Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Nomen est Omen

Nomen est Omen

Predigt zum Altjahrsabend
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst an Silvester

Predigt zu Lukas 2,22–29

Predigttext:

Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn hinauf nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen, wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn: »Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn geheiligt heißen«, und um das Opfer darzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn: »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben« Und siehe, ein Mensch war in Jerusalem mit Namen Simeon; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm. Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. 34 Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden.

Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser. Sie war hochbetagt. Nach ihrer Jungfrauschaft hatte sie sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt und war nun eine Witwe von vierundachtzig Jahren; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. Und als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie wieder zurück nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth. Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade lag auf ihm.

Predigt:

Jeden Abend um diese Zeit so gegen 18 Uhr wird in den Klöstern und Ordensgemeinschaften, deren Tag durch die Stunden­­gebete strukturiert ist, die Komplet gefeiert, das Nacht­gebet. Und in diesem Nachtgebet wird – jeden Abend – das sogenannte „Nunc dimittis“ gesungen:

„Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren.“

Es ist der Lobgesang des Simeon, den wir in der Lesung gehört haben. „Nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“ Mit diesem Gesang, der auch in der anglikanischen Kirche zum Evensong gehört, beschließen zahlreiche Gläubige den Tag, wir beschließen mit diesem Gesang das Jahr und Lukas beschließt mit ihm die Weihnachtsgeschichte. Seine Erzählung von der Geburt ist nämlich noch nicht zuende, wenn die „Hirten umkehren und Gott loben für alles, was sie gehört und gesehen hatten“. So hat es uns der Chor am 2. Weih­nachts­tag hier gesungen. Und auch das Weihnachts­oratorium ist mit den ersten drei Sätzen noch nicht zuende, auch wenn es die bekanntesten sind.

Danach – so hat es uns eben der Evangelist gesungen – danach, „als 8 Tage um waren, und man das Kind beschneiden musste, gab man ihm den Namen Jesus, wie ihn der Engel genannt hatte, bevor das Kind im Mutterleib empfangen war.“ Jesus – das heißt auf deutsch: Gott rettet. Um diesen Namen, um die Botschaft, die in diesem Namen steckt, dreht sich der 4. Teil von Bachs Oratorium:

„Dein Name steht in mir geschrieben“

so singt es die Bassstimme und später

„Wohlan dein Name soll allein in meinen Herzen sein.“

17 Mal kommt der Name Jesus im diesem Teil des Weihnachts­oratoriums vor. Die Geburt des Kindes, das Kind selbst, Jesus soll in uns nachklingen. Die Weihnachtstage sind vorbei, der Besuch abgereist, die Geschenke ausgepackt und vielleicht auch schon weggeräumt und jetzt? Jetzt ist die Geschichte zuende, könnte man denken, jetzt gehen wir wieder in den Alltag zurück. Aber eine Geburt ist nie das Ende. Einer der Sänger aus dem Chor sagte das zu mir am Ausgang nach einem der Weih­nachts­gottesdienste: Jetzt beginnt es ja erst richtig. Wenn ein Kind geboren wird, ist nichts zuende, sondern dann geht es erst richtig los. Jetzt geht es los mit diesem Jesus und mit dem, was er für uns sein soll. Nämlich das, was sein Name sagt: Gott rettet. Er rettet diese Welt, er rettet uns.

Und noch einen anderen Namen bringt Bach ins Spiel: „Immanuel“. Das geht zurück auf die Verheißung aus dem Propheten Jesaja: „Gott wird euch ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.“ Immanuel das heißt wiederum auf deutsch: Gott mit uns. Setzt man die beiden Namen zusammen, dann ist die Weihnachtsbotschaft auf den Punkt gebracht: Gott ist mit uns und das rettet uns.

Wem dieses Namen Enträtseln zu abstrakt ist und zu floskelhaft bleibt, der bekommt jetzt von Lukas erzählt, wie das konkret aussehen kann. In der Geschichte, die nun folgt, kommen zwei neue Namen ins Spiel – Simeon und Hanna. Zwei Menschen, die uns vorleben, wie das geschehen kann, dass aus Jesus – „mein Jesus“ wird, so wie es im Oratorium besungen ist.

Die junge Familie geht mit ihrem Erstgeborenen zum Tempel – so ist es Brauch. Und dort begegnet sie dem gottesfürchtigen und gerechten Simeon und der hochbetagten Prophetin Hanna. Beide warten. Sie warten schon viele Jahre im Tempel in Jerusalem auf diesen Immanuel, auf den, von dem die alten Texte erzählen, den versprochenen Retter, den Gott mit uns. Simeon – dieser Name heißt: Gott erhört. Gott hat Simeon erhört und ihm versprochen, dass er diesen Retter sehen wird, bevor er stirbt. Und jetzt sieht er ihn – und erkennt ihn. Vermutlich hat er sich den Retter anders vorgestellt, einen erwachsenen Mann, der auftreten kann, der etwas bewirkt, Ausstrahlung hat, vielleicht Macht? Aber da kommt ein Kind, ein Säugling, 40 Tage alt.

