Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Konfirmationspredigt

Konfirmationspredigt

August 2021
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Bibeltext: Matthäus-Evangelium 13, 44–46

Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft den Acker.

Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und da er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Erinnert ihr euch, kennt ihr die Veranstaltung „Dialog im Dunkeln“? Seit etlichen Jahren gibt es dieses Angebot in der Speicherstadt für Schulklassen, Gruppen, berufliche Teams, wo blinde Menschen Sehende, die nur mit einem Langstock ausgerüstet werden, durch einen lichtlosen, vollkommen dunklen Ausstellungsparcours führen. Eine scheinbar gewohnte Welt wirkt plötzlich völlig anders. Vielleicht wart ihr mit der Klasse oder auf einer Geburtstagsfeier einmal dort?

In der Vorbereitung auf das Fest eurer Konfirmation musste ich immer wieder daran denken: an den sog. Dialog im Dunklen. Denn manchmal kam mir unsere gemeinsame Konfirmandenzeit mit Marleen Oldenburg und Simon Eckhardt so vor, als wären wir wie im Verborgenen miteinander unterwegs gewesen. Als hätte es einiges gegeben, was ganz anders gewirkt hat als sonst, was vielleicht auch nicht richtig sichtbar geworden ist.

Vor zwei Jahren haben wir mit dem Konfirmandenunterricht begonnen, in einer großen Gruppe von 40 Jugendlichen, alle zusammen drei Stunden lang am Freitagnachmittag. Haben im November mit den Teamern hier in der Kirche übernachtet, waren im Dunkeln spätabends an der Alster, haben im Advent die Weihnachtsgeschichte mit vielen Kerzen im Gemeindesaal nachgestellt.

Und dann brach im März vor anderthalb Jahren die Corona-Pandemie aus. Wir blieben zuerst im Kontakt durch Andachten, die wir euch gemailt haben, die manche von euch im Lock-Down mit euren Familien zuhause gefeiert haben. Dann haben wir Konfa per Zoom gemacht – und da konnte der Bildschirm ganz schön dunkel werden, wenn ihr plötzlich so gar keine Verbindung mehr hattet oder die Kamera merkwürdigerweise ausfiel, wenn der Hunger zu groß, die Geschwister zu laut oder die Spiele und Chats zu interessant wurden…

Es war komisch, als wir uns Ende Mai nach langer Zeit alle in echt wiedergesehen haben. Wir waren es gar nicht mehr gewohnt, in so einer großen Gruppe zu sprechen, zu arbeiten, miteinander umzugehen! Franzbrötchen und Laugenstangen haben uns über manches hinweggeholfen und immer wieder bei Laune gehalten, Aufmunterungen auf unserer etwas holprigen und überschatteten gemeinsamen Wegstrecke.

Aber in all dem, was in den letzten anderthalb Jahren irgendwie undurchschaubar, verstörend und schwer einzuschätzen war – nicht nur im Konfirmandenunterricht, sondern ja auch in der Schule, zuhause, auf Reisen und in der Öffentlichkeit – und was ja auch nicht vorbei oder abschließend geklärt ist, gab es trotzdem Highlights, Schätze oder Perlen zu entdecken:

Mails oder Karten, die ihr geschrieben habt, Gespräche, die wir mehr als sonst auf der Straße, an der Alster oder beim Einkaufen geführt haben. Die Rosen und Briefe zu Pfingsten, die Strohsterne und Weihnachtskarten, die ihr im Advent an Ältere in der Gemeinde verteilt habt. Als ihr bei wildfremden Menschen an der Tür geklingelt und sie teils zu Tränen gerührt, teils überrascht oder erschreckt habt. Denn sowas gibt’s ja gar nicht, dass fremde Jugendliche einem einfach nur eine Freude machen, und gar nichts dafür haben wollen! Ihr glaubt nicht, wie viele glückliche Anrufe, Mails und Karten ich von den Senioren zu diesen Aktionen bekommen habe!

Besondere Momente gab es sogar am Bildschirm. Rollenspiele, Interviews, Bildbetrachtungen, Gespräche, wenn zu spüren war: Jetzt geht es um etwas, hier zeigt sich jemand, hier passiert auch im Digitalen oder im Dunklen, mit Abstand und Unsicherheit etwas Echtes, Leuchtendes, Besonderes. Wie eine wunderschöne, kostbare Perle, wie ein unverhoffter Schatz im Acker.

