Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Kleiner Mann – was nun?

Kleiner Mann – was nun?

Predigt am 13. September 2020
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

14. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu Lukas 19,1-10

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Kleiner Mann – was nun?“ So hieß das Buch, mit dem Hans Fallada 1932 berühmt wurde und dessen Titel seitdem sprichwörtlich geworden ist. Die Geschichte eines sog. kleinen Mannes, wie sie sich in der Weltwirtschaftskrise der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts in Deutschland millionenfach ereignete – und wie sich auch heute vielfach abspielt, wenn auch unter ganz anderen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Umständen.

Menschen machen eine Ausbildung, nehmen einen Job an, finden ihre Liebe, bekommen Kinder, eröffnen einen Laden, eine Agentur oder ein Start Up, es geht voran, sie haben Erfolg und meinen, einen guten, sicheren Platz im Leben gefunden zu haben. Und dann kann durch eine Finanzkrise, durch ein Virus oder durch persönliche Schicksalsschläge plötzlich alles zusammenbrechen. Und was man gerade nicht wollte – klein sein, unbedeutend oder auswechselbar – trifft einen mit voller Wucht. Die Erkenntnis oder das Gefühl, nur „ein kleiner Mann“, nur „ein kleines Rädchen im Getriebe“ zu sein.

Auf eigene Weise erzählt das Lukas-Evangelium von einem „kleinen Mann“. Zachäus, der Zolleinnehmer, gehört im sozialen Gefüge seiner Zeit nicht zu den kleinen Leuten. Als ein Oberer der Zöllner steht er im römischen Staatsdienst und nimmt für die verhasste römische Besatzungsmacht seinen jüdischen Landsleuten Geld ab, Steuern und Zölle. Dadurch ist er reich geworden. Geld scheint ihm zu liegen – Freundschaft oder Liebe eher nicht. Völlig isoliert tritt Zachäus auf, weder mit Freunden noch mit Familie.

„Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge.“ So beginnt die Erzählung von der Begegnung zwischen Jesus und Zachäus. Und sie endet mit der Bemerkung: „Er war klein von Gestalt“ (V. 1-3)

Ein wichtiger und reicher Mann, geachtet und wahrscheinlich gefürchtet – aber er ist klein.

So klein, dass er, wenn er zwischen anderen Leuten steht, nichts sehen kann – und auch selbst nicht gut gesehen wird. Das gefällt ihm nicht, ohne Überblick oder Aussicht zu sein, übersehen oder übergangen zu werden.

Und so klettert er, als sich die Menge am Straßenrand sammelt, um Jesu Einzug in Jericho zu sehen, auf einen Feigenbaum. Er tut etwas, das für einen erwachsenen Mann etwas merkwürdig, ein bisschen kindlich oder vorwitzig ist. Aber was die anderen von ihm denken, ob sie den Kopf schütteln oder mit dem Finger auf den Herrn Zollbeamten zeigen, der da auf den Baum kraxelt, das scheint ihm in diesem Moment ganz egal zu sein.

Der kleine Mann Zachäus will nach oben. Er will etwas sehen – und womöglich will er auch selbst gesehen werden.

Was Hans Fallada für die kleinen Leute der 30er Jahre in Berlin beschreibt, was in der Gegenwartsliteratur US-amerikanische Autorinnen wie Elizabeth Strout oder Anne Tyler thematisieren, das kennen sicher auch manche unter uns: die Furcht, nicht gesehen zu werden. Und darin die Furcht, dass es an uns vielleicht auch gar nichts Besonderes zu sehen gibt, dass wir nicht wirklich ansehnlich oder interessant sind. Dass unser Leben ziemlich banal ist und wir selbst eher mittelmäßig und belanglos in dem, was wir tun, denken oder erleben.

Und die meisten von uns unternehmen einiges, um diesen unangenehmen Gefühlen zu entkommen. Um sichtbar und hörbar zu werden, uns von anderen zu unterscheiden, uns wichtig und wirksam zu fühlen. Nicht klein, sondern groß.

Wer von uns kletterte nicht manchmal wie Zachäus gerne auf einen Baum, einen Balkon oder eine Tribüne, um gut sehen zu können und gesehen zu werden? Wer von uns suchte nicht immer mal wieder nach dem besten Platz?

In der Geschichte von Zachäus liegt hier für mich wortwörtlich der Höhepunkt und zugleich der Wendepunkt: Zachäus sitzt ganz oben im Baum. Er hat den Überblick, den er wollte, den einzigartigen Platz mit der besten Aussicht. Er thront über allen.

Spannung liegt in der Luft. Was wird passieren, wenn Jesus vorbeikommt und ihn entdeckt? Wenn er bemerkt, was der reiche Oberzöllner sich herausgenommen hat?

