Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Kraftquellen

Kraftquellen

Predigt am 22. Januar
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

3. Sonntag nach Epiphanias

Predigt zu Römer 1, 13–17

Predigttext: Römer 1, 13–17

Ich will euch aber nicht verschweigen, Brüder und Schwestern, dass ich mir oft vorgenommen habe, zu euch zu kommen – wurde aber bisher gehindert –, damit ich auch unter euch Frucht schaffe wie unter andern Heiden. 14 Griechen und Nichtgriechen, Weisen und Nichtweisen bin ich es schuldig; 15 darum, soviel an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen.

16 Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. 17 Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht“, sagt Paulus.

Ein starker Satz, der mich an die Worte von Martin Luther erinnert: „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Sätze voller Mut und Gottvertrauen. Sätze von starken Männern, die sich zu ihrem Glauben bekannt haben trotz oder gerade in widrigen Umständen.

Der Apostel Paulus, der viele der ersten christlichen Gemeinden im Mittelmeerraum gegründet hat, in Korinth, Ephesus und Philippi… Der kluge theologische Briefe an diese Gemeinden geschrieben hat, von denen wir bis heute zehren. Der wegen seines damals neuen, ungewöhnlichen christlichen Glaubens körperlich angegriffen wurde und im Gefängnis saß. Und trotzdem sagt er: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht.“

Andere Männer und auch Frauen waren ähnlich mutig in ihrem Bekenntnis: Dietrich Bonhoeffer, Janusz Korczak oder Martin Luther King, Edith Stein oder Mutter Teresa… Bekannte und weniger bekannte Menschen, die viel für ihren Glauben eingesetzt haben, manche ihr Leben.

Wenn ich an diese großen Vorbilder im Glauben denke und mir ihre Bekenntnisse in Texten, Briefen oder Gebeten und vor allem in ihren Taten vor Augen führe, fühle ich mich manchmal klein. Beschämt frage ich mich dann: Was setzt du eigentlich ein, wo bekennst du Farbe? Wann machst du den Mund auf, wofür trittst du ein? Wahrscheinlich mache ich, machen wir es uns oft zu bequem und müssten in unserem Bekenntnis zu Gottes Schöpfung und seinen Geschöpfen viel lauter, mutiger und entschiedener sein.

So sehr wir die Vorbilder im Glauben brauchen, weil sie uns Mut machen, uns mit ihrer Kraft anstecken oder uns ermahnen, so sehr können sie einen auch manchmal einschüchtern und beschämen.

Scham ist ein altes Wort und ein uraltes Gefühl, das weit in unsere kulturellen und individuellen Wurzeln zurückreicht. Adam und Eva schämten sich, als ihnen bewusst wurde, dass sie vollkommen nackt vor Gott stehen. Schnell bedeckten sie ihre Scham und versteckten sich.

Die meisten von uns werden Gefühle von Scham schon aus der Kindheit kennen. Oft erinnern wir uns jahrzehntelang daran, wie wir uns geschämt haben oder beschämt wurden. Für etwas, das man getan hat und nicht hätte tun sollen: Alle Süßigkeiten aufessen, die man mit den Geschwistern teilen sollte. Oder heimlich Mamas Lippenstift benutzen – und sie merkte es doch. Oder wir haben uns für etwas geschämt, das wir noch nicht konnten, aber hätten können sollen: Allein die Schleife binden oder anständig mit Gabel und Messer essen und nicht kleckern…

Was all diesen schamvollen Situationen gemeinsam ist, ist das Gefühl, für einen Moment nicht dazuzugehören, aus einer Gruppe herauszufallen. Aus der Liebe der Eltern, der Zuneigung der Geschwister oder der Verbundenheit mit Freundinnen oder Kollegen.

Wenn man sich schämt, verliert man das Gesicht, wie man sagt. Man verliert für einen Moment die Achtung der anderen – und meistens dann auch die Selbstachtung. Nackt und schutzlos kann man sich fühlen, wenn man aus den Bildern herausfällt, die wir selbst und andere sich von uns machen. Wenn wir das Wohlwollen, den Respekt und die Freundschaft der anderen verlieren, und sei es nur für kurze Zeit.

Die Angst vor diesem Gesichtsverlust, vor dem Herausfallen kennen wohl die meisten von uns. Auch Paulus, der dies selbst erlebt hat: Wegen seines neuen Glaubens nicht mehr Teil zu sein seiner jüdischen Familie und der Synagoge. Nicht mehr wirklich an einem Ort zuhause zu sein, sondern die meiste Zeit auf Reisen, oft allein. Immer wieder fremd und anders zu sein, Erwartungen und Bildern nicht zu entsprechen.