Wir haben eben den biblischen Text, die beiden ganz kurzen Gleichnisse gehört, in denen Jesus das Himmelreich erst mit einem Schatz und dann mit einer Perle vergleicht. Verborgene Schätze, die im dunklen Erdboden bzw. in einer verschlossenen Muschel liegen und gehoben, gefunden, ausgegraben werden müssen, damit man ihre Schönheit und ihren Wert erkennen kann.

So ist es oft mit dem Glauben, mit dem Glück, mit dem Himmel auf Erden, mit allem, was wirklich wichtig und wertvoll ist: Es steht uns nicht immer klar und eindeutig vor Augen. Wir haben es nicht immer zur Verfügung oder halten es fest in den Händen. Es heißt ja auch „Glauben“ und nicht „Wissen“, „Kennen“ oder „Haben“.

Es ist ein Glauben, Vertrauen, Dafürhalten, dass das Leben Gottes kostbares Geschenk an uns ist, ein Schatz, den es zu entdecken gilt. Für euch jetzt zusammen in all eurem Ausprobieren, Suchen und Testen mit euren Freundinnen, Freunden und Familien, aber auch in Gedanken und in der Phantasie, beim Reisen in inneren und äußeren Welten.

Dass der Glaube an sich wie ein Schatz ist, den man unsichtbar im Herzen tragen kann. Vertrauen, Hoffnung, Sehnsucht nach Gott, nach Freiheit und Liebe. Und manchmal, in einzelnen Momenten, öffnet sich dieser Schatz und zeigt sich uns in seiner ganzen schimmernden Pracht, in seiner Tiefe und Fülle. Und wir wissen uns verbunden mit Gott.

Diesen unsichtbaren Schatz, die Perlenschnur, die uns mit Gott verbindet – es lohnt sich, sie zu suchen, zu hüten und zu pflegen. Ich denke, das wisst ihr tief im Innern und das tut ihr auch auf eure je unterschiedliche Weise: die Einen im Nachdenken, Diskutieren und Protestieren, die Anderen in der Freundschaft und Nähe, den vielen Gesprächen und Chats mit euren Freundinnen und Freunden, wieder Andere mit eurem Lachen, Kaspern und Strahlen, eurer überschäumenden Lebensfreude und Neugier… Darin immer mit einem guten Gespür für das, was echt ist, was Stand hält, wirklich trägt und gilt. Für dieses Nachspüren, Graben und Forschen nach den echten Schätzen des Lebens wünsche ich euch Kraft, Mut, Geduld, Beharrlichkeit.

Aber die beiden kurzen Texte von Jesus beinhalten noch eine andere Wahrheit, eine zweite Lesart, die ebenso wichtig ist. Gott selbst ist wie ein Schatzsucher, ein Kaufmann oder eine Perlentaucherin. Er kennt die besonderen Perlen, und seien sie noch so versteckt, und weiß um euch.

Der Ja zu euch gesagt hat schon vor eurer Geburt und als ihr zur Welt gekommen seid, der in der Taufe wieder Ja zu euch gesagt hat, der steht zu seinem Ja. Ob ihr eher wie glänzende oder wie matte Perlen seid, oval, rund oder asymmetrisch, groß oder klein, vom Wesen her eher nachdenklich, kämpferisch oder verspielt, stark im Körper oder stark im Kopf, ängstlich, gelassen oder zupackend – ihr seid die Schätze, die Gott gut kennt und die in seinen Augen gleichermaßen kostbar sind, ganz gleich, wie die Welt auf euch guckt und euch bewertet. Ganz gleich, wie ihr euch selbst fühlen oder bewerten mögt.

Gott hat euch gefunden und ins Leben gehoben, damit ihr leuchtet! Mit eurem eigenen Licht, euren Farben und Tönen, so wie ihr seid. Zur Ehre Gottes und zur Freude eurer Mitmenschen.

Schatzsucherin und Schatz, Perlentaucher und Perle – so gehören Gott und ihr zusammen. So gehört auch ihr und das Himmelreich zusammen. Mal sucht ihr, und mal werdet ihr gesucht. Mal findet ihr, und mal werdet ihr gefunden. So soll es sein.

In der Liebe Gottes, die höher ist als all unsere Vernunft
und die uns bewahrt heute und alle Tage. Amen.