Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Sie werden von Saba kommen

Sie werden von Saba kommen

Predigt zu Epiphanias
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 7. Januar 2024

Predigt zu Matthäus 2 & zur Bachkantate

Predigttext:

Altestamentliche Lesung aus: Jesaja 60, 1- 6
Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden. Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen.

Evangelium: Matthäus 2, 1-12
Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. 5 Und sie sagten ihm: Zu Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten: »Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.« Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete. Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Predigt:

Die heiligen drei Könige haben mich oft besucht. Sie kamen nicht aus Saba, sondern aus der Steingasse, aus dem Ge­meinde­haus der katholischen Kirche in meinem Heimatdorf. Sie brachten auch nicht Gold, Weihrauch und Myrrhe mit, sondern sie wollten etwas haben. Spenden für andere Kinder irgendwo auf der Welt und Süßigkeiten für sich selbst. Und für mich war immer spannend, ob einer meiner Klassen­kameraden oder eine Freundin mit dabei war beim Dreikönigs­singen an den Haus­türen des Dorfes. Ein bisschen ramponiert sahen diese Könige oft aus: Das kam schon mal vor, dass sich das Goldpapier von der Krone löste oder der „Pelz“besatz vom Mantel, der um eine 8-Jährige herum­­schlabberte. Besonders exotisch oder beeindruckend fand ich den königlichen Besuch also nicht.

Für meine Oma allerdings hatte dieser etwas unprofessionelle und auch musikalisch eher fragwürdige Auftritt eine große Be­deutung. Und zwar weil die Könige eben doch etwas brachten und zurückließen: eine paar Kreidestriche an der Haustüre. Sie kennen das vermutlich diesen Segensspruch für das Haus: die Jahreszahl und dazwischen CMB für „Christus mansionem benedicat“ – Christus segne dieses Haus. Die Könige, egal wie kindlich, unmusikalisch und zerknittert, brachten den Segen für das Jahr.

Viel später habe ich interessanterweise an diese heiligen drei Kinderkönige zurückdenken müssen. Nämlich als ich das erste Mal in der Wüste den Sternenhimmel erlebt habe. Das ist über­wältigend. Das ist überhaupt nicht vergleichbar mit dem nächt­lichen Himmel, den wir in unseren erleuchteten Städten oder Dörfern sehen können. Da öffnet sich wirklich der Blick in die Unendlichkeit der Schöpfung. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes unfassbar, da kann man nur noch staunen. Man selbst fühlt sich winzig klein im Dunkel der Nacht und erahnt, was unsere Erde umgibt. Da konnte ich plötzlich nach­vollziehen, dass die Sterne seit Jahrtausenden die Menschen faszinieren. Man geht ja davon aus, dass der Ursprung der Stern­kunde in der sumero-babylonischen Kultur anzusiedeln ist und bis ins 3. vorchrist­liche Jahrtausend zurückgeht. Unter diesem Wüsten­sternenhimmel konnte ich mir zum ersten Mal die Weisen aus dem Morgenland vorstellen. Wie sie – in damals schon uralter Tradition – den Himmel sorgsam und systematisch beobachtet haben. Weisheit zeichnet sich ja meist durch einen weiten Hori­zont aus und an diesem weiten Horizont tat sich etwas. Ich sehe die drei vor mir, wie sie gestaunt haben müssen, als sich dort ein neues, unge­wöhn­liches Schauspiel vor ihren Augen abzeichnete. Wie sie ver­standen haben, dass die Unend­lich­keit, die Ewigkeit sie in ihrem winzigen irdischen Zeitmoment berührt. Dass das etwas Neues bedeutet, etwas Großartiges. Etwas das über das hinaus­geht, was sie bisher kannten und in all ihrer Weisheit wussten.

