Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Schreien Schweigen Singen

Schreien Schweigen Singen

Predigt am 2. Mai 2021
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Sonntag Kantate, 2. Mai 2021

Predigt zu Lukas 19,37–40

Predigttext: Lukas 19,37–40

Und als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Gelobt sei, der da kommt, der König, im Namen des Herrn! Hosianna!“

Der heutige Predigttext, die kurze Sequenz aus dem Lukas-Evangelium, versetzt uns am österlichen Sonntag Kantate dem Kirchenjahr nach zurück an Palmsonntag, den Beginn der Karwoche. Die geschilderte Szene spielt sich bei Jesu Einzug in Jerusalem ab.

Nach seinem etwa dreijährigen öffentlichen Auftreten als Prediger, Heiler und Lehrer zieht Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern in die heilige Stadt ein. Voller Vorfreude, in festlicher Stimmung sind sie, mit hochgespannten Erwartungen: Jetzt kommt er, der ersehnte Friedenskönig, auf den seit Generationen gewartet wurde, den die Propheten angekündigt, auf den die Armen gehofft, den sie selbst als ihren Retter erkannt haben. Jetzt zieht er in die Hauptstadt ein, in Gottes heilige Stadt! Die ganze Welt wird ihn erkennen!

Sie rufen und jubeln, es ist laut, drängelig, turbulent. Frauen, Kinder und Männer begrüßen den Friedenskönig, breiten ihre Kleider, Umhänge und Tücher vor ihm auf dem Weg aus, huldigen dem neuen Herrscher.

Einem außenstehenden Betrachter könnte die Szene schon merkwürdig vorkommen: ein junger Mann, der auf einem Eselfohlen reitet, die Füße schleifen im Staub. Nichts zeichnet ihn erkennbar als irgendeine besondere Persönlichkeit aus, von königlichen Insignien keine Spur. Die ihn willkommen heißen, sind bedeutungslose Leute.

Und doch feiert die Menge, ruft und singt etwas von einem, der Frieden bringt: „Gelobt sei, der da kommt, der König, im Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ (V. 38)

Ganz ähnlich klangen die Lieder der Engel, als Jesus geboren wurde: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lukas 2,14)

Die Ankündigung eines Königs, der endlich Frieden bringen wird im Himmel und auf Erden. Ein ewiger Frieden, in dem Kinder ohne Angst vor Krieg und Gewalt aufwachsen dürfen. Ein Frieden, der Menschen ihren Acker, ihre Arbeit, ihre Lebensgrundlagen lässt. Ein Frieden, in dem Familien und Freunde beieinander wohnen bleiben können. Frieden auch für die Mit-Schöpfung.

Darauf haben Menschen damals wie heute in Galiläa gehofft. Und uns mögen noch andere Situationen in den Sinn kommen, wo Menschen nach Frieden oder Freiheit gerufen haben oder rufen: bei der Maueröffnung, der sog. Wende vor gut 30 Jahren. Oder jetzt in Myanmar für Pressefreiheit und freie Wahlen. Oder die Rufe nach Frieden, Klimagerechtigkeit und Zukunft bei uns. Die Sehnsucht nach Frieden von Menschen in Syrien, in Afghanistan, der Ukraine…

Die Friedensrufe und -lieder der Anhänger Jesu damals werden durchbrochen von den Stimmen der Pharisäer: „Meister, weise doch deine Jünger zurecht!“ (V. 39) „Bring deine Leute zum Schweigen!“

Sie sollen still sein, sich unauffällig verhalten. Ruhe und Ordnung statt Friedensliedern und Freudenschreien. Den Mund halten.

Auf dieses Ansinnen antwortet Jesus mit dem einprägsamen wie geheimnisvollen Satz: „Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ (V. 40)

Auch zu diesem Wort gehen mir Bilder durch den Kopf: von Steinen, die erlittenes Unrecht wachhalten, die sprechen, mahnen und erinnern.

Ich denke an die Stolpersteine, die der Kölner Künstler Gunter Demnig in den letzten Jahrzehnten tausendfach auf Bürgersteigen in ganz Deutschland und auch in unserer Nachbarschaft eingelassen hat. Metallplatten mit einer Kantenlänge von 10cm mit den Namen und Lebensdaten von ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und -bürgern, die aus diesem oder jenem Haus deportiert wurden. Im Grindelviertel, in Eimsbüttel, in Harvestehude gibt es viele davon.

Ich denke an Denkmäler, Gedenksteine, die an Unrecht und Leid erinnern. An Situationen, wo Menschen sich nicht getraut haben, den Mund aufzumachen – und am Ende nur noch die Steine geschrien und geweint haben. Die Ruine der alten St. Nikolaikirche, die in den Luftangriffen 1943 zerstört wurde, ist so ein steinernes Mahnmal gegen den Krieg und für den Frieden – wie auch ihr englisches Gegenstück, die Kathedrale von Coventry.

