Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Überraschendes Finale

Überraschendes Finale

Predigt am Ostersonntag
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 17. April

Predigt zu Markus 16, 1-8

Predigttext:

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? 4Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. 6Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede, von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

„Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich sehr.“ – So endet das Evangelium heute für den Ostermorgen. So endet das Markus-Evangelium. Das kann ja wohl nicht sein! Was für ein überraschendes Finale. Evangelium das heißt ja übersetzt „Frohe Botschaft!“, aber diese Geschichte kennt keinen Oster­jubel und kein Happy-End. Die Angst hat das letzte Wort. Sie lässt die Frauen verstummen.

Darauf also läuft alles hinaus? Alles, was Jesus gesagt und getan hat, alles, was er versprochen, verheißen und an Hoffnung verkörpert hat, endet in einem leeren Grab? Selbst sein Leich­nam ist nicht mehr da, um ihn zu salben und zu betrauern. Die Frauen sind geschockt, sprachlos. Das, was sie geplant hatten, um ihre Trauer irgendwie zu bewältigen, diesen letzten Liebens­dienst an Jesus, ihn zu salben, selbst das ist unmöglich.

Da sitzt einer und sagt: „Er ist auferstanden!“ Aber die Frauen hören nur, dass er sagt: „Er ist nicht hier!“ Zweimal sagt der Jüngling, der netterweise auch noch schön weiß glänzt, das­selbe, und doch kann man es völlig unterschiedlich hören: „Er ist weg“ oder „er lebt“. Ich kann den Frauen nicht verdenken, dass sie reagieren, wie sie reagieren: Wer soll das schon verstehen: „Er ist aufer­standen.“? Das passt überhaupt nicht in ihren Erfahrungs­horizont. Das einzige, was sie verstehen und sehen, ist das leere Grab. Jesus ist verschwunden, sie sind allein. „Er ist auferstanden!“ – Was soll das heißen? Das verstehen ja selbst wir oft nicht, obwohl wir 2000 Jahre bzw. unser ganzes Leben lang Zeit hatten, uns an die Osterbotschaft von der Auf­er­stehung zu gewöhnen. Ich denke, auch wir stehen manchmal ratlos vor diesem Osterruf „Er ist auferstanden“ und die Freude will sich nicht so recht einstellen.

Trotzdem ist das Finale unbefriedigend. Es kann doch nicht sein, dass das so aufhört! Und wir wissen ja, dass es nicht so aufhört, denn wenn die Frauen geschwiegen hätten, säßen wir nicht hier. Ich habe eben gesagt: So endet das Markus-Evan­gelium. Das stimmt nicht ganz. So endete es einmal, es ist der ursprüngliche Schluss des Berichts. Aber schon früh haben Menschen das als unpassend empfunden und hatten das Gefühl, das kann man so nicht stehen lassen. Und so wurde das Happy End ergänzt. Man hat später Verse hinzugefügt, die davon erzählen, wie seine Anhänger sich zunächst zwar mit dem Glauben schwertun. Dann aber erscheint ihnen Jesus als Auferstan­dener und sie gehen schließlich hin, verkünden das Evangelium und sorgen damit dafür, dass die Botschaft auch bei uns ankommt.

Und doch glaube ich, dass Markus sich etwas dabei gedacht hat, dass er seinen Bericht mit Schock und Schweigen enden lässt. Sein überraschendes Finale ist ein offenes Ende. Und das beschäftigt uns ja oft mehr, als wenn sich schließlich alles in Wohlgefallen auflöst. Ein Buch mit offenem Ende, das kann man nicht einfach abschließen, zuklappen, zur Seite legen und dann ist gut. Man muss für sich selbst nach einer Auflösung suchen.

Ostern heißt Suchen!
Die Kinder kennen das. Es ist kein Zufall, dass es an Ostern den Brauch des Ostereiersuchens gibt. Auch während wir hier drinnen sitzen, versteckt draußen ein Osterhase Schokoeier, die nach diesem Gottesdienst die Kleinen und sicher auch die schon etwas Größeren im Kirchgarten suchen dürfen. Und wenn man die Kinder dabei beobachtet, kann man das ganze Gefühlsspektrum erleben: diese wohlige Spannung und Aufregung: Da wartet etwas Leckeres auf mich. Manchmal die Verzweiflung, zunächst gar nichts zu entdecken, selbst oder gerade dann, wenn man hektisch hin- und herläuft. Und dann die Freude, doch etwas aufzuspüren. Diese Such­bewegung gehört zu Ostern. Es hilft ja nichts, wenn andere ihr Ei schon gefunden haben. Manchmal macht das die Verzweif­lung sogar noch größer: Warum kann ich nichts sehen und finden, warum kann ich mich nicht freuen, wenn andere das doch auch können. Es hilft auch nichts, wenn die anderen für mich das Osternest suchen. Natürlich tut es gut, einen Hinweis zu be­kommen, aber finden muss ich es selber, sonst ist die Freude schal. Ich denke, nicht anders ist es mit der Oster­botschaft. Sie ist ein Geschenk für uns; geschenkt wir einem aber nichts, man muss sie immer wieder neu für sich suchen…

Dieses offene Finale entlässt uns mit offenen Fragen und wir müssen auf die Suche gehen: Mit der Ahnung, dass das, was wir finden könnten, es absolut wert ist. Ungeduldig vielleicht, manchmal verzweifelt, neidisch, wenn andere schon etwas gefunden haben, wonach wir noch suchen, freudig, wenn wir etwas entdecken. Es wird Hinder­nisse geben. Das wussten schon die Frauen. Wer wälzt uns den Stein von der Tür des Grabes? fragen sie.
Wer wälzt uns den Stein vom Grab? Wer macht uns Ostern zugänglich. Für manche ist der Stein vorm Grab die Vernunft. Auferstehung, so ein Wundergedöns, kann doch nicht sein. In der Aufklärung z.B. hat der Hamburger Gelehrte Hermann Samuel Reimarus die Auferstehungsberichte der Bibel nur so mit seinem Verstand in Einklang bringen können, dass er an­nahm, die Jünger hätten die Leiche geklaut, um ihre Krise mittels Täuschung zu überwinden. Damit stand er dann im leeren Grab, Osterfreude hat sich vermutlich nicht eingestellt.

