Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Leben im Zwischenraum

Leben im Zwischenraum

Predigt am 16. Mai 2021
Pastor i.R.

Josef Kirsch

Sonntag Exaudi, 16. Mai 2021

Predigt zu Johannes 7, 37-39

Predigttext:

Am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht. (Johannes 7, 37-39)

Predigt:

Liebe Gemeinde,
Wasser ist das Element des Lebens, auch des Todes. Aber erst einmal gilt: kein Leben ohne Wasser. Unser Predigttext führt uns in die große, fröhliche Menschenmenge am Laubhüttenfest im Tempel von Jerusalem. Ursprünglich war es ein Erntefest, an dem Getreide und Wein eingebracht wurden; später dann, nach dem Exil im 6. Jahrhundert vor Christus, wurde es das Fest, an dem der Wüstenwanderung gedacht wurde, der Wanderung aus ägyptischer Knechtschaft in das gelobte Land. Wie gesagt, ein fröhliches, großes Fest, an dem gesungen und getanzt wurde, an dem bis zum heutigen Tage der vierblütige Blumenstrauß Lulav verschenkt wurde, der die Einheit, das Zusammensein des gesamten Judentums ausdrückt: Der Zitruszweig, der Dattelpalmenzweig, der Mandelzweig und der Bachweidenzweig. Jeder Zweig repräsentiert einen Aspekt: die frommen Juden, die die Thora studieren, denen die Sorge um den Nächsten aber unwichtig ist, die Juden, die die Thora studieren und daraus die Liebe und die Barmherzigkeit zum Nächsten und dieser Schöpfung ableiten, die Juden, die sich um den Nächsten und die Schöpfung kümmern, aber die Thora geringschätzen und die Juden, die völlig säkular sind, sich weder um die Thora noch den Nächsten kümmern. Sie alle gehören untrennbar in dieser Festwoche zusammen. Sie waren dabei, wenn geopfert wurde und sie waren dabei, wenn die Priester das Wasser aus der Siloah-Quelle schöpften und im Tempel über den Altar gossen. Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich, so betete man dabei die letzte Zeile des Psalms 118. Und es war die Erwartung des Propheten Hesekiel (Hes. 47), dass irgendwann das heilende Wasser des Tempels durch das Jordantal fließen wird ins Tote Meer (im Hebräischen heißt es Meer des Salzes oder Meer des Todes) und es zum Leben erwecken wird, dass auch Fische darin schwimmen können. Bis heute gibt es kein organisches Leben im Toten Meer. Wir merken, dass dieser Ritus weiterlebt in jeder Tauffeier der Christenheit, in der es immer um neues Leben geht. Man wohnte in dieser Woche in Laubhütten, durch deren mangelhaftes Dach man die Sterne sehen konnte. Symbol der dürftigen Unterkünfte während der Wüstenwanderung und zugleich ein Zitat für die Hütten der Erntearbeiter in ältester Zeit. Im September/Oktober ist es in Israel wunderbar warm und man kann sich die ausgelassene Feststimmung dieser Woche vorstellen.

Das Johannes-Evangelium berichtet, dass auch Jesus auf diesem Fest in Jerusalem war. Tagelang hatte er wahrscheinlich mitgefeiert. Manchmal hatte er die Leute gegen sich aufgebracht. Am siebten Tag aber, auf dem Höhepunkt der Festwoche geschieht dann der Skandal. Wir können uns vorstellen, dass die Wasserprozession in Gang war und Jesus trat auf und rief der Menge zu: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Nach dieser Provokation – so berichtet der folgende Abschnitt – war die Stimmung im Volke geteilt. Einhellig voller Wut aber waren die religiös Tonangebenden. Was hatte Jesus eigentlich gesagt oder getan? Er hatte nichts weniger getan, als den Sinn dieses ganzen Festtrubels zu bestreiten. Er sagte: Auch nach dem Wassertrinken aus der Siloah-Quelle werdet ihr Durst haben. Das Wasser des Lebens gibt es nur bei mir, und wer davon trinkt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen, die den Durst der anderen wahrhaftig stillen werden. Was war die Absicht Jesu? Was sollte die Provokation im Joh.-Evg.?