Und ich denke auch an andere Kirchen, an unsere Kirche St. Johannis-Harvestehude, in deren Mauern sozusagen die Gebete und Lieder mehrerer Generationen von Menschen gespeichert sind. Backsteine, die die Klagen und auch den Jubel von Menschen aufgenommen haben, bei Taufen, Hochzeiten und Trauerfeiern, in jedem Gottesdienst, wie bei einzelnen Besuchen. Kirchen, die unseren Stimmen Halt geben und einen Resonanzraum.

„Wenn die Menschen schweigen, so werden die Steine schreien.“

In diesem geheimnisvollen Satz steckt neben der Einsicht, dass Steine sehr wohl sprechende Zeugen sein können, wohl noch eine andere Aussage. In Jesu Worten drückt sich auch die Überzeugung einer tiefen Verbundenheit zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und Steinen aus, belebter wie vermeintlich unbelebter Natur. Eine Verbundenheit aller Geschöpfe, aller Kreatur, die aus der gemeinsamen Beziehung zum Schöpfer rührt. Psalm 98, den wir heute gelesen haben, ist für dieses Verständnis unserer umfassenden Zusammengehörigkeit ein gutes Beispiel: Nicht nur Menschen können Gott loben, sondern ebenso das Meer, die Flüsse und Berge.

Und wie im Lob Gottes, in der Freude über unsere Lebendigkeit, so sind wir mit unserer Mit-Schöpfung auch verbunden im Leiden an Unrecht und Ausbeutung. Das drückt zum Beispiel der Apostel Paulus aus, wenn er im Römerbrief schreibt: „Auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt.“ (Römer 8,21f)

Auch die Schöpfung kann seufzen und stöhnen, auch Steine können schreien.

Wobei im griechischen Text von Lukas eigentlich nicht das Wort „schreien“ steht. Da steht „krazein“, und man kann lautmalerisch schon das deutsche Äquivalent hören: „krächzen“ oder „ächzen“. Der Laut in der Kehle, wenn einem die Worte im Halse stecken bleiben, wenn einem die Stimme versagt und man nichts mehr herausbekommt. Ein Ächzen, wie unter einer zu großen inneren oder äußeren Last.

Wenn Menschen zum Schweigen gebracht, wenn die Rufe nach Frieden verboten und die Hoffnungslieder verstummen werden, dann werden die Steine ächzen, dann wird sozusagen die Mit-Schöpfung stellvertretend stöhnen. Dann wird sie für uns vor Gott bringen, was wir nicht mehr artikulieren können.

Lukas verwendet das Verb „krazein“ nur an zwei weiteren Stellen in seinem Evangelium: einmal für den Schrei eines Kindes, das von unreinen Geistern fast getötet wird (Lukas 9,39) – dann aber aufersteht. Einmal für einen Blinden, der nicht mehr sieht, wohin es gehen könnte (Lukas 18,39) – dann aber wieder sieht. Beide Male geschieht an der äußersten Grenze des Lebens so etwas wie Auferweckung: Das Kind kehrt ins Leben zurück, der Blinde sieht seinen Weg.

Und so deutet Lukas auch in dieser Szene, bei Jesu Einzug in Jerusalem, mit dem Wort „krazein“ leise an, dass das stellvertretende Ächzen der Steine, das Seufzen der Kreatur nicht das letzte Geräusch auf Erden sein wird. Selbst wenn die Freunde des Friedenskönigs zum Verstummen gebracht werden sollten, selbst wenn er getötet und von ihm nicht mehr die Rede sein würde – das Krächzen der Steine wird nicht das letzte Wort zum Sohn Gottes sein.

Sondern Gott wird ihn aus dem Tod auferwecken und seiner Mit-Schöpfung Grund zum Jubel geben, zu Friedensrufen und Hoffnungsliedern. Gott wird Menschen den Mund wieder öffnen: denen, die unter Trauer und Leid zu vergehen drohen; denen, die sich nach Freiheit sehnen; denen, die auf Frieden und Zukunft für sich, ihre Kinder und Enkel hoffen; denen, die sich am Leben freuen und Gott dafür danken mit ihren Worten, Taten und Liedern.

Die ganze Schöpfung wird aufatmen und sich freuen, ein gemeinsames Lied des Lebens anstimmen. Unsere Antwort auf Gottes Wort des Lebens und der Liebe. Dass wir mit unserem Schöpfer verbunden bleiben im Schreien, Beten, Singen und Sprechen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.