Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Segensreich

Segensreich

Predigt zum Erntedankfest
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Erntedankfest, 3. Oktober 2021

Predigt zu 2. Korinther 9, 6–15

Predigttext: 2. Korinther 9, 6–15

Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk; wie geschrieben steht: „Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.“ Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Lauterkeit, die durch uns wirkt Danksagung an Gott. Denn der Dienst dieser Sammlung füllt nicht allein aus, woran es den Heiligen mangelt, sondern wirkt auch überschwänglich darin, dass viele Gott danken. Um dieses treuen Dienstes willen preisen sie Gott für euren Gehorsam im Bekenntnis zum Evangelium Christi und für die Lauterkeit eurer Gemeinschaft mit ihnen und allen. Und in ihrem Gebet für euch sehnen sie sich nach euch wegen der überschwänglichen Gnade Gottes bei euch. Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Gemeinde!

Es gibt Wunschzettel und es gibt Bettelbriefe. Die Zeit der Wunschzettel bricht bald wieder an, im Advent, wenn Kinder aufschreiben, und wir Erwachsenen gefragt werden, was wir uns in diesem Jahr zu Weihnachten wünschen, womit wir uns gegenseitig eine Freude machen können.

Die Zeit der Bettelbriefe ist dagegen immer da. Bettelbriefe sind nicht an Feste gebunden, und es geht dabei weniger darum, anderen eine Freude zu machen, als Not zu lindern, andern zu helfen oder in einer Krise einzuspringen.

Die letzten Bettelbriefe oder -mails, die ich als Pastorin geschrieben habe, betrafen meistens diese Kirche. Ich habe zum Beispiel Menschen gebeten, Geld zu spenden für die neuen Kerzenleuchter an den Bankreihen. Damit an Festtagen wie heute oder bei Hochzeiten die Kirche festlich leuchtet und uns hilft, in eine festliche Stimmung, in Freude und Dankbarkeit zu kommen. Oder ich habe um Spenden gebettelt für die Restaurierung des Medaillons, das die Heimkehr des Tobias nach seiner Reise mit dem Engel Gabriel zeigt. Eine Steinmetzmeisterin hat die fehlende, abgebrochene Hand von Tobias fachgerecht ersetzt. Damit man auch sehen kann, wie Tobias seinen Eltern zuwinkt und sich über das Wiedersehen freut. Damit die Reliefs und Fenster in unserer Kirche weiterhin Gottes Geschichten für die Besucher erzählen.

Manchmal schreibe ich auch Bettelbriefe für Menschen: für Geflüchtete, die Bleiberecht, für Studierende, die ein Stipendium brauchen, für Konfirmanden oder Jugendliche, deren Familien einen Zuschuss zu einer Reise oder einem Konfirmationsanzug benötigen.

Ich weiß nicht genau, welche Erfahrungen Sie und ihr im Einzelnen mit Bettelbriefen habt, mit Anträgen oder Telefonaten für andere. Von manchen unter uns aber weiß ich, dass auch sie für andere Menschen oder Anliegen Dritte um Geld oder Hilfe bitten.

Gewöhnlich – so meine Erfahrung – sind Bettelbriefe umso wirkungsvoller, desto genauer man einerseits weiß, für wen oder was man bittet, worin die Not besteht, und desto besser man andrerseits den Adressaten kennt, dessen Herz und Portemonnaie man zu öffnen hofft. Und nicht zuletzt muss man selber davon überzeugt sein, glauben und fühlen, dass das Anliegen richtig ist.

Wir haben zu diesem Erntedankfest keinen Dankbrief, auch keinen Wunschzettel, sondern einen Bettelbrief als Predigttext. Einen Auszug aus dem Bettelbrief, den Paulus im 2. Korintherbrief im 8. und 9. Kapitel für die Gemeinde in Jerusalem schreibt. Er bittet die Christinnen und Christen in Korinth – und den umliegenden Gemeinden auf der Peloponnes und in Attika – um Geld für die Gemeinde in Jerusalem. Dort waren die Schwester und Brüder in Not, während es in der reichen Hafenstadt Korinth wohlhabende Christen gab.

Im 8. Kapitel rückt Paulus ihnen ziemlich auf die Pelle, dass sie etwas spenden sollen. Er schreibt: „Jetzt helfe euer Überfluss ihrem Mangel ab, damit ein Ausgleich geschieht“ (8, 14). So „prüfe ich auch eure Liebe, ob sie rechter Art sei“ (8, 8), ob eure Gabe auch „eine Gabe des Segens und nicht des Geizes“ sei (9, 5).

Als guter Bettelbriefschreiber kennt Paulus die Not, die Lebensumstände der bedrängten Christen in Jerusalem, für die er bittet. Vor allem aber kennt er auch die leitenden Personen in der Gemeinde in Korinth, namentlich Titus und Timotheus, die die Gemeinde mitgegründet und sie in ihrer Anfangsphase begleitet haben. Viel guten Willen muss es in dieser wohlhabenden Gemeinde gegeben haben, davon spricht Paulus immer wieder: „Ich weiß von eurem guten Willen. Und euer Beispiel hat viele angespornt.“ (9, 2) Nun sollen sie zeigen, was sie können. Paulus will Taten sehen, will Geld eintreiben für die Jerusalemer.