Sterne verweisen immer auf etwas Besonderes. Wir verstehen das ja auch in unserer Umgangssprache ganz selbstverständ­lich. Wer eine Eins mit Stern bekommen hat, fühlt sich zu Recht ausge­zeichnet. Hotels werden mit Sternen be­wertet, je mehr desto besser. Für Restaurants gibt es heiß be­gehrte Michellin-Sterne. Sterne finden sich in Flaggen und im Logo mancher Marke. Immer weisen Sterne auf etwas hin – und zwar auf etwas ganz Besonderes, Herausragendes, Kost­bares.

Das schürt die Sehnsucht. Schon damals hat es die Weisen sehnsüchtig gemacht. Es hat sie bewegt, bewegt im wahrsten Sinne des Wortes. Sie konnten nicht mehr still­sitzen. Der Stern hat sie in heilsame Unruhe versetzt und auf die Beine gebracht. Sie haben Abschied genommen vom Altvertrauten und den Auf­bruch gewagt ins Ungewisse. Sie machen sich auf die Suche und der Stern leitet sie auf ihrer Reise.
Dabei kommen sie dann zuerst einmal nach Jerusalem. „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen.“ So fragen sie in der Hauptstadt. Aber es ist ein Umweg, wie sich herausstellt. Denn im Palast von Jerusa­lem guckt man offensichtlich nicht in die Sterne. Man sucht nichts Neues, im Gegenteil, man will am Alten fest­halten. Das Neue, das Fremde sorgt für Erschrecken. Mehr noch: für böse Gedanken und Pläne.

Aber wer weise ist, gibt nicht auf. Der Stern ist das Sehnsuchts­zeichen und er leuchtet noch immer. Deswegen sprechen wir auch davon, dass das Leben Stern­stunden hat. Das sind be­son­dere Momente, in denen etwas geglückt ist, ein Wunsch erfüllt wird, ein Ziel erreicht. Ein Augenblick, in dem alles stimmt. Unsere Sterndeuter kommen ans Ziel. Sie finden ihren Stern über den Stall:

„Denn dieser Tag ist mir ein Tag der Freuden,
Da du, o Lebensfürst,
Das Licht der Heiden und ihr Erlöser wirst.“
So hat der Bass eben die Sternstunde an der Krippe besungen.

In den Sternkundigen von damals können wir uns selber er­kennen und finden. Wir sind Suchende, unter­wegs auf der Lebens­reise, unruhig, ahnend und hoffend. Was uns den Weg weist, ist die Sehnsucht, die Gott selbst uns ins Herz gelegt hat: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“ so hat der Kirchenvater Augustin es einmal treffend auf den Punkt ge­bracht. Im Endeffekt sind wir Gottsuchende, auch wenn wir es manchmal nicht wissen, wie auch die Weisen noch nicht wussten, was sie finden würden. Und wer Gott sucht – so das Evangelium von heute – geht unter einem guten Stern.

Die Sehnsucht hat sich schon immer ihren Weg gesucht und auch Worte gefunden. „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!“ Lichtvolle Sternstunden haben die Propheten be­schrieben. Das Dunkel haben sie dabei nicht ausgeblendet. „Denn siehe Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker“. Das können wir auch heute noch gut nachvoll­ziehen. Das könnte ich jetzt ausführlich beschreiben, mit alten und aktuellen Bildern belegen, aber das kennen Sie alle und darum geht es heute nicht: Der Fokus der Botschaft liegt auf dem Licht, das aufgeht. Jesaja hat vorhergesagt, dass es licht werden wird, dass alle von diesem Glanz angezogen werden. Er hat prophe­zeit, dass sie kommen werden aus Saba. Meine Meckesheimer Steinstraße hatte er noch nicht im Blick, aber er wusste, dass sich die Sehnsüchti­gen auf den Weg machen, auf weite Wege und dass sie fündig werden!

Die Kantate hebt diesen Gedanken hervor: Die Verheißung erfüllt sich. Der unbekannte Textdichter verbindet den alttesta­ment­lichen Text des Tages mit dem Evangelium, und das heißt konkrekt: Die Sehnsucht geht nicht leer aus.

„Was dort Jesaias vorhergesehn,
Das ist zu Bethlehem geschehn.“ haben wir eben gehört.

