Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Kunst in der Karwoche: Der Gekreuzigte

Kunst in der Karwoche: Der Gekreuzigte

Predigt am Karfreitag, 2. April 2021
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst zu Karfreitag

Impuls zu Robin Page - in Case of spiritual crisis - complete the sculpture!

Predigt zu Robin Page – In case of spiritual crisis – complete the sculpture

(Aus urheberrechtlichen Gründen dürfen wir die Skutpure nicht auf unserer Homepage abbilden)

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Er segne unser Reden und Hören. Amen.

„Der Gekreuzigte“ – so die Überschrift über diese Bildbetrachtung. Und dann präsentiere ich Ihnen ein Bild, auf dem man gar keinen Gekreuzigten sieht. Was wir hier sehen, ist ein massives, nicht ganz proportionales Kreuz, das aus aneinander geklebten Holzschichten besteht. Und unten gucken dunkel die Beine und Füße eines Menschen heraus. Man sieht im noch Holz Spuren des Schaffensprozesses, wie sie herausgearbeitet wurden. Die Beine und Füße selbst sind aber schon fertig – filigran geschnitzt, glattpoliert und wohl auch bemalt oder lackiert. Das Kreuz trägt auf dem Querbalken wie aufgestempelt eine In­schrift. Nicht das biblische INRI – Jesus von Nazareth König der Juden – sondern eine Handlungs­an­weisung.

In case of spiritual crisis complete the sculpture! – Im spirituellen Notfall – Skulptur vollenden!

Geschaffen wurde das Werk 1972 von dem britischen Konzept­künstler Robin Page. Er ist in Großbritannien geboren und kam 1970 nach Deutschland. In den 80ern und 90ern war er dann knapp 20 Jahr lang Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München. Robin Page hat nicht nur Skulpturen geschaffen, sondern auch gemalt, vor allem wurde er aber durch Event- und Performance-Auftritte bekannt. Also ganz und gar kein Künstler, der auf religiöse Motive festgelegt war. Aber 1972 hat er sich – so wie wir heute am Karfreitag 2021 – mit dem Gekreuzig­ten beschäftigt. Und das ist dabei herausgekommen: 2 Beine, die sich aus dem Kreuz herausschälen.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie das Bild angucken, aber bei mir im Kopf sind sofort Bilder entstanden, wie das Kunst­werk in Ganz aussehen könnte. Mein erstes Bild war ganz klassisch gotisch: Ich habe einfach den Stil, der mir durch die Füße vorge­geben schien, nach oben er­gänzt. Da kommt dann so ein Christus im Stil der „Herrgott­schnitzer von Ammergau“ heraus. Also was man so in Bayer an den Wegekreuzen stehen sieht: Ein Christus am Kreuz mit ausgemer­geltem Körper, Leibchen um die Mitte, Dornenkrone auf dem Haupt, Kinn auf die Brust gesunken, Augen geschlossen. Aber dann fängt es schon an. Ist das Kinn wirklich auf die Brust ge­sunken oder doch – wie man es ja auch kennt – der Kopf gerade und die Augen offen nach oben gen Himmel? Will ich da, wenn ich das Kunstwerk in meiner Phantasie vollende, wirklich einen Leidenden hängen sehen oder doch eher einen Erlösten, den Trium­phierenden, den Herrn des Kosmos, so wie man das eher in der romani­schen Kunst findet? Mir ging es so, dass ich vor meinem inneren Auge so eine kleine, natürlich völlig unsortierte Reise durch die Kunst­geschichte angetreten habe – denn wir alle haben in un­se­rem Leben ja schon unendliche viele und unglaublich verschiedene Kreuze gesehen, die unsere Vor­stellung prägen und dann bei mir auch hochkommen, wenn mir diese Skulptur die Projektions­fläche dazu verschafft. Also hängt da einer, der mehr nach „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ aussieht – dem verzweifelten Schrei, den wir vorhin im Psalm nachgebetet haben. Oder eher ein „Es ist vollbracht“-Typ, von dem wir vorhin aus dem Johannes­evangelium gehört haben?

