Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Lange Leitung?

Lange Leitung?

Predigt am 9. Mai
Pastorin

Andrea Busse

Sonntag Rogate , 9. Mai 2021

Predigt zu Jesus Sirach 35, 16-22a

Predigttext: Jesus Sirach 35, 16-22a

Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten. Er verachtet das Flehen der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt. Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter, und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fließen lässt? Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz, er segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,
eine kleine Gebets-Geschichte zu Beginn:
Ein christlicher Missionar wandert tapfer durch die Wüste. Plötzlich springt eine hungrige Löwenfamilie brüllend auf ihn zu. Der fromme Mann kniet nieder, schließt die Augen und betet: „Lieber Gott, lass diese Löwen friedlich und fromm werden!“
Was glauben Sie, was passiert?
Die Löwen drehen mit knurrendem Magen ab und lassen den Missionar in Frieden? Nicht sehr wahrscheinlich.
Die Löwen tun das, was sie sowieso tun wollten, und stürzen sich auf den armen Mann? Schon realistischer.
Oder doch ein Gebetswunder:Es kommt ein anderes Opfer vorbei – eine Antilope, ein Zebra – was den Löwen ein schmackhafteres Mittagessen scheint?
Hören Sie weiter:
Da kniet er also, der fromme Mann und betet: „Lieber Gott, lass diese Löwen fromm und friedlich werden!“ Ringsum Stille. Der Missionar öffnet vorsichtig die Augen. Und was sieht er? Da knien die Löwen im Sand, die Pranken gefaltet und beten: „Komm Herr Jesu, sei du unser Gast….“

Im ersten Moment klingt diese Geschichte wie ein mehr oder weniger gelungener Witz. Aber sie ist mehr als das, finde ich. Sie trägt eine tiefe Wahrheit über das Beten in sich. So maka­ber das ist: Das Gebet des Missionars ist ja erhört worden. Die Löwen sind tatsächlich so fromm geworden, dass sie friedlich ein Tischgebet sprechen, bevor sie ihn verspeisen. Die Bitte des Missionars hat sich erfüllt. Nur eben nicht so, wie er sich das gedacht und gewünscht hat. Und genau das ist es, was wir beim Beten immer wieder erleben. Unsere Gebete haben oft nicht die Konsequenzen, die wir uns wünschen – aber sie haben Konsequenzen!

Uns wäre es ja oft am liebsten, ein Gebet würde funktionieren wie eine Wunsch­ma­schine – und häufig klingen Gebete, auch meine Gebete so: Ich erkläre Gott, was ich gerne hätte, wonach ich mich sehne oder auch wovor ich Angst habe und wovor er mich oder andere gefälligst bewahren soll. Und ein bisschen bin ich dann doch ernüchtert, wenn alles ganz anders kommt. Der Rück­schluss liegt nahe: Beten nützt im Endeffekt nicht so richtig was. Konfirmanden und Konfirmandinnen haben mir das immer wieder in unterschiedlichen Varianten erzählt: „Ich habe ge­betet, dass meine Oma nicht stirbt, aber es hat nichts genutzt.“ Naiv, habe ich manchmal gedacht, aber selbst oft genauso naiv gebetet – und auch ich kenne die Enttäuschung, wenn es nicht so kommt, wie ich es doch so sehnsüchtig vor Gott gebracht habe.
Da ist das Gefühl, Gott schweigt. Ich habe ein Gegenüber – aber was ich sage, scheint – um menschlich zu sprechen – zu einem Ohr rein und zum anderen wieder auszugehen. Dein Wort in Gottes Ohr. Und dann – dann ist da große Stille, nichts geschieht. Zumindest nicht so wie gewünscht und nicht dann, wann gewünscht. „Gott hat eine echt lange Leitung“ – so hat eine Konfirmandin ihre Gebetserfahrung mal zusammengefasst. Immerhin – bei einer langen Leitung kommt irgendwann mal was an. So ähn­lich wie die Konfirmandin beschreibt es auch der Weisheits­lehrer Jesus Sirach.

Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. 21 Das Gebet eines Demü­tigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und es lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.

Eine sehr bildliche Vorstellung vom Beten begegnet uns da. Das Gebet steigt nach oben – in Richtung Gott, den die meisten ja im Himmel vermuten. Dann muss es erstmal durch die Wol­ken­­decke dringen und das kann offensichtlich dauern. Lange Leitung eben! Eine niedliche, fast kindliche Beschreibung: Als ob all die unerledigten Gebete in den Wolken hängengeblieben wären. Eine Speichercloud für unerhörte Gebetsanliegen, könnte man sagen, wie ein Stapel Unerledigtes auf Gottes Schreibtisch.

Ganz so naiv ist ein Weisheitslehrer natürlich nicht. Und wir können uns gut erklären, woher er dieses Bild nimmt: Es ist geprägt vom altorienta­lischen Opferkult, bei dem der Dank an Gott mit dem Rauch des Brand­opfers nach oben steigt. In der christlichen Tradition lebt das Bild weiter im Weihrauch, der symbolisiert, wie unsere Gebete gen Himmel wandern.

Aber was, wenn es eben nicht hoch genug steigt, nicht gut durchkommt, nicht in der Chefetage ankommt? Dann, da ist der Text gnadenlos direkt, dann bleibt der Beter erstmal ohne Trost. So hat das meine Konfirmandin erlebt, und die Zeitgenossen von Jesus Sirach und wir alle sicher auch schon. Wenn der Trost ausbleibt, kann man sich natürlich ver-trösten damit, dass Gebets­erhörung nicht prompt gesche­hen muss, dass man irgendwann verstehen wird, wofür irgendwas doch irgendwie gut ist. Und natürlich habe ich das auch schon erlebt, dass ich im Nachheinein klüger war und ganz dankbar, dass Gebete nicht oder nicht wörtlich erhört worden sind. Aber so im wolkigen Irgendwie und Irgendwann bleibt Jesus Sirach gar nicht. Im Gegenteil er startet ja mit der sehr kon­kreten Aussage: Gott hilft! Und zwar ohne Ansehen der Person, bzw. dann doch irgendwie mit Ansehen der Person, denn er steht auf der Seite der Schwachen: der Waisen, der Witwen, der Klagenden, Weinenden Schreienden.

Schön wäre es – könnte man sagen, wenn man derzeit auf die Land­karte der Inzidenzwerte schaut. Immer wieder wurde ja thematisiert, dass die Pandemie vor allem in den sozialen Brennpunkten der Städte ihre Rekordwerte erreicht. Dort, wo Menschen eng beieinander wohnen und in Berufen arbei­ten, in denen kein Homeoffice möglich ist. Dort wo die Witwen und Waisen, wo Alleinerziehende und HartzIV-Empfängerinnen wohnen. Was ist nun mit deiner Parteinahme, Gott! Wird dort nicht gebetet? Das glaube ich nicht! Ist deine Leitung dort noch nicht verlegt, so wie Glasfaser für schnelles Internet dort auch immer erst ganz zum Schluss hinreicht?

Und wieder ist unser Weisheitslehrer sehr nah auch an unsere Realität, wenn er fragt: Richtet sich ihr Schreien – das der Benachteiligten ist gemeint – Richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fließen lässt, also gegen Gott? Ist nicht im Endeffekt der allmächtige Gott, der Gebete erhören könnte, schuld, wenn sie unerhört verklingen und unerhörtes Unrecht weiter geschieht?

Es sieht auf den ersten Blick so aus, als ob Jesus Sirach die Frage einfach im Raum stehen lässt. Aber ich glaube, dass er mit seinem niedlichen anmutenden Wolkenbild, das ja nicht zufällig direkt an die Frage anschließt, eine Antwort skizziere wollte. Er sagt zunächst: Das, was wir als menschliche Gebets­erfahrung mitbringen, das ist ein eingeschränkter Blick, nämlich nur der Blick von unten. Und der sieht nur bis zu den Wolken, da ist Schluss. Und dann nimmt er uns in seinen Versen mit auf einen Höhen­flug. Einen Gedankenflug, bei dem wir die Wolken­decke durch­brechen könnten. Was darüber ist, das beschreibt Jesus Sirach nicht. Es geht ihm um einen Perspektiv­wechsel, der uns gelingen könnten, wenn wir mit unseren Gebeten bildlich gesprochen abheben. Beten, das heißt ja, etwas auf dem Herzen zu haben, was man teilen, mit-teilen will. Es ist das menschliche Bedürfnis, nicht bei sich zu bleiben, sondern damit beim anderen anzukommen – und zwar bei Gott.

Indem ich mich an Gott wende – nicht an ein menschliches Gegenüber – an Gott, eine transzendente Größe, eine höhere Macht, eine tiefere Kraft, da verlasse ich ja mit meinem An­liegen die normale irdisch Sphäre. Warum das Ganze also nicht mit einem Flug vergleichen wie Jesus Sirach? Ich begebe mich auf einen Höhenflug, ich gebe meinen Ängsten und Sorgen, meinen Sehnsüchten und Hoffnungen einen anderen Rahmen – größer, weiter, die Perspektive verschiebt sich, der Blick­winkel­ ändert sich.

