Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Kunst in der Karwoche: Einzug in Jerusalem

Kunst in der Karwoche: Einzug in Jerusalem

Predigt am Palmsonntag, 28. März 2021
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst zu Palmsonntag

Predigt zum Bild Palmsonntag von Kai Althoff

Bildbetrachtung zu Palmsonntag von Kai Althoff

(aus urheberrechtlichen Gründen dürfen wir das Bild nicht auf unsere Homepage stellen)

Heute geht es um den Einzug Jesu in Jerusalem. Es ist die einzige biblische Geschichte, die gleich zweimal im Jahr für den Gottesdienst auf dem Programm steht:
Am ersten Advent – wenn wir über die Ankunft Gottes in dieser Welt nachdenken – und dabei „Macht hoch die Tür“ und „Tochter Zion“ singen.
Und jetzt am Palmsonntag, dem Auftakt zur Karwoche, wo Jesus den Ort erreicht, an dem alles seinen Höhepunkt erreicht: die heilige Stadt Jerusalem.

Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, alle vier Evangelisten beschreiben diese Szene – alle ein bisschen unterschiedlich. Die meisten von uns kennen die Geschichte und haben sie vor Augen – vermutlich auch alle ein bisschen unter­schiedlich: Jesus, wie er da auf einem Esel angeritten kommt. Er in der Mitte und um ihn herum die anderen. Wenn wir uns noch einmal an die Lesung erinnern, dann sind da zum einen seine Jünger, die – so erzählt es Johannes – mal wieder nichts verstehen. Vermut­lich sind sie einfach zu nahe dran am Geschehen. Das kennen wir ja auch, dass man eine Situation erst mit Abstand, erst im Nachhinein zu deuten weiß. Manches braucht Zeit. Die Jünger werden das alles erst nach Ostern begreifen.

Außer den Jüngern ist da die jubelnde Menge: Die Men­schen laufen ihm entgegen, winken mit Palmzweigen, legen ihre Kleider auf den Weg und rufen ihm ihr Hosianna zu. Das Volk, das unter der Fremdherrschaft der Römer leidet, sehnt sich nach Macht und Geltung. Und Jesus wird zur Projektionsfläche dieser Wünsche. Sie sind begeistert von ihm, weil sie über diesen Wander­prediger etwas Unglaubliches gehört haben: Er kann Tote auferwecken. Genau das hat er gerade gemacht. Lazarus zum Leben erweckt. Ich kann mir vorstellen, dass sich das wie ein Lauffeuer verbreitet hat und schon längst in Jerusalem angekommen ist, noch bevor Jesus selbst dort einzieht. Eine triumphale Begrüßung also für einen, der den Tod besiegen kann.

Das wiederrum stört die nächste Gruppe, die das Ganze zu beobachten scheint: Die Pharisäer. Sie wollen ihn los­werden, weil er das religiöse Establishment, die religiösen Machtstrukturen in Frage stellt. In dieser Szene allerdings sind sie machtlos. Gegen einen, der den Tod besiegt, kommen sie nicht an. „Ihr seht, dass ihr nicht ausrichtet, siehe alle Welt läuft ihm nach“ so tuscheln so unter­einander.

Jesus auf dem Esel umgeben von seinen Jüngern, der Menge, den Pharisäern. So also baut sich die Szene vor meinem inneren Auge auf – vor dem Stadttor von Jerusalem. Das Gemälde, das ich für diesen Auftakt der Karwoche ausgewählt habe und das Sie auf Ihrem Gottesdienstzettel abgedruckt finden, entspricht ehrlich gesagt überhaupt nicht meinen inneren Bildern, Ihren vielleicht auch nicht. Genau deswegen habe ich es gewählt – in der Hoffnung, dass es uns neue Perspektiven auf das Geschehen eröffnet.

Sehr bunt – das ist wohl der erste Eindruck, der uns ins Auge springt, wenn wir das Bild betrachten. Erst wenn man genauer hinschaut, sieht man überhaupt, dass es da tatsächlich um den Einzug Jesu nach Jerusalem geht: In der Mitte des Bildes – an seinem Heiligenschein zu er­kennen – Jesus auf dem Esel. Ganz in Grün – Farbe der Hoffnung, Farbe der Palm­zweige. Von denen sieht man nicht sehr viele – nur zwei oder drei der Menschen im Bild halten Palmwedel in den Händen. So also malt Kai Althoff diese biblische Szene.

