Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Vom Weinbau

Vom Weinbau

Predigt am 8. Mai
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Sonntag Jubilate, 8. Mai 2022

Predigt zu Johannes 15, 1–8

Predigttext: Johannes 15, 1–8

Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ (Joh 15, 5) So das Evangelium zum Sonntag Jubilate. Es ist eins der sieben sog. Ich-bin-Worte im Johannesevangelium. Worte, in denen Jesus in einem konkreten Bild von sich spricht: „Ich bin der gute Hirte“ (Joh 10, 14), „Ich bin die Tür“ (Joh 10, 9) oder „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8, 12).

Heute: „Ich bin der Weinstock“. So, wie wir es auf dem weißen Parament, dem Altartuch, sehen, das in der Osterzeit vorne am Altar hängt: ein Weinstock mit Reben und