Und dann: Zachäus wird nicht getadelt, nicht ausgelacht oder gemaßregelt. Er ist seinen eigenen Wünschen gefolgt, er hat den höchsten Platz erreicht, er sitzt ganz oben alleine im Baum – aber Jesus kommentiert das nicht. Jesus sieht ihn einfach an. Er lacht nicht, er schimpft nicht, er doziert nicht – er schaut ihn an. Gott verachtet den kleinen Mann nicht, der gerne groß sein möchte.

Aber Jesus applaudiert auch nicht. Weder lobt er Zachäus‘ Geschicklichkeit oder Mut, noch gratuliert er ihm zu seiner cleveren Idee und seinem Platz in der ersten Reihe.

Man könnte sagen: Jesus erkennt ihn. Er schaut in das Herz oder in die Seele von Zachäus. Und dadurch hilft er ihm vielleicht, sich selbst zu erkennen und anzunehmen.

Auf ganz einfache Weise holt er ihn vom Baum herunter: „Als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und der stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.“ (V. 5+6)

Wie geschieht diese Wende? Der freiwillige Abstieg? Die Veränderung oder Umkehr?

Ich verstehe sie erst einmal so, dass Zachäus, dass wir alle vor Gott groß sein wollen dürfen. Dass unsere Wünsche danach, besonders gute Plätze im Leben zu ergattern, gesehen und geachtet zu werden, in Gottes Augen nicht an sich verwerflich sind. Und dass es uns dieser freundliche Blick, die Gnade Gottes, möglich macht, uns selbst zu verstehen und anzunehmen: mit all unserer Großmannssucht, unseren Wettläufen und Klimmzügen.

Und trotzdem will Gott nicht, dass alles beim Alten bleibt. Dass die Oberen in den Bäumen sitzen und die Unteren in den Kellern. Dass die Ersten immer die Größten bleiben und die Letzten immer das Letzte und wir immer Dieselben.

Gott hat seine eigenen Pläne und Hoffnungen für uns im Sinn, eine eigene, andere Ordnung im Reich Gottes, wo uns vielleicht neue und andere Plätze zugedacht sind, als wir bisher ahnten.

Jesus sieht den besonderen, den gottgewollten Platz für Zachäus offenbar nicht oben im Baum. Er lacht ihn nicht aus, aber er holt ihn doch schnell runter auf den Boden. Er gibt ihm einen neuen Auftrag, einen anderen Platz: „Heute will ich in deinem Haus einkehren und bei dir zu Gast sein!“

Plötzlich, wie von selbst steigt Zachäus ganz schnell vom Baum herab. Und ich stelle mir vor, wie er den Rest des Tages mit Einkaufen, Kochen und Tischdecken beschäftigt ist, mit der Vorbereitung des Festessens. Saß er eben noch allein im Baum, sitzt er heute Abend zusammen mit anderen an einem Tisch. Nahm er sonst anderen das Geld ab, gibt er es jetzt für andere aus. Will es sogar verschenken, den Armen geben, Betrug und Ungerechtigkeit ausgleichen.

Ein kleiner Mann, der hoch hinauswill – und Jesus holt ihn runter auf den Teppich, an den Tisch und macht ihn auf Gottes Weise groß. Gibt dem Zolleinnehmer in römischen Diensten einen Platz als Gastgeber und Koch. Heißt ihn, sein Haus, sein Herz und seine Hände zu öffnen.

Ich frage mich: Welche Plätze Gott wohl für uns im Sinn hat? In welchen Häusern, an welchen Tischen, bei welchen Tätigkeiten er uns sieht? Welche Veränderungen uns guttäten und unserer Gesellschaft? Wo wir mal von unseren Bäumen heruntersteigen oder aus unseren Verstecken herauskommen sollten?

„Ich sehe was, was du nicht siehst“, so kann man vielleicht Gottes freundlichen Blick auf uns beschreiben. „Ich sehe schon etwas, was du noch nicht siehst. Ich habe etwas Gutes für dich im Sinn. Einen Platz, auf dem du dich noch nicht siehst, den ich aber schon für dich ausersehen habe.“

Auch das steckt in der Geschichte von Zachäus, in seinem Namen. Der übersetzt so viel heißt, wie: „er (Gott) erinnert sich“, „er denkt an ihn“. Und so wird Gott sich auch an uns erinnern, an dich und mich. Er wird an unsere eigenen Pläne, Plätze und Positionen denken und auch an das, was wir im Reich Gottes sein könnten, wozu wir gebraucht werden und ausersehen sind.

Und Gott wird uns mit seinen Augen gnädig leiten, uns rufen und dahin senden, wo er uns am Platz sieht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.