Paulus scheint dies jedoch gleichgültig geworden zu sein: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht“, sagt er, „denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben.“

Darin schwingt ein gewisser Trotz mit. Trotz und Auflehnung gegen ein zutiefst unangenehmes Gefühl, das auch Paulus kannte. Ein innerer Widerstand, wie ein Damm gegen die Angst vor Schwäche, Ausgrenzung und Entwürdigung.

Wenn Paulus das sagt, klingt es so, als wolle er sich in zweifacher Hinsicht nicht mehr schämen: Nicht für das Evangelium und nicht für seine Person.

Das Evangelium, auf Deutsch: die frohe Botschaft, und die Person hängen für Paulus zusammen. Denn die frohe Botschaft lautet, dass Gott in Jesus Christus ein Mensch geworden ist, wie ein Bruder oder eine Schwester, wie ein Freund oder eine Freundin. Dass Gottes Liebe nicht bloß ein Gedanke oder ein erhabenes Gefühl ist, sondern eine Macht, die in Jesus unter uns Wirklichkeit geworden ist und uns als Personen berührt. Eine Macht, die Heilung, Gemeinschaft und Vergebung möglich macht. Neuanfänge, immer wieder.

Paulus schämt sich nicht für das Evangelium der Liebe Gottes in Christus. Und weil er daran glaubt, schämt er sich nicht so leicht für seine Person. Für seine Armut, sein Fremdsein oder sein öffentliches Auftreten. Denn er glaubt, er weiß, dass sein Ansehen nicht an ihm selbst oder seinem Image liegt. Er redet und handelt aus dem Vertrauen zu Gott heraus. Diese Beziehung zu Gott trägt ihn; sie macht sein Image aus. Gottes Nähe umgibt ihn auf eine Weise, die ihn furchtlos macht, öffentlich zu reden, zu streiten, zu reisen und das Evangelium weiterzutragen. Aus dem Glauben, von Gott her bezieht Paulus seinen Mut und seine Freiheit.

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben.“

Der Glaube kann einen vielleicht gerade deshalb selig und glücklich machen, weil er unsere Angst und Scham in ihre Grenzen weist. Weil der Glaube uns an etwas anderes bindet, als das Ansehen der Welt, unser Gesicht und unseren guten Namen. Und das wirkt unverschämt befreiend und ermutigend.

Jenseits der großen Glaubenszeugen kann man gewöhnlichen Christinnen und Christen, wie wir es wohl eher sind, diese Freiheit oft daran abspüren, wie sie mit anderen Menschen umgehen, wie unvoreingenommen oder hilfsbereit oder gastfreundlich sie sind. Ich habe dies oft als eine besondere christliche Haltung empfunden, bei der Herzlichkeit und Großzügigkeit über Angst oder Scham siegen: Ob Pilgergruppen in Gemeindehäusern willkommen geheißen werden, ohne viel Aufhebens Küchen und Kirchen nutzen dürfen, ob Privatpersonen auf Kirchentagen fremde Gäste beherbergen oder Familien geflüchtete Menschen aufnehmen. Da springt etwas von Gottes Liebe über, das befreiend wirkt, sodass wir unsere sonst so gut geschützte Privatsphäre öffnen.

Auch für Sie, Swen, der Sie sich heute haben taufen lassen, geht es im Glauben um Freiheit und Mut. Als Taufspruch haben Sie den Psalmvers gewählt: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ (Ps 18, 30) Ein Wort, das bildlich von Freiheit spricht: Freiheit von allzu viel Angst vor den Bildern und Bewertungen der anderen. Freiheit, weiter zu denken, mutiger zu handeln, als wir es allein aus uns selbst heraus könnten. Freiheit über manche Mauern zu springen, die in unseren Köpfen existieren, die unsere je eigenen Milieus und Blasen umgeben, Mauern, die es an vielen Orten in unserer Welt auch real gibt.

„Eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben…“

So möge es sein. Dass der Glaube uns Kraft gibt, uns nicht klein und schwach zu fühlen, sondern auf Gottes Gegenwart zu vertrauen. Uns nicht zu schämen, sondern uns zu zeigen mit unserem Glauben, auch wenn er uns auch manchmal klein und unbedeutend vorkommt. Getröstet zu sein, weil niemand uns den Glauben nehmen kann, unsere Heimat im Geist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.