Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Kunst in der Karwoche: Tempelaktion

Kunst in der Karwoche: Tempelaktion

Impuls am 29. März 2021

Passionsandacht am 29. März 2021
von Stud. theol. Marleen Oldenburg

Impuls zu Gerhard Richter, Abstraktes Rot, 1991

Impuls zum Bild Abstraktes Rot von Gerhard Richter

(Aus urheberrechtlichen Gründen dürfen wir das Bild auf der Homepage nicht zeigen)

Rot – eine Farbe, die wir im Alltag als warnende Farbe wahrnehmen. Das rote Ampelmännchen zwingt uns zu stoppen, der rote Stift weist uns auf Fehler hin, das rote Akkuzeichen warnt vor einem leeren Handy. Aber Rot ist auch eine Farbe, die voller Energie steckt – für extrem aufgeladene Akkus steht. Rot ist die Farbe der Leidenschaft, der Liebe, der Kraft, die des inneren und auch des äußeren Feuers. Die Farbe der Wut und ein Stopsignal. Wir sagen: Das ist ein rotes Tuch für mich. Und wenn wir so richtig wütend sind, dann sehen wir rot.

Wenn ich die Tempelaktion Jesu, von der wir gerade gehört haben, mit nur einer Farbe darstellen sollte, so wäre sie rot. Denn all das, für was diese Farbe steht, steckt für mich in dieser Geschichte. Sie ist voller Energie. Das, was mich an der Tempelaktion so fasziniert, ist der energetische Jesus, der überraschend wütend ist, die Kontrolle verliert und Tische umschmeißt. Denn SO kennt man Jesus nicht – in all’ den anderen Geschichten wirkt er immer sehr kontrolliert, ein Lehrer, ein Wundertäter, DER Sohn Gottes. Und genau dieser wird nun auf einmal zum Randalierer.

Als ich nach einem Bild für die heutige Andacht suchte, fand ich genau diese Darstellungen: Giotto oder auch Rembrandt malen im naturalistischen, abbildenden Stil die Szene nach. Sie zeigen Jesus mit einer Peitsche aus Stricken in der Hand – von der im Übrigen nur der Evangelist Johannes schreibt – die Peitsche richtet Jesus auf die erschrockenen Menschen, die sich voller Angst vor ihm auf den Boden werfen. Überall liegen die Münzen der Geldwechsler zerstreut herum. Hier springt ein verängstigtes Schaf umher, dort flattern verwirrte Tauben durch die Luft.

Die Bilder lassen Jesus vor allem aggressiv wirken, ein Chaosverursacher, der völlig unkontrolliert seine Hand gegen die Menschen am Tempel hebt. Auf diesen Darstellungen im realistischen Stil bleibt kein Platz für große Interpretationen, da die Künstler dies schon für die Betrachter:innen getan haben.

Wenn Sie nun auf den Zettel, der vor Ihnen liegt, schauen, dann sehen sie rot. Und keinen peitschenden Jesus. Das Öl-Gemälde „Abstraktes Bild“ des Künstlers Gerhard Richter aus dem Jahr 1991 zeigt vor allem Farbverläufe aus unterschiedlichen Rottönen und ein wenig, aber dafür kontrastreiches Schwarz. Mehr sieht man auf den ersten Blick nicht. Gerhard Richter, der sich seit der Mitte der 70er Jahre mit abstrakter Malerei befasst, beschreibt diese so: „Abstrakte Bilder sind fiktive Modelle, weil sie eine Wirklichkeit veranschaulichen, die wir weder sehen noch beschreiben können, auf deren Existenz wir aber schließen können.“

Und so kann das Rot der Ausdruck eines Gefühls werden. Dort, wo jede Art von Realismus fehlt, kann ein Bild vor unseren Augen entstehen, das eine ganz eigene Wahrnehmung zulässt. Was entsteht vor Ihrem inneren Auge, wenn Sie das abstrakte Rot sehen?

Für mich zeigt das Bild von Richter – vor allem durch seine facettenreiche Art – die Emotion, die ich beim Lesen der Tempelaktion verspüre. Wut. Leidenschaft. Feuer. Kraftvolle Energien. Aber auch das Schwarz, dass das Rot an einigen Stellen durchzieht, lässt die dunklen Gründe der Wut erahnen. Sind es Enttäuschung, Missverständnisse und Verzweiflung, die Jesus rot sehen lassen haben?

Wir Leser:innen wissen es nicht, wir können es nur erahnen, mit dem Wissen über die Ereignisse, die auf die Tempelaktion folgen werden. Und dennoch erstaunt dieser Wutausbruch.

Zumal Jesus im Markusevangelium vor der Tempelaktion-Perikope gerade noch fröhlich umjubelt wurde, als er nach Jerusalem einzog. Wahrscheinlich hätte man danach eher einen Jesus erwartet, der an den Tempel geht und das Gespräch sucht. Den Händlern und Geldwechseln dort erklärt, dass für ihn diese Geschäfte vollkommen verkehrt sind. Dass sie den Tempel zur Räuberhöhle gemacht haben. Nein – Jesus Geduld reichte dafür wahrscheinlich nicht mehr aus. Er zeigte seine Wut und versteckte sie nicht. Er traute sich wütend zu sein. Denn Wut braucht auch Mut. Und der Ausraster Jesu war mehr als mutig, er bringt sich durch ihn sogar in Lebensgefahr. Für die Hohepriester und Schriftgelehrten war sein Wutausbruch ein gefundenes Fressen. Aber das war für Jesus scheinbar völlig egal. Er will mit seiner Wut die Menschen warnen. Er hatte längst erkannt, was am Tempel nicht richtig läuft. Und will, dass auch alle anderen erkennen, dass Opferbetrieb und Geldgeschäfte nicht Gott dienen. Der Weg zu Gott ist nicht mit Tieropfern zu bezahlen. Der Tempel kein Ort des Handels, sondern des Betens.

Die Wut Jesu ist damit nicht allein das Umstoßen der Tische oder das aggressive Schwingen der Peitsche. Jesu Wut will mehr. Sie ist rot. Sie ist mutig. Sie ist Leidenschaft, ein inneres und äußeres Feuer. Und seine Wut ist auch Liebe, die gehört werden will.