Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Unterkante Oberlippe

Unterkante Oberlippe

Gottesdienst DENKEN & BETEN
mit Dr. Stefan Atze (KDA), Hubert Neubacher (Geschäftsführer von Barkassen-Meyer) und Pastorin Dr. Claudia Tietz
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Sonntag Trinitatis, 30. Mai 2021

Predigt in drei Teilen zu den ökonomischen Folgen der Corona-Krise

Predigttext: Matthäus 14,22–33

Und Jesus drängte die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.

Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!

Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

 

Predigt in drei Teilen

I. Petrus steigt aus
Dr. Stefan Atze, Referent beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt

Liebe Gemeinde,

Moses, Jakob und David in einem Boot. Das gibt es nicht in der Bibel, aber in der Seefahrt; die Strickleiter um an der Außenhaut des Schiffes empor zu kommen heißt „Jakobsleiter“, die Kräne zum Herablassen des Beiboots heißen „Davit“, und „Moses“ wird traditionell das jüngste Crewmitglied an Bord genannt. Die Seefahrt bedient sich vieler biblischer Bilder. Aber auch der Bibel ist die Seefahrt nicht fremd. Wie wir eben gehört haben, sind Jesus und seine Jünger versierte Seefahrer, wenn auch nur auf dem See Genezareth. Wer schon einmal am See Genezareth war, weiß, wie plötzlich dort starke Böen und Wellen über das Wasser kommen können.

Die Jünger werden vom Sturm überrascht und geraten in Panik. Aber dann naht die Rettung: Jesus. Petrus wagt sich zu ihm über das Wasser. Aber dann lässt er sich ablenken, schaut nicht mehr auf Jesus, sondern auf das tosende Wasser. Und sinkt. Sein Mut ist verschwunden. Zweifel und Angst haben das Ruder übernommen. Aber Jesus lässt ihn nicht untergehen, er zieht Petrus aus dem Wasser.

Eine Geschichte voller Wunder. Dabei ist das einzige Wunder nicht nur die Vollmacht Jesu, seine Macht über die Natur, sondern auch das, was sie bewirkt, die Kraft des Glaubens. Petrus ist mutig und voller Vertrauen, mitten in der Seenot. Aber nach den ersten Schritten kommen die Zweifel: Was mache ich hier eigentlich? Bin ich lebensmüde? Ich muss das Boot mit den anderen Jüngern wieder heil an Land bringen. Bestimmt steht mir das Wasser gleich bis Oberkante Unterlippe. Ich will nicht untergehen!

Petrus ist der mutigste unter den Jüngern, nur er steigt aus dem Boot. Er hat mehr Vertrauen und Mut als die anderen. Petrus ist schließlich Seemann – zumindest ein Binnenschiffer – und selbständiger Unternehmer im Fisch-Geschäft. Als Unternehmer weiß er, was persönliches Risiko bedeutet und ist vielleicht eher bereit ein Wagnis einzugehen, als manch anderer Jünger. Er hat keine Scheu vor der Ungewissheit und kann auch in unübersichtlicher Lage vertrauen.

Dieser Unternehmergeist spiegelt sich vielleicht im Mut und Tatkraft seines Glaubens wider, wenn er Jesus blind vertrauen kann und aufs Wasser steigt. Aber dann kommen die Zweifel, und er scheitert, weil er plötzlich der Gefahr ins Auge schaut. Den Blick – wie Petrus – auf die Gefahr des Scheiterns zu legen, lähmt und verunsichert.

Interessanterweise kommen im Begriff des Scheiterns Glauben, Seefahrt und Unternehmergeist zusammen. Alle drei sind immer ein Wagnis – und können schief gehen. Auch wenn die Bibel an vielen Stellen vom Scheitern erzählt, kommt das Wort „Scheitern“ dort nicht vor. Es ist ein neuzeitliches Wort, das aus dem Milieu der Kaufmänner und Seefahrer stammt. Ein Segelschiff mit voller Ladung zerschellt; es „scheitert“, zerbricht in einzelne Holzscheite.

