Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Pflege am Limit – Barmherzigkeit in der Krise?

Pflege am Limit – Barmherzigkeit in der Krise?

Gottesdienst am 12. Juni 2022
Pastorin

Andrea Busse

in der Reihe Denken & Beten

Stimmen aus dem Alltag von Pflegekräften & Ansprache zu Lukas 10, 30 - 35

Stimmen von Pflegekräften

Exemplarischer Dienstreport auf der Intensivstation:
In der Regel beginnt der Dienst mit einer ärztlichen Übergabe an uns Pflegekräfte. Wir bemühen uns um eine faire Verteilung der Patienten, aber allen ist klar, dass das Arbeitspensum für keinen zu schaffen ist, jedenfalls nicht unter Einhaltung der Qualitätsstandards. Die Station alarmiert ununterbrochen. Vitalwerte oder Beatmungsparameter liegen außerhalb der siche­ren Grenzfelder, Dialysen melden Druckalarm und drohen stehen zu bleiben, Medikamenten- & Ernährungspumpen laufen leer. Kollegen brauchen Hilfe. Die brauchen wir alle. Es kann nur ver­zögert auch auf überlebenswichtige Alarme, wie ein Lösen des Patienten vom Beatmungsgerät, reagiert werden. Viele Patienten äußern Ängste. Zu recht. Die gesamte Kulisse wirkt bedrohlich, die Lautstärke, die Unruhe, die Erkrankung an sich, welche zur Intensivpflichtigkeit geführt hat.
Ich versuche die wichtigsten Tätigkeiten bis zum Dienstende zu erledigen. Es braucht viel Zeit, die gesamte Intensivmaschinerie mit Beatmung, Medikation und Dialysen überhaupt am Laufen zu halten. Zu pflegerischen Tätigkeiten wie sorgsamer Körper­pfle­ge, Mobilisation, Reorientierung und Wahrnehmungs­förderung kommt man nur sehr selten. Ich bin schon dankbar, wenn sich der Zustand meiner Patienten während meiner Schicht nicht gra­vierend verschlechtert hat, ich außerdem alle Medikamente mit weniger als einer Stunde Verzögerungszeit verabreichen konnte. Wenn ich die Patienten ohne Eigenmotorik alle 4 Stunden gela­gert habe und zur Übergabe an die nächste Schicht keiner in Blutlachen oder Exkrementen liegt. Mehr als die absolute Notver­sor­gung ist derzeit kaum möglich. Um nicht komplett frustriert zu sein, muss man seinen Eigenanspruch stark drosseln. Die Stim­mung auf Station ist schnell angespannt, da jeder regelmäßig an die Grenze des Schaffbaren stößt.

Das Wasser geht mir bis zum Hals. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist. (Aus Psalm 69)

Während der ersten Covidwelle hatten wir ad hoc ein völlig neues Fachgebiet. Nicht nur, dass wir uns mit einem Virus auseinandersetzten mussten, von dem wir wussten, dass wir nichts wussten. Sondern auch plötzlich mit hämato-onklogischen Patient:innen und KMT-Patient:innen. Bitte was?! Ein Monat ohne fachspezifische Unterstützung, zwei Assistenzärzt:innen reichen aus. Es sind zu viele Pflegekräfte krank. Doch es heißt: „Ihr schafft das schon.“ Erst nach einem Monat kam dann Hilfe. Endlich. Fachliche Hilfe, personelle Hilfe. Hilfe von der Führungs­ebene? Nein. Supervision und psychologische Begleitung? Fehlanzeige.

Ich warte, ob jemand Mitleid habe – aber da ist niemand, und auf Tröster, aber ich finde keine. (aus Psalm 69)

Eine ältere Dame (Heimbewohnerin, beginnende Demenz) liegt im Isolationszimmer mit einer bakteriellen Darminfektion. Sie hat Angst. Noch versteht sie, warum sie im Krankenhaus ist. Aber sie versteht nicht immer, was wir sagen. Die Wörter machen ihr Angst. Ständig kommt jemand rein und rennt dann gleich wieder raus. Sie würde gerne telefonieren. Mit ihrer Tochter. Aber wie geht das nochmal mit diesem Fernseher mit dem man auch tele­fonieren kann? Sie traut sich nicht zu fragen. Sie hat auch bereits seit 1 Uhr unter sich gelassen und liegt in ihren Exkrementen. Ihr ist das so peinlich. Sie war immer sehr gepflegt und hat viel auf ihr Äußeres geachtet. Aber selbst, wenn sie was sagen würde – wer hätte schon Zeit, ihr die Bedienung des Telefons zu erklären und sie zu säubern. Wer hätte schon Zeit, 1x pro Stunde die Schutz­hose zu wechseln? Behutsam, achtsam, würdevoll. Die Haut ist mittlerweile schon ganz rot und brennt wie Feuer. Die Dame schließt bei der Intimpflege vor Schmerz die Augen. Sie ist es gewohnt, nicht zu klagen. Am Ende der Schicht lächelt sie mich an und sagt „Gehen Sie nach Hause, mein Liebes. Sie sehen so müde aus.“ Ich schaffe es gerade noch aus dem Zimmer, bevor ich anfange zu weinen. Ich schäme mich.

Die Schmach bricht mir mein Herz und macht mich krank. (Aus Psalm 69)

Die Kolleginnen und Kollegen in der Pflege sind oft ausgebrannt. Man denkt da zuerst an Überarbeitung: körperlich, geistig, emo­tio­nal. Eingesprungen aus dem Frei, Überstunden, freiwillig eine Doppelschicht. Freiwillig? Nicht so ganz. Emotionale Erpressung ist bei uns an der Tagesordnung. „Ich muss eine Doppelschicht machen, weil meine Kollegin/ mein Kollege sonst alleine ist! Das kann ich ihr/ihm nicht antun!“ Natürlich erwartet das meine Kolle­gin nicht. Aber sie alleine lassen kann ich auch nicht. Also mache ich die Überstunden. Mache ich keine Pause. Trinke und esse ich nicht. Hole ich nicht kurz Luft. Gehe ich nicht auf die Toilette – wieso auch? Wenn ich nichts trinke, esse und eh wieder alles rausschwitze. Denn irgendjemand muss sich ja um die Patien­t:innen kümmern. Da kann ich doch nicht einfach gehen.

Ich aber bete, HERR, Gott, nach deiner großen Güte, erhöre mich mit deiner treuen Hilfe. (Aus Psalm 69)

Biblischer Text: Der Barnmherzige Samariter

Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. 31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. 32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; 34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. 35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. (Lukas 10, 30 – 35)

 

Ansprache:

Pflege am Limit – was das konkret in einem Krankenhaus, auf einer Station, für eine Patientin, einen Pfleger heißt, davon haben wir eben in den Berichten eine kleine Ahnung bekommen. Pflege am Limit – heißt das auch Barmherzigkeit in der Krise?

Barmherzigkeit ist ein etwas altertümlicher Begriff, der fast nur noch im kirchlichen Kontext benutzt wird. Woher das Wort an sich kommt, ist nicht ganz klar, es gibt mehrere Erklärungen dafür: Die eine besagt, dass es eine Lehnübersetzung aus dem Lateinischen ist: In „misericordia“ steckt zum einen „cor, cor­dis“ das „Herz“ und zum anderen „miser“ – das heißt „arm“ und daraus wurde durch ein b ergänzt die erste Silbe „barm“. Barm-herzig ist also jemand, der ein Herz für die Armen hat.
Oder – die zweite Erklärung – die erste Silbe „barm“ bedeutete im Althochdeuten so etwas wie „Schoß/Busen“. Etwas also, das mir sehr nahe ist: Ich drücke jemanden an meine Brust, um ihn zu trösten, oder wir fühlen uns gebor­gen wie in Abrahams Schoß. Diese Erklärung ist insofern ganz interessant, weil das hebrä­ische Wort rächäm, das in unseren Bibeln mit Barm­herzigkeit übersetzt wird, zwei Bedeu­tungen hat: im Singular heißt es Mutterschoß und im Plural entweder Inneres/ Einge­weide oder eben Barmherzigkeit/Erbarmen. Ich finde, das ganz passend, denn Barmherzigkeit ist etwas, das aus dem Inneren kommt, etwas, das uns als ganzen Menschen ergreift. Barmherzig bin ich mit jemandem, wenn mich sein Schicksal berührt – und zwar nicht nur äußerlich, sondern wenn es mir an die Eingeweide geht.

Diese Stimmen von den Pflegekräften, sie haben mich erschüt­tert und mir beim ersten Lesen die Tränen in die Augen getrie­ben. Aber meine Tränen sind nicht genug – sie helfen der Pflege­­kraft nicht, die zwischen den Betten hin- und herläuft und ausgebrannt und erschöpft ist.
Auch Applaus ist nicht genug – wie der Titel des Buches von David Gutensohn zu Recht sagt. Ich habe damals auch am Fenster gestanden und geklatscht im ersten Coronafrühjahr. Und ich fand es wichtig und richtig, dass die Pandemie den sowieso schon existierenden Pflegenotstand endlich mehr ins öffentliche Bewusstsein geholt hat, auch in mein Bewusstsein. Aber Klatschen ändert nichts oder zumindest nicht genug.

Barmherzigkeit will und soll nicht im Gefühl steckenbleiben, in Betroffenheit, Mitleid oder Hilflosigkeit. Barmherzigkeit äußert sich im Tun. Das Paradebeispiel dafür, das weit über den religi­ösen Kontext hinaus bekannt ist, ist „der barmherzige Samariter“, weil er vorlebt, wie Barmherzigkeit geht: Er sieht nicht nur das Leid – so wie die beiden anderen vor ihm, die auch sehen und weitergehen, sicher aus gutem Grund. Er sieht das Leid und es jammert ihn. Aber eben nicht nur: Das Jammern führt zum Tun: Er geht hin, er verbindet den Ver­letzten, er nimmt ihn mit (!), er pflegt ihn und er zahlt für die weitere Pflege. Das ist das „Gesamtpaket“ Barmherzigkeit.