Sie merken es schon: Wenn unsere inneren Bilder des Gekreuzig­ten ent­stehen, dann sind wir nicht nur bei den Gemälden oder Kunstwerken, sondern ganz schnell auch bei den biblischen Texten und bei den Ausle­gungen davon, die sich ja in der christ­lichen Ikonografie und auch in unseren inneren Bildern spiegeln. Und auch diese Texte zeichnen einen je unterschiedlichen Ge­kreuzigten – mal einen ohnmächtig leidenden, mal einen, der souverän seinen göttlichen Auftrag zu ende bringt. Wie gehen wir mit diesen Bildern und Texten um, wie sehr haben sie unsere Wahrnehmung des Gekreuzigten geprägt? Wäre ich frei genug, den Stil, der hier in dem Kunstwerk vorge­geben ist, komplett brechen – also z.B. beim Vollenden der Skulp­tur gar nicht zu schnitzen, sondern ein Graffitti auf das Kreuz sprayen oder würde ich Jesus heute eine FFP2-Maske aufs Gesicht setzen? Wäre sowas ketzerisch? Vermutlich nicht besonders, das ist sicher alles auch schon da gewesen. Fällt uns überhaupt etwas Neues ein, was nicht jemand schon mal gemalt, gesagt, gedacht hat über den Gekreuzigten? Und muss es denn neu sein? Ist nicht ganz klassisch am hilfreichsten – gerade in der spirituellen Krise?

Ich muss gestehen, beim Betrachten ist mir erst ganz zum Schluss die Möglichkeit in den Sinn gekommen, dass man die Skulptur auch ganz anders vervollständigen könnte, nämlich indem man die Beine mit neuen Holzleisten oder auch mit Ton, Beton, was auch immer bedeckt, und das Kreuz als solches komplett macht. Das wäre vermutlich der kürzere Weg, um die Skulptur fertig zu stellen, war aber für mich nicht der erste Gedanke. Obwohl wir in der evangelischen Kirche ja nicht unbedingt überwiegend Kruzifixe haben, sondern durchaus viele schlichte Kreuze.

Es hat mir ehrlich gesagt Spaß gemacht, gedanklich diese Skulptur immer wieder neu und anders zu vervollständigen. Dabei aus der Tradition zu schöpfen, aber auch zu versuchen, neue Ideen zu entwickeln. Ein nettes kreatives Spiel. Aber was sagt das und was sagen die dabei entstehenden Bilder über unseren Glauben an den Gekreuzigten aus. Da steht ja nicht auf dem Kreuz „Wenn du mal Zeit hast, vervoll­ständig die Skulptur“ oder „Wenn du gerade eine kreative Phase hast“. Sondern: „in case of spiriutal crisis“, in einer spirituellen Krise.

Wer sich also mit existentiellen Fragen herumschlägt – Welchen Sinn hat mein Dasein, gibt es Gott, was will er von mir, warum spüre ich ihn nicht, wie gehe ich mit Leid um? – wer sich mit solchen Fragen quält, der soll sich sein Gottesbild schnitzen? Ist das nicht ganz schön gewagt?
Andererseits: Die Aufforderung steht ja nicht im leeren Raum, sondern sie ist ans Kreuz geschrieben. Für den oder die, die sich da am Gottesbild verkünstelt, gibt es eine Festlegung: Gott am Kreuz oder besser Gottes Sohn am Kreuz. Als der, der leidet und uns im Leiden nahe ist, und zugleich der, der das Leid über­wunden hat, uns also Hoffnung im Leid geben kann. Da können Bilder unserer Sehnsucht entstehen: Wie wünsche ich mir den, der mich im Leid, in der Krise trösten, retten und heilmachen kann – stark oder gerade doch schwach, mächtiges Gegenüber oder mitleidend an meiner Seite?
Insofern ist es vielleicht doch eine wirklich seelsorgerliche Auf­forderung: Wer in einer spirituellen Krise steckt, soll sich mit dem Gekreuzigten beschäftigen.

Ich kann nicht beurteilen, ob Sie jetzt persönlich in einer spiri­tuellen Krise stecken, aber in einer Krise stecken wir schon. Und viel gelitten wird im Moment auch – an der Krankheit, an Einsam­keit, an finanziellen Sorgen, an Überarbeitung, Über­forderung, am Verlust der Normalität. Und natürlich stellt sich dann die Frage: Was trägt und hält in dieser Zeit? Ist die Rede vom Gekreu­zig­ten eine Botschaft, die in solchen Krisen spirituelle Kraft gibt?