Für andere mag der Stein die Erfahrung sein: Die Erfahrung an vielen Gräbern zu stehen, deren Steine nicht weggewälzt sind und wo kein Jüngling sitzt. Oder ein Jüngling, den wir nur „Er ist weg“ sagen hören, und für das andere sind unsere Ohren taub. Wer hilft mir zu verstehen, was unverständlich ist, den tiefer­liegenden Sinn meiner Krise, meiner Angst, meiner Trauer. Wer erklärt mir, was im Endeffekt standhält, was dem Leben Sinn gibt – selbst ange­sichts von Leid und Tod. Ich brauche den Engel. Brauche jemanden, der etwas ins Rollen bringt, der mir Türen zeigt, sie sich öffnen.

Im Moment habe ich das Gefühl, dass die Steine, die da ins Rollen gebracht werden müssten, damit der Osterjubel laut werden kann, dass die sehr groß und schwer sind. Wie soll man sich freuen, angesichts der Bilder und Nachrichten aus der Ukraine? Wie soll man noch an das Licht am Ende des Tunnels glauben, das uns seit zwei Jahren Pandemie immer mal wieder versprochen wird? Im Moment geht es uns wohl allen mehr wie den Frauen: Wir hören heute das: „Er-ist-Auferstanden“, aber wir sind erschöpft, traurig, ratlos. Und um so mehr sehnen wir uns natürlich nach dem, was da sein könnte – nach froher Botschaft, nach happy End, nach Hoffnung und Zuversicht.

Und wir wissen ja immerhin, dass die Frauen irgendwann den Mund aufgekriegt haben, ihre Angst und Lähmung überwunden haben, irgendwann die Freude gespürt und die Begeisterung geteilt haben. Das, was offenbleibt, am Ende, der Weg, den die Frauen gehen, den müssen wir jetzt gehen, den müssen wir erstmal suchen. Und die Erzählung gibt uns Hinweise, wie das zu tun ist. Sie ist ja durchaus voller Hoffnungszeichen:
Die aufgehende Sonne, der weggewälzte Stein, das leere Grab.
Da ist der Engel und sein „Fürchtet euch nicht!“ Und seine klare Handlungsanweisung: Geht nach Galiläa und dort werdet ihr Jesus sehen.

Galiläa, das ist die Heimat der Jünger:innen, das ist ihr altes Leben, ihr Alltag. Also losgehen und im Alltag die Augen offenhalten, wo uns Jesus begegnen könnte, wo es Zeichen der Liebe und Zuwendung gibt, Überraschendes, das uns vom geplanten Weg in eine andere Richtung lenkt.
Galiläa, das ist auch der erste Wirkungsort Jesu. Wir könnten also aucxh das Markus-Buch noch mal von vorne lesen, wieder bei den Berichten aus Galiäa anfangen und Jesus dort neu für uns entdecken, mit dem, was er sagt und tut und von Gott zeigt.

Das offene Ende fordert uns auf zurückzublicken, auf den Lebensweg Jesu und auch auf den eigenen. Jemand hat einmal gesagt, das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Oft lassen sich im Rückblick erst Zeichen erahnen, die trotz allem von Gottes Macht des Lebens erzählen.

Ich empfinde dieses Ostern – wie auch schon im letzten Jahr – schwermütiger, gedämpfter. Manchmal denke ich, das müsste doch fröhlicher sein und unbeschwerter, leichter und gelöster. Und dann sehe ich die Frauen am Grab mit Zittern und Entsetzen und verstehe, dass die Osterfreude sicher nicht schlagartig kommt. Sie kommt im Alltag, beim Suchen, beim Gehen, beim sich innerlich Bewegen. Eines ist ja deutlich: In der Trauerstarre lässt sich Jesus nicht finden, nicht im Beklagen alter Zeiten, er hat sich nicht fest­nageln lassen, er ist kein geschlossenes Kapitel. Er hat sich in Bewegung gesetzt, als alle versteinert waren – er ist uns vorausgegangen. Gehen wir also los:

Luther hat einmal gesagt:
Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden,
nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden,
nicht ein Sein, sondern ein Werden,
nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.
Wir sind’s noch nicht, wir werden‘s aber.
Es ist noch nicht getan oder geschehen,
es ist aber im Gang und im Schwang.
Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg“

Ostern ist nicht der Schlusspunkt einer Erzählung, es ist der Beginn unseres Weges. Machen wir uns also auf die Oster­suche. Keine Ahnung, wie schnell wir etwas finden, was uns schmeckt, stärkt und gut tut, keine Ahnung, was genau das sein wird – das Ende ist offen. Aber das Ende ist ein Neuanfang mit all den Verheißungen, die darin liegen. Amen.