Ich finde dieses Bild, das Jesus ben Sirach wählt, gar nicht so naiv: Beten als Flugversuch. Als Versuch, sich über die Selbstbe­zogen­heit herauszuheben zu Gott hin. Beten als ein sich Aufschwingen, die Erdung verlassen – all die rationalen, sachlichen, realistischen Einschätzungen zurückzulassen und daran zu glauben, dass mehr geht. Das geht einem ja im auch Flieger so – mir zumindest: Dass so ein fettes, schweres Ding abheben kann, das erschließt sich mir nicht wirklich, auch wenn ich natürlich physikalisch mal was von Luftströmungen und Auftrieb gelernt habe. Und doch – ent­gegen meiner gefühlten Vernunft – kann ich in die Luft gehen.

Und was passiert dann, wenn ich abhebe? Zunächst spüre ich meine Erdenschwere. Wenn ich im Gebet benenne, was mich belastet, spüre ich das Gewicht. Ich spüre es körperlich, wie im Flieger, wenn ich in den Sitz gedrückt werde. Aber dann kommt die Entlastung, dann geht es doch leichter als gedacht. Die Gedanken tragen mich, alles wird kleiner, auch ich werde kleiner, auch leichter, leichter zu nehmen. Die Gedanken werden leerer wie der Himmel um mich herum. Und natürlich die Aussicht wird anders, der Horizont weiter: Und was sehe ich? Witwen und Waisen – und Balkone, die erblühen. Inzidenz­werte – und Kirchenbänke in der Sonne. Aus einem Stau wird mit Abstand ein Muster an Straßen wie mit Schnüren auf die Erde gelegt. Und dann sehe ich viel Grün und Blau und Braun. Ich sehe, dass die Menschen wenig sind und die Natur viel. Was mir groß und wichtig erscheint, wird nichtig und klein. Oder wie Jesus Sirach es sagt: Es lässt nicht nach – das Gebet – bis der Höchste sich seiner annimmt und Gericht hält, also meine Sache verhandelt, die noch in der Schwebe ist. Die mir so viel Gewicht zu haben schien und die plötzlich schwebt. Mit Leichtigkeit schwebt.

Gebet, das sind Gedanken, die nicht bei mir bleiben, ich teile sie Gott mit. Zu fassen bekomme ich Gott nicht, aber vielleicht fühle ich mich angefasst. Wo könnte mich das Gebet hintragen auf seiner Reise zu Gott? Könnte ich bei mir selbst ankommen? Ich glaube, solche Räume mit Gott anzusteuern, ist lebens­notwendig. Ich suche den Abstand zu mir und die Nähe zu Gott. Um mich und meine Anliegen mit anderen Augen zu sehen. Möglichst nicht im wolkigen Nebel hängen zu blieben, sondern die Klar­heit zu gewinnen, die darüber liegt, wenn ich die Wolken­decke durchbreche.

Wie Fliegen ist Beten keine Kleinigkeit. Kann sein, dass ich das Gefühl habe, mit gefalteten Händen am Boden festzukleben. Kann sein, dass ich abhebe und dann feststelle, die Fallhöhe ist ganz schön hoch. Manche Landung mag holprig sein. Ich komme zu mir und bin keine andere, bin immer noch dieselbe und meine Wirklichkeit auch. Im Gebet wird nicht Neues ge­schaffen, sondern Altes neu gesehen. Aber wenn ich man­ches anders sehe, manches anderes höre, dann kann ich auch manches anders machen und dann liegt es in meiner Hand, die Wirklich­keit zu verändern – und mich.

„Gott spricht Recht zu“, so Jesus Sirach, und dann, dann braucht er Menschen, um dieses zugesprochene Recht in die Realität umzusetzen. „Gott hat keine anderen Hände als unsere Hände, um seine Arbeit zu tun“ – so sagt schon ein Gebet aus dem Mittelalter. Beten ist ja keine Einbahnstraße der Kommuni­kation – es ist Reden und Hören. Wenn wir Gott Rechtsprechen hören für die Witwen und Waisen, für die Schwachen der Gesellschaft, dann hören wir als Betende darin hoffentlich auch den Auftrag an uns.

Die lange Leitung der Gebetserhörung, sie hat zwei Seiten. Oft haben wir eine lange Leitung, wenn wir hören, wofür wir unsere Hände nutzen sollen. Nicht nur zum Falten. Gebet ist nicht nur Höhenflug, es muss auch geerdet werden. In diesem Sinne hat der Sonntag Rogate ein zweifache Ausrichtung: Betet und Handelt. Amen.