Der zeitgenössische Künstler, Jahrgang 66, ist in Deut­schland nicht soo bekannt, um so mehr in New York, wo er inzwischen lebt, spätestens seit dort 2016 das Modern Museum of Art eine ziemlich ungewöhnliche Ausstellung seiner Werke zeigte. Er ist nicht nur Maler, sondern Installations- und Videokünstler, Fotograf und sogar auch Musiker. Die ZEIT hat ihn einmal als großen „Alles-ein-bisschen-Könner“ bezeichnet. Sein öffentlichkeits­wirk­samster Auftritt hier in Deutschland war eine Absage: Er sagte seine Teilnahme an der Documenta in Kassel ab – und bekam trotzdem einen Raum, in dem dann allein der handgeschriebene Brief seiner Absage ausgestellt war. Ein bisschen exzentrisch also. Und genauso scheint mir auch seine Auseinandersetzung mit dem Palmsonntag. „Echte Kunst verfügt über die Fähigkeit, uns nervös zu machen“ hat Kai Althoff einmal geschrieben – und ich muss sagen, das gelingt ihm hier. Dieses grellbunte Ge­wimmel muss man erst einmal durchschauen.

Gucken wir uns also mal die Menschen an, die sich in seinem Bild um Jesus herum­gruppieren: Die einzigen, die wir aus der biblischen Erzählung kennen, sind die Jünger. Rechts am Bildrand, zu erkennen – wie Jesus – an den Heiligenscheinen. Alle sehr gedrängt, fast ineinander verkeilt. Man muss genau nachzählen, um fest­zustellen, dass wirklich alle Zwölf zu sehen sind. Sie scheinen zurückhaltend, zumindest verlieren sie den Anschluss an Jesus. Folgen sie Jesus überhaupt noch bzw. können sie dem folgen, was da geschieht? Einer, der mit dem blauen Gewand, deutet nach vorne, zu Jesus, als ob er sagen wollte, da geht’s lang. Ein anderer, ganz in schwarz, sieht aus, als sei er in Ohnmacht gefallen. Zu erschöpft von der Nachfolge.

Weiter vorne, bei Jesus, stehen ganz andere Menschen. Keine, von denen die Bibel berichtet, sondern Später­geborene. Aus unserem Zeitalter in die Szene gelangt. Deutlich zu erkennen: klerikales Personal – eindeutig katholisch. Der Künstler kommt aus Köln, sollte man an dieser Stelle vielleicht erwähnen. Vorne hat er zwei Bischöfe oder Kardinäle gezeichnet, am Bischofshut, der Mitra zu erkennen. Einer steht – mit etwas Abstand, einer liegt flach auf dem Boden, wie wir es von Priesterweihen kennen. Auf der andren Seite hinter Jesu Esel – ein weiterer Geistlicher, kieend dargestellt, daneben steht ein Junge, vielleicht ein Messdiener. Und noch ein Stück weiter ent­lang am Weg eine Nonne und ein Mönch, die zu tanzen scheinen.

Neben diesen eindeutig als religiös definierten Menschen gibt es weitere, die auch nicht ganz gewöhnlich aussehen: Da ist z.B. dieser große Mann in Frack und Zylinder oder eine junge Frau im lila Kleid – sie sehen aus, als ob sie ins Theater oder zu einem Ball wollten. Oder ganz links im Bild – und scheinbar auf dem Weg aus dem Bild heraus – zwei Rucksacktouristen, die wirken, als ob sie ganz zufällig in diese Situation hineingeraten wären.

Der Künstler macht aus diesem Einzug in Jerusalem ein Geschehen, das an keine Zeit und keinen Ort mehr gebun­den ist. Zeitlos wirkt das Ganze durch die Gestaltung der Beteiligten: von „Jüngerkutten“ bis hin zu moderner Kleidung ist alles zu sehen. Und örtlich scheint die Szene seltsam losgelöst auf diesem bunten Flickenteppich ge­landet. Ein Stadttor von Jerusalem wie auf den klassischen Gemälden dieser Szene ist nirgendwo zu sehen. Man könnte höchsten in die braunen Streifen im Hintergrund eine Andeutung der Stadtmauer hineininterpretieren.

