Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Kunst in der Karwoche: Letztes Abendmahl

Kunst in der Karwoche: Letztes Abendmahl

Impuls am Gründonnerstag, 1. April 2021
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Passionsandacht an Gründonnerstag

Impuls zu einem Steinzeichen von Öland

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Vor zwei Jahren war ich im Sommer auf Öland, Schwedens sog. Sonneninsel, die an der Ostküste vor Kalmar liegt. Bei einem Ausflug sind wir auf die Kirchenruine Källa gestoßen. Guterhaltene Reste einer Steinkirche aus dem 12. Jahrhundert, lang, schmal und hoch, mit einem angebauten Waffenhaus an der Südseite, von einer 1,30 m dicken Mauer aus Kalk- und Sandstein umgeben.

Die Kirche von Källa hat ihren Namen von dem altschwedischen Wort kælda für Quelle. Eine Quelle gibt es bis heute auf dem Gelände. Sie soll bei der Errichtung der ersten, noch älteren Holzkirche von St. Olav, dem norwegischen König und Kämpfer für das Christentum, geweiht worden sein.

Eine Quelle in einem von Sommerblumen überwucherten Friedhof am Meer, eine feste Mauer und ein Waffenhaus – ein Kraftort und eine Schutzburg.

Psalmworte kommen mir in den Sinn:

Bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

(Psalm 36,10)

Oder: Gott der Herr ist Sonne und Schild.

(Psalm 84,12)

Oder auch: Gott ist mein Fels, meine Burg, meine Rettung; mein Gott, auf den ich mich verlasse.

 

(Psalm 18,3)

Auf dem Friedhof um die Kirche liegen uralte Grabplatten aus Stein. Sie sind so verwittert, dass man darauf fast nichts erkennen kann. Doch dann, bei näherem Hinsehen und günstigem Lichteinfall, geritzte Zeichen, so wie dieses auf dem Gottesdienstblatt. Einfache Zeichen aus geraden Strichen oder Einkerbungen, wie Runenzeichen.

Nur dass sie nicht Buchstaben eines Alphabets sind, sondern für sich stehen. Jede Grabplatte ist mit einem eigenen Zeichen versehen. Das Zeichen stand für eine Familie oder einen Clan, der wiederum an einen bestimmten Hof oder Ort gebunden war. Es war also zugleich so etwas wie ein Familienname oder ein Wappen und eine Hofmarke oder Hausnummer.

In den allermeisten Einritzungen in die Grabplatten von Källa findet sich ein Kreuz. Mal unten am Fuß einer senkrechten Linie, mal wie ein angesetzter Seitenarm, mal in der Mitte eines Zeichens. Das Zeichen, das wir vor uns sehen, war relativ gut zu erkennen, in echt etwa 20 cm groß.

Es kann verschiedene Assoziationen wecken: Auf den ersten Blick mag man einen Unterstand oder ein Dach erkennen. Ein stabiles, dreieckiges Hausdach, wie Kinder es malen. Ein Dach, das vor Regen und Sturm schützt, sodass die Hausbewohner gut bedacht und behütet sind. Wie der Wunsch, im Leben und im Tod in Gottes Obhut zu sein:

Von allen Seiten umgibst du mich, Gott, und hältst deine Hand über mir.

(Psalm 139,5)

Etwas blasser darunter das Kreuz, erst auf den zweiten Blick zu erkennen, das zusammen mit dem Dreieck auch eine Pfeilspitze ergeben könnte. So, wie die Kirche von Källa auch ein umkämpfter Ort war, wo der Hafen, die Quelle und die bescheidenen Kirchenschätze immer wieder vor Plünderern von der Ostsee und Überfällen der Wikinger verteidigt werden mussten.

Ein wehrhaftes Zeichen, das eine Zugehörigkeit zum Christentum markiert, das es zu manchen Zeiten und an manchen Orten immer wieder zu verteidigen gilt. Für das auch wir geradestehen mögen.

Und mit ein bisschen Abstand und Phantasie kann man in dem Steinzeichen auch eine Figur erkennen: Kopf, Leib und Arme. Ein Wesen, das wacklig, einbeinig auf der Erde steht und nach oben strebt. Schwankend, wie auch wir sein können, nicht immer gut geerdet, und den Kopf übervoll mit Gedanken, Plänen oder Sorgen. Bedürftig, dass wir geschützt und gehalten werden.

Ein einfaches Zeichen, ausgehend vom Kreuz, das einmal eine klare Zugehörigkeit ausgedrückt hat: zu den Menschen einer Familie, zu einem Ort, der die vertraute Heimat war, und zum christlichen Glauben, der Identität, Gemeinschaft und Halt stiftet.

Heute, an Gründonnerstag, mögen uns neben diesem alten Steinzeichen die Insignien dieses Tages vor Augen stehen: Kelch und Brot. Auch sie, wie ein Familienname oder eine Hofmarke, Zeichen für eine fundamentale Zugehörigkeit.

Zur christlichen Gemeinschaft, die weit größer ist als unsere Familie oder unsere Kirchengemeinde, die die vielen Menschen auf der ganzen Welt umfasst, die Jesus Christus nachfolgen und zu ihm gehören möchten, auch unsere Mütter und Väter und Geschwister im Glauben.

Zu Jesus Christus selbst, der seine Jünger und uns stärkt in Brot und Wein und darin für uns gegenwärtig ist. Der sich hingibt, damit wir durch seine Liebe frei werden.

Die Zeichen von Brot und Kelch, unsere Lebensmittel im Glauben, die wir heute nicht so teilen können, wie wir es uns wünschen und wie wir es kennen. Und die wie das Kreuz doch zu uns gehören und uns bezeichnen.

Als diejenigen, die mit Jesus, seinen Freundinnen und Freunden an einem Tisch und in einem Boot sitzen. Als die wir uns verbunden fühlen in unserm Scheitern und Schuldigwerden und in unserm Hoffen. In unserer Angst, allein gelassen zu werden, und in unserer Freude, zusammenzugehören. In der Furcht vor Dunkelheit, Trennung und Tod – und im Vertrauen auf Gottes Kraft, die uns behütet, uns Halt gibt und Neues schafft.

So lasst uns nun in diesen Abend gehen, aber lasst uns dies nicht ohne ein Wegzeichen tun. Wegzehrung, die uns erinnert, dass wir zu Jesus Christus zugehörig sind und bleiben. Am Ausgang bekommen Sie, was Sie vielleicht zuerst schmunzeln lässt: Rosinenbrötchen. Ein halbes, geteiltes Rosinenbrötchen. Das ist kein Scherz, sondern durchaus ernst gemeint.

Denn in ihm sind vereint Brot und Wein. Weizen, Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit, und Trauben, Zeichen der Hingabe Jesu und unserer Gemeinschaft in ihm. Gott lasse es uns zum Brot des Lebens und zum Kelch des Heils werden. Er lasse es uns an diesem Abend schmecken, dass wir seine Freundlichkeit spüren.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.