Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Mutter und Sohn

Mutter und Sohn

Predigt an Karfreitag
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Karfreitag, 15. April 2022

Predigt zu Johannes 19, 26+27

Predigt zu Johannes 19, 26+27

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Am Ende ist von Jesu Leben, Lieben und Leiden nur das Kreuz geblieben. Das Symbol des Kreuzes, ganz schlicht. Man kann es mit zwei Fingerstrichen in den Sand malen, mit Wasser einem Täufling auf die Stirn zeichnen oder aus zwei Ästen zusammenbinden.

Das Kreuz als ein universales Zeichen. Eigentlich steckt darin die ganze christliche Botschaft: die Liebe, Treue und Wehrlosigkeit Jesu, in dem wir Gottes Sohn glauben. Seine Hingabe bis zum Tod – und sein Durchgang durch den Tod zu neuem Leben.

Das Kreuz kann für sich alleine stehen, ohne Hintergrund, ohne Umgebung, ohne Menschen. Es spricht für sich allein. Aber es ruft nach Menschen, es fragt nach Menschen. Nach den Menschen damals, von denen wir eben in der Passionsgeschichte gehört haben, die Jesu Tod gefordert oder gebilligt haben oder ihn miterleben mussten. Es fragt auch nach den Menschen heute, die sich und ihr Leben in Beziehung zum Kreuz setzen, Jesu Kreuz ins Leben ziehen.

Diese Spannung zwischen den Fragen, die das Kreuz uns Menschen stellen kann, und den Fragen, die wir ans Kreuz haben mögen, macht auf eindrückliche Weise der bekannteste zeitgenössische Künstler des Nordens Per Kirkeby deutlich. Für mehrere Kirchen in seiner Heimat Dänemark und in Deutschland, wo er lange als Kunstprofessor in Karlsruhe und Frankfurt a.M. gelehrt hat, schuf er Altarbilder, Glasfenster und Skulpturen.

Ein Altarbild hat es mir besonders angetan. Ich möchte es euch schildern, damit ihr euch davon eine Vorstellung machen könnt.

Das Bild entstand 2012 und befindet sich in der kleinen, an sich schmucklosen Kirche im Stadtteil Gentofte im Norden von Kopenhagen. Es hängt im Hochaltar, füllt dessen mittlere Tafel ganz aus. Auf den ersten Blick sieht man darauf einen Stamm. Nicht tot, sondern sehr lebendig, mit einer längs geriffelten, feucht glänzenden Rinde. Licht und Schatten spielen darauf in vielen Farben. Rechts vom Stamm Dunkelheit, kräftige schwarze Pinselstriche, durch die es grün und braun schimmert. Als sei eine fruchtbare Landschaft schwarz durchgestrichen worden. Links vom Baumstamm sonnige Farben: hellgrün, gelb und orange.

Erst auf den zweiten Blick fallen die beiden Farbflächen am Fuß des Stammes auf: klares Blau auf der einen, klares Rot auf der anderen Seite. Einige Tupfer Violett, wo sich die beiden Farben gerade nicht berühren.

Rot und blau, eine Anspielung, ein Zitat der Menschen, die da in der kirchlichen Kunst seit dem Mittelalter stehen, auf Altartafeln, in Kreuzigungsgruppen und auf Ikonen. Maria, die Himmelskönigin, oder in Gegenden, die von der Seefahrt geprägt sind, auch „Stella maris“, Seestern Maria, in einem himmel- oder wasserblauen Umhang. Und Johannes, der Lieblingsjünger oder beste Freund Jesu, in einem Gewand so rot wie Blut, so rot wie die Liebe.

Wenn zwei Menschen unter dem Kreuz abgebildet sind, kann man ziemlich sicher sein, dass es diese beiden sind: Maria und Johannes. Wie auch unter dem Kreuz in unserem Hochaltar. Sie stehen da, weil es im Text so steht, jedenfalls im Evangelium nach Johannes. Aber das wird für einen modernen, experimentellen Künstler wie Per Kirkeby nicht die einzige Begründung, keine zwangsläufige Herleitung sein. Wenn er sich auf die mittelalterliche Farbtradition bezieht, so trifft er eine bewusste Wahl. Er gibt dem Kreuz in seiner Sprache Antwort oder Deutung, zieht es auf seine Weise ins Leben.

Maria und Johannes, die Per Kirkeby so leuchtend farbig zitiert, wie der schillernde Baumstamm auf seinem Bild das Kreuz zitiert, sie stehen am Fuß des Stammes als Zeugen, vielleicht auch als Mittler oder Interpreten. Sie bezeugen die Liebe Jesu, seine Fürsorge, die noch im Sterben anderen galt: seiner Mutter und seinem besten Freund. Er wies sie aneinander, dass sie sich fortan gegenseitig helfen und unterstützen sollten. Sein Mitgefühl mit dem Schmerz derer, die seinen Tod erleiden müssen, denen er im Leben fehlen wird. So, wie manche Sterbende vor allem mit der Hilflosigkeit, der Einsamkeit oder Trauer derer beschäftigt sind, die zurückbleiben werden. Eine tiefe Verbundenheit, die nicht mit dem Tod endet. „Er liebte die Seinen“, heißt es, „und er liebte sie bis ans Ende“ (Joh 13, 1).

Wenn Jesus am Kreuz sagt: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Und: „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19, 26+27), dann gab er damit Maria und Johannes zugleich einen Auftrag. Einen einfachen Hinweis auf das, was im Leid hilft, uns trösten und aufrichten kann: die Nähe, Zuwendung und Hilfe anderer. Nicht alleine zu bleiben mit Gewalt, Tod und Zerstörung, sei es im privaten oder im öffentlichen Raum, in Katastrophenfällen oder im Krieg. Manches Leid ist nicht alleine zu tragen. Mal braucht es Worte, mal eine Umarmung oder körperliche Nähe, mal praktische Hilfe, um nicht unterzugehen im Schmerz.

Als Jesus seinen Freund und seine Mutter aneinander weist, da stiftet er im Abschied so etwas wie eine neue Familie. Insofern bezeugen Maria und Johannes auch die christliche Gemeinschaft, die vom Kreuz ausgeht und schnell viel größer wurde als die Zwölfergruppe der Jünger. Eine Gemeinschaft, zu der von Anfang an Menschen in instabilen Familienverhältnissen gehörten, diese vielleicht auch besonders suchen: Witwen, verwaiste Eltern oder Geschwister, Fremde. So, wie sich bis heute in manchen Kirchengemeinden viele Zugezogene, Vertriebene, Geflüchtete, Umgesiedelte und Vagabunden versammeln. Menschen mit mehreren Heimaten. Der Schmerz des Abschieds mag uns einen, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit oder Freundschaft und auch die Bereitschaft, im andern einen Bruder oder eine Schwester, eine Mutter oder einen Sohn zu sehen, ganz gleich, woher wir kommen.

Alle dürfen dazu gehören, auch dafür stehen Maria und Johannes. Johannes ein Mann, so jung, dass er noch keinen Bart trägt, ohne Familie. Maria eine Frau, Ehefrau und Mutter, schon älter. Zusammen stehen sie da für uns alle, ob wir alleinstehend, verheiratet, verwitwet oder geschieden sind, Mütter und Väter oder Töchter und Söhne. Gleichermaßen verletzlich und ohnmächtig, liebend und trauernd. Entsetzt über das, was zum Beispiel in der Ukraine geschieht, bangend um den Zusammenhalt und die Sicherheit in Europa, ängstlich oder wütend über die Klimakatastrophe, in Sorge um die Zukunft. Gemeinsam stehen wir da, in Johannes und in Maria. Weinend und ratlos wie Maria in ihrem tränenblauen Umhang, zornig und leidenschaftlich wie Johannes in seinem flammendroten Überwurf.

„Für uns“ ist Jesus Christus am Kreuz gestorben, so hat es unsere Tradition formuliert. Und wir versuchen immer wieder, dieses „für uns“ zu verstehen… „Für unsere Sünden“, für unsere heillose Welt mit ihren tödlichen Mächten, die sich an Jesu Kreuz ausgetobt haben, sodass Friede sei. Sodass wir spüren könnten, dass Gottes Liebe zum Leben größer ist als die Gewalttätigkeit der Menschen.

Im Glauben wird Jesus „für uns“ wahr. In unserer Beziehung zum Kreuz, zur Liebe und zum Leid. Ausgegossen sind Gottes Tränen über dem Kreuz seines Sohnes, wie ein Meer. In Flammen steht Gottes Liebe am Kreuz, seine leidenschaftliche Liebe zum Leben, aus der heraus neues Leben für uns entsteht, stärker als der Tod.

Zwei Farbflächen, rot und blau, am Fuß eines schillernden Stammes. Auf mystische Weise bezeugen sie die Anwesenheit Gottes in der Welt: im Wasser, in dem alles Leben entstanden ist, in der Luft, die wir zum Atmen brauchen. Und in der Liebe, in der Leidenschaft und im Feuer, das uns nährt und wärmt und neues Leben schenkt.

„Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich“, heißt es im Hohelied der Liebe. „Ihre Glut ist feurig und eine gewaltige Flamme Gottes. Viele Wasser können die Liebe nicht auslöschen noch Ströme sie ertränken.“ (Hld 8, 6+7)

In Jesu Kreuz für uns halten wir daran fest. Amen.