Die Gefahr zu scheitern, hält zum Glück nicht alle davon ab, zur See zu fahren, ein Geschäft zu gründen – oder zu glauben. Das Wagnis ist groß; zum persönlichen Einsatz kommt die persönliche Haftung hinzu. Davon können Petrus und die Fischer, die selbständige Gastronomin, der Ladenbesitzer, die Journalistin, der Architekt und viele mehr ein Lied singen. Gerade in der Pandemie fühlen sich viele wie der sinkende Petrus: Das Wasser steht bis zum Hals.

Die Zeit seit März letzten Jahres ist für uns alle schwer. Während die einen sicher im Homeoffice sitzen, andere Rente oder Pension beziehen, sind in Hamburg rund 10% aller Beschäftigen in Kurzarbeit, die höchste Quote aller Bundesländer. Neben finanziellen Einbußen steht oft noch der Wegfall des Arbeitsplatzes im Raum. In vielen Branchen, wie in Pflege und Krankenhäusern, wird bis an die Belastungsgrenze gearbeitet. In vielen Branchen, wie Einzelhandel, Gastronomie, Hotellerie und im Kulturbetrieb, sind Menschen in ihrer Existenz bedroht.

Durch Lockdown und Einschränkungen bricht der Umsatz weg, aber Rechnungen müssen weiterbezahlt werden. Kurzarbeit hilft erst einmal über die Runden, oder es muss Mitarbeitern gekündigt werden, Auszubildende werden nicht übernommen. Staatliche Hilfszahlungen kommen irgendwann, aber nicht für alle und alles. Der Blick auf das Geschäfts- und Privatkonto wird zur Angstfahrt. Der Neid geht um: Warum dürfen die öffnen und wir nicht? Die Angst vor dem Scheitern überträgt sich ins Private, verfolgt bis in den Schlaf, die Gesundheit leidet. Das Geschäft, das selbst aufgebaut wurde oder in Tradition weitergeführt wird, ist in Gefahr. Insolvenz droht.

Wie findet man in einer solchen Lage den Mut, wie Petrus einfach loszugehen – egal, wie absurd es vielleicht erscheint? Woher nimmt man das Vertrauen, dass Scheitern nicht die einzige Perspektive ist? Dass es eine Hand gibt, die retten kann, wenn man sie denn ergreift?

Wir wollen nicht spekulieren, wie eine Antwort auf diese Fragen aussehen kann. Heute ist kein Petrus hier, aber jemand, der gerade ein Boot durch turbulente Zeiten bringen muss: Huber Neubacher, Barkassenunternehmer und Inhaber eines Hamburger Traditionsunternehmens. Und vielleicht wird in der Corona-Zeit auch wieder deutlich, dass in einer Kirche die gemeinsame Klage genauso einen Platz hat, wie Hoffnung und Dank.

 

II. Erfahrungsbericht
Hubert Neubacher, Geschäftsführer von Barkassen-Meyer und Vorsitzender von Skål International Hamburg

 

III. Kreuz, Herz, Anker
Pastorin Dr. Claudia Tietz

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Kreuz, Herz und Anker – das sind die drei Symbole für die christliche Trias Glaube, Liebe, Hoffnung (1. Korinther 13,13). Sie zieren Kirchenportale und Altäre, sind heute als Kettenanhänger und als Tattoos in Gebrauch. Ein Erkennungszeichen der Christen, zugleich so etwas wie eine Minimalausrüstung, das simpelste Multitool in schwierigen Zeiten.

Das Kreuz für den Glauben – manchmal auch das Kreuz mit dem Glauben… Wenn wir damit überkreuz sind, wie unser Leben, unsere Karriere oder unsere Firma läuft, auf welche Wege und zu welchen Entscheidungen wir gezwungen werden. Umwege gehen, mühsame Strecken bewältigen, Stillstand ertragen müssen. An Kreuzungen stehen, wo zwar vielleicht verschiedene Möglichkeiten erkennbar sind, aber kein Weg scheint eindeutig der beste, der einzig richtige zu sein. Weder die vertrauten, bewährten Bahnen – noch das Experiment. Weder der Alleingang – noch der Mainstream. Und wer sind die Begleiter und Ratgeber an den Kreuzungen und auf den Kreuzwegen, als die sich manche Wege im persönlichen und im beruflichen Leben in den letzten Monaten angefühlt haben?

