Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Überraschungsbesuch

Überraschungsbesuch

Predigt zum 4. Advent 2020
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

4. Advent 2020

Predigt zu 1. Mose 18,1–2. 9–15

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Eine Studentin erzählte mir ihre Geschichte: Sie saß im Bus, auf dem Weg ins Krankenhaus Altona, um einen Schilddrüsentumor behandeln zu lassen. Auf dem Weg dorthin – gestresst, wie sie trotz dieser Erkrankung ihre Masterarbeit schaffen soll, und auch, um sich abzulenken und ihre Gedanken beieinander zu halten – las sie in ihrer wissenschaftlichen Literatur. Da stieg eine alte Frau ein und setzte sich neben sie. „Sie ließ sich einfach so auf den Sitz fallen“, sagte sie, „saß dort so ganz fest und ruhig und gemütlich“. Sie hätten sich an Armen und Beinen viel mehr berührt, als man das sonst im Bus täte, gerade in diesen Zeiten. Aber es hätte sie irgendwie nicht gestört; es wirkte eher beruhigend. Sie sei innerlich viel ruhiger und gelassener geworden. Beide stiegen an derselben Haltestelle aus. Vor dem Ausstieg klopfte die alte Frau ihr aufs Knie und sagte: „Du schaffst das schon, Mädchen, du bist doch so tüchtig!“

Die Studentin sagte, in dem Moment hätte sie sofort gewusst, dass dies ein Besuch ihrer verstorbenen Großmutter war. Auch, weil die Frau das Wort „tüchtig“ gebraucht hätte; das hätte ihre Oma auch immer gesagt. Ihre Großmutter, die für sie die stärkste Verbindung zum Glauben darstellte, von der sie sich von klein auf angenommen und geliebt gefühlt hat, wie von sonst niemand.

Gott selbst schien ihr zu ihr gekommen zu sein – in der Gestalt, in der sie ihn vielleicht am besten erkennen konnte: als eine alte, ruhige und liebevolle Frau.

An diese Begegnung musste ich denken, als ich den heutigen Predigttext vom Überraschungsbesuch bei Sarah und Abraham gelesen habe. Wo Gott in Gestalt von drei Männern im Eichenhain von Mamre auftaucht, in der Mittagshitze, als Abraham sich im Schatten seines Zelteingangs ausruht. Und Gott Sarah ankündigt, dass sie übers Jahr ein Kind bekommen soll. Sarah lacht und sagt ziemlich unverblümt, dass für sie und ihren alten Mann die erotischen Zeiten schon lange vorbei seien…

Und dann gibt es am Ende der Geschichte diesen wunderbar menschlichen Wortwechsel, in dem Sarah abstreitet, über Gottes Worte gelacht zu haben: „Ich habe nicht gelacht!“ Und Gott beharrt auf dem letzten Wort und sagt: „Du hast doch gelacht!“ Sodass man beim Zuhören schon selbst anfangen muss zu lachen!

Die Erzählung der drei Engel bei Sarah und Abraham – die manchen vor Augen stehen mag durch die bekannte Ikone von Andrei Rubljow – ein Meisterwerk, das auch „Dreifaltigkeitsikone“ heißt und drei Engel rund um einen Tisch zeigt: dunkelhaarig, unklar, ob männlich oder weiblich, in blauen, grünen, roten Gewändern, mit hochaufgerichteten goldenen Flügeln – diese Erzählung reiht sich ein in die anderen Geschichten von besonderen Besuchen, die zur Adventszeit gehören: der Besuch vom Engel Gabriel bei Maria, der Besuch eines Engels im Tempel bei Zacharias, der mit seiner Frau Elisabeth ebenfalls im hohen Alter noch ein Kind bekommen soll, oder Marias Besuch bei ihrer schwangeren Cousine Elisabeth.

