Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – So zieht nun an…

So zieht nun an…

Predigt im Gottesdienst für Liebende am 13. Februar
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Predigt zu Kolosser 3,12–14

Predigttext: Kolosser 3,12–14

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Amen.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Sie erinnern sich, ihr erinnert euch bestimmt daran: An die Kleidungsstücke, die ihr beim Kennenlernen getragen habt. Was ihr anhattet beim ersten richtigen Date, welche Sachen ihr in der ersten verliebten Zeit am andern besonders gerne mochtet. Ein bestimmtes Kleid oder einen bestimmen Wollpulli, ein Schlafshirt, das an die aufregenden Nächte des Anfangs erinnert oder ans Frühstücken im Bett, eine Jacke, die zur ersten gemeinsamen Reise gehört…

Kleidungsstücke, die uns auch nach Jahren etwas von unserer Liebe, vom Verliebtsein, Verlangen, Kennenlernen und Zusammenziehen erzählen. Von manchen mögen wir uns gar nicht trennen, so viele Bilder, Erlebnisse und Gefühle sind mit ihnen verbunden!

Und manchmal wundern wir uns auch nach einigen Jahren: Was, das fand ich einmal toll an dir? Das hast du, das habe ich einmal gerne getragen und fand mich schön darin?

„Kleider machen Leute“ heißt ein Sprichwort nach einer Erzählung aus dem 19. Jh. Kleider stellen uns in ein besonderes Licht, zeigen bestimmte Seiten von uns – ob wir dies beabsichtigen oder nicht.

Und etwas abgewandelt könnte man auch sagen: „Kleider machen Beziehungen“. Manche Kleidungsstücke, wie der Talar, den ich jetzt trage, das sog. Hamburger Ornat, stellen eine Beziehung her, die zwischen einer Pastorin und einer Gemeinde. Wie ein Arztkittel, eine Anwaltsrobe oder ein Blaumann dabei helfen, bestimmte berufliche Beziehungen herzustellen.

Aber auch weniger prägnante Kleidung erzählt davon, wie wir einander begegnen möchten, was wir ausstrahlen oder wie wir angesehen und behandelt werden möchten. Ein kuscheliger Mohairpulli hat eine andere Wirkung als eine hochgeschlossene weiße Seidenbluse. Ein Holzfällerhemd weckt beim Gegenüber andere Assoziationen als ein maßgeschneiderter Anzug.

Ob wir auf andere freundlich und weich, respekteinflößend, nüchtern oder dominant, kreativ, zurückhaltend oder extravagant wirken wollen, das wird unsere Kleiderwahl mitbeeinflussen. Denn wir wissen: Kleider beeinflussen Beziehungen.

Im Kolosserbrief im Neuen Testament, dem Predigttext heute, spielt der Verfasser, der sich als der Apostel Paulus ausgibt, mit dem Bild der Kleidungsstücke und des Anziehens.

„So zieht nun an…“, sagt er. Und fordert die kleine Gruppe von Christinnen und Christen in der Stadt Kolossai in der heutigen Türkei dazu auf, bestimmte Eigenschaften oder Haltungen anzulegen, wie Kleidungsstücke.

„Als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten“ spricht er sie und uns an. Als „die Geliebten Gottes“, die mit Gott im Bund stehen, zu ihm gehören wollen, wie Gott zu seinen geliebten Menschen und ihrem Leben gehören will.

„Als meine Auserwählten und Geliebten“, so formuliert der Verfasser Gottes Botschaft, „zieht nun an herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld“. Ein Tugendkatalog, der freundlich auftritt, im Gewand der Liebe, im Bild von Kleidungsstücken.

„Herzliches Erbarmen“ nennt er als erstes. Mitgefühl, Empathie, Weichherzigkeit. Wie sie in den langen Monaten der Pandemie vielleicht besonders von uns gefordert waren. Mitfühlend, barmherzig zu sein mit den Menschen, die genauso ängstlich oder niedergeschlagen waren wie wir selbst, mit denen wir auf engem Raum gehockt, die immer gleichen Tagesabläufe geteilt haben… Empathisch auch mit denen, die sich nach unserer Ansicht übertrieben vorsichtig oder auch unvorsichtig verhalten haben, die anders mit Kontaktbeschränkungen, Impfungen und Tests umgegangen sind als wir, die uns fremd geworden sind.

Nach „Barmherzigkeit“ nennt der Verfasser „Freundlichkeit“. Ein Begriff, der nach meiner Wahrnehmung in unserer Zeit an Wert oder Bedeutung verloren hat. Jemand, der als „freundlich“ oder „nett“ bezeichnet wird, gilt ja manchmal als nicht ganz ernst zu nehmen, ein bisschen naiv. Und dabei sind freundliche Mitmenschen, nette Nachbarn eigentlich eine Wohltat! Ein Geschenk, wenn mir ein anderer wie eine „Freundin“ oder ein „Freund“ begegnet!