Einiges ist deutlich. Als unser Evangelium geschrieben wurde, gab es seit etwa zwanzig Jahren den Tempel nicht mehr. Römische Soldaten hatten ihn im Jahre 70 zerstört. Die Opferfeiern, den Wasserritus, die Priesterschaft, all dieses gab es nicht mehr. Das Laubhüttenfest mit seinen dürftigen Unterkünften, den vierblütigen Lulavstrauß, das Gedenken an den Durchzug durch die Wüste, das alles gab und gibt es natürlich bis zum heutigen Tag. In der ganzen Welt, wo Juden sich versammeln, wird das Fest gefeiert. Anders als zur Zeit Jesu, aber ähnlich wie z.Zt. der Niederschrift des Joh.-Evg. Es ist abstrakter geworden, vergeistigter und damit ist es näher an das Wort Jesu gerückt. Jahrhunderte vor diesen Ereignissen schreibt der Prophet Amos von dem Durst, den Gott nach seinem Wort ins Land schicken wird. Man wird in alle Himmelsrichtungen laufen und Gottes Wort trotzdem nicht finden. Und die Menschen werden durch diesen Durst verschmachten (Amos 8,11ff). Ich denke, dass diese bei Jesus im Hintergrund steht; nur mit dem gewichtigen Unterschied: Jetzt kann der Durst gestillt werden. Und wessen Durst gestillt ist, der kann es weitersagen, der kann andere daran teilhaben lassen.

So weit, so gut. Aber was heißt das jetzt konkret? Was bedeutet der Durst nach dem Worte Gottes in unserer Zeit, in unserem Land, für uns und unsere Mitmenschen? Was bedeutet er in dieser Zeit des Kirchenjahres? Wir feiern heute den Sonntag Exaudi, ein Zwischenraum: Himmelfahrt liegt hinter uns, die leibliche Gegenwart Jesu in unserer Mitte hat ihr definitives Ende gefunden, wir müssen leben als Erwachsene, als mündige Christenmenschen, der Heilige Geist aber, der uns in alle Wahrheit führen soll, der steht noch aus. Pfingsten ist erst am nächsten Sonntag. Und genauso sagt es der Predigttext: Der Geist war noch nicht da.

Wir leben als Christenmenschen im Zwischenraum. Ist dieser Zwischenraum am nächsten Sonntag zu Ende, am Pfingstfest, an dem wir die Ausgießung des Heiligen Geistes feiern? Die Logik des Kirchenjahres folgt einem Zeitablauf, in dem zentrale Fragen des christlichen Glaubens und unserer Existenz in zeitlicher Folge verhandelt werden. Existentiell sieht dieses allerdings anders aus. Da gelten immer verschiedene Wirklichkeiten zugleich. Es gibt ein Zugleich des tiefsten Karfreitagsschmerzes, des größten Zweifels über die Abwesenheit Gottes und der österlichen Freude über ein absolut Neues. Es gibt ein Zugleich der untrennbaren Nähe und Gewissheit Gottes im Weihnachtsfest und das Leben vor ihm ohne ihn als erwachsene, mündige Menschen. Es gibt ein Zugleich der Wahrheit und des Trostes des Heiligen Geistes und des Lebens im Zwischenraum, in dem es nur den unstillbaren Hunger nach dem Worte Gottes gibt und er schweigt.

Das war die Situation der Verfasser des Johannes-Evangeliums; die großen, festlichen Riten des Laubhüttenfestes waren untergegangen. Aber das Wort Jesu blieb:

Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Wie sehen die Symptome dieses Durstes nach Gottes Wort aus, dessen Stillung Jesus verspricht. Eigentlich merkt man es erst, wenn man aus dieser Quelle getrunken hat und sie versiegt ist. Man merkt, dass eine entscheidende Dimension aus dem Leben verschwunden ist und das Leben flacher, vordergründiger, banaler geworden ist. Gott ist die Tiefendimension unseres Lebens und sein Wort macht unser Leben komplex und vielschichtig. Unter Gottes Wort entdecken wir ein Ziel und wir entdecken Handlungsperspektiven voller Einfühlsamkeit und Barmherzigkeit angesichts des Leides der Schöpfung und des Menschen. Wir entdecken sogar Verständnis dafür, wenn Menschen die Symptome des Durstes verleugnen, denn mit Gottes Wort wird das Leben zwar spannender, aufregender, aber auf keinen Fall angenehmer. Wer versucht, das Leben als Abfolge angenehmer Ereignisse zu gestalten, der wird keinen Durst verspüren. Aber wahrscheinlich wird er irgendwann die Illusion dieses Lebensentwurfes entdecken, wenn er völlig ratlos von unausweichlichem Leid oder Schmerz überfallen wird. Allerdings kann Gottes Wort in vielerlei Weise an uns herantreten oder durch uns sprechen, nicht nur in der vertrauten Sprache der Kirche. Wir müssen einem anderen Menschen nur lange genug zuhören, dann werden wir entdecken, wie Theologie und Glaube oder auch der Durst danach sich in völlig säkularisierter Sprache artikulieren kann. Und dann beginnt ein gemeinsamer Weg, nicht der Missionierung, sondern des gegenseitigen Verstehens.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen