Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Umzingelt von Wirklichkeit

Umzingelt von Wirklichkeit

Predigt an Heiligabend – Christvesper
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Heiligabend 2023

Predigt zu Lukas 2, 1–20

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Gemeinde!

„Wir sind umzingelt von Wirklichkeit“, sagte Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck Anfang Dezember in der Talkshow von Anne Will. Und sprach damit aus, was wohl zur Zeit viele empfinden:

Dass die „Wirklichkeit“ nicht oder nicht mehr etwas ist, das wir uns erst herbeibuchstabieren müssten. Dass sie nicht aus Problemen besteht, die andere, unbekannte Menschen oder Länder bedrohen; aus Krisen, die vielleicht irgendwann einmal eintreffen könnten. Sondern dass auch wir die „Wirklichkeit“ mehr und mehr zur Kenntnis nehmen müssen, die wir sie uns in unseren privilegierten Lebensumständen doch lange vom Hals halten konnten.

Ob wir den Pflege- oder Kita-Notstand erleben, an Waldbrände und Überschwemmungen denken oder an die Kriege – die Wirklichkeit ist offensichtlich da!

Das ist ein nüchterner Einstieg in eine Weihnachtspredigt – ungefähr so nüchtern und unangenehm realitätsnah, wie der Einstieg in die Weihnachtsgeschichte nach dem Lukas-Evangelium:

„Es trug sich zu, als Quirinius Prokonsul in der Provinz Syrien war, dass Kaiser Augustus ein Gesetz erließ, dass alle Bürger des Römischen Reiches sich schätzen, das heißt in Steuerlisten eintragen lassen sollten.“ (Lk 2, 1f) In diesen zwei Bibelversen ist viel „Wirklichkeit“ untergebracht! Das Römische Reich mit seiner imperialistischen Weltordnung, seinem hierarchischen Gesellschaftssystem und einer drückenden Steuerlast in den Provinzen, um die Militärausgaben zu finanzieren …

Es folgt der knappe Bericht, wie der Bauhandwerker Josef diesem Befehl Folge leistet, indem er sich mit seiner Verlobten Maria auf den Weg in seine Heimatstadt Bethlehem macht, obwohl sie hochschwanger ist und die Geburt bevorsteht. Bis heute reist oder reitet niemand gerne, wenn ein Kind zur Welt kommen soll und alle Gedanken darauf gerichtet sind, dem Baby ein Nest vorzubereiten und die Mutter möglichst zu schonen.

Wie realitätsnah die Geschichte weitergeht, wissen wir: Kein Wirt nimmt den Mann mit seiner jungen hochschwangeren Frau auf, alle Gasthäuser sind voll, es kümmert sich auch kein Nachbar um die Reisenden … Dann geht es ganz schnell: Das Kind, ein kleiner Junge, kommt in einem Viehstall zur Welt, als erste Wiege dient ihm eine Futterkrippe.

Die Weihnachtsgeschichte, unsere ganze jüdisch-christliche Tradition hat nie behauptet, dass die „Wirklichkeit“ fern sei. Dass diese Welt, in der Menschen Kälte, Angst, Feindschaft oder Not ausgesetzt sind, nur eine Einbildung wäre, ein zu vernachlässigender minor fact.

Ganz im Gegenteil: Die biblische Tradition als Fundament unseres Glaubens geht fast immer von Erfahrungen aus, die Menschen mit der Wirklichkeit gemacht haben. Mit bestimmten historischen Situationen, mit wirtschaftlichen Nöten, sozialen Konflikten oder persönlichen Herausforderungen, die Menschen in Aufruhr versetzt, Ängste und Zweifel in ihnen ausgelöst haben und sie nach Gott haben fragen lassen.

Darum geht es wohl in allen Religionen: Wie wir mit unseren Ängsten umgehen? Und wenn unsere Gesellschaft zwar immer weniger religiös ist, so bleiben ja die Ängste und Fragen …

Die Weihnachtsgeschichte erzählt, wie in der Wirklichkeit, die Maria und Josef damals umzingelt hat, sich Fenster oder Türen öffnen. Wie Luken, durch die ein anderes, göttliches und himmlisches Licht in diese Welt fällt. Das Evangelium erzählt, deutet an, wie das Unwahrscheinliche, das Wunderbare in eine durch und durch wahrscheinliche, bekannte Realität hineinbricht.

Unwahrscheinlich, dass Maria und Josef den Fußmarsch von über 150 km von Nazareth nach Bethlehem damals geschafft haben und die Geburt nicht schon unterwegs auf der Landstraße losging … Irgendwie, wunderbarer Weise muss ihnen Kraft und Geduld dafür zugeflossen sein. Muss die Hoffnung in Maria groß gewesen sein, ihr Ziel zu erreichen, Schutz und Geborgenheit für ihr Kind zu finden.