Es geht eben nicht darum, sich mal künstlerisch auszutoben und sei es nur in der Phantasie, sondern sich selbst auf die Spur zu kommen: Wer und wie ist dieser Gekreuzigte für mich? Ist er vielleicht tatsächlich so versteckt wie auf dem Bild, so wenig zu fassen, so verdeckt und noch nicht freigelegt, nicht zugäng­lich? Oder schält er sich für mich auch immer wieder heraus, gewinnt er in meinem Leben Kontur?

Mir geht es so, dass der Gekreuzigte für mich dann tatsächlich immer wieder eine andere Figur macht, verschiedene Gesichter zeigt:
Manchmal nehme ich ihn wahr als den Schmerzensmann. Und ich denke an meine beste Freundin, deren Mann Lungenkrebs im End­stadium hat und der trotz aller Palliativ­medizin unendliche Schmerzen leidet. Mich tröstet dann der Glaube an einen Gott, der Schmerzen selbst kennt, mich tröstet zu wissen, dass Jesus das am eigenen Leib erlebt hat und mitfühlen kann. Und ich stelle mir vor, wie Jesus sich aus diesem Kreuzesstamm herausschält und bei Michael am Bett sitzt und seine Hand hält, wenn er corona­bedingt allein im Krankenhaus sein muss.

Manchmal nehme ich den Gekreuzigten wahr als den Gefolterten. Ich denke an Aktivisten oder Journalistinnen, die in vielen Ländern dieser Welt in Gefängnissen verschwinden und gefoltert werden. Es macht mich wütend und hilflos, dass so viele, die für mehr Gerechtigkeit eintreten, das mit ihrem Leben bezahlen müssen. Und dann erinnere ich mich daran, dass auch Jesus zu ihnen gehört, dass er Gewalt nicht mit Gegengewalt beantwortet hat und seinen Weg konsequent zu Ende ging. Ich stelle mir vor, wie Jesus sich aus diesem Kreuzesstamm herausschält, bei den Gefolterten dieser Erde in der Zelle erscheint und ihnen ins Ohr flüstert: „Ich weiß, wie sich das anfühlt, du bist nicht allein. Und dies ist nicht das Ende.“

Manchmal nehme ich Jesus wahr als den, der da stellvertretend am Kreuz hängt. Und ich erinnere mich an Seelsorgegespräche, in denen jemand sagte: Ich bin froh, dass ich mich für diese Schuld, die ich da auf mich geladen habe, nicht selbst an Kreuz nageln muss – weil da schon einer hängt. Und ich stelle mir vor, wie sich das Holz um die Beine Jesu schließt und es ein blankes, schlichtes Kreuz wird, ein leeres Kreuz, an dem keiner mehr hängen muss, weil das Kreuz immer schon eines beinhaltet, nämlich die Hingabe Jesu an uns.

Manchmal nehme ich den Gekreuzigten eben dann auch wahr als einen, der mit sich und seinem Schicksal im Reinen ist, der sich hingibt aus Liebe, der den Leidens­weg ohne Bitterkeit gehen kann. Er hilft mir, bei allem, was im Moment schwierig ist und zermürbt, den Mut nicht zu verlieren, die schönen Dinge wahrzunehmen und dafür zu danken.

Manchmal nehme ich ihn wahr als den, der den Tod schon besiegt hat, der als Weltenherrscher da am Kreuz hängt, dem die Auferstehungshoffnung schon ins Antlitz geschrieben ist. Und ich stelle mir vor, dass er sich aus dem Kreuz herausschält und bei denen ist, die um einen der vielen Corona-Toten trauern, dass er ihnen Menschen zur Seite stellt, die sie unterstützen und trösten – so wie er, als er am Kreuz hing, Johannes an Maria verwies und Maria an Johannes, damit keiner in der Trauer alleine bleibt.

Ich bin mir sicher, der Gekreuzigte hat noch viel mehr Gesichter. Wo immer Menschen leiden, wo immer sie ein Kreuz auf sich nehmen müssen, ist der Gekreuzigte nicht fern. Deswegen ja: In case of spiritual crisis – complete the sculpture. Im Fall einer spirituellen Krise – entdecken Sie den, der für uns gelitten hat und gestorben ist. Er ist ganz nah. Amen