mit allem, was sie tun und sind. Wir werden von Gott nicht be-wertet, sondern ge-wertet. Er schenkt uns unseren Wert, spricht ihn uns zu. Und diesen Wert kann uns niemand nehmen. Egal, was andere über uns denken und sagen, egal sogar, was wir tun oder eben nicht tun. Wir sind wertvoll an sich. Und das macht frei! Für Luther war das eine unglaubliche Erleichterung. So unglaub­lich, dass er sie nicht für sich behalten konnte, sondern all den anderen ebenfalls verängstigten Gläubigen mitteilen wollte und mitgeteilt hat. Und damit eine riesige Reform­bewegung anstieß.

Wir sind zur Freiheit befreit! Das klingt erstmal himmlisch, und doch tun wir Menschen uns ja nicht so leicht mit der Freiheit. Schon unter den Christen und Christinnen der ersten Gemein­den gab es Zweifel, ob das wirklich so einfach ist. Ob allein der Glaube an Christus wirklich ausreicht. Ob man nicht doch lieber sicherheitshalber so ein paar Zusatz­bedin­gungen einhalten sollte. Beschneidung z.B. Die ersten, die den neuen Weg gingen und Christus nachfolgten, waren ja Juden und die waren beschnitten, also vorsichtshalber vielleicht doch lieber auch bei den Heidenchrist:innen die Be­schneidung beibehalten. Als äußeres, als sichtbares Zeichen „Ich gehöre zu Gott“. So dachten die Galater damals, an die Paulus seinen Brief schrieb. Zu Luthers Zeiten dachte man ähnlich: Doch lieber den Ablass zahlen, sich mit Geld Brief &Siegel holen, dass man seine Sünden losgeworden ist und dafür nicht mehr im Jenseits büßen muss. Sicher ist sicher. Aber wer sich so absichern will, der hat kein Vertrauen – so schrieb Paulus und so predigte Luther.

Paulus hatte sicher nichts gegen die Beschneidung an sich und Luther sicher nichts dagegen, Kollekte für den Erhalt der Kirche zu geben. Aber als Versicherung gegenüber Gott zeugt das nur von mangelndem Ver­trauen in Gottes Gnade. Mit Brief und Siegel zeigt man: Ich glaube eben doch nicht so richtig daran, dass ich Gott – so wie ich bin – recht sein könnte. „Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen.“ Schreibt Paulus. Entweder oder – entweder ihr vertraut darauf, dass ihr Gott schon recht seid, oder eben nicht. So ein bisschen Vertrauen gemischt mit ein bisschen Absicherung, das funktioniert nicht.

Das erleben wir ja auch. Wir alle sind Kinder dieser Leistungs­gesell­schaft. Oft quälen wir uns ab, um es anderen recht zu machen oder dem eigenen unerbittlichen Anspruch zu genügen. Die Urteile, die wir selbst über uns sprechen, sind in der Regel ziemlich ungnädig: Zu wenig geschafft heute, nicht schnell genug reagiert, nicht schlagfertig genug geantwortet, zu wenig kreativ gewesen, zu träge, zu dick, zu alt – was weiß ich, welche Kriterien auf Ihrer persönlichen Skala besonders wichtig sind. Vielleicht sagen wir uns ja sogar: Ich bin gut genug, ich achte jetzt mehr auf mich und meine Kräfte, ich sorge für mich. Aber wenn ich diese oder jene Aufgabe übernehme, dann doch möglichst gut, am besten perfekt. Denn dann fällt es mir ja auch leichter, mich zu akzeptieren, wie ich bin. Ein bisschen gnädig sein mit sich, aber lieber doch absichern.
Freiheit klingt anders!

Freiheit ist ganz schön radikal!
Das sehen wir an den Lebensläufen von Paulus und Luther. Bei beiden führte die Erkenntnis, dass Christus zur Freiheit befreit, zu einem tiefen Einschnitt in ihrer Biografie. Ihr Glaube war kein gut integrierter Anteil ihres Lebens, sondern ein radikaler Bruch, den sie als Befreiung erlebt haben. Der Apostel wandelte sich durch sein Bekehrungserlebnis vom Saulus zum Paulus und ist damit sogar sprichwörtlich geworden. Luthers sogenanntes „Turmerlebnis“ – also die Erkenntnis, vor Gott schon gerecht zu sein – ändert nicht nur sein Leben, sondern die ganze Kirche.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Freiheit verändert – weil wir ja nicht nur frei werden von etwas, sondern auch zu etwas.
Da wird ja im Moment viel gesprochen von „Auf­brüchen“ und „Neu­an­fängen“. Und gleichzeitig hängt man doch so sehr an dem, was war und was man kennt, was Sicherheit und Stabilität verleiht. Im eigenen Leben, in der Politik und auch in der Kirche. „Kirche der Zukunft gestalten“ – so haben wir diesen Reformationstag überschrieben mit Blick auf den an­schließenden Vortrag. Kirche wird, Kirche muss zukünftig anders aussehen. Die Verän­de­rungen kommen im Moment von ganz alleine: Sinkende Mitgliederzahlen ist so ein Schlagwort. In jeder Sitzung des Kirchengemeinderates wird dieses Schlagwort für uns konkret, wenn wir eine ganze Liste von Namen vorliegen haben, von Menschen, die hier in Harvestehude aus unserer Gemeinde ausgetreten sind. Sinkende Kirchensteuereinnahmen. Auch das wird konkret, wenn wir bei einer Neubesetzung der Gemeindesekretärinstelle Stunden reduzieren müssen, weil der Gemeindehaushalt das verlangt. Bedeutungsverlust. Inzwischen ist es relativ üblich geworden, dass ich, wenn jemand sein Kind zur Taufe anmeldet, erstmal fragen muss: Sind Sie überhaupt noch Mitglied in der Kirche, und oft ernte ich großes Erstaunen, wenn ich dann erklären muss, dass man eigentlich sein Kind nur taufen lassen kann, wenn zumindest ein Elternteil in der Kirche ist. Eigentlich. Soll das so bleiben?

Wie soll Kirche der Zukunft aussehen?
Sind wir frei genug, ernsthaft Veränderungen zu wagen?

Wir hängen ja am Gewohnten – ich auch. Die Schwerkraft dessen, was schon immer so war, die Schwerkraft religiöser Konventionen ist groß – das war nicht nur damals so, als über Beschneidung diskutiert wurde, das ist auch heute so. Ich erinnere mich, dass uns einmal ein Experte aus unserem Kirchen­kreis, der für Statistik zuständig ist, vorgerechnet hat, dass 2040 – also in nicht mal 20 Jahren sich die Mitglieder hier von 400.000 auf 200.000 halbiert haben werden und dass dann – im Durchschnitt – noch 23 Personen einen Gottesdienst besuchen. Gefragt nach seinem Resümee sagte er: Er habe Angst, dass wir als Kirche die Veränderungen, die diese Ent­wicklung erzwingt, nicht radikal genug gestalten würden.

Sind wir frei genug, um das anzugehen.
An wie viel hängen wir und sind damit ab-hängig?
Wie frei sind wir wirklich?

Wirklich frei sind wir nur – so Paulus – wenn wir ganz und gar vertrauen. Ohne Absicherung. Wenn wir uns darauf verlassen, dass nicht wir den Glauben oder die Kirche retten müssen oder könnten, sondern, dass all das Geschenk Gottes ist und bleibt. Seine Gnade. Das Vertrauen in Gott und nur das kann uns frei machen, ohne Angst unser Leben zu gestalten und auch Kirche der Zukunft zu planen. Amen.