Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Segensreiche

Segensreiche

Predigt am 27. Dezember 2020
Pastor i.R.

Josef Kirsch

Predigt am Sonntag nach Weihnachten

Lk 2, 25-38

Segensreiche

Liebe Gemeinde,

zwei Szenen begegnen wir in unserem heutigen Evangeliumstext. Die erste Szene im Vordergrund ist absolut jüdische Normalität, und die andere Szene, als ob ein zweiter Vorhang aufrisse, bringt in einem festlichen Hymnus zur Sprache, worum es bei Weihnachten geht.

Werfen wir zuerst einen Blick auf den Alltag. Heute ist der 27. Dezember und unser Text spielt eigentlich einige Wochen später. Der unserer Lesung vorangehende Abschnitt berichtet knapp, dass Jesus – wie jeder jüdische Junge – am achten Tag nach der Geburt beschnitten wurde und dass er seinen Namen erhielt: Jeschua oder Jehoschua. Wir sagen Jesus. Der Text berichtet jüdischen Alltag, wie er bis heute gilt. Einige Wochen später, genau 40 Tage nach der Geburt, passiert etwas Anderes. Und das berichtet unser Evangelium, auch jüdischer Alltag, bis zum Jahre 70, bis zur Zerstörung des Tempels. Maria und Josef und der Säugling Jesus machen sich auf den Weg nach Jerusalem und besuchen den Tempel, um ein Opfer darzubringen. Alltag wie gesagt und ein ziemlich ärmlicher Alltag. Eigentlich waren nach der Geburt ein Lamm und eine Taube als Opfer vorgeschrieben. Bei armen Leuten reichten zwei Tauben. Geradezu mit Leidenschaft stellen die Evangelien dar, dass die Nähe Gottes durch Armut bestimmt ist. Aber bevor Maria und Josef mit dem kleinen Kind den Tempel wieder verlassen und sich auf den Weg zurück nach Nazareth machen können, öffnet sich schlagartig eine andere Szene; eine Szene, die nicht Alltag ist, sondern die uns in ihrem Glanz und ihrer Schönheit und ihrem Schmerz zeigt, worum es beim Weihnachtsfest geht.

Zwei alte Leute treten auf: ein Mann und eine Frau, Simeon und Hanna. Bei Simeon vermerkt der Text kein Alter, aber wir können annehmen, dass er die Grenze seines Lebens im Blick hatte. Und Hanna, bei ihr wird das Alter genannt, war 84. Simeon wird als frommer Mann geschildert, der angesichts der römischen Besatzung auf das Heil, auf den Trost Israels wartete. Und er hatte eine Eingebung – der Text sagt: vom Heiligen Geist -, dass er den Trost Israels, den Gesalbten Gottes noch vor seinem Tode sehen werde. Und er kommt in den Tempel. Hanna, die Prophetin, die viele Jahrzehnte Witwe war, sie betete und fastete, sie war täglich im Tempel und wartete auch auf die Erlösung Israels. Wahrscheinlich hatte Simeon sich den Trost Israels nicht als Säugling vorgestellt, sondern wohl eher als streitbaren Krieger gegen die römische Besatzungsmacht, ein würdiger Nachfolger des großen Königs David. Dennoch versteht er sofort, dass Gott anders in unserer Welt erscheint als wir es in unseren Bildern von Macht und Durchsetzungsfähigkeit erwarten. Das ist die zweite Korrektur in unserem Text. Gott ist bei den Armen und er erscheint in dieser Welt extrem schwach und bedürftig, als Säugling. Das ist der rote Faden, der das Leben Jesu zusammenhält, der Weihnachten und Karfreitag, Krippe und Kreuz verbindet. Simeon versteht sofort. Er nimmt den Säugling in den Arm und betet den großen Lobgesang, der bis heute in vielen Klöstern abends als letztes gebetet wird und bei uns die Abendmahlsfeier bei Sterbenden abschließt: Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast, denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preise deines Volkes Israel.
Vielleicht spielt der Lobgesang auf den Namen Jesus an, denn Jeschua heißt auf Deutsch Heil.

