Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Streit und Frieden

Streit und Frieden

Predigt am 24. Oktober
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

21. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu Matthäus 10, 34–39

Predigttext: Matthäus 10, 34–39

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Liebe Gemeinde!

Manche von Ihnen und euch werden den kreisrunden Aufkleber oder Aufnäher kennen: „Schwerter zu Pflugscharen“. Ein muskulöser Mann schmiedet ein Schwert mit dem Hammer um, macht daraus ein landwirtschaftliches Werkzeug. Es war ein Symbol der Friedensbewegung; es war vor allem auch ein mutiges Erkennungszeichen der jungen widerständigen Christinnen und Christen in der DDR vor der Wende.

„Schwerter zu Pflugscharen“, „Frieden schaffen ohne Waffen“, „Make love not war“ – das waren und bleiben Protestrufe und Bekenntnisse gegen gewalttätige Auseinandersetzungen, gegen Aufrüstung, atomare Abschreckung und Krieg.

Eine Haltung, die von den unterschiedlichsten Menschen – egal, ob und wie politisch engagiert oder nicht, egal, ob kirchennah oder kirchenfern – mit dem Christentum identifiziert wird. Mit Jesus. Der in der Bergpredigt sagt: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matth 5, 9)

Unser Glaube lebt von dieser Überzeugung, dass wir als Gottes Kinder und Geschöpfe zum friedlichen Zusammenleben aufgefordert und fähig sind, dass sich darin Gottes Schalom, Gottes Segen für seine Schöpfung verwirklicht.

Und auch unsere Tradition lebt davon, von Menschen, die Jesus auf radikale Weise gefolgt sind, in dem sie, wie er, auf Besitz und Gewalt verzichtet haben und mit ihrem ganzen Leben für Frieden und Nächstenliebe eingetreten sind.

Ich denke an Bischof Martin von Tours, der sich aus dem römischen Heer in die Christusnachfolge hat rufen lassen, seinen roten Soldatenmantel zerschnitten und mit dem Bettler am Wegesrand geteilt hat. An den Baptistenprediger Martin Luther King, der zum gewaltfreien Widerstand gegen die Rassentrennung in den USA aufgerufen hat. Oder an die vielen Männer, die zu allen Zeiten den Wehrdienst verweigert haben und dafür mitunter harte Strafen und sogar Haft riskiert haben.

Für Frieden und Verständigung einzutreten, wo immer möglich, gehört zum Kern des Christentums. Und nebenbei bemerkt, auch des Islam und des Judentums, wie der Koran und die Torah zeigen.

Wie ein Messer jedoch fährt der heutige Predigttext, der kurze Abschnitt aus dem Matthäus-Evangelium, in diese Grundlage christlichen Glaubens. „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien von seinem Vater, die Tochter von ihrer Mutter, die Schwiegertochter von ihrer Schwiegermutter.“ (Matth 10, 34f)

Jesus, der das Schwert nicht umschmiedet, wie auf dem Abzeichen der Friedensbewegung, sondern es in die Hand nimmt und schärft.

Es ist ein ärgerlicher, ein schockierender Text, der einen aufbringen kann. Wollen wir etwa zu dem gehören, der Entzweiung und Streit predigt, der Familienbeziehungen sprengt, von Feindschaft, Hass und Verfolgung redet?!

Ich will versuchen, zu diesem anstößigen Text drei Zugänge zu legen, drei Übersetzungshilfen anzubieten.

Zum Verständnis des Textes ist zunächst ein Blick auf die historische Situation seiner Entstehung wichtig. Matthäus schreibt sein Evangelium für eine judenchristliche Gemeinde. Er hat die Erfahrungen von Christinnen und Christen seiner Zeit vor Augen, die aus jüdischen Großfamilien stammen, die von Geburt an jüdisch geprägt sind – religiös, kulturell, bis in ihre alltäglichen Gewohnheiten hinein – und die nun dem sog. neuen Weg, der neuen Bewegung von Jesus folgen. Sie werden aus den Synagogen ausgeschlossen oder bleiben auch selbst den Versammlungen in der Synagoge fern, sie trennen sich von ihren Familien und Nachbarn, brechen mit manchen Bräuchen.

Von diesen Erfahrungen her ist das, was Jesus sagt – wie: „des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein“ (Matth 10, 37) – weniger als ein Aufruf, denn als eine Zustandsbeschreibung zu lesen, eine realistische Prophezeiung. Das Bekenntnis zu Jesus Christus als Gottes Sohn führte für viele jüdische Menschen – wie auch für manche römisch oder griechisch geprägten Menschen – zum Bruch mit ihren Traditionen und auch mit ihren Familien.

Was für den geschichtlichen Kontext des Predigttextes gilt, ist aber nicht völlig überholt. Es hat sich in der Geschichte viele Male wiederholt, bis heute. Dass Frauen und Männer, die mit ihrem christlichen Glauben ernst machen, die einen bestimmten Ruf hören oder radikale Entscheidungen für ihre christliche Lebenspraxis treffen, mit Anfeindung und Ausgrenzung zu rechnen haben. Einfach als eine Konsequenz ihres Handelns, sozusagen als Begleiterscheinung christlichen Lebens in dieser Welt.

Ich denke an die 35-jährige Frau, die sich für das Leben in einer christlichen Kommunität, in einer Schwesternschaft entschieden hat. Sie arbeitet nur noch in Teilzeit als Physiotherapeutin, um wirtschaftlich gerade so unabhängig zu bleiben, aber sie lebt in der Gemeinschaft. Die Schwesternschaft, die Gottesdienste, das Beten, die Stille, der gemeinsame Tagesrhythmus haben in ihrem Leben Priorität. Die Eltern sind enttäuscht: „Keine Enkelkinder!“ Bekannte, Arbeitskolleginnen, auch manche Freunde verstehen ihren Schritt nicht, lehnen ihn ab: „Du kannst doch auch so beten und zur Kirche gehen! Du musst dich doch nicht so absondern. Willst du nichts mehr von uns wissen?“

Oder auch der junge Geselle in der Schlosserei, der sich beim Frühstück mit den Kollegen für den Reformationstag als Feiertag einsetzt. Der findet, dass es sinnvoll ist, sich an Martin Luther, seine Bibelübersetzung ins Deutsche, die Gründung der evangelischen Kirche zu erinnern. Der mit der Konfirmation mehr anfangen kann als mit der Jugendweihe. Und darum im Betrieb für einen Romantiker gehalten wird, einen Konservativen, einen Gestrigen und Fremden.

Und ich vermute, vielen von uns fallen ähnliche Szenen ein, wo wir selbst merkwürdig angeguckt wurden, weil wir zur Kirche oder zum Konfirmandenunterricht gehen, unsere Kinder taufen lassen oder immer noch Kirchensteuern zahlen. Wo das Gespräch verstummt, das Thema gewechselt wird, wenn wir von unserem Glauben sprechen, von dem, was uns im Blick auf Frieden, auf das Klima oder soziale Gerechtigkeit bewegt und was uns darin an Jesus bindet.

Und wir werden auch Situationen erinnern, wo wir aus Sorge, schief angesehen oder abgelehnt zu werden, geschwiegen und nicht von unserem Glauben gesprochen haben.

Und dann hat der Text für mich noch eine dritte Dimension. Er nimmt ja Erfahrungen von Trennung und Ausgrenzung auf, die uns alle im Laufe unseres Lebens treffen können – ob sie etwas mit unserem christlichen Bekenntnis zu tun haben oder auch nicht.

Dass wir aus familiären Beziehungen herausfallen oder herausgedrängt werden, weil wir oder „es“ irgendwie nicht mehr passt, weil individuelle Entwicklungen stark auseinanderlaufen. Oder dass Freundschaften sich auflösen – manchmal ohne dass man es richtig merkt, manchmal mit einem explosiven Auslöser, und es gibt offenbar kein Zurück. Oder dass Menschen sich abwenden, weil wir anders oder anstrengend oder krank sind.

Und mitunter treffen wir auch selbst solche schmerzhaften Entscheidungen, die uns von anderen, von vertrauten Gruppen oder Bezügen trennen. Müssen wir vielleicht manchmal auch Bande zerschneiden, Stricke lösen, um selbst frei zu kommen, wichtige neue Schritte gehen oder einem Ruf folgen zu können.

Wir haben eben gesungen: „Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen und neu beginnen, ganz neu…“

Und wenn wir so singen, dann wissen wir auch, dass neue Wege, Neuanfänge oft nicht einfach friedlich und harmonisch beginnen, sondern auch mit Auseinandersetzung und Streit, manchmal mit Trennung. Dass dort, wo Himmel und Erde sich berühren, auch Gewitter und Erdbeben entstehen können, Erschütterungen.

Auch darin – nicht nur im Familienfrieden und in der Liebe – dürfen wir Jesus Christus bei uns wissen. Auch das kannte er. Streit, Hass und Trennung hat er sich selbst ausgesetzt. Und wusste darum, dass er dies auch selbst über sich und über andere Menschen gebracht hat. Wie ein Schwert, das einem durchs Herz stoßen kann, das alte Bindungen zerschneidet und uns im Leben von anderen Menschen trennen kann.

Tröstlich, was Jesus unmittelbar im Anschluss an unseren Predigttext sagt: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ (Matth 10, 40)

Dass wir mit unseren Erfahrungen von Ablehnung, Fremdheit und Streit nicht allein sind. Sondern in Jesus Christus einen Bruder und Herrn an der Seite haben, der den Frieden sucht, aber auch den Streit kennt und ihm nicht aus dem Weg geht. Der Trennung und Feindschaft erlebt hat, aber dennoch mit uns und für uns Gemeinschaft sucht. Frieden in dieser Zeit und in der kommenden Zeit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.