Und dann geht es in Bachs Kanate um das, worum es an Weih­nachten natürlich auch immer geht: um Geschenke. Die Heiligen Drei Könige sind natürlich bekannt dafür, dass sie dem Kind, dem König Geschenke bringen: Gold, Weihrauch, Myrrhe.

Und wieder können und sollen wir uns in den Weisen erkennen – nicht nur auf dem Weg, nicht nur auf der Suche, sondern auch am Ziel, auch an der Krippe. Und wir werden gefragt: Welche Geschenke bringen wir?

„Was aber bring ich wohl, du Himmelskönig?
Ist dir mein Herz nicht zu wenig,
so nimm es gnädig an,
weil ich nichts Edlers bringen kann.“

Es geht darum, sein Herz zu verschenken an dieses Kind in der Krippe. Das ist natürlich altertümliche, vielleicht auch fromm anmutende Sprache. Aber die Frage ist trotzdem aktuell: Wie tief berührt uns Weihnachten? Sind diese Tage an uns vorbei­gezogen mit all der schönen Dekoration, mit dem Besuch von lieben Menschen und mit feierlicher Musik? Oder bringt die Geschichte von der Menschwerdung Gottes unsere Sehnsucht zum Klingen, lässt sie uns Sternstunden erleben, ahnen wir Antworten auf unsere Lebensfragen?

Die Kantete buchstabiert aus, wie unsere Herzensgeschenke aussehen könnten:
Des Glaubens Gold,
der Weihrauch des Gebets,
Die Myrrhen der Geduld sind meine Gaben,
Die sollst du, Jesu, für und für
Zum Eigentum und zum Geschenke haben.

Glaube, Gebet, Geduld.
Mein Glaube ist mir in meinem Leben schon oft wie Gold vorge­kommen. Wie das kostbarste Geschenk überhaupt. Eigentlich nicht ein Geschenk, das ich machen könnte, sondern das ich be­kommen habe: nämlich die Gabe, glauben zu können. Darauf zu ver­trauen, dass Gott mein Leben hält. Immer wieder sind da auch Zweifel und Fragen. Immer wieder muss ich mich rückver­sichern im Gebet. Beziehung kann man nur aufrecht­erhalten, wenn man miteinander spricht: Das gilt für Gott genauso wie für Menschen. Und wie bei Menschen habe ich ab und zu auch das Gefühl, das meine Worte im Leeren verhallen. Manchmal braucht es Geduld. Oft braucht es Geduld. Aber im Endeffekt trägt das Vertrauen, dass Gott mir nahegekommen ist, weil er Mensch wurde. Weil es dieses Kind in der Krippe gab und gibt.

Weil Gott Mensch geworden ist, kann der Weg zu Gott auch nie mehr am Menschen vorbei gehen. Und da muss ich wieder an meine Sternsinger aus der Steinstraße denken. An ihre leeren Hände – kein Gold, Weihrauch, Myrrhe. Ob diese Kinder, die heute noch am Dreikönigstag losziehen und singen, beten, glauben, geduldig sind? Keine Ahnung. Aber was ich weiß, ist, dass unzählige von diesen singenden Königskindern im letzten Jahr 45,5 Mio € Spenden gesammelt haben, um sie anderen Kindern zum Geschenk zu machen. Von wegen leere Hände! Mit dieser Gabe bringen sie Sternstunden in das Leben so vieler Kinder, die in Not sind. Kinder, die wie Jesus in Armut und Obdachlosigkeit geboren sind oder die – wie er gleich nach seiner Geburt – auf der Flucht sind.

Diese Könige bringen uns alles, was wir brauchen: Sie bringen uns den Stern – das Sehnsuchtszeichen, das hoffentlich etwas in uns Bewegung setzt, damit wir auf der Suche bleiben. Sie befragen uns nach uns nach unserem Glauben und verweisen uns an unsere Mitmenschen in Not. Und sie segnen uns und unser Haus. Unter diesem Segen können wir gut ins Jahr 2024 gehen. Amen.