Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Sterngucker

Sterngucker

Predigt am 3. Januar 2021
Pastorin

Andrea Busse

Predigt zu Epiphanias

Mt 2, 1-12

Sterngucker

 

Der Blick in den Sternenhimmel hat Menschen aller Zeiten fasziniert. Laien genauso wie Experten. Drei Spezialisten sind wohl die berühmtesten Sterngucker der Geschichte geworden: die Weisen aus dem Morgen­land. Wahrscheinlich waren sie Astrologen, Beratern am persischen Hof. Und sie sehen etwas, was sie aufblicken lässt. Ob das nun, wie später gemut­maßt wurde, eine Supernova war, ein Komet oder eine Planenten­konjunktion ist eigentlich egal – irgendetwas Besonderes tat sich am Himmel. Und das hieß in der damaligen Vorstellung: Irgendetwas Besonderes tut sich auch auf der Erde. Eine Zeiten­­wende von kosmo­logischem Ausmaß, die sogar Widerschein am Himmel findet. Ein neuer König muss das sein. Die drei brechen auf – losgeschickt in diploma­tischer Mission, um den neuen König zu suchen.

Es ist eine der biblischen Geschichten, die schon ganz früh (schon im 3. Jahrhundert) – und unendlich oft künstlerisch dargestellt wurden. Und diese Darstellungen haben sich im Laufe der Zeit verändert – so wie sich im Brauchtum auch die Erzählung verändert hat: Am auffälligsten sicher, dass aus den Weisen Könige wurde. Irgendwann wurde es üblich, einen der drei mit dunkler Hautfarbe darzustellen. Damit verkörperte jeder der drei einen der drei damals bekannten Kontinente – die ganze Welt kommt, um das Kind anzubeten, so die Botschaft. Sehr gerne wurden und werden die drei auch als Jüngling, Erwachsener und Greis dargestellt: Die drei verkörpern damit die ganze Menschheit – egal wie jung oder alt. (Kleine Randbemerkung: Nur die Frauen fehlen natürlich.) Aber die Aussage dahinter ist klar: Egal woher wir kommen, egal wie alt wir sind, wir sollen uns den Sternguckern an­schließen und uns auf den Weg zum Kind machen.

Dieser Weg wird ebenfalls nachgezeichnet auf den unterschied­lichen künstlerischen Darstellungen – denn es ist ja ein langer Weg:
Auf manchen Bildern sieht man die drei aufbrechen: Man sieht ihren Palast, ihr Schloss oder auch eine eher europäisch anmu­tende Burg. Ins Bild gesetzt wird das, was sie verlassen müssen. Wer zum Kind will, kann nicht in seiner Burg sitzen bleiben. Wer sich auf die Suche nach dem Heiland macht, der muss raus aus der Comfortzone, der muss etwas aufgeben, Altvertrautes zurücklassen, ohne zu wissen, wofür man es eintauscht. Was also kann uns dazu bewegen, was hat die Weisen „losgeeist“. Es war der Stern. Der Stern beleuchtet mit seinem göttlichen Licht die Sehnsucht in uns. Er wird selbst zum Bild für die Sehnsucht, die stärker ist als alles, was uns halten kann. Sehnsucht das sind Visionen von dem, was sein könnte, Bilder, in die Seele gemalt, Traumbilder, die noch im Wachzustand im Bewusst­sein herumgeistern und Kraft besitzen, zum Aufbruch drängen. Die Sehnsucht weiß, dass die Wirklichkeit anders sein könnte, als sie ist und geht dem nach. Dem Stern der Sehn­sucht hinterher.

Wer aufbrechen will, muss zum Sterngucker werden.

Auf anderen Darstellungen sieht man die Weisen in weiten leeren Wüstenlandschaften. Fast verloren. Der Weg zum Kind kann weit sein. Da können schon Zweifel aufkommen, Erschöp­fung macht sich bemerkbar. Das Ziel kommt einfach nicht in den Blick – im Blick nur der Stern. Das einzige, was Orien­tierung gibt, und auf den man vertrauen lernen muss.

Wer durchhalten will, muss Sterngucker bleiben.

Es gibt auch Bilder, die die Weisen beim König Herodes zeigen. Interessanterweise ist darauf viel seltener der Stern zu sehen. Offensichtlich haben die Weisen das göttliche Wegzeichen bei dieser Etappe aus dem Blick verloren. Sie haben sich von anderen Dingen leiten lassen. Sie haben ihre logischen Schluss­folgerungen gezogen: Einen König findet man in der Hauptstadt, im Palast. In Jerusalem also im Zentrum der Macht. Das scheint selbstverständlich. Selbst die Weisen sind nicht weise genug, sie verlieren den Stern und damit die Richtung. Diese Weggeschichte ist alles andere als eine Heile-Welt-Geschichte. Schließlich machen die Weisen hier einen Fehler, der später viele Kinder das Leben kosten wird. Herodes wird alle Jungen unter 2 Jahren töten lassen aus Angst vor königlicher Konkur­renz, die die drei fremden Besucher ihm angekündigt haben. Aber das kommt später. Im Moment sind die drei Sterngucker, die nicht mehr in die Sterne gucken, noch auf dem Weg. Die Weisen, die hier nicht ganz so weise sind, brauchen den Rat anderer Weiser. Kluge Schriftgelehrte setzen sie wieder auf die richtige Fährte nach Bethlehem. Manchmal brauchen also auch Sterngucker irdischen Rat. Auf unseren Umwegen und Irrwegen sind wir angewiesen auf andere. Und die Frage rückt ins Zentrum, wovon lassen wir uns leiten – oder auch verleiten.

Wer richtig ankommen will, muss immer wieder auf den gött­lichen Stern gucken.

Die meisten Darstellungen zeigen die drei aus dem Morgenland am Ziel – kurz vor dem Stall von Bethlehem, über dem ein heller Stern leuchtet, oder auch direkt an der Krippe vor dem Kind. So z.B. auch unsere Darstellung von den Heiligen Drei Königen hier in der Kirche im Kirchenfenster – von Ihnen aus gesehen vorne links. Die drei aus dem Morgenland sind angekommen. Sie haben es geahnt, gesucht, gefunden – das Neue, das in die Welt gekommen ist. Anders als sie vermutet haben. Nicht im Zentrum der Macht, sondern im Alltäglichen, das Göttliche im Menschlichen. Gott mitten in der Welt zu finden, ist nicht so einfach. In manchen dieser „Wir-haben-es-gefunden“-Darstellungen leuchtet nicht mehr der Stern, sondern das Kind. Die Sehnsucht ist am Ziel.
Ich hoffe, dass Sie alle diese besonderen spirituellen Momente kennen, in denen wir uns Gott nahe fühlen und uns etwas ergreift, das wichtiger ist als wir selbst. Wer das erleben will, darf nicht nur in die Luft gucken, sondern muss auch nach unten gucken können, in die schmutzigen Ecken der Welt, muss die Knie beugen können.

Wer Gott findet, wird vom Sterngucker zum Anbetenden.

Am spannendsten finde ich persönlich die letzte Etappe der drei Weggefährten. Und dazu habe ich Ihnen eine der bekanntesten Darstellungen mitgebracht, die es wohl gibt. Ein Steinrelief aus der Kathedrale von Autun in Frankreich, gut 800 Jahre alt. Natürlich könnte man sagen – das stellt den Aufbruch der drei Weisen aus dem Morgenland dar. Der Engel schickt sie auf Mission. Aber in den biblischen Berichten träumen die Weisen die göttliche Weisung erst, als es an den Rückweg geht. Und insofern glaube ich, die drei stecken da so friedlich unter einer Decke, als sie das Kind schon gefunden haben. Und nun brauchen sie wieder einen Stern oder einen Engel oder sogar beides – wie auf dem Bild – damit sie den richtigen Weg zurückfinden, den anderen Weg, der eben nicht bei Herodes vorbeiführt.

Die Momente an der Krippe – also das Gefühl, dem Göttlichen zu begegnen, ergriffen zu sein, erfüllt, ganz im Frieden mit sich und mit Gott – die sind in unserem Leben ja oft nur kurz. Die meiste Zeit sind wir auf dem Weg, auf der Suche nach solchen Begegnungen oder auf dem Weg von solchen Begegnungen zurück in unseren Alltag – so wie jetzt nach Weihnachten. Und oft sind wir eben nicht ausgerichtet auf den Stern, der uns führt, sondern wir schlafen wie die drei hier. Selbst die Sterngucker gucken nicht mehr hin. Aber einer hat die Augen offen. Der Engel hat ihn ganz sanft berührt. Ein zarter Fingerzeig nur. Und er hat sich berühren lassen. Vielleicht haben der lange Weg durch die Wüste und der Irrweg ins Machtzentrum von Herodes ihm die Augen geöffnet für das, was nicht heil ist in diese Welt. Vielleicht stehen nun andere Fragen oben an: „Wozu werde ich gebraucht?“ Gestärkt von der Begegnung mit dem Kind scheint der König empfänglich für die nächste Botschaft Gottes. In der Bibel steht nichts davon, dass der Stern den dreien auch heimleuchtet. Aber mir gefällt das in dieser Darstellung des Künstlers Gislebertus: Dass es gleich zwei Wegweiser gibt: einen göttlichen Boten und den leuchtenden Stern. Das scheint mir sehr menschlich, dass wir es manchmal doppelt gezeigt bekommen müssen.

Darum geht es also: Sich anrühren lassen und wach werden. Weihnachtliche Wegweiser bekommen für unseren Weg ins neue Jahr, von dem wir noch nicht so genau wissen, was es bringen wird. Das Leben ist bedroht – so lehrt uns die Geschichte, so lehrt uns das vergangene Jahr. Aber um so größer ist die Sehnsucht. Möge sie uns die Kraft geben das Alte loszulassen und aufzubrechen, um im Alltäglichen, im Menschlichen nach Gott zu suchen. Nicht aufzugeben, wenn der Weg weit ist. Immer wieder nachzufragen, wovon wir uns leiten lassen, uns neu auszurichten, wenn wir uns verleiten lassen, wachsam zu bleiben für das Göttliche über Weihnachten hinaus. Wie die Weisen wissen wir oft nicht, wie wir hinkommen, aber wir wissen, was wir suchen: Gott in unserer Welt.

Möge uns ein guter Stern bei der Suche leiten, mögen wir alle zu Sternguckern werden. Amen.