Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Meine Begabung

Meine Begabung

Predigt am 10. Januar 2021

Pastorin

Dr. Claudia Tietz

10. Januar 2021 (1. Sonntag nach Epiphanias)

Predigt zu Römer 12, 1-8

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Back to normal“, möchte man sagen, jedenfalls hier in der Kirche, nach den festlichen musikalischen Weihnachtsgottesdiensten mit dem Elbipolis Barockorchester Hamburg. „Back to normal“ auch im Blick auf den Predigttext, der nun nicht mehr die wunderbare Geburt Jesu, Engel oder Könige zum Inhalt hat, sondern uns ganz normale Menschen. Christinnen und Christen in der Welt und im Alltag, der allerdings leider immer noch nicht wieder normal ist.

Aber bei allem, was in diesen langen Wochen der Corona-Pandemie verstörend anders ist, halten viele von uns doch – vielleicht auch umso mehr – an vertrauten Ritualen und Gewohnheiten fest. Dazu gehören in diesen Tagen für viele die Neujahrsvorsätze. Mehrfach wurde ich gefragt: „Was hast du dir für das neue Jahr vorgenommen? Corona mal beiseite. Hast du gute Vorsätze für 2021?“

Oftmals, jedenfalls in den vergangenen Jahren, betreffen solche Vorsätze unsere Ernährung, Diäten und Bewegung („5 kg weniger bis zum Sommer“) oder auch unseren Umgang mit Zeit, mit Zeit für die Familie, Freunde oder Hobbys. Also unseren Lebensstil: Wie möchte ich mit mir selbst und mit der mir geschenkten Lebenszeit umgehen? Wo möchte ich Schwerpunkte setzen? Wo möchte ich mich einbringen und wovon eher Abstand gewinnen? Wovon will ich weniger und wovon mehr?

Den Predigttext aus dem Römerbrief im 12. Kapitel, der in der Lutherbibel überschrieben ist mit „Das Leben als Gottesdienst“, kann man wie Neujahrswünsche oder -gedanken für uns lesen. Grundsätzliche Gedanken zu einem christlichen Lebensstil.

Der Apostel Paulus beginnt, indem er an die Barmherzigkeit Gottes erinnert. Von hier aus denkt und schreibt er an uns. Dabei ist Barmherzigkeit ja ein Wort, das gar nicht so leicht zu verstehen ist. Mir hilft beim Verstehen die Geschichte vom barmherzigen Samariter, der sich ohne Vorbehalte von der Not seines Nächsten anrühren lässt und spontan hilft. Gegenüber der Kanzel ist in einem Medaillon an prominenter Stelle ein Bild dieser Geschichte abgebildet, damit wir sie immer vor Augen haben.

Gottes Zugewandtheit, seine Herzlichkeit und Parteilichkeit für die Menschen sind für Paulus die Grundlage unseres Lebens. Sie zeigt sich in der Zusage, die Gott seinem Sohn wie uns in der Taufe zugesprochen hat:

Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Wohlgefallen.

(Matthäus 3, 17)

Das ist der Bund, den Gott mit uns geschlossen hat, oder der Grund, der uns trägt. Und Paulus entfaltet seine Gedanken zu unserem Lebensstil wie eine Antwort auf Gott, wie die zweite Seite, die es für einen Bund oder eine Beziehung braucht.

Er spricht dann drei Dimensionen unserer Lebensführung an, die er unterschiedlich stark gewichtet. Zuerst benennt er die körperliche Dimension unseres Lebens:

Gebt eure Leiber hin als ein lebendiges und heiliges Opfer, das Gott gefällt.

(Römer 12, 1)

Paulus geht, so wie wir es bei unseren Neujahrsvorsätzen auch oft tun, zuerst auf den Körper ein, auf das Naheliegende. Nicht im Sinn von Diäten, Verboten oder Entsagungen – auch nicht im Sinn von Optimierung, Ertüchtigung oder besonderer Pflege. Sondern eher als eine ganzheitliche Anerkennung unserer Geschöpflichkeit: Mein Körper, dieser lebendige Organismus, das bin ich. Wir sind nicht außerhalb oder jenseits unserer Körper, sondern alles, was wir tun, denken und fühlen, geschieht durch ihn. Das ist schön, aber mitunter auch erschreckend, wie abhängig wir von ihm sind. Wir können nicht ohne unseren Körper sein. Entsprechend sollen wir mit unserem ganzen Leib – und nicht nur in Gedanken oder Gebeten – in Beziehung zu Gott treten.

Der zweite Neujahrswunsch von Paulus ist der des Widerstands:

Stellt euch nicht der Welt gleich, passt euch nicht dieser Zeit an, sondern ändert euren Sinn! Nur so könnt ihr prüfen, was Gottes Wille ist.

(Römer 12, 2)

Bereit sein, sich mitunter von der sog. Welt zu entfernen, sich gegen manche Konventionen zu stellen, manche Trends, Forderungen oder Entwicklungen nicht mitzumachen – nicht, damit wir anders sind und uns abheben, sondern damit wir mit etwas innerem Abstand den Kopf und den Blick frei bekommen dafür, was Gott für uns und seine Schöpfung will: Was könnte Gottes Barmherzigkeit für diese Welt und in dieser Zeit bedeuten? Für diese Freiheit im Nachdenken und Handeln braucht es Widerstandskraft.

Als dritten Neujahrsgedanken entfaltet Paulus das konkrete Handeln, den sog. Dienst. Er geht davon aus – so schreibt er es auch in anderen Briefen – dass wir alle unterschiedliche, aber gleichwertige Begabungen haben:

Wir haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die Gott uns geschenkt hat.

(Römer 12, 6)

Die einen können gut lehren, schreibt er, die anderen ermutigen und trösten, wieder andere gut leiten oder versorgen. Je nachdem, was wir besonders gut oder leicht können, sollen wir es einsetzen und in die Gemeinschaft einbringen. Weder muss einer alles können, noch muss eine Spitzenleistungen erbringen, noch sollen wir ausgerechnet das vervollkommnen, was uns eigentlich nicht liegt.

Interessant finde ich den Hinweis, dass wir „maßvoll“ von uns halten sollen, uns nicht überschätzen oder zu viel zutrauen. Paulus rät zu so etwas wie einer nüchternen Selbsteinschätzung – und die beinhaltet auch die Freude darüber, dass jede und jeder von uns einzigartige Gaben hat!

Im digitalen Adventskalender, dessen Türchen im Dezember Tag für Tag auf der Homepage anzuklicken waren, konnte man erfahren, was manche Kinder, Erwachsene und Jugendliche aus dieser Gemeinde besonders gut können: singen, basteln, imkern, unterrichten, Gitarre spielen oder erzählen. Und dabei kann man in so einem Format manches gar nicht einfangen, was anderen unter uns auch gegeben ist, wie backen, planen, schreiben, Gäste empfangen, heilen, zuhören oder wirtschaften.

Wenn wir so, mit Paulus, über das neue Jahr nachdenken… Was wären dann wohl ein oder zwei Neujahrsvorsätze für uns? Was könnt ihr besonders gut, was macht euch Spaß, oder was fällt euch leicht, sodass ihr es gut für die Gemeinschaft einsetzen könntet? Und wovon gibt es vielleicht auch schon genug in deinem Leben, sodass es wichtig wäre, einmal anderen deiner Begabungen Raum zu geben?

Zum Jahreswechsel hörte ich von einer schwedischen Untersuchung, die danach fragte, welche Vorsätze am ehesten in die Tat umgesetzt würden. Das Ergebnis: Am ehesten werden solche Vorsätze eingehalten, mit denen man sich nicht etwas verbietet, sondern etwas ermöglicht. Also nicht: Ich gucke keine schlechten Serien mehr, sondern lieber: Ich lese abends öfter. Oder nicht: Ich fahre nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit, sondern lieber: Ich nehme ein- oder zweimal in der Woche das Fahrrad.

Vielleicht meint Paulus mit den „maßvollen Gedanken von sich selbst“ so etwas ähnliches: dass wir realistischer im Blick auf uns und unsere Begabungen gucken, auf unsere Neigungen, Möglichkeiten und Faulheiten. Und dann das, wozu wir uns entscheiden, fröhlich und gerne tun.

„Von Herzen“, könnte man sagen. Wie eine Antwort auf Gottes Herzlichkeit und Barmherzigkeit, mit der er uns durch dieses neue Jahr leiten möge. Dass wir mit unserem ganzen Körper und Leben, mit genügend Widerstandskraft und mit den besonderen Begabungen, die uns geschenkt sind, in Gottes Bund bleiben. Gott und einander von Herzen zugewandt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.