Überraschungsbesuche, die uns davon erzählen und uns darauf vorbereiten, wie Gott zu uns Menschen kommt:

1. Gott kommt unangemeldet. Es gibt keine besonderen Zeiten oder Orte für Gott. Wir können nicht im Voraus wissen, wann oder wo er uns begegnen wird. Ob in der Mittagshitze vor einem Zelt oder morgens im Bus nach Altona. Im Tempel, wie bei Zacharias, oder in besonderen Lichterscheinungen, wie es manche Menschen erleben.

2. Gott kommt verkleidet. Er entspricht anscheinend eher selten den Bildern, die wir uns von ihm machen. Für Sarah kam er in Gestalt von drei Männern; für die Studentin im Bus als eine alte, zunächst unauffällige Frau. Und zu dir, Sophie, die du heute getauft wurdest, kam Gott oder Gottes Stimme in dem Lied „Amazing Grace“, das dich auf der Stelle ergriffen und zutiefst angerührt hat. Durch das du dich angesprochen und gerufen wusstest, sodass du dann vor einigen Jahren angefangen hast, dich mit diesem Lied, mit der Gnade Gottes und dem Christentum zu beschäftigen.

3. Wenn Gott kommt, hat das etwas mit Zukunft zu tun. Gottes Worte, Lieder oder Verheißungen richten sich immer auf die Zukunft: auf ein Kind, das geboren werden soll; auf die Befreiung aus der Sklaverei; eine neue Gemeinschaft, die entstehen soll, eine neue Zugehörigkeit zu Gott, wie bei dir, Sophie; oder auf Heil und Heilung, wie bei der Studentin.

4. Gottes Zukunft hat immer etwas mit Liebe zu tun. Mit Zuwendung oder Ansprache, Trost oder Berührung. „Amazing Grace“ – erstaunliche, überwältigende Gnade, die Gott uns schenkt in seinen unangemeldeten, verkleideten Überraschungsbesuchen.

Die 5. ein Wunder sind. Wo nicht zu erklären ist, warum ein Mensch sich von Gott angesprochen, getröstet oder gerufen weiß. Warum man manchmal die Gegenwart Gottes ganz sicher spürt, wie ein Wunder, das uns streift, eine unerhörte Botschaft oder ein lichtheller Moment.

Aber 6. und Letztens: Wunder, Gottes Überraschungsbesuche sind nicht immer nur angenehm, nicht nur Wohlfühlmomente oder Versicherungen dessen, was ich immer schon geglaubt oder gewusst habe. Gottes Besuche können einen auch enttäuschen. Sie können unsere Vorstellungen von Gott und seinen Wundern enttäuschen – und sie können ganz allgemein Täuschungen aufheben. Einbildungen und feste Vorstellungen, die wir vielleicht haben: zum Beispiel dass Gott ungeheuer mächtig und stark sei; oder dass wir selbst alt, kraft- und lustlos sind, wie Sarah; oder dass wir hoffnungslos krank sind, wie die Studentin; oder keinen Glauben haben, nicht den richtigen Zugang zu Gott finden, wie du es empfunden hast, Sophie. Dass wir eben so oder so sind, dass etwas in unserem Leben stillsteht – und es keine Aussicht auf Veränderung gibt.

Gottes Wunder, Gottes Worte und Überraschungsbesuche können solche Täuschungen aufdecken. Manchmal ist das unangenehm und man schämt sich, der eigenen Meinungen und Vorstellungen quasi überführt worden zu sein, vielleicht wie Sarah, die kichert. Manchmal passiert etwas mit einem, steht etwas im Raum – eine Frage, eine Ankündigung oder Aufforderung – zu dem wir uns neu verhalten müssen. Unserer bisherigen Selbst- und Weltbilder ent-täuscht, wie mit frischgewaschenen Augen, einmal von Gott überraschend besucht und heilsam angerührt.

Sodass wir plötzlich, auf wundersame Weise in einer neuen Freiheit zur Welt und zu uns selbst stehen. In Gottes Gnade, die uns Zukunft eröffnet und in der Liebe stark macht.

Der gnädige und barmherzige Gott aber erfülle uns mit aller Freude im Glauben, dass wir immer reicher werden an Hoffnung – und in der Vorfreude auf seine Wunder. Amen.