Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Schaffe mir Recht!

Schaffe mir Recht!

Predigt am 21. März 2021
Pastorin

Andrea Busse

Preigt zum Sonntag Judika

Predigt zu Hiob 19,19–27

Schaffe mir Recht! – Predigt zu Judika

(Hiob 19, 19 – 27)

Im letzten Frühsommer erzählte mir ein Gemeindeglied von einer Freundin. Diese Frau, selbst Mitte 60, hatte ihren erwach­senen Sohn mit Corona angesteckt. Wo sie sich infiziert haben könnte, wusste sie nicht. Eigentlich war sie immer vorsichtig und hatte deswegen auch nicht damit gerechnet, dass sie positiv sein könnte. Bei ihr war der Verlauf milde, bei ihrem Sohn so schwer, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Er hatte keine Vorerkrank­ung – trotzdem überlebte er es nicht. Besuch war in der Klinik corona­bedingt nicht erlaubt. Seine Mutter hat ihn nicht mehr gesehen. Auch nicht seine Ehefrau und seine zwei Kinder.

Menschen verlieren Vieles oder sogar alles: Liebste, Gemein­schaft, Ein­kom­men, Besitz, Gesundheit, Hoffnung. So wie Hiob, den wir in der Lesung haben klagen hören. Im März 2021 ist Hiob sehr nah. Er oder sie leben in der Nachbarschaft, in unsere Gemeinde, sind Teil des Bekannten­kreises oder sogar der Familie.

Hiob ist nah – und fern. Er ist überall. Auch in anderen Teilen der Welt, gerade dort, wo Inzidenzwerte gar nicht erfasst, Tote gar nicht unter­sucht oder gezählt werden können. Die Pande­mie trifft die besonders hart, die sowieso schon viel verloren haben. Das Unrecht schreit zum Himmel.

„Schaffe mir Recht!“

Hiob ist die Verkörperung des zu Unrecht Leidenden. Er, der Gottes­fürchtige verliert alles: Haus und Hof, seine Kinder, seine Gesundheit, seine Freunde, seinen Lebenssinn. Er ist ein Versuchskaninchen für Leidens­fähigkeit, für Resilienz und vor allem für Gottvertrauen. Eine zynische Wette zwischen Gott und dem Teufel, die Hiob in die Hölle auf Erden stürzt, ohne dass er weiß, warum. Und er begehrt auf – im Gespräch mit seinen Freunden, im Gespräch mit Gott. Seine Reden könnte man in einem einzigen Satz zusammenfassen: „Schaffe mir Recht!“

Hiob mit seiner Klage spricht uns aus dem Herzen. Das Buch Hiob rechnet damit ab, dass Gott Leid nicht verhindert. Nicht mal bei denen, die gut sind, anständig, gläubig, sozial. Es spiegelt damit die Realität wider. Hiob, der wohlhabende fromme Jude mit großem Herzen für andere, hat nichts von seinem großen Herzen. In den sozialen und wirtschaftlichen Krisen des 4./5. Jh v. Chr. zahlt sich Engagement für das Gemeinwesen nicht aus. Dagegen geht es denen, die rück­sichtslos ihre Eigeninteressen verfolgen, blendend. Leider trifft das nicht nur für das 4./5. Jh. vor Christus zu.

Wie soll man damit leben?
Wie soll man damit leben im Angesicht eines Gottes, den wir als barmherzig und allmächtig bekennen?
Wie lebt Hiob damit?
Eigentlich lebt er kaum noch – so schildert es unser Predigt­abschnitt. Er überlebt gerade noch so, weil sein Gebein noch an Haut und Fleisch hängen. „Das nackte Leben brachte ich davon.“ sagt er. Herzzerreißen­de Texte finden wir bei Hiob: Er weint und wütet, er schimpft und schreit, er klagt Gott an. Von Gott und der Welt verlassen ist er; mehr noch von Gott verfolgt und geschlagen. „Die Hand Gottes hat mich getroffen!“ Gott als die Ursache des Bösen, als Ursache des Unrechts – das strapa­ziert unseren Glauben über das Erträgliche hinaus. Und doch will Hiob, dass wir uns das anhören und aushalten: Er will seine Reden am liebsten in Stein gemeißelt: „Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eiserenen Griff und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen!“ Sein Wunsch wurde erfüllt, sie sind aufge­schrieben und damit mutet er uns heute zu, dass wir Zeugen werden für das, was Gott nicht verhindert, für das, was Gott ihm antut. Und genau, wenn wir als Zuschauer, als Zuhörerinnen an den Punkt kommen, an dem es wirklich unerträglich wird, schlägt der Text um:

„Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“

Das kommt völlig unvermittelt. Hiob beschreibt Gott als mächtiges, als gewaltsames Gegen­über und dann plötzlich – oder gleichzeitig – als den, der ihn aus dieser Not erlöst. „Ich werde ihn sehen“ sagt Hiob über Gott „danach sehnt sich mein Herz“. Eine Sehnsucht nach Gott, die so tief sitzt, dass sie durch nichts, aber auch gar nichts auszurotten ist.

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ Hier wird keine Lösung für Hiobs Problem geboten, das man allgemein als die Theodizeefrage bezeichnet, also die Frage, wieso Gott das Leid zulässt. Das wir nicht aufgelöst, im ganzen Hiobbuch nicht, zumindest nicht zufriedenstellend. Keine Lösung also, aber ein Löser, ein Er-löser. Wie auch immer das zu verstehen ist.

Christinnen und Christen haben das allzu schnell verstanden als einen Hinweis auf Jesus Christus. Solche Auslegungs­traditionen sind äußert zwiespältig. Sie vereinnahmen die jüdische Bibel und reduzieren sie darauf, Verheißung auf Jesus Christus zu sein, sozusagen Vorwort des Neuen Testaments. Sie blenden dabei aus, dass diese hebräischen Texte seit Jahrtausenden von Juden gelesen und ausgelegt werden – und zwar ohne Jesus von Nazareth als Deutungsschlüssel. Diese Verse haben Gläubige provoziert und ermutigt, lange bevor in den Evangelien etwas davon stand, dass Jesus sein Leben als Lösegeld für viele gibt. Und noch länger, bevor Händel seine Arie „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ komponierte und darin Christus als von den Toten auferstan­den, als Erstgeborenen jener, die schlafen, besingen ließ. Es ist ernst zu nehmen, dass sich im Hiob-Buch Erfahrungen nieder­schlagen, die von Erlösung mitten im tiefsten Leid er­zählen, von Hoffnung, dann wenn alle Hoffnung ausgelöscht scheint, von Gottvertrauen in der absoluten Gottesferne. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben… Ich selbst werde ihn sehen.“ Natürlich verbinden sich solche Worte für mich als Christin mit Auferstehungshoffnung. Aber ich weiß, dass der Text auch ohne diese Perspektive Jüdinnen und Juden Trost schenkt.

Und ich habe einen ganz bestimmten Juden vor Augen, dem dieser Text Trost gespendet haben mag. In einer Situation, als er – ähnlich wie Hiob – sich verfolgt wusste, verurteilt, bedroht. Wusste, dass er nicht mehr lange zu leben haben würde und seine engsten Freunde ihm nicht beistehen würden. Jesus im Garten Gethsemane. Wir haben die Geschichte vorhin gehört. Er betet: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen“. Es ist kein Wunder, dass dieser Satz sprichwörtlich geworden ist. Darin steckt die ganze Klage über das Schicksal, das auf ihn zukommt, über das Kreuz, das zu tragen, ihm zu schwer scheint. Darin steckt die Frage nach dem Warum? Das: warum ich, wieso jetzt, warum so? Wie Hiob ist er von seinen Freun­den im Stich gelassen. Abseits von ihnen kniet er allein. Sie stehen ihm nicht bei. Sie schaffen es nicht mit ihm und für ihn zu wachen und zu beten. So teilt Jesus das ohnmächtige Seufzen des Hiob. Er legt sein Elend und seine Zweifel vor Gott. Von Todesangst ist die Rede und von Schweiß wie Bluts­tropfen.

Und dann wie bei Hiob – die Wende. Die Klage schlägt um in Vertrauen: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“. Auch hier liegt mir die Frage auf der Zunge: Woher der plötzliche Umschwung? Vielleicht hat Jesus wie Hiob erfahren: Wer mit Gott kämpft, den segnet er. Wir können beobachten, wie Jesus aufsteht von diesem Gebet mit der nötigen Kraft für seinen Weg. Er aufer­steht. Passion und Ostern an einem Ort, in einem Gebet.

Und wir beten das Jesus ja nach – immer wieder: „Dein Wille geschehe“ sprechen wir in jedem Gottesdienst. Gewichtige Worte, die uns da manchmal recht unbedacht über die Lippen kommen. Und doch tut es gut, sich in solche Worte flüchten zu können, sich von den altbe­kannten Worten tragen zu lassen. Darauf zu vertrauen, dass es im Leid, das vor Gott gebracht wird – und sei es noch so wütend, noch so klagend – dass es einen Um­schwung geben kann. In vielen, vielen Psalmen können wir das auch nachbeten. „Schaffe mir Recht!“ so beginnt der Psalm des Sonntags und formuliert die Klage „Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig gehen“ – bis sich am Ende das Vertrauen wieder Bahn bricht: „Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist“.

Was also bringt den Umschwung? Vielleicht ist es das Gebet selbst. Wenn man den Eindruck hat, dass Gott sich abwendet, und wendet sich selbst Gott im Gebet zu, dann geschieht etwas. Diese Zu-wendung bleibt nicht ohne Folgen. In den letzten Wochen habe ich mich im Konfirmanden­unterricht mit den Jugendlichen mit dem Thema Gebet beschäftigt. Ganz zu Beginn habe ich gefragt, ob sie selbst beten. Die meisten kannten Gebete aus ihrer Kindheit, haben sich aber nicht gerade als regelmäßige Beter geoutet. Um so erstaunter war ich, als es um die Frage ging, ob Beten über­haupt etwas hilft. Ich hatte eher Zurückhaltung erwartet, was Gebeterhörung betrifft. Aber die meisten waren sich doch sicher, dass Beten etwas bewirken, etwas ändern kann, dass Beten den oder die Betende ändern kann. Man kann sich etwas von der Seele reden – sagten sie – man fühlt sich nicht mehr ganz alleine, man kann seine Gedanken sortieren und man kriegt mehr Selbst­vertrauen, ist motivierter, Dinge anzupacken. Die Jugend­lichen erwarteten gar nicht so sehr, dass Gott die Dinge anpackt, die man ihm im Gebet präsentiert – häufig ja als eine Art Wunschliste – sondern meinten, man kann im Gebet die Kraft dafür finden, das selbst zu tun.

„Schaffe mir Recht!“ – dieser verzweifelte Schrei hat einen Adressaten. Und er hat Energie. Mit welcher Ausdauer kämpft Hiob vor Gott gegen Gott um sein Recht. Wenn wir eines von Hiob lernen können, dann: selbst in der größten Gottesferne an Gott festzuhalten. Wir erleben mit, wie jemand im Abgrund den Grund findet, der trägt, die Gewissheit, dass der Erlöser lebt.

Passionszeit ist die Zeit, in der wir an das Leiden Jesu denken. Und an das Leiden von Hiob – in Nah und Fern. Eine Zeit, in der wir gut hören sollten auf die verzweifelten Schreie nach Recht, denn nicht nur Corona sorgt für Unrecht. In der Passionszeit gibt es jedes Jahr eine Kampagne von Amnesty international, die jede Woche auf einen konkreten Fall auf­merksam macht, wo Menschen irgendwo auf der Welt Unrecht geschieht. Wo ihr Schrei „Schaffe mir Recht!“ nicht nur an Gott, sondern auch an uns geht, wo wir gefragt sind, uns zu solidarisieren: Das erlittene Unrecht erhält Gesichter – bekannte und weniger bekannte: der russische Oppositionelle Nawalny, der sich gegen Korruption einsetzt und nun zu knapp 3 Jahren Straflager verurteilt ist oder die ägyptische Journalistin Solafa Magdy, die im Frauengefängnis al- Qanater, wo ich übrigens selbst schon Gefangene besucht habe, misshandelt wurde und der man droht, dass sie ihr Kind nicht wiedersehen wird. Bei unserer Aktion 7 Wochen mit…. – einer Aktion zum Mitmachen und Mitdenken, die Sie immer von Sonntag bis Donnerstag hier in der offenen Kirche finden, wird es in dieser Woche um solche Gesichter gehen.

„Schaffe mir Recht!“ – in Leidenszeiten wird dieser Schrei laut. Er ruft uns auf, zu wachen, zu beten, zu handeln.
In dem Vertrauen, dass jeder Abgrund einen Grund hat,
in dem Wissen, dass in aller Gottesferne Menschen immer wieder gespürt haben, dass ihr Erlöser lebt,
in der Hoffnung, dass auf die Passionszeit der Ostermorgen folgt. Amen.