Unwahrscheinlich, dass ein Wirt die beiden in seinen Stall ließ! Wenn sein Gasthaus voll war, wird auch im Stall bei den Reittieren der Gäste kaum noch Platz gewesen sein … Irgendwie muss er ein außergewöhnlich freundlicher, weichherziger Mann gewesen sein, vielleicht selbst ein Vater oder Großvater, mit einem mitfühlenden Blick auf die werdenden Eltern.

Unwahrscheinlich, dass Maria und Josef das Kind allein zur Welt brachten, ohne die Hilfe einer Hebamme oder anderen erfahrenen Frau, dass Maria kein Wochenbettfieber bekam und das Kleine gesund blieb. Dass unter so schwierigen Bedingungen alles gut ging! Irgendwie immer wieder ein Wunder, auch für uns heute: Die Anstrengung, das Risiko, das Wunder einer Geburt – und dann ist ein zarter, kleiner Mensch da, mit dem alles neu anfängt!

Unwahrscheinlich, dass die Namen des römischen Kaisers und seines Statthalters uns bis heute nur deshalb relativ geläufig sind, weil damals in der Provinz ein kleiner jüdischer Junge geboren wurde! Dessen Lebensweg und Botschaft Menschenherzen jahrhundertelang so berührt haben, dass sein Name bis heute die Namen aller anderen Könige und Herrscher hell überstrahlt.

Der kleine Mensch, Gottes Sohn, der damals zur Welt kam – er hatte den Auftrag, Luken in der Welt zu öffnen, Fenster und Türen, damit die Menschen vor lauter „Wirklichkeit“ nicht das Staunen vergessen. Damit sie das Unwahrscheinliche, das Unglaubliche und Wunderbare wahrnehmen, das auch geschieht. Nicht als eine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern um in der Wirklichkeit, in dieser Welt zu bestehen. Um in dieser Welt Licht zu sehen, Sinn zu finden, Glauben, Hoffnung und Liebe zu bewahren.

In unsere Welt, ins Diesseits ist Gott selbst gekommen, in seinem Kind. Er hat den Himmel aufgeschlossen, um uns nahe zu sein und unsere ganze menschliche Wirklichkeit zu teilen.

Vielleicht erzählt die Weihnachtsgeschichte in diesem Jahr auch uns davon, wie wir nicht allein von Wirklichkeit umzingelt, sondern auch von Wundern umgeben sind:

Vom Wunder freundlicher, zugewandter, mitfühlender Menschen. Vom Wunder, wie viele Menschen gefährliche Reisen und Fluchtwege überstehen. Vom Wunder der Gastfreundschaft und Großzügigkeit, die wir uns nicht verdient haben. Vom Wunder, einander verstehen, manchmal sogar vergeben und zusammen neu anfangen zu können. Vom Wunder der Liebe und Zärtlichkeit. Vom Wunder, wieder gesund geworden zu sein oder neue Kraft bekommen zu haben. Vom Wunder, ein Kind begrüßen zu dürfen.

Vom Wunder, dass nicht immer das Wahrscheinliche, Bekannte und Erwartbare eintritt – sondern das Unwahrscheinliche, die Alternativen möglich sind.

Ich denke an die Antwort eines jungen Mannes auf die Frage, welche Chancen er für die Zukunft sieht. „Zukunft ist möglich, vielleicht nur möglich“, sagte er, „wenn wir aus den Algorithmen aussteigen.“ Aus den Echokammern, die uns unsere ganz eigenen Wirklichkeiten schneidern.

Nicht verlernen, Algorithmen auszuschalten, uns den mehr oder weniger anonymen Empfehlungen, Bewertungen und Einschätzungen zu widersetzen. Und darauf setzen, dass andere, nicht vorberechnete Verhaltensweisen möglich sind. Dass das Unwahrscheinliche das Glück, die Freiheit sein kann, wodurch Licht in unser Leben und in unsere Welt fällt, wie durch Luken.

So lasst uns in diesem Jahr das Unwahrscheinliche feiern! Uns gegenseitig aufmerksam machen auf all das, was anders läuft oder leuchtet, als wir es erwartet hätten. Uns freuen über die Türen und Fenster, die aufgehen, dass Licht hindurchfalle, ein Luftzug, wie ein Hauch von Gottes Weisheit und Liebe zu seiner Welt und seinen Menschen.

Dass Frieden werde – das Unwahrscheinlichste von allem. Und doch hat er begonnen, Gottes Frieden mit uns durch sein Kind. Als der Wirt die Tür öffnete, als die Hirten von den Feldern kamen, als die Engel sangen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden!“

Dieser Frieden ist da. Er ereignet sich immer wieder zwischen Menschen, manchmal unverhofft, manchmal unter Mühen. Er ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Er gehört – so unwahrscheinlich es klingen mag – mit zu unserer Wirklichkeit. Amen.