Er packt die Korinther bei ihrer Ehre. Erst erinnert er sie an das, was ihnen schon gelungen ist. Und dann verbindet er sich und auch die Jerusalemer mit ihnen in der gemeinsamen Sache. Er malt nicht in grellen Farben die Not aus, die es abzuwenden gilt, sondern beschreibt das, was die Korinther von ihrer Gabe haben werden: „Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.“ (9, 6) Wenn ihr jetzt reichlich sät, werdet ihr auch reichlich ernten. Wer viel gibt, wird viel empfangen.

Ich weiß nicht, welche Erfahrungen ihr damit gemacht, viel zu geben? So viel, dass es auch für euch viel war. Wie das berühmte „Scherflein der Witwe“ eben für die Witwe viel war. Oder wie die Flasche mit dem teuren Salböl, mit dem die unbekannte Frau Jesus übergossen und ihn gesalbt hat, wirklich teuer war. Welche Erfahrungen mögen wir wohl damit haben, viel zu geben?

Ich musste überlegen, wem ich außerhalb meiner Familie einmal so viel gegeben habe, dass ich es wirklich gespürt, auf meinem Konto gesehen – und mich danach ehrlicherweise auch einige Male gefragt habe, wie ich das nun finde, ob dies klug von mir war…

Und jenseits finanzieller Opfer gibt es ja noch andere Wege oder Situationen, wo wir jemand geholfen haben – und es war eine große Hilfe. Eine, die unseren Alltag verändert, unsere Kräfte und Nerven strapaziert hat. Sei es die Pflege von Angehörigen, das Vorlesen in einem Kindergarten oder einer Grundschule, das Engagement als Kulturbegleiterin, der Deutschunterricht für Geflüchtete oder die Gastfreundschaft für Fremde. Oder auch die Mitarbeit in Projekten, Vereinen oder Gremien.

Manchmal kann einem das, was man mit gutem Willen angefangen hat, auch zu viel werden, kann es die eigenen Kräfte übersteigen. Ich möchte das nicht klein reden oder beiseiteschieben. Es geht nicht darum, dass wir alles geben sollen oder um jeden Preis. Es kann Situationen oder Konstellationen geben, in denen wir einander nicht guttun oder mit unseren Gaben und Bedürfnissen nicht am richtigen Platz sind. Paulus betont ja nicht ohne Grund: „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“ (9, 7)

Ich glaube aber, dass wir in den Beziehungen, in die wir durch unsere Gaben und Spenden, durch unser Engagement und unsere Hilfe treten, etwas von dem erfahren können, was Paulus „die Früchte eurer Gerechtigkeit“ (9, 10) nennt.

Wie Sie, wie ihr diese „Früchte“ eurer Saat, eurer Arbeit oder Unterstützung wohl beschreiben würdet? Was es für uns verändert hat, etwas zu geben oder zu tun, anderen Menschen zu helfen, etwas abzugeben und zu ermöglichen?

Für mich ist es am meisten das Gefühl der Verbundenheit, das daraus erwachsen ist, andere mit Geld, Kraft oder Zeit zu unterstützen. Die Zugehörigkeit und Verantwortung für andere Menschen, die uns wiederum teilhaben lassen an ihrem Leben. Menschen, mit denen wir in Verbindung bleiben, mit denen wir eine Geschichte teilen, einprägsame Erfahrungen – vielleicht gerade Erfahrungen von Not, Mangel oder Suche –, mit denen wir gemeinsame Interessen oder Ziele haben. Dass wir uns eingebunden wissen in eine Gemeinschaft, uns als wirkungsvoll erleben können, unsere Gaben und Begabungen als sinnvoll und gebraucht.

Viele „Früchte der Gerechtigkeit“ mag es geben, so wie wir unterschiedlich empfinden und gewichten, was wir geben und was wir bekommen: Freundschaft, Anerkennung, auch neue Einsichten oder Zugänge zu uns bislang fremden Menschen oder Lebenssituationen. Stolz oder Glück, überhaupt geben zu können.

Klug weist Paulus darauf hin, dass wir nicht immer das zurückbekommen, was wir erwartet oder uns gewünscht haben, dass wir nicht eins zu eins ernten, was wir gesät haben. Sondern dass Gottes Segen in unserem Leben auf Gottes Art und Weise aufgeht.

Gemeinsam wird uns Christen als eine wesentliche „Frucht unserer Gerechtigkeit“ die Stärkung unserer Beziehung zu Gott sein, zu unserem Schöpfer, dem Geber aller Gaben. Dem wir unsere eigenen Begabungen verdanken, unser Hab und Gut, überhaupt unsere Fähigkeit zu geben. Dessen Segenskraft auch durch unsere Gaben fließt. Im Geben schließen wir uns an Gottes Bewegung an, an seine Schöpfungskraft, seine Liebe und Barmherzigkeit.

Die „überschwängliche Gnade Gottes“ lässt uns im Leben viel ernten und empfangen – dafür lasst uns Gott heute am Erntedankfest danken. Aber Gottes Gnade kann in uns und durch uns auch viel bewirken. Und auch dafür – für unsere Möglichkeiten, aus der Fülle zu säen, zu geben und Gutes zu tun – sagen wir heute Dank. „Gott sei Dank für alle seine Gaben!“ (9, 15)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.