Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Traumdeuter

Traumdeuter

Predigt am 2. Weihnachtstag
Pastorin

Andrea Busse

2. Weihnachtsfeiertag 2020

Predigt zu Mt 1, 18-25

Traumdeuter

 

Die Geburt Jesu Christi geschah aber so – Doppelpunkt. So beginnt der Predigttext für heute. Das hatten wir doch vor zwei Tagen schon, denken Sie jetzt vielleicht. Klar, vermutlich haben die meisten von uns an Heiligenabend die Geschichte gehört oder gelesen, wie Jesus geboren ist. Aber eben nicht so. Denn der Bericht, den das Matthäusevangelium überliefert, der erzählt nicht vom Stall und vom Stern, nicht von Hirten und Herden und es singt auch kein Engelchor. Stattdessen gleich im ersten Satz das, womit z.B. Konfirmandinnen und Konfirmanden, aber nicht nur sie, ihre Schwierigkeiten haben. Die Jungfrauengeburt nämlich:

„Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war vom Heiligen Geist.“

Man kann das natürlich als veraltete, als mythenhafte Vor­stellung einfach überlesen. Man sollte es aber nicht. Denn es hat einen tiefen Sinn. Dieser erste Satz beinhaltet ganz viel von Weihnachten.

Er sagt zum einen: Dieses Kind, das da erwartet wird, ist nicht einfach ein menschliches Produkt, ist nicht nur Resultat der Liebe von Mann und Frau. Sondern hier ist Gott selbst als Schöpfer am Werk. „Schwanger vom Heiligen Geist“ – damit drückt der Evangelist Matthäus das Wunder aus, das hier geschieht. Hier werden unsere normalen, unsere natürlichen Zusammenhänge aufgebrochen und Gott wirkt hinein in unser Leben, hinein in unsere Welt, um etwas ganz Neues zu schaffen. Der Bericht von der Jung­frauen­geburt ist so oft missverstanden oder abgelehnt worden, weil er nicht als das gelesen wurde, was er ist: eben keine biologische, sondern eine theologische Aussage. Und die lautet: Ein Kind wird geboren, ein besonderes Kind, ein Kind, in dem Gott bei uns ist, Gott mit uns ist, ein Gotteskind eben. In diesem Kind ist Gott selbst präsent, so wie es das vorher noch nie gab: Gott kommt uns nahe in Fleisch und Blut.

Maria spürt das am eigenen Leib oder besser im eigenen Leib. Und der Engel hat es ihr zuvor verkündet, hat ihr ein „Fürchte dich nicht“ zugerufen und erklärt, was passieren wird. Aber was ist mit Josef? Josef, der sonst in den Weihnachtserzählungen eigentlich immer nur eine Nebenrolle spielt, der in den Krippen immer so ein bisschen abseits oder im Hintergrund steht, der in den biblischen Bericht kein Wort zu sagen hat, der rückt ab jetzt ganz in den Mittelpunkt dieses etwas anderen Geburts­berichtes.

Denn das ist die zweite weihnachtliche Botschaft, die mit der Jung­frauengeburt verdeutlicht wird: Auch Josef kann dieses Kind nicht zeugen, sondern nur empfangen. So wie wir alle dieses Kind nur empfangen können. Man hat diesen Bericht manchmal auch mit einem Schmunzeln als „Josefs Empfängnis“ betitelt. Josef muss akzeptieren, dieses Kind kann kein Mensch, auch kein Mann, zeugen, sondern eben nur empfangen.

Aber für Josef ist die Situation natürlich eine riesige Heraus­forderung: Faktisch ist es ja so: Seine Verlobte ist schwanger und zwar nicht von ihm. Sie muss ihn also betrogen haben. Was für eine Schande! Für sie und für ihn. Und was macht Josef? Josef denkt nach. Das ist schon mal sympathisch. Obwohl zutiefst gekränkt von der Untreue seiner Verlobten, reagiert er nicht einfach emotional, sondern er schaltet seinen Verstand ein. Er überlegt, was er tun kann. Das passt zu seiner Charakterisierung: Als „fromm und gerecht“ wird er beschrieben, als einer, dem nicht egal ist, was mit Maria passiert, obwohl sie ihn so verletzt hat. Deswegen sucht er in dieser Situation eine stille Lösung als Ausweg: Keinen Skandal, sondern eine heimliche Trennung. So also ist Josefs Plan.

So ist aber nicht Gottes Plan.
Und jetzt bekommt auch Josef Besuch von einem Engel. Jetzt hört auch er ein „Fürchte dich nicht!“ und bekommt erklärt, was da geschehen ist und geschehen soll. Und hier kommt noch einmal, was wir eben schon durchbuchstabiert haben: die Jung­frauengeburt – schon vom Propheten angekündigt und in Maria verwirklicht. Das alles erfährt Josef nun im Traum.

Danach kommt das Erwachen. Wie reagiert Josef? Er könnte sich den Schlaf aus den Augen wischen und denken: Was für wirres Zeug ich da geträumt habe diese Nacht! Und dann könnte er nach den nächt­lichen Hirn­gespinsten zum Tages­geschehen über­gehen und umsetzen, was er zuvor geplant hat.

Aber Josef erweist sich als wahrer Traumdeuter, wie schon sein gleich­namiger Urahn aus dem Alten Testamten. Er versteht den Traum als das, was er ist: eine klare Ansage Gottes. Josef lässt sich ansprechen, er lässt sich berühren von diesem Boten Gottes, der in seinen Schlaf flüstert. Er ist offen für eine andere Wirklichkeit als die, die nur der Verstand erschließt. Er ist bereit, die Geschehnisse in Gottes Licht zu sehen. Seine eigene Sichtweise und Lebensweise kann er in der Begegnung mit Gottes Boten neu bewerten. Und er ist bereit, die Folgen zu tragen.

Josef horcht und ge-horcht. Denn er hat einen ganz konkreten Auftrag bekommen. Er, der bei dieser ganzen Jungfrauenschwangerschaft bisher zur Passivität verurteilt war, er soll jetzt aktiv werden. Zwei Dinge soll er tun: Maria zu sich nehmen und dem Kind einen Namen geben. Damit übernimmt er die Rolle als Ehe­mann und als Vater, denn das ist eben ganz typisch für die Rolle des Vaters, dass er seinem Kind einen Namen gibt.

Der Name ist in diesem Fall Programm. Man könnte sagen: Er ist die Weihnachtsbotschaft: „Jesus“ das heißt „Gott ist Heil“ oder „Gott ist Hilfe“. Man könnte auch einfach übersetzen: „Gott rettet“. Das ist das, was mit dieser Geburt geschieht. Gott rettet.
Aber mal ehrlich: Brauchen wir das? Ich meine, müssen wir eigentlich gerettet werden? Ist das das Lebens­gefühl, mit dem Sie hierherkommen, dass Sie gerettet werden müssen? Und wenn ja, wovon oder wovor sollen wir gerettet werden? Matthäus hat auch darauf eine Antwort in seinem Weihnachtsbericht:

„Denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden“.

Da wird der Blick gleich geöffnet bis hin zur Passion und zum Kreuz. Sündentheologie. Nicht das, was wir in diesen Weihnachtstagen erwarten, aber versuchen wir es einmal:Das Wort Sünde hat ja denselben Wortstamm wie z.B. ab-sondern und meint auch dasselbe. Sünde besagt, dass wir uns ab-gesondert haben von Gott. Ihm nicht mehr nahe sind, oder er uns nicht mehr nahe ist. Und das ist vielleicht schon eher ein Gefühl, das wir nach­vollziehen können. Gott ist uns irgendwie abhandengekommen, gefühlt weit weg oder zusammengeschrumpft an Bedeutung, kleingeworden gemessen an der Zeit, die wir bewusst mit ihm verbringen. Wie sieht es aus mit unserer Verbindung zu etwas Höherem oder Tieferem etwas, das über unseren Alltag hinaus­weist, das das Alltagsgeschehen sprengt und sich in unsere Träume wagt? Fehlt uns Gott nicht doch? Die Sehnsucht ist ja da, gerade an Weihnachten nach etwas, was anders ist als das, was wir immer erleben, etwas, das unsere üblichen Sichtweisen weitet, unser Leben in ein anderes Licht rückt. Etwas, das uns zur Besinnung bringt, mit uns selbst ins Reine, etwas, das heilt. Die Sehnsucht nach einem Heiland eben, einem, der rettet. Oft genug uns vor uns selbst rettet.

Hier kommt der zweite Name ins Spiel, der schon von Propheten­mund geweissagt wurde und von Matthäus aufgegriffen wird: „Sie werden ihm den Namen Immanuel geben – das heißt übersetzt: Gott mit uns.“ Zusammengenommen heißen die beiden Namen: Gott rettet uns, indem er unsere Sünde, unsere Abgesondertheit von Gott aufhebt, den Abstand überbrückt, der zwischen Gott und Mensch besteht, indem er uns nahekommt, indem er uns zum „Gott mit uns“ wird – in diesem Kind. Zwei Namen, die inein­ander­greifen und mit denen Matthäus uns die ganze Weih­nachts­­botschaft aufschlüsselt. Und Josef ist der Namensgeber. „Und er gab ihm den Namen Jesus“ so endet die Geschichte.

Aber natürlich endet sie da nicht. Denn Josef – die Hauptfigur dieses Berichts – ist ja gleich wieder als irdischer Vater im Einsatz. Als die Waisen aus dem Morgenland kommen und König Herodes, der um seine Macht fürchtet, auf die Spur des neugeborenen Königs setzen, da flüstert wieder der Engel in Josefs Träume: Steh auf, nimm das Kind und flieh. Und Josef, unser Träumender, unser Traumdeuter, er horcht und ge-horcht wieder, er nimmt das Kind und Maria und flieht. Er rettet den Retter. Hat irgendjemand jemals behauptet, Josef sei nur eine Rand­figur?

In Josef verkörpert sich die Weihnachtsbotschaft. Er zeigt uns, wie Rettung funktioniert. Und zwar zuerst an sich selbst. Josef ist zu Beginn der Gekränkte, der betrogene Ehe­mann. Aber er bleibt nicht in dieser Rolle. Und zwar, weil er von sich absehen kann, weil er Maria in den Blick nehmen kann – und die Schande, die ihr bevorsteht, weil er an andere denkt und nicht nur an sich. Er, der beschämt worden ist, beschämt nun nicht im Gegenzug Maria. Damit lebt dieser Mann, fromm und gerecht, schon den Geist, den dieses Kind bringen wird. Er lebt uns das vor, was uns retten kann. Und so ist er auch der richtige Traumdeuter: empfänglich für die Stimme Gottes und seinen Rettungsplan. Weil er aus seiner Gekränktheit heraus­treten kann, kann er das Gotteskind beschützen.

In Josef – und natürlich auch Maria – zeigt Gott uns: Er braucht uns für sein Rettungswerk. Wir müssen dieses Kind empfan­gen, es bei uns aufnehmen, es beschützen. So ist Gott mit uns – Immanuel, so kann er uns retten. Lauschen wir also wie Josef auf die göttliche Stimme, die uns zuflüstert: Fürchte dich nicht! Gib diesem Kind seinen Namen: Gott rettet. Dann wird Gott bei dir sein.

Und die Geburt Jesu Christi geschieht so:
Gott spricht auch heute durch seine Boten zu uns. Wenn wir seine Stimme erkennen und deuten, können wir das Kind empfangen und es kann geboren werden in uns und Gott ist mit uns. Amen