Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Stärken und Schwächen

Stärken und Schwächen

Predigt am 30. Juni
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

5. So. n. Trin.

Predigt zu 2. Korinther 12, 1–10

Predigttext: 2. Korinther 12, 1–10

Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. 2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. 3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, 4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. 5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. 6 Denn wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich kein Narr; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. 7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. 8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. 9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. 10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

„Gerühmt muss werden“ (V. 1) – so beginnt der Apostel Paulus den zweiten Teil seiner sog. Narrenrede, unseren heutigen Predigttext. „Gerühmt muss werden“ – das war anscheinend seine Erfahrung in der reichen, multikulturellen Hafenstadt Korinth, wo er wenige Jahre zuvor eine kleine, streitbare christliche Gemeinde gegründet hatte. Als er Korinth verlassen hatte, um in Ephesus und dann später in Makedonien zu missionieren, wandten sich Teile der Gemeinde anderen religiösen Lehrern zu, die wohl teils christliche, teils andere Ansichten verbreiteten. Um die und in der Gemeinde in Korinth war ein Wettstreit ausgebrochen: Wer ist der beste Leiter für uns? Wer kann am besten reden, wer sieht am besten aus? Wer passt zu uns und überzeugt uns?

„Gerühmt muss werden“, stellt Paulus fest. Ob er dies überdrüssig-entnervt oder von seinen Gemeindegliedern enttäuscht oder amüsiert sagt, wissen wir nicht. Jedenfalls begibt er sich aus der Ferne, schriftlich per Brief in den Wettkampf mit den anderen religiösen Autoritäten. Wem sollte der Ruhm, die Ehre gebühren, in der weltläufigen Stadt Korinth ein angesehener Mann des öffentlichen, philosophisch gebildeten Lebens zu sein? Welchen Ruhm beansprucht Paulus für sich?

Ich habe mich bei der Beschäftigung mit dem Text gefragt, was Ruhm eigentlich ist, wozu das Rühmen gut sein soll? Wen kennen wir, der sich gerne selbst rühmt, und wofür? Wer möchte sich solcher Aufmerksamkeit lieber entziehen? Und wofür, meinen wir, könnte uns selbst Ruhm gebühren?

Das ist für die meisten von uns, glaube ich, gar nicht so leicht zu sagen: Was wohl unsere Verdienste oder Leistungen sind, oder wofür wir gerne laut und öffentlich gerühmt würden… Gar nicht so leicht zu wissen!

Ich musste an ein Buch von Daniel Kehlmann denken, schon 2009 erschienen, das den Titel „Ruhm“ trägt. Kehlmann setzt sich darin phantasievoll und hellsichtig mit den Folgen zwischenmenschlicher Kommunikation per Mobiltelefon, Computer und Internet auseinander. In neun lose miteinander verknüpften Geschichten erzählt er zum Beispiel von dem Techniker Ebling, der sich ein Handy zulegt, dabei aber die noch aktive Nummer des Filmschauspielers Ralf Tanner zugewiesen bekommt. Ebling verabredet sich mit den Frauen, die den Schauspieler anrufen, und versucht auch, in dessen Geschäfte einzusteigen – ohne jedoch wirklich zur Tat zu schreiten. Nur virtuell ist er ein anderer geworden und partizipiert an Tanners Ruhm.

Eine andere Geschichte erzählt von einem Paar – er Schriftsteller, sie bei „Ärzte ohne Grenzen“ politisch engagierte Ärztin –, das sich zu einer Vortragsreise in Lateinamerika aufhält. Während er unter den Vorträgen, Lesungen und Empfängen leidet, gelangweilt und angestrengt ist, ist sie per Handy und PC völlig absorbiert vom Schicksal drei entführter Ärzte in Afrika. Spannung, Ansehen und Ruhm erleben die beiden nicht gemeinsam als Paar vor Ort, obwohl alles dafür da wäre, sondern getrennt und sie, die Frau, abgeleitet vom dramatischen Schicksal ihrer Kollegen.

Zwei Beispiele für den Umgang, die Sehnsucht oder Unsicherheit im Blick auf Ruhm in unseren Zeiten der digitalen Kommunikation, wo sich das Ansehen eines Menschen mitunter völlig von der realen Person und ihrem Erleben ablösen kann.

Ohne jetzt auf die möglichen problematischen Folgen von Social Media eingehen zu wollen, frage ich mich, welche Art von Ruhm und Ansehen darin heute vor allem gesucht wird? Aussehen, Kraft, Sex Appeal, Mut, Besitz, Experimentierfreude und Offenheit… Bilder von Stärke in den Vorstellungen und Inszenierungen unserer Zeit.

Je nach unseren eigenen Prägungen, unseren Interessen und wahrscheinlich auch je nach Alter werden wir auf das Eine oder Andere anspringen: Vielleicht auf Ästhetik, Weltgewandtheit, Offenheit oder Bildung…

Was bewundern, was rühmen wir am ehesten an einem Menschen?

„Gerühmt muss werden“ – stellt Paulus fest. Und dann rühmt er einen Menschen – es ist nicht ganz klar, ob er sich selbst, einen anderen oder eine Phantasiegestalt meint – der „ins Paradies entrückt“ wurde und „unaussprechliche Worte hörte, die kein Mensch sagen kann“ (V. 4). Der also Visionen und Auditionen hatte, besondere spirituelle Erlebnisse.

Ich glaube, wir erkennen hier wie durch einen Türspalt, wofür Paulus selbst eigentlich am liebsten gerühmt würde: Für seine Nähe zu Gott, sein Verständnis der göttlichen Offenbarungen und seine spirituellen Sensationen.

Aber zugleich weiß er: Genau das liegt eigentlich nicht an ihm. Dafür ist nicht er zu rühmen. Nähe zu Gott, spirituelle Erfahrungen, Glauben, Vertrauen kann man nicht selbst herstellen. Sie sind nicht Ausweis einer mentalen oder geistlichen Stärke, die wir selbst entfaltet hätten. Das macht ihm Gott – so deutet es Paulus – immer wieder deutlich, indem er ihm Schmerzen, Krankheiten, Anfechtungen, Schmähungen und Verfolgungen auferlegt. Das tut Gott, „damit ich mich nicht überhebe“ (V. 7), sagt Paulus.

Er legt damit seine eigenen inneren Kämpfe offen: Den Drang nach Ruhm, nach einem guten Namen, nach Anerkennung der Gemeinde in Korinth und auch der anderen Apostel – und zugleich sein Drang, Gott zu gehören, Gottes Nähe zu spüren, sich in Gottes Dienst zu stellen.

Ein Dilemma, groß und berühmt sein zu wollen, aber gleichzeitig gar nicht so sicher zu sein, was ich mir eigentlich selbst zuschreiben darf, was wirklich meine eigenen Verdienste ist.

So geht es manchmal Erbinnen und Erben, die vom Vermögen ihrer Eltern leben – nicht sicher, was sie von diesem Erbe eigentlich verdient haben. So geht es manchmal auch besonders begabten Menschen, denen viel zufällt, ohne dass sie sich dafür anstrengen mussten – und die dann gar nicht so sicher fühlen, was eigentlich ihr eigener Anteil am Erfolg ist.

„Damit ich mich nicht überhebe“, sagt Paulus, mich nicht überschätze, mir nichts Falsches einbilde über meine eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten – darum lässt Gott mich auch Krankheiten und Anfechtungen erfahren. Ein Gedanke, der sicherlich nicht im Umkehrschluss heißen soll: Gott bestraft unseren Übermut. Vielmehr die Erfahrung, in Krisen oder in Schwäche so auf mich selbst zurückgeworfen zu sein, dass ich zweifelsfrei erkenne, wer ich bin, was mich ausmacht, worin meine Kraft liegt.

Ist es meine Phantasie und Kreativität, die mir in Schmerzen oder Schwäche helfen? Ist es meine Geduld? Sind es Freundschaften, Beziehungen zu anderen, meine Liebesfähigkeit, die mich tragen? Ist es meine Freude am Denken, am Lernen oder an der Musik, die mir auch in Krisenzeiten andere Welten aufschließt?

Als ich am Freitag in der Diakoniestiftung im Mittelweg nach dem Gottesdienst die Bewohnerinnen fragte, was sie in Altersschwäche, Krankheiten oder Krisen für sich entdeckt hätten, antworteten sie fast wie aus einem Mund: Innere Kraft! Und auf meine Nachfrage, was das denn für sie sei, sagten sie: Furchtlosigkeit – keine Angst mehr vor körperlicher Schwäche, vor dem Vergessen, der Abhängigkeit von anderen zu haben. Geduld, sagte eine andere, Beharrlichkeit, Dranzubleiben am Leben, auch wenn es ganz anders geworden ist. Freude, meinte eine weitere, Freude über das, was ihr jeden Tag begegnet…

Paulus schreibt in eine ähnliche Richtung, wie er in den Tiefen und Kämpfen seines Lebens Gott kennengelernt hat: „Er – Gott – hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“ (V. 9)

Paulus hat Gottes Nähe und Hilfe – so verstehe ich ihn – vor allem in den Phasen gespürt, in denen er äußerlich betrachtet schwach war. Krank oder einsam auf seinen vielen Reisen, verspottet oder in Gefangenschaft. Das, wofür er sich selbst am liebsten rühmen würde, was für ihn das Wichtigste und Beste ist – Gotteserkenntnis, Gottesnähe, geistliche Erfahrungen –, das konnte er dann am meisten, am intensivsten empfinden, wenn er schwach war. Zurückgeworfen auf sich selbst.

„Wenn ich schwach bin, so bin ich stark“ (V. 10), schließt Paulus seine Narrenrede. Wenn ich frei werde, kann ich Gott nah sein. Wenn ich leer werde, entsteht Raum für Gottes Gnade. Und das mag dann unser Schatz sein, unser Gewinn und unsere Freude!

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.