Der Lobgesang des Simeon setzt eine ganz tiefgehende, grundsätzliche Zielsetzung voraus. Im Frieden kann ich erst dann leben oder auch diese Welt verlassen, wenn ich Gottes Heil gesehen habe. Das ist ein ganz fremder, alternativer Gedanke, der einem modernen Lebensgefühl, so wie wir es vor der Pandemie gelebt haben, absolut widerspricht. Ich empfinde diesen Gedanken aber nicht als altmodisch, sondern eher als archaisch. Simeon, auf Deutsch Hörer oder Gott hat erhört, hatte Gottes Wort gehört, aber er wollte mehr. Er wollte auf den Grund aller Dinge schauen. Er wollte Gott sehen. Und jetzt ist er da und hält einen Säugling in den Armen. Und Hanna, auf Deutsch Barmherzigkeit, versteht dieses genauso. Sie spricht zu den Menschen, die in Jerusalem auf Erlösung warteten. Ein alter Mann und eine alte Frau, die etwas absolut Neues berichten: Gott ist in unserer Mitte, Gott ist da. Trotzdem, die kuschelige Weihnachtsstimmung mit Glühwein, Gänsebraten und Familienfeier will nicht so recht aufkommen, in diesem Jahr der Pandemie sowieso nicht. Simeon sagt zu Maria über diesen Gott in unserer Mitte: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden.

Dieser Nachsatz des Simeon nach dem glanzvollen Hymnus wird oft unterschlagen. Er ist sprachlich nicht so schön wie der Hymnus und er ist inhaltlich alles andere als schön. Er sagt etwas aus über Gott in dieser Welt und über die Menschen, denen Gott begegnet. Es ist die Erfahrung der Menschen des Alten und des Neuen Testaments, dass Gott verworfen wird und dass die Menschen, die ihr Herz an diesen Gott gehängt haben, dieses Schicksal oft teilen. Ich muss gestehen, dass diese Texte des Alten und Neuen Testaments für mich die überzeugendsten sind. Gott ist nicht der Wunscherfüller, der die Welt in Glanz und Herrlichkeit regiert, sondern der Schöpfer, der uns Menschen groß sein lässt in der Fähigkeit zur Liebe und zur Vernichtung. Zwei große Szenen in unserem Text. Auf der vorderen Bühne sehen wir ein Elternpaar mit ihrem Kind und zwei alte Leute; eine ärmliche, bescheidene Szene, wie sie dem Alltag Israels entsprach. Auf der hinteren aber sehen wir etwas ganz Tiefgehendes und Grundsätzliches. In einem glanzvollen Hymnus wird die Gegenwart Gottes gepriesen, die alle menschliche Sehnsucht zur Erfüllung bringt und zugleich ist da der Schmerz Gottes in seiner Verwerfung durch die Menschen am Karfreitag. Dieses letzte Thema ist zu Weihnachten immer gegenwärtig, aber wirklich dran ist es am nächsten 2. Februar.

Heute gilt die Weihnachtsalternative: Gott begegnet uns in Armut und Bedürftigkeit. Warum ist diese Alternative so wichtig? Sie ist wichtig, weil sie bewirkt, dass wir uns verändern, wenn wir unser Herz an diesen Gott hängen. Sie ist wichtig, weil die Welt eine Alternative der Barmherzigkeit bekommt, deren Spuren wir überall entdecken und die seit 2000 Jahren –nehmen Sie das Alte Testament hinzu, dann sind es 3000 Jahre – ihre Zukunftsfähigkeit bewiesen hat gegen die scheinbare Allmacht von Gewalt und Schuld.

Heute gilt: Gott ist da, anders als Simeon und Hanna ihn erhofft hatten; Gott sei Dank auch anders, als wir ihn immer wieder erwarten; denn so ist er barmherziger, heilvoller, liebevoller, gerade in einer Gegenwart, die wir oftmals als unbarmherzig, heillos und zerstörerisch erleben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen