Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Mut und Liebe

Mut und Liebe

Predigt am 7. März 2021
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Sonntag Okuli

Predigt zu Epheser 5,1+2.8+9

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da kommt und der da war!

Manche von Ihnen, die schon einmal mit der Jagd zu tun hatten, werden das volkstümliche Gedicht vom Schnepfenstrich kennen, in dem die Fastensonntage mit der Vorbereitung der Schnepfenjagd und dem Auftreten der Balzflüge in Verbindung gebracht werden:

Invocavit – nimm den Hund mit,
Reminiscere – putzt die Gewehre,
Okuli – da kommen sie…

Und so geht es weiter bis zum Sonntag nach Ostern. Selbst in diesem Jägervers wird der Sonntag Okuli mit dem Aufmerken und Hinsehen verbunden: „Da kommen sie!“

Auch die biblischen Texte, die zum heutigen Sonntag Okuli gehören, kann man mit dem Suchwort „Augen“ lesen. Wer sieht wohin? Auf wen oder was richtet sich der Blick? Was gilt es zu sehen und zu erkennen?

Das Evangelium, das wir eben gehört haben, richtet das Augenmerk auf die Nachfolge Jesu. Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem. Wie schon oft zuvor, entspinnt sich ein Gespräch darüber, wer zu Jesus gehören will und wer auch begreifen und ertragen kann, was dies bedeutet. Einer sagt: „Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!“ Fast wie eine Liebeserklärung richtet er seine Worte an Jesus. Der entgegnet: „Selbst Füchse und Vögel haben ein Nest, aber ich – Sohn Gottes und der Menschen – habe keinen Ort, zu dem ich gehöre.“

Und dann richtet Jesus seinen Blick auf einen andern in der Menge und sagt: „Folge du mir nach!“ Aber der kann nicht, will zumindest jetzt nicht, sondern möchte zuerst von seinem verstorbenen Vater Abschied nehmen. Er will noch einmal umkehren in sein Elternhaus, sich seiner familiären Zugehörigkeit vergewissern, seiner Pflicht als Sohn nachkommen, der Liebe zu seinem Vater Ausdruck geben. Aber Jesus unterbricht ihn: „Lass die Toten ihre Toten begraben!“ Er ruft ihn in eine andere Richtung und in eine andere, neue Beziehung: Sohn und Kind Gottes zu werden, sich selbst als Teil von Gottes Familie und Gottes Reich zu verstehen: „Geh hin und verkündige das Reich Gottes!“

Was mit einem Wortwechsel beginnt, wird zu einem Perspektivwechsel. Jesus nachzufolgen, heißt die Blickrichtung zu ändern. Nicht umzukehren und zurück nach Hause zu gehen, sondern aufzubrechen und einen neuen Weg einzuschlagen. Nicht länger nur Kind meiner Eltern, Teil meiner biologischen Familie zu sein, sondern mich in eine persönliche Beziehung zu Gott zu stellen. Gottes Nähe zu suchen oder für mich im Glauben so anzunehmen, wie die Nähe einer liebevollen Mutter oder eines liebevollen Vaters.

Dass Jesus nicht nur Besitzverzicht, Armut und Freiheit gepredigt hat, nicht nur Gewaltverzicht, Frieden und Liebe, sondern auch familiäre Beziehungen in Frage gestellt hat, überlesen wir oft. Es steht wohl unseren Sichtweisen entgegen. Und der Vers „Lass die Toten ihre Toten begraben!“ gehört zu den Jesusworten, die nach meiner Erfahrung bis heute am meisten Anstoß erregen.

Ich denke, Jesus hat weder die Familie noch die Ehe grundsätzlich abgelehnt. Es gab Geschwister unter seinen Freundinnen und Freunden, wie Marta, Maria und Lazarus. Es gab Eltern und Kinder, wie Petrus und seine Schwiegermutter, Johannes, Jakobus und ihre Mutter. Seine eigene Mutter Maria hat Jesus – auch durch Unverständnis und Streit – bis ans Ende begleitet. Wahrscheinlich waren auch Geschwister von ihm in der Schar, die ihm folgte.

Aber Jesus verschiebt radikal die Bedeutung der familiären Bande. „Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Schwestern und Brüder?“ fragt er in einer aufgeladenen Szene, in der seine Familie ihn für verrückt erklären und nach Hause holen will. „Diese sind es“, sagt er und zeigt auf die Freundinnen und Freunde, die ihm nachfolgen.

Diese sind es, die den Willen meines Vaters tun.

(Markus 3, 31-35)

Eine neue Familie, in der das weltliche Ansehen, der Stand der Familie und der Vorfahren nicht zählt. In der das Erstgeburtsrecht nicht gilt, auch nicht, ob man als Sohn oder als Tochter geboren wurde. Auf diese neue Gemeinschaft, die das kommende Reich Gottes erwartet und sich an Gottes Liebe hält, lenkt Jesus den Blick.

Mir geht es so – vielleicht geht es Ihnen und euch ähnlich – dass dieser Blick auf Familie und Gemeinschaft zwiespältige Gefühle auslöst. Einerseits werden wohl die meisten unter uns Zeiten oder Situationen erinnern, als wir nicht mehr zu unseren Eltern gehören wollten, uns von ihnen unterscheiden wollten, nicht von ihnen charakterisiert oder dominiert werden mochten. Manches gehört zu unserer Identität, das gerade auch in Abgrenzung von unseren Eltern und Geschwistern steht. Eine Befreiung, nicht nur über diese Menschen und diese Familie definiert zu werden!

Andrerseits sind viele von uns familiär eng verbunden – manche mit einer bestimmten Schwester, der Mutter, einem bestimmten Cousin oder Onkel, den Kindern oder Enkelkindern, andere auch mit der ganzen Familie. Sie fühlen sich hier besonders gut verstanden, geschützt, gebraucht und geliebt.

Und wiederum wissen wir auch um die Nähe und Freundschaft, die uns mit Menschen verbinden kann, die nicht zur Familie gehören. Die wir nicht jahrzehntelang kennen, die nicht aus dem gleichen Umfeld kommen, die vielleicht auch eine andere Muttersprache haben – und doch fühlen wir uns ihnen innerlich nah, sind wir uns in wesentlichen Zielen, Überzeugungen oder Haltungen einig und vertrauen einander. Manche Freundin, mancher Freund, der oder die uns besser versteht, manche Gruppe oder Weggemeinschaft, in der wir uns viel besser aufgehoben fühlen als in der Familie.

Jesus lenkt den Blick weg von der Herkunftsfamilie, hin auf neue Beziehungen in der Gemeinschaft von Christinnen und Christen und mit Gott. Weg von der Vergangenheit, hin auf die Zukunft.

Nur dass diese Zukunft nicht Sicherheit, Versorgung, Heimat oder Ansehen nach weltlichen Maßstäben verheißt. Auch dafür macht er den Blick frei: dass die Zugehörigkeit, Stärkung und Heimat, die wir im Glauben erfahren können, meistens mit dem Verzicht auf irdische Sicherheiten einher geht. Oder jedenfalls umso intensiver und existentieller erlebt wird, je schwächer die anderen Absicherungen oder Bindungen sind.

Du, Cansin, hast in einem der Taufgespräche – als wir hier in der Kirche mit Blick auf das Kreuz saßen – sehr eindrücklich erklärt, wie die Beziehung zu Jesus für dich deshalb relevant und stärkend ist, weil Gottes Sohn selbst das Leben und den Schmerz kennt, die Freiheit, die Liebe und auch die Verzweiflung. Dass Jesus Christus deshalb für dich wirklich Gottes Sohn, wie ein Bruder und Freund ist, weil er auch die Abgründe kennt und trotzdem in Beziehung zu Gott und den Menschen bleibt. Alle Sicherheiten aufgibt, sich selbst hingibt und darin für sich und für uns Gottes Liebe erfährt. Dies hat dir die Augen für Gott neu geöffnet und dir deinen Weg gezeigt.

Der neue Weg, auf den wir unsere Füße und Augen richten mögen, wird im Epheserbrief beschrieben als Liebe und Licht.

Wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat! Wandelt als Kinder des Lichts!

(Epheser 5, 2+8)

Licht und Liebe sind so ähnlich wie Luft und Liebe meistens unsichtbar und doch unendlich stark. Ohne sie wären wir nichts. Die Liebe stellt alles in ein anderes Licht. Und erst das Licht lässt uns erkennen, wo wir sind, wer wir sind und zu wem wir gehören.

Licht und Liebe, Wahrheit und Gemeinschaft, in denen Gott uns verspricht, bei uns zu sein. In denen er uns alle miteinander unsichtbar umfängt und hält. Ich stelle mir vor, dass Gott aus Licht und Liebe so etwas wie ein Netz webt, durch das wir in einer unsichtbaren Beziehung des Glaubens bleiben können. Ein Gespinst aus Sonnen- und Mondstrahlen, liebevollen Blicken und Beziehungen, die weit über das hinaus gehen, was wir alltäglich begreifen können.

Die Schriftstellerin Hilde Domin hat in einem Gedicht beschrieben, wie Augen und Blicke uns halten können. Ich denke, man kann ihre Worte auch im Blick auf Gott hin verstehen.

Es gibt dich

Dein Ort ist
wo Augen dich ansehn
Wo sich Augen treffen
entstehst du

Es gibt dich
weil Augen dich wollen,
dich ansehn und sagen
dass es dich gibt

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus. Jesus. Amen.

Link zum vollständigen Gedicht: https://www.deutschelyrik.de/es-gibt-dich.html