In mir entsteht das Gefühl, dass Jesus da einfach so durch die Jahrhunderte zieht. Von manchen ausgelassen gefeiert, von anderen unterwürfig verehrt, von manchen nur mit einem Seitenblick gestreift oder mit Abstand verfolgt. Wir selbst sehen Jesus nur von hinten. Das stimmt – wir sehen ihn nur als Nachgeborene, immer durch den Abstand der Zeit hindurch, sozusagen von hinten. Das macht es nicht so einfach, unseren Platz in diesem Bild zu finden. Können wir uns identifizieren mit irgendwelchen dieser Straßen­randfiguren oder sind sie nicht zu abstrus, zu außerge­wöhnlich? Hält uns dieser grellbunte Flickenteppich nicht auf Distanz zu dem, was das geschieht.

Und was geschieht da eigentlich?
Mich macht es „nervös“, um noch einmal Althoff zu zitieren, dass das Bild keine Ausrichtung hat. Das muss doch irgendwo hingehen, ein Einzug muss irgendwo einziehen. Genau darum geht es doch, dass Jesus nach Jerusalem kommt, diese Geschichte ist doch der Anfang, der Auftakt zu dem Eigentlichen, zu Leiden und Sterben Jesu. Wo ist die Passion in diesem Bild geblieben? Es ist so bunt, dass es eher die lustige ausgelassen Stimmung betont – wie eine spontane Party rundum einen Straßen­künstler. Die Ausrichtung aber fehlt – das wirkt so abge­schnitten.

Abgeschnitten wirkt für mich auch die Erzählung, die wir aus dem Johannesevangelium gehört haben, zumindest so wie sie uns als Lesungstext vorgeschlagen ist. Eigentlich geht sie nämlich noch weiter. Und nach den Jüngern, der Menge und den Pharisäern taucht noch eine Gruppe auf, von denen nur Johannes berichtet. Ich lese die nächsten Verse:

Es waren aber einige Griechen unter denen, die herauf­gekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen’s Jesus. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Die Griechen kommen hinterher – sie sind zu spät, haben den Einzug verpasst. So wie wir auch, wir sind auch zu spät dran. Aber sie wollen Jesus trotzdem sehen. Irgendwie scheint das etwas peinlich zu sein, denn Philippus, der Jünger, den sie zuerst ansprechen, geht erstmal zu Andreas und zu zweit tragen sie dann endlich das Anliegen an Jesus heran. Ob die Griechen Jesus zu sehen kriegen – das hat keiner festgehalten. Aber wir kriegen etwas zu hören – vom Weizenkorn, das sterben muss, um Frucht zu bringen, ein Hinweis auf Sterben und Auferstehung. Endlich! Hier also kommt die Ausrichtung auf das Kommende. Dann, wenn Jesus zum ersten Mal aktiv wird und den Mund aufmacht.

Das Althoff’sche Bild verweigert sich dem. Und zwar gründlich. Denn alle gucken nur zurück – weg von der Richtung, in die Jesus zieht. Selbst Jesus guckt zurück. Nur die Jünger gucken nach vorne. Nur sie können also sehen, wo es hingeht. Vielleicht sind die Altthoff’schen Jünger – im Gegensatz zur biblischen Geschichte – die einzigen die klar sehen. Die klar hinschauen auf das, was kommt: das Leiden. Vielleicht bleiben sie deswegen stehen. Viel­leicht ist das ganze Bild doch ein Passionsbild. Zumindest eine Aus­sage über den Umgang mit Leid: Die einen gucken weg und die, die hingucken, die lähmt es.

Das Gemälde ist und bleibt sperrig und passt damit gut in diese Zeit. Die Karwoche ist kein einfacher Weg. Sie stellt uns vor Fragen, die dieses Bild auf den Punkt bringt: Wie stehen wir zu Jesus: nah dran oder weit weg, jubeln wir ihm zu, warten wir ab oder gucken wir uns nur mal kurz um. Zieht Jesus durch unser Leben durch oder zieht er ein? Und – wie gehen wir Leid um? Blenden wir es aus, wenden wir uns um, lähmt es uns, gehen wir auf Distanz?

Einen Ankerpunkt in all den Fragen und Farben aber gewährt uns der Künstler doch. Es ist der Mittelpunkt des Bildes: Dort zu sehen ist ein Arm – ungewöhnlich lang, und drei Finger – auffallend groß, damit niemand es übersehen kann: Jesus segnet. Jesus segnet die, die ihm folgen, auch wenn sie zögern, nicht hinterherkommen, nichts verstehen, erschöpft sind. Er hängt sie nicht ab. Er wendet sich ihnen zu. Und segnet sie. Unter diesem Segen können auch wir in die Karwoche einziehen. Amen.