„Demut, Sanftmut, Geduld“ sind weitere Haltungen, die uns empfohlen werden. Eigenschaften, die einen vielleicht eher verletzlich erscheinen lassen, die uns nicht gerade in machtvolle Positionen bringen. Sondern eher liebevolle, zärtliche, nachgiebige Haltungen beschreiben.

Ich denke, dass manche von uns vielleicht noch gar nicht so viele Erfahrungen mit „Demut, Sanftmut, Geduld“ gemacht haben. Wie es ist, eigene Wünsche zurückzustellen; geduldig zu sein bei Enttäuschungen und Rückschlägen, geduldig mit meinen eigenen Schwächen und denen der anderen; sanft und nachgiebig, auch wo ich mich ärgere oder im Kopf rechne oder unter Druck bin. Und andere unter uns mögen sehr wohl schon einiges an Geduld, Demut und Sanftmut aufgebracht haben für ihre Kinder oder ihre Eltern, in schwierigen Beziehungen oder herausfordernden beruflichen Zeiten. Mögen auch die Grenzen kennen, wo Geduld und Sanftmut nicht mehr förderlich sind für gute Beziehungen.

Wie Kleidungsstücke, die es für das Zusammenleben mit anderen braucht, beschreibt der Autor diese christlichen Haltungen. Und wir können uns überlegen, welches darunter wohl unser Lieblingskleid, unsere Alltagshose oder unser Schlafanzug ist. Ob wir das „herzliche Erbarmen“ eher nach außen gewendet oder nur innen, auf der eigenen Haut tragen? „Freundlichkeit“ und „Demut“ als Büro- oder als Wochenend-Look? Welche Sachen uns schmeicheln, was wir im Schrank verstauben lassen und was uns kratzt?

Eine besonders gelungene Formulierung in der Passage aus dem Kolosserbrief ist für mich die auf den genannten Tugendkatalog Folgende: „Ertragt einer den andern und vergebt euch untereinander!“ Weil in unserem Zusammenleben als Paar, aber auch in der Familie, im Freundeskreis oder im Beruf, oft viel gewonnen ist, wenn uns gelingt, was gar nicht so besonders liebevoll oder romantisch klingt: den anderen, die andere zu „ertragen“. Ihn aushalten in seinem So-Sein, sie begleiten und mittragen in ihrem Anders-Sein. Und dabei auch zur Vergebung bereit sein: Kränkungen, Missverständnisse, Verletzungen vergeben, mein Herz und meine Gedanken davon wieder freimachen und den anderen, den Geliebten oder die Geliebte wieder unvoreingenommen ansehen und wertschätzen.

Auch dies – die Bereitschaft zum Ertragen und Mittragen, zu Vergebung, Weitherzigkeit und Verbundensein auch, wo es knirscht – empfiehlt uns der Verfasser wie Kleidungsstücke. Die es immer wieder anzulegen gilt, die wir uns nicht einmal vornehmen und anziehen können – und dann hätten wir sie. Sondern wir müssen sie sozusagen immer wieder aus dem Schrank holen, sie ausschütteln, vielleicht anpassen und abändern und uns neu anziehen. Für eine neue Lebenssituation, eine andere Herausforderung, den nächsten Schritt auf dem gemeinsamen Lebensweg.

„Über alles aber zieht an die Liebe“, schließt der Abschnitt. „Sie ist das Band der Vollkommenheit.“

Die Liebe wie ein Band, wie eine leuchtende Seidenschärpe oder ein fester Ledergürtel, der uns als Geliebte Gottes zusammenhält. Als Einzelne mit den Haltungen und Begabungen, die uns im Zusammenleben leichtfallen, wie mit denen, die wir uns immer wieder bewusst hervorholen müssen. Als Paar in der Besinnung auf das goldene Band der Liebe, das uns verbindet und das uns zu manchen Zeiten wie verzaubern kann und von ganz allein zu freundlichen, mitfühlenden und weitherzigen Menschen werden lässt. Und auch als Geliebte Gottes, im Gegenüber zu Gott, der unsere Liebesfähigkeit stärken und uns immer mehr zu Liebenden machen will.

Wenn wir heute oder morgen, rund um den Valentinstag, den Gedanken des biblischen Autors weiterspinnen… Und einmal so tun, als wäre der Frühling schon da, unseren Kleiderschrank durchsehen und sortieren, manches wegwerfen, anderes weitergeben, wieder anderes einmal lüften und nach vorne legen… Was wünsche ich mir, wieder einmal zu tragen? In welcher Kleidung, mit welcher Haltung möchte ich meiner, meinem Geliebten begegnen? Worin fühle ich mich wohl – oder aber auch ein bisschen ungewohnt – aber eigentlich steht es mir gut?

Und vielleicht, ganz ohne Worte, bemerkt mein Partner, meine Partnerin schon gleich auf dem Rückweg von der Kirche, welches Kleidungsstück ich mir gerade anziehe, womit ich sie oder ihn heute überraschen werde…

„Über alles aber zieht an die Liebe!
Denn sie ist langmütig und freundlich.
Die Liebe hört niemals auf.“ Amen.