Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Vom Aufstehen

Vom Aufstehen

Predigt im 2. Literaturgottesdienst AUFBRUCH am 12. September 2021
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Sonntag, 12. September 2021

Predigt zu 2. Mose 13, 17-22 und Helga Schubert: Vom
Aufstehen. Ein Leben in Geschichten, 2021

Predigttext: 2. Mose 13, 17–22

Als nun der Pharao das Volk hatte ziehen lassen, führte sie Gott nicht den Weg durch das Land der Philister, der am nächsten war; denn Gott dachte, es könnte das Volk gereuen, wenn sie Kämpfe vor sich sähen, und sie könnten wieder nach Ägypten umkehren. Darum ließ er das Volk einen Umweg machen, den Weg durch die Wüste zum Schilfmeer. Und die Israeliten zogen wohlgeordnet aus Ägyptenland. Und Mose nahm mit sich die Gebeine Josefs; denn dieser hatte den Söhnen Israels einen Eid abgenommen und gesprochen: Gott wird sich gewiss euer annehmen; dann führt meine Gebeine von hier mit euch hinauf. So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

 

1. Lesung Helga Schubert: Mein idealer Ort, in: Vom Aufstehen, S. 7–10

2. Lesung Helga Schubert: Meine neuen Schuhe, in: Vom Aufstehen, S. 107–112

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

„I got shoes, you got shoes,
all of God’s children got shoes, my Lord,
and when we get to heaven
gonna put on our shoes
we’re gonna walk
we’re gonna talk
all over God’s heaven…“

so der Gospelsong, den Christopher Bender eben am Flügel für uns gespielt hat und den Helga Schubert sich fürs Radio gewünscht hat im Berliner Pressezentrum der DDR in der Nacht des 3. Oktober 1990.

Ein Song, den sie sich kurz vor dem Mauerbau in Westberlin als 45-er Schallplatte gekauft hatte – und der ihr 30 Jahre später in den Sinn kommt als die Berliner Mauer gefallen ist, die DDR-Diktatur beendet und die Teilung Deutschlands aufgehoben.

Ein Stück Freiheit, eine weit offene Tür in die Freiheit. Und jeder DDR-Bürger bekam am 3. Oktober im übertragenen Sinn Schuhe: einen Pass und die Erlaubnis, in diese Freiheit aufzubrechen. Aufzustehen und sie zu erkunden.

„I got shoes, you got shoes,
all of God’s children got shoes, my Lord…“

Was banal klingt, was der westdeutsche Journalist wohl auch nur teilweise versteht, wie sie freundlich bemerkt, hat in unserer jüdisch-christlichen Tradition, in der auch der Gospelsong steht, eine tiefe Bedeutung und eine lange Geschichte.

Um den Weg in die Freiheit geht es. Um Abschied, Aufbruch und Reise. Und das vollzog sich die längste Zeit unserer Geschichte im Gehen. Mit Füßen und Beinen, im aufrechten Gang.

Dazu braucht man Schuhe. Jedenfalls haben die wohlhabenderen Menschen schon zu biblischen Zeiten gerne Schuhe, Sandalen getragen. Es geht sich leichter.

In Mahalia Jacksons Lied dreht es sich auch darum, dass jeder Mensch Schuhe hat, auch die Schwarzen. Dass auch Sklavinnen und Sklaven dahin gehen können, wohin sie wollen. Dass auch die Feldarbeiter, Pflücker, Köchinnen und Kindermädchen die Freiheit haben aufzubrechen und loszugehen. Aus eigenem Antrieb, mit eigenen Schuhen.

„I got shoes, you got shoes…“

Welche Schuhe braucht man, um gut laufen zu können? Welche Schuhe braucht man im Lebenslauf? Und welche Schuhe haben Helga Schubert wohl durchs Leben getragen?

Es mögen uns eigene Schuhpaare in den Sinn kommen, die wir besonders gerne oder besonders lange getragen haben: Sportschuhe, Ballerinas, Lederschuhe oder Wanderstiefel… Manche Schuhe, in denen wir unvergessliche Etappen unseres Lebensweges gelaufen sind, mit denen wir Feste gefeiert oder Berge erklommen haben. Und die Alltagsschuhe, oft immer wieder dieselben, weil sie so gut passten – zu unseren Füßen, unserem Gang, unseren Tätigkeiten, unserem Kleidungs- oder Lebensstil.

Die Freude über Schuhe, die mir gut passen und mich dahin tragen, wo ich hin will! Die mir beim Aufstehen, Gehen und Laufen helfen, mich in meinem täglichen Lebenslauf unterstützen, mir Halt geben und Freiheit ermöglichen…

Helga Schubert beginnt ihr Buch „Vom Aufstehen“ mit einer Geschichte, in der sie – als Kind – überwiegend liegt. In der Hängematte, bei ihrer Oma und deren Freund, bei Streuselkuchen und Muckefuck, unter Apfelbäumen. Dieser „ideale Ort“, die Hängematte und der gedeckte Kaffeetisch im Garten – habe sie, schreibt sie, „alle Kälte überleben“ lassen, „jeden Tag, bis heute“ (S. 10).

