Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Süßer Trost, mein Jesus kömmt

Süßer Trost, mein Jesus kömmt

Predigt am 2. Weihnachtstag
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

2. Weihnachtstag 2023
Kantatengottesdienst: Süßer Trost, mein Jesus kömmt (BWV 151)

Predigt zu Hebräer 1, 1–4 und zur Kantate

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Weihnachtsgemeinde!

Um den Predigttext aus dem Hebräerbrief soll es heute gehen, den wir vorhin schon gehört haben und der uns einiges zumutet … Ich lese die Anfangssätze dieses Briefes noch einmal vor:

Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welten gemacht hat. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort … und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe und ist so viel höher geworden als die Engel … (Hebr 1, 1-4)

Was für eine Anhäufung von Begriffen! „Abglanz seiner Herrlichkeit“, „Ebenbild seines Wesens“, „zur Rechten der Majestät in der Höhe“ … Begriffe, die man gar nicht so leicht behalten, geschweige denn verstehen kann.

Doch wahrscheinlich wurden diese Worte gar nicht aufgeschrieben, um möglichst schnell gedanklich, verstandesmäßig begriffen zu werden. Wahrscheinlich sind sie gar nicht in erster Linie zum Denken, Kombinieren, Spekulieren aufgeschrieben, sondern zum Singen! Zum Mitsingen im Chor all derer, die staunen und jubeln über das Geheimnis, das sich Weihnachten vollzieht.

Denn Weihnachten wird ja deutlich, auf ganz einfache Weise fassbar, wie Gott ist und wie er zu uns Menschen steht: Liebevoll, angewiesen, wehrlos – so begegnet er uns in der Krippe. Von diesen Bildern sind die Weihnachtslieder voll: Sie besingen, wie Gott vom Himmel auf die Erde kommt, um den Menschen nah zu sein.

Doch manchmal wird in den Liedern oder von uns beim Singen vergessen, dass Gottes Wege nicht nur auf die Erde führen, dass sie nicht nur Niedrigkeit und Menschlichkeit zum Ziel haben. Sondern dass Gott Weihnachten für uns auch den Himmel aufschließt, um alles mit seinem Glanz, seiner Macht und Herrlichkeit zu durchdringen.

Darum geht es in dem Weihnachtshymnus aus dem Hebräerbrief, der uns vielleicht zunächst gar nicht besonders weihnachtlich vorkommt. Er blickt nicht hinunter auf die Krippe oder den Stall, nicht auf das Kind, die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland. Sondern er lenkt unsere Blicke nach oben, hinauf zu dem, der hinter oder über dem ganzen Geschehen steht. Er blickt hinauf zu dem Platz, den Gott dem Kind in der Krippe im Himmel, im Zentrum seiner Macht einräumt.

In der Barockzeit war diese Sicht auf Weihnachten, diese Blickrichtung von der Krippe hoch in den Himmel viel geläufiger als heute. Das spiegelt auch die Kantate, die wir eben gehört haben: „Süßer Trost, mein Jesus kömmt“.

In der berührenden Eingangsarie, dem bekanntesten Satz der Kantate, in dem Sopran und Flöte einander ablösen, heißt es:

„Herz und Seele freuet sich,
denn mein liebster Gott hat mich
nun zum Himmel auserkoren.“

So, als würden wir Menschen Weihnachten zum Himmel emporgehoben, als würde die ganze Erde in Himmelslicht getaucht, als würde Gott die Welt zu sich ziehen.

Der Tenor besingt es in seinem Rezitativ ähnlich:

„Du teurer Gottessohn,
nun hast du mir den Himmel aufgemacht
und durch dein Niedrigsein
das Licht der Seligkeit zuwege bracht.“

Weihnachten geht nicht nur der Stall für Gott auf, sondern auch der Himmel für uns Menschen.

Hinter dem, was Bach hier so gekonnt komponiert und die Dichter seiner Zeit – in diesem Fall der Darmstädter Poet Georg Christian Lehms – so gefühlvoll gedichtet haben, stehen biblische Texte, wie der Hymnus aus dem Hebräerbrief.

Der einen Gott besingt, der schon immer, „vor allen Zeiten vielfach und auf vielerlei Weise“ zu den Menschen geredet hat. Der von Anfang an Beziehung suchte und eine Gesprächskultur entwickelte, immer schon auch in der Welt sein wollte. Der zu den Menschen auch durch seinen Sohn geredet hat, den er „zum Erben“ eingesetzt hat – nicht für den Fall seines Todes, sondern damit alle Welt erkennen kann, für wen die Welt gemacht ist und wem sie gehört. Wer ihr König ist: Das Kind in der Krippe, der junge Menschenfreund, der König auf dem kleinen Esel …

Denn er ist „der Abglanz“ Gottes. Nicht nur unser Bruder und Freund, sondern auch Träger, „Ebenbild“ der Herrlichkeit Gottes. Er steht im Zentrum der Macht Gottes. Nur darum hat er Macht, Menschen zu halten, zu tragen und zu trösten. Nur darum kann er Leben erneuern und retten, selbst durch den Tod hindurch. Deshalb hat er, um mit der Kantate zu sprechen, uns „zum Himmel auserkoren“, „den Himmel aufgemacht“ und „das Licht der Seligkeit gebracht“.

Diese Vorstellungen und Bilder der Himmelsherrschaft Jesu Christi, der Zeitenwende, die mit seiner Geburt eingetreten ist, der ganzen kosmologischen Neuordnung, können wir in der Musik oft leichter fassen. Oder wir können vielleicht in der Musik leichter an uns heranlassen, was uns fremd ist und gedanklich schwerfällt. Wonach wir uns zugleich sehnen: Trost, Herzensfreude, Segen und Frieden …

Bei allem Abstand zur Kirche, zur Bibel, zu einem persönlichen Glauben bleibt das ja vielen Menschen: Die Frage nach dem, was die Welt im Innersten und auch im Äußersten zusammenhält. Die Suche nach Werten, die Bestand haben. Die Sehnsucht nach Zukunft, nach einer Zeitenwende der anderen Art. Der dringende Wunsch nach Frieden.

Die Musik, und vielleicht für viele Menschen insbesondere Bachs Musik, scheint die Antworten und Inhalte der christlichen Tradition auf eine Weise zu transportieren, die Menschen heute erreicht und anspricht.

Auf eindrucksvolle Weise schildert das der Film „Living Bach“, der Ende November ins Kino kam. Manche von Ihnen haben ihn vielleicht gesehen. Ein kleines Filmteam hat 2020, während der Pandemie, Bach-Chöre auf der ganzen Welt besucht und einige Chorsängerinnen und -sänger bei den Proben und zuhause aufgenommen, sie interviewt und eine Zeitlang im Alltag, bei der Arbeit, mit ihren Familien und Freunden begleitet.

Eindrücklich ein junger Südafrikaner aus einem Township, der erzählt, wie seine Tante, bei der er aufwuchs, ihn als Jugendlichen zunächst gezwungen hat, im Kirchenchor mitzusingen – bis er es dann selbst gar nicht mehr lassen wollte. Wie die Stücke von Bach ihn aufbauen, wenn er Stress bei der Arbeit hat, das Feed-back in den Büro-Meetings ihn runterzieht. Und wie die Begegnung mit Bach seine politische Einstellung veränderte: Früher habe er geglaubt, dass es zwischen Schwarzen und Weißen immer eine unüberwindliche Barriere geben werde. Die vielstimmigen Melodien des deutschen Komponisten aber führen zusammen, verbinden, schaffen Harmonie und Ausgleich – sie grenzen nicht aus. Das schenkt ihm Selbstvertrauen und Hoffnung auf Frieden und Versöhnung.

Beeindruckend auch die junge Frau in Malaysia. Von einer kleinen Insel musste sie in die Großstadt ziehen, um Arbeit finden und Geld verdienen zu können. Einsam und unglücklich fühlte sie sich in der Stadt, völlig fremd. Und wurde angesprochen, ob sie nicht in einem Bach-Chor mitmachen wolle, der europäische, christliche Musik singt. Nicht ungefährlich in einem muslimisch regierten Land! Zusammen mit dem Chorleiter baut sie ein Cembalo aus einem französischen Bausatz zusammen, denn die Anschaffung eines Instruments käme dem Preis eines Hausbaus nahe. Zu dumm nur, dass keine Video-Anleitung mitgeliefert wird! Deutlich wird, wie sie im Chor und in der Musik von Bach neue Heimat findet, Trost und Zugehörigkeit. Wie sie im Film mehr und mehr lächelt, als sei der Himmel für sie aufgegangen …

Und schließlich ein junger Künstler aus Paraguay, Vater von drei Kindern. In den Fußstapfen seines Vaters singt er von Kindheit an traditionelle südamerikanische Musik, hat eine ausgebildete Stimme, spielt verschiedene Gitarren, verdient gut. Aber der Bach-Chor, in dem er in der Hauptstadt Asunción mitsingt, hat für ihn – zwar katholisch, aber kirchlich distanziert – eine religiöse Dimension. Vorsichtig tastend, empfindsam und eloquent beschreibt er, wie die Choräle Harmonie zwischen ihm und seinem Schöpfer anbahnen, wie sie ihm innere Wege zum Frieden eröffnen …

Sie, ihr Chorsängerinnen und -sänger, Musiker und Solistinnen könntet sicher eure eigenen Geschichten davon erzählen, wie Bachs Musik euch anspricht – wie auch manche von uns Zuhörerinnen und Zuhörern innige Beziehungen zu einigen Bach-Werken oder Kantaten haben.

„Heut schließt er wieder auf die Tür
zum schönen Paradeis …“

So, wie die Kantate endet, so möge es auch uns die Musik schenken: Dass wir hörend, fühlend, nachdenkend das Geheimnis fassen, das Weihnachten geschieht: Gott schließt den Himmel auf, dass Frieden werde bei den Menschen nach seinem Wohlgefallen. Amen.