Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Untergetaucht

Untergetaucht

Predigt zum 6. Juni
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 1. Sonntag nach Trinitatis

Jona 1+2

Predigttext:

Es geschah das Wort des HERRN zu Jona, dem Sohn Amittais: Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen. Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem HERRN nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weit weg vom HERRN. Da ließ der HERR einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen. Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott, und warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, dass es leichter würde. Aber Jona war hinun­ter in das Schiff gestiegen, lag und schlief. Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird dieser Gott an uns gedenken, dass wir nicht verderben. Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht. Und als sie losten, traf’s Jona. Da sprachen sie zu ihm: Sage uns, um wessentwillen es uns so übel geht? Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volk bist du? Er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat. Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm: Was hast du da getan? Denn sie wussten, dass er vor dem HERRN floh; denn er hatte es ihnen gesagt. Da sprachen sie zu ihm: Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse? Denn das Meer ging immer ungestümer. Er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist. Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an. Da riefen sie zu dem HERRN und sprachen: Ach, HERR, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; denn du, HERR, tust, wie dir’s gefällt. Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten. 16 Und die Leute fürchteten den HERRN sehr und brachten dem HERRN Opfer dar und taten Gelübde.
Aber der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte. Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches. (…) Und der HERR sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.

Predigt:

Predigt Jona 1-2

 

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für sein Herz. Er segne unser Reden und Hören. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

Jona im Wal. Ich vermute fast, dass auf dieser Kanzel noch nie über diese Geschichte gepredigt worden ist. Die Erzählung ist erst ganz neu in die Liste der Predigttexte aufgenommen worden. Und trotzdem kennen Sie sicher alle Jonas Ge­schichte. Künstler aller Zeiten haben dieses Motiv geliebt und es ist natürlich der Klassiker im Kinder­gottesdienst.
Eine Religionspädagogin hat mir einmal erzählt, wie sie eine Lehrprobe im Reliunterricht in der Grundschule bewerten sollte. Ein junger Referen­dar hatte mit den Kindern die Jona­geschichte durchgenommen und sich unglaublich viel Mühe gegeben, um das für die Kinder anschaulich und erlebbar zu machen. So hatte er einen großen Wal aus Pappmaschee gebaut, in den die Kinder dann hineinkriechen durften. Das haben sie auch nur zu gerne gemacht. Das Problem war – sie wollten nicht mehr raus! Sie fühlten sich so geborgen und behütet darin, dass sie dort sitzen bleiben wollten. Und der angehende Lehrer wurde immer hilfloser, weil er mit seiner Unterrichtseinheit im Wal stecken blieb.

Nun ist so ein Wal in echt sicher nicht besonders gemütlich. Aber dass die Kinder da nicht mehr rauswollten, wundert mich nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir im Moment auch in so einem Walbauch stecken. Die Pandemie hat uns – damit wir nicht alle darin untergehen – in die Isolation gezwun­gen. Um uns nicht anzustecken und das Virus weiter zu verbreiten, mussten wir uns wochen- und monatelang auf kleinen Raum reduzieren. Viele waren zurückgeworfen auf die eigenen vier Wände und damit auch auf sich selbst. Man hat sich notgedrungen in Sicherheit gebracht. Das war nicht besonders einfach und gemütlich, aber manche haben das auch empfunden wie eine dicke Speckschicht zwischen sich und der Welt. Eine Zwangspause. Ein in sich gehen. Eine Konzentration auf das Wesentliche.

Und jetzt öffnet sich der begrenzte Raum wieder. Manche brechen daraus hervor und feiern die neu gewonnene Freiheit. Aber durchaus nicht alle. Für viele ist es auch ungewohnt. So wie Jona nach der Zeit im Wal sicher das helle Tageslicht geblendet hat, müssen wir uns erst wieder daran gewöhnen, rauszugehen, etwas zu unternehmen und mehr Menschen um uns herum zu haben. Es ist fast komisch, wieder zu mehreren in einem Raum zu sein oder die vollen Tische vor den Restau­rants zu sehen.
Es liegt nahe, dass die 3 Tage und Nächte, die Jona im Bauch verbracht hat, immer wieder verglichen wurden mit der Zeit zwischen Karsamstag und Ostersonntag. Jonas Geschichte ist die Geschichte einer Krise, die in die tiefsten Tiefen führt, damit er dann wieder aufstehen und zu neuen Ufern gelangen kann, damit dann ein echter Neuanfang möglich ist.

Jona kann uns mitnehmen auf diese existentielle Reise. Dazu müssen aber auch wir erst einmal gedanklich aus dem Bauch heraus­klettern, und sozusagen an den Anfang der Geschichte spulen: Am Anfang ist das Wort. Jona vernimmt eine Stimme und einen Auftrag. Er bekommt eine Weg­weisung und sogar eine Be­gründung dafür, warum er das machen soll, was er machen soll. Aber Jona sucht das Weite. Das wiederum wird nicht begründet. Vielleicht fühlt sich die Aufgabe zu groß an, vielleicht hat er Angst davor, er fühlt sich fehl am Platz oder er findet das Ganze unsinnig. Wie auch immer, er taucht ab, er duckt sich weg.
Kennen wir vermutlich alle auch – ein Auftrag, der uns über­fordert, eine Richtung, die wir nicht einschlagen wollen. Und dann denkt man: Vielleicht kann ich das einfach aussitzen. Morgen sieht die Welt dann schon anders aus. Sieht sie aber meistens nicht. Und dann kommen all die inneren Stimmen an Bord, die nachfragen. Auch Jona muss bei seiner Flucht diesen Stimmen Rede und Antwort stehen. Bei ihm klingt das fast wie der Frage­katalog bei einer Immi­grations­behörde: Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volk bist du? An welchen Gott glaubst du? Es sind Fragen nach der eigenen Identität, die sich in solchen Momenten stellen: Wer bist du eigentlich? Wo kommst du her und wo willst du hin? Was tust du, was lässt du und was solltest du tun und lassen?

Immer wieder hören wir Stimmen, die an die innere Pforte klopfen und fragen, ob wir noch einverstanden sind mit unserem Leben, mit der Rolle, die wir darin spielen und den Aufträgen, die wir darin erfüllen. Es ist gar nicht so einfach, sich diesen Stimmen auszusetzen, ihnen Rede und Antwort zu stehen. Was, wenn wir uns dann eingestehen müssten, dass wir in das falsche Leben leben, das, was andere von uns erwarten. Was wenn wir umkehren müssten, uns neu orientieren? Manchmal ignorieren wir diese unbequemen Stimmen, bringen sie zum Schweigen, tauchen ab. Manchmal kommen äußere Umstände, die uns zwingen, diesen Stimmen unser Ohr zu schenken. Bei Jona ging es so stürmisch zu, dass die Fragen an die Oberfläche gewühlt wurden. Keine Chance, dem zu entrinnen. Jona gesteht, dass er flieht. Aber er betet nicht! Die anderen, die „Heiden“, ja, die rufen zu ihren Göttern und sie wollen, dass Jona das auch tut: „Steh auf, rufe deinen Gott an!“ Aber das macht er nicht, lieber nimmt er sich ganz aus dem Spiel und lässt sich ins Meer werfen. Er geht in die innere Emmigration. Nachdem er schon im Schiffs­bauch versucht hat, sich rauszuziehen und alles einfach zu verschlafen, geht es jetzt noch eine Spur tiefer, in den Bauch des Wals.

Manchmal muss man sich rausnehmen. Wenn die Welt um einen herum immer unerträglicher wird, dann kann es heilsam sein, sich zurück­zuziehen. Retreat, Rückzug, nennen sich Angebote, die Menschen helfen, zu sich selbst zu finden – sei es im Kloster, in einem Haus der Stille, auf Pilgerwegen. Manchmal muss man sich in Sicherheit bringen, aus der Schusslinie nehmen, in die Isolation begeben, um sich selbst begegnen zu können. Und dort im Walbauch tut Jona das, was er vorher verweigert hat – er betet. Er betet nicht um Rettung: Er ruft nicht zu Gott, dass er ihn aus diesem dunklen Gefängnis befreien möge. Nein, er dankt, dass er in diese Einsamkeit hineingerettet worden ist.

Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst, und er antwortete mir.
Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme.
Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben.
Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen.
Wasser umgaben mich bis an die Kehle, die Tiefe umringte mich.
Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.
Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott!
Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir.
Ich will mit Dank dir Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen dem Herrn, der mir geholfen hat.

Manchmal ist Abtauchen lebensnotwendig.
Aber danach ist Auftauchen genauso lebensnotwendig.
Aus dem regressiven Verlangen, zurück in den Mutterschoß, wird das progressive Verlangen, neu geboren zu werden. Ich wette, wenn der Referendar in der Lehrprobe die Zeit gehabt hätte und die Kinder einfach in diesem Walbauch hätte sitzen lassen können – sie wären früher oder später alle herausgekrabbelt – irgendwann gelangweilt und neugierig auf ein nächstes aufregendes Spiel. Die Kinder hatten das richtige Gespür, nämlich, dass die Verwandlung, die dort im Walbauch, in der Zurückgezogenheit geschieht, dass die Zeit braucht. 3 Tage und 3 Nächte bis zur Auferstehung, zum Neuanfang. Es dauert, bis der innere Winter überstanden ist und die ersten zarten Frühlingsboten sich melden. Und nach diesem Winter hat es offen­sichtlich besonders lang gedauert, bis es endlich wärmer wurde. Aber jetzt wird es nach dieser Überwinterung in der Corona-Isolation hell und warm. Der Wal ist dabei, uns an neue Ufer zu spucken.

Ich bin sehr gespannt, was da so alles ausgespuckt wird. Wie wir alle sein werden, wenn wir wieder so richtig auftauchen und ans Tageslicht kommen. Vielen hat das sehr zugesetzt, die psychischen Probleme haben ­zugenommen. Die inneren Stimmen, die drängenden Fragen, ich glaube, wir können sie allein nicht bewältigen. Der Weg führt, davon bin ich überzeugt, über das Gebet. Über die Verbindung mit dem Grund und Ursprung unseres Lebens. Über den Kontakt mit dem, der uns bei all unseren Umwegen, Abwegen Irrwegen nicht aus dem Blick verliert, der mit uns in die Tiefe geht und uns wieder hochholt. Der Weg mag lang und mühsam sein – aber Gott traut uns das zu. Er traut uns die Verwandlung zu, er schenkt uns neue Anfänge, immer wieder.

Wenn ich das Gefühl habe, dass es unmöglich scheint, die Richtung zu ändern, dass ich so völlig irgendwelchen Sach­zwängen unterworfen bin, dann macht es mit Mut, an Jona zu denken. Er sitzt auf einem Schiff nach Tarsis, als er begreift, dass er eigentlich nach Ninive muss. Keine Chance das Schiff von seinem Kurs anzubringen und da hängen ja so viele andere dran, die wo ganz anders hinwollen. Ja, da stürmt es ganz schön und da geht es erstmal ganz nach unten, aber schließ­lich, schließlich kommt auch Jona in Ninive an.

Ich glaube, Jonas Weg ist typisch für alle menschlichen Wege. Wir wissen oft ziemlich gut, wo es eigentlich hingehen soll. Große und kleine Flucht sind menschlich. Auch Schuld, Scheitern, Auswegslosigkeit. Mit Jona gehen, heißt in die Tiefe der Krise zu gehen, heißt aber auch ans neue Ufer zu gelangen. Und das alles immer unter dem wachsamen Augen Gottes, „der mein Leben aus dem Verderben führt“, wir Jona betet.
Wenn wir also noch im Wal sitzen sollten – dann lasst uns offen sein für die Stimmen, die uns fragen, wer wir sind und wer wir sein wollen. Und dann für den Auftrag: Mach dich auf und geh!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen uns Sinne in Jesus Christus. Amen.