Das Kreuz ist in unserer Tradition der Ort des Scheiterns, der Gottverlassenheit – und ebenso auch der Ort der Überwindung, des Neuanfangs, der Auferstehung in ein neues Leben. Der Ort, wo Himmel und Erde sich treffen, Gotteswege und Menschenwege sich kreuzen.

In Krisenzeiten wie diesen mögen wir das Kreuz deutlicher erkennen, anders nach dem Glauben fragen als sonst.

Das Herz – weltweit verständliches Symbol für die Liebe. Zeichen für die überwältigende, lebensverändernde Macht der Liebe. Aus Liebe heraus sind die allermeisten von uns geboren. In der Liebe erkennen wir einander und Gott.

Im Hebräischen, im alttestamentlichen Kontext, ist das Herz durchaus nicht nur der Sitz der Gefühle oder gar der romantischen Gefühle. Sondern das Herz ist auch der Sitz des Verstandes, des Planens, Erkennens und Abwägens.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut“, heißt es. Ja, das stimmt – aber auch nur dann, wenn Liebe und Verstand, Weisheit und Mitmenschlichkeit zusammenkommen, Denken und Beten.

Vielen war das Herz schwer in den letzten Monaten, manchmal wie ein Bleiklumpen, manchmal verhärtet und verschlossen, wie unsere Wohnungstüren für andere verschlossen waren, wie Läden, Schulen, Büros monatelang abgeschlossen blieben. Ein Rückzug ins Private, der uns vielleicht auch egoistisch und bequem gemacht hat. Und der uns andrerseits Raum und Ruhe gegeben hat, um uns zu fragen: Woran hängt mein Herz denn wirklich? Was trägt, was erfüllt mich? Wo geht mir das Herz auf?

Und schließlich der Anker – Symbol für die Hoffnung. Anker werfen heißt, Pause machen. Die Arbeit, die Fahrt unterbrechen, Atem holen und Kraft schöpfen. Ankern heißt, das Schiff festmachen, sicher sein über Nacht, im Schutz eines Hafens oder einer ruhigen Bucht.

Wer Hoffnung hat, kann das: ab und zu aus dem Schlingern und Schaukeln aussteigen, das Ackern und Rattern unterbrechen, innehalten und festmachen. Den Anker auswerfen.

„Hoffnung lässt nicht zuschanden werden“ (Römer 5,5), heißt es altmodisch formuliert in der Bibel. Wer Hoffnung hat, geht nicht verloren, muss keine Angst haben unterzugehen oder vom Kurs abgetrieben zu werden. Kann klagen, weinen, protestieren, schreien, kann Angst, Trauer und Wut fühlen und ausdrücken – weil da noch etwas oder jemand anders Halt gibt, wie ein Anker. Weil es einen Grund gibt, der trägt.

Hoffnung übersteigt immer unsere eigenen, persönlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Hoffnung richtet sich auf das Unsichtbare, das Kommende – auf das, was noch nicht da ist, dessen wir nicht sicher sind, was aber werden soll.

Die christlichen Hoffnungsbilder sind riesig. So riesengroß, dass jede und jeder von uns darin einen Platz finden kann. Sie malen Bilder in die Herzen, wie es sich anfühlen wird: an einer langen Festtafel zu sitzen, wo Hochzeit oder Versöhnung gefeiert und jeder satt wird. Oder bei einem großen Fischzug dabei zu sein, wo die Boote einander zu Hilfe kommen, um die prall gefüllten Netze gemeinsam aus dem Wasser zu ziehen. Wo das Wasser uns trägt und wir leicht und frei sind in der Gegenwart Gottes.

Kreuz, Herz und Anker gebe uns Gott, dass wir schwimmen können in unsicheren Zeiten!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.