Ich denke mir, diese Erfahrung war so etwas wie das erste Paar Schuhe, das sie hatte. Es mag ein überraschender Vergleich sein, sich so ein Erinnerungsbild, so eine Prägung als ein Paar Schuhe vorzustellen. Aber für sie war es ein sinnliches, körperliches Erlebnis, das ihr Halt, Wärme und Antrieb gab. Mit dem sie dann als Kind, als Jugendliche aufstehen und nach und nach ihre eigenen Schritte machen konnte. Ein Körpergefühl, eine Erinnerung, die immer wach in ihr blieb: Ja, ich kann und darf. Ja, ich werde erwartet, empfangen und ernährt. Ich werde geliebt und auch gelassen. Ein Erinnerungsbild wie Schuhe, in die sie immer wieder hineinschlüpfen konnte.

Später sind für sie andere Erfahrungen dazugekommen, die ihr auf dem Weg in die Freiheit geholfen haben: die Schule, das Westradio, Bildung, die Freude an Worten, Sätzen und Sprache. Das Studium und der Beruf als selbstständige Psychotherapeutin. Die Entdeckung – oder Wiederentdeckung – Mecklenburgs: das Dorf, Bäume, Seen und Vögel. Auch die Symbole der christlichen Tradition: Ostern, das Taufwasser…

Erlebnisse und Begegnungen, die man sich wie Schuhe anziehen und aneignen kann – oder auch nicht. Die uns Halt und einen aufrechten Stand geben können, uns tragen. Durch raues Gelände, Kälte, Enge oder Angst.

„Vom Aufstehen“ hat Helga Schubert ihre Lebensgeschichten überschrieben. Wie es für viele von uns immer wieder darum geht aufzustehen. Uns von Niederlagen, Abschieden oder Enttäuschungen nicht lähmen zu lassen, nicht zu verzagen, zu verbittern oder uns zu verkriechen. Sondern unsere Schuhe neu zu schnüren, aufzustehen und loszugehen, um Freiheit zu suchen.

Für diese Bewegung oder Lebenshaltung gibt es in unserer Tradition viele Bilder und Geschichten. Eine der wichtigsten, sozusagen die Urgeschichte, ist die von der Wüstenwanderung. Als das Volk Israel mit Gottes Hilfe aus der Sklaverei in Ägypten ausgebrochen ist.

Der Weg führte sie zuerst in und durch die Wüste; erst viel später kamen sie in Israel an. Auf der jahrelangen Wüstenwanderung – die für manche ihr ganzes Leben lang währte – schickte Gott ihnen eine Wolken- und eine Feuersäule. Tags wurden sie von einer Wolkensäule geleitet, damit sie nicht vom Weg abkamen und sich verirrten. Und nachts von einer Feuersäule, damit sie Licht hatten und sich nicht fürchteten. „Niemals“, heißt es in der Erzählung, „wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“ (2. Mose 13, 22)

Das heißt, sie konnten Tag und Nacht gehen und schnell vorankommen. Gottes Schutz war um sie. Als die Ägypter den flüchtenden Israeliten einmal gefährlich nahekommen, tritt die Wolkensäule von der Spitze des Zuges ans Ende und stellt sich zwischen das Volk und die Angreifer. Das Volk Israel war sich der Gegenwart Gottes in der Wolken- und der Feuersäule gewiss. Sie wussten sich von Gott geleitet und beschützt, konnten ihren langen Weg in die Freiheit gut gehen.

Sicher haben ihnen trotzdem die Füße wehgetan. Es war ihnen nachts zu kalt und tags zu heiß. Sie haben sich nach den Fleischtöpfen in Ägypten gesehnt. Sie haben sich vor den Philistern gefürchtet und Angst vor Krieg gehabt. Sie haben sich wahrscheinlich fremd gefühlt.

So wie Menschen, die Krieg und Flucht erfahren, in Diktaturen leben und nicht frei sind.

Und wir mögen in all unserer Freiheit manche inneren Unfreiheiten kennen, Auseinandersetzungen, Kämpfe und Einsamkeit.

Und haben doch – hoffentlich – Schuhe, die uns tragen und Halt geben, und Gottes Licht und Feuer, das Tag und Nacht um uns ist.

So segne Gott unser Gehen und Laufen,
die Wege, die vor uns liegen,
die Gefährten und Freundinnen, die sie mit uns gehen,
und die Schuhe, die jeden Tag neu bereitstehen mögen
und uns helfen, unseren Weg zu gehen. Amen.