Also zunächst: Hingehen. Das heißt aus der Distanz raus­gehen. Der Samariter fühlt sich verantwortlich, obwohl er nicht selbst betroffen ist. Er ist weder überfallen worden, noch ver­wandt oder bekannt mit dem Opfer. Ich bin im Moment auch nicht betroffen: Ich habe – glücklicherweise – niemanden in meiner Familie, der gerade pflegebedürftig ist. Niemanden, der in der Pflege arbeitet – ich stehe auf Distanz. Wenn mich das Thema streift, bin ich erschüttert. Das reicht nicht! Wenn uns diese Er­schütterung nicht alle dazu bringt: Hinzusehen und hinzu­gehen, kann die Barmherzigkeit nicht Raum gewinnen.

Als nächstes legt der Samariter selbst Hand an: Er gießt Öl in die Wunde, verbindet ihn, nimmt ihn mit und pflegt ihn. Das, was er an diesem einen Tag tun kann, tut er. Er leistet Erste Hilfe. Am nächsten Tag muss er weiter. Jetzt kommt die Lang­zeitpflege. Die leistet er nicht. Die kann er nicht leisten. Die delegiert er. Und bezahlt er!

„Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme.“

Er vertraut dem Wirt, dass dieser die Pflege fortsetzt, und der Wirt vertraut umgekehrt dem Samariter, dass er wiederkommt und die fälligen Mehrkosten übernimmt. Und so kann der Ver­letzte sich sorglos seinem Heilungsprozess anvertrauen.

Auch wir delegieren unsere Verletzten, unsere Kranken und Älteren an andere weiter. An Menschen, die das gelernt haben, die damit umzugehen wissen und die diese Aufgabe gewählt haben. Aber wie ist es mit dem gegenseitigen Vertrauen? Wenn wir die Berichte von den Zuständen auf Station hören – können wir dann noch darauf vertrauen, dass unsere Angehörigen oder im Fall des Falles auch wir selbst gut versorgt werden und uns dem Heilungsprozess oder auch dem schwächer Werden im Alter anvertrauen können? Und umgekehrt, können die Menschen, die wir damit beauftra­gen, darauf vertrauen, dass sie ordentlich bezahlt und aus­gestattet werden, um das zu tun, was sie tun sollen. Dass Sie dafür wertgeschätzt und angemessen behandelt werden? Können Sie darauf vertrauen, dass wir die Kosten übernehmen, auch für Menschen, mit denen wir nicht verwandt und bekannt sind, also solidarisch für die in unserer Gesellschaft, die das selbst nicht tun können – in der Höhe, in der es gut wäre.

Das System ist aus dem Gleichgewicht geraten, scheint mir, weil die Gewichtung nicht mehr stimmt. Zu wenige tragen zu viel Gewicht, zu viel Verantwortung, zu viel Arbeit, zu viel Leid. Wenn zu viele, die nicht betroffen sind, einfach vorbeigehen, weil sie vergessen, dass sie selbst unter die Räuber fallen könnten, wenn die Herbergen und Wirte erstmal den Gewinn berechnen, wenn niemand bereit ist das Geld zu zahlen, das die Pflege kostet, dann bleibt die Barmherzigkeit auf der Strecke.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

So schlicht und ergreifend lautet unser Auftrag. Und den müssen wir nicht nur ernst nehmen, wir können das auch.
Sich erbarmen können, Mitgefühl haben, das kommt aus der Ge­wissheit heraus, dass ich mich nicht verliere, wenn ich mein Herz für andere öffne. Dass ich auch nicht zu kurz komme, wenn aus diesem Erbarmen barmherzige Taten folgen. Dass ich nicht rechnen muss, weil es sich immer rechnet, sich Barm­herzigkeit etwas kosten zu lassen. Sie ist doch das Wertvollste, was wir als Gemeinschaft, als Gesellschaft haben.

Wenn wir barmherzig denken und handeln, dann können wir Lösungen für Probleme finden, die schwierig und verwickelt er­scheinen. Barm­herzigkeit kommt von Herzen und erreicht damit Herzen, sie kann Umdenken und Umlen­ken schaffen in fest­gefahrenen Situatio­nen. Barmherzigkeit ist das Gegen­programm zu der Angst, man könnte zu kurz kommen, wenn man nicht zuerst an sich selbst denkt, man könnte sich selbst verlieren, wenn man auf andere zugeht. Man könne doch diese riesigen Probleme und Systeme sowieso nicht ändern. Doch kann man, man kann es zumindest versuchen und nicht einfach vorbeigehen. Man kann Barmherzigkeit üben.

Und glücklicherweise hat unsere Barmherzigkeit eine Quelle, die unerschöpflich ist: Gottes Barmherzigkeit. Sie kann unser Herz und Hirn dafür öffnen, barmherzigere Wege in der Pflege zu finden: für die Pflegebedürftigen, die Pflegenden und uns als Gesellschaft. Amen.