Und Simeon nimmt es auf den Arm. Es hat etwas Rührendes, Bewegendes, wenn alte Menschen Babys im Arm halten, wenn sich da Werden und Vergehen Wange an Wange berühren. Wenn alte Menschen an Kinderwägen stehen und fragen: „Darf ich das Kleine mal anschauen?“ Was schauen sie denn da? Sicher mehr als nur das süße Kindergesicht, das ihnen auch dem Wagen entgegen­lächelt oder auch -fremdelt. Sie tun einen Blick in die Zukunft, die nicht mehr ihre sein wird – aber immerhin Zukunft. Und Simeon erkennt Gottes Zukunft. Gottes Zukunft für sich und für die Welt.

Ein alter Mann, der wartet. Auf den Tod wartet, denkt man natürlich, aber er wartet auf das Leben. Ein alter Mann wartet darauf, dass das Entscheidende noch passiert. Er findet sich nicht damit ab, dass das Entscheidende hinter ihm liegt: seine Kindheit und Jugend, die Entfaltung seiner Kräfte, Familie und Beruf, schwer tragen und leicht lernen können. All das liegt hinter ihm. Er findet sich nicht ab – da kommt noch was. Er wartet auf das Beste, auf Gottes Überraschung – und wird erhört. Und dann verwandelt sich das Warten und seine Sehnsucht in tiefen Frieden, der selbst dem Tod den Schrecken nimmt.

„Nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren.“

Nun kann all das Unerfüllte in seinem Leben heil werden. Er ist sich sicher: Die Fragen werden beantwortet und Zweifel in Vertrauen gewandelt. Jetzt kann er im Frieden sterben. Das ist es, was dieser Immanuel, dieser Jesus bewirkt: Frieden mit sich, mit Gott, mit der Welt – und das ist Rettung. Das geschieht, wenn jemand sagen kann: „Meine Augen haben den Heiland gesehen“, wenn aus dieser Erzählung von der Geburt Jesu – „mein Jesus“ wird.

Mein Jesus heißt mein Hort,
Mein Jesus heißt mein Leben,
Mein Jesus hat sich mir ergeben,
Mein Jesus soll mir immerfort vor Augen schweben.

Nur einfach ist das nicht: Simeon weiß das auch. Was er den verwunderten Eltern sagt – vom Fallen und Aufstehen, vom Widerspruch und vom Schwert – das wirft einen Blick voraus auf das Leben des Kindes, auf sein Leiden. „An des bittren Kreuzes Stamm“ hat der Sopran gesungen und damit unseren Blick von Weihnachten auf die Passionszeit vorausgelenkt. Und trotzdem: Hier in dieser Begegnung des alten Mannes mit dem göttlichen Kind liegt tiefer Friede und Zuversicht für die Zukunft. So erlebt es Simeon für sein Leben und zeigt uns, was wir erleben könnten, wenn wir uns dieses Kind nahekommen lassen. Wenn wir auf Tuchfühlung mit ihm gehen.

Und dann tritt Hanna auf – „Begnadete“ bedeutet ihr Name, oder man könnte auch übersetzen: Gott hat sich erbarmt. In kurzen Sätzen wird ihr Leben erzählt: Jung verheiratet, jung verwitwet, inzwischen alt geworden. Sie fastet, sie betet. Der Tempel ist ihr Zuhause. Prophetin wird sie genannt – übrigens als einzige Frau im Neuen Testament. Wörtliche Rede ist nicht von ihr überliefert, aber dass sie spricht: zu allen, öffentlich. Von der Erlösung, der Rettung, die in diesem Jesus liegt. Was bei Simeon eine intime Situation ist – alter Mann mit Kind auf dem Arm, der seinen Frieden findet – hat hier einen öffentlichen Rahmen. Die Prophetin verkündet, was dieses Kind für alle bedeutet. Eine erstaunliche Umkehrung der üblichen Geschlechterrollen übrigens: Der Mann, der für das Private, Persönliche steht, die Frau für den öffentlichen Auftritt. Das Kind stellt schon hier die übliche Welt auf den Kopf.

Und es braucht beide – Simeon und Hanna, um dem Namen Jesus gerecht zu werden. Gott rettet, das ist nicht nur eine private, persönliche Angelegenheit, sondern auch eine öffentliche, das wirkt in diese Welt hinein.

Auch wir warten vermutlich wie die beiden, dass sich das erfüllt – in unserer Welt, in unserem Leben. Wir haben die Ver­heißung, dass da noch etwas aussteht, noch etwas kommt. Wir tragen die Sehnsucht in uns und haben das Versprechen, dass wir Frieden finden können und heil werden. Und es hat schon angefangen. Seit Weihnachten ist Gott schon mit uns. Das kann unseren Blick auf das Morgen zuversichtlich machen, wir können erleben, dass unsere Hoffnung stärker ist, als wir denken. Und wenn wir aus diesem alten Jahr ins neue gehen, dann möge uns der Schlusschoral begleiten:

„Jesus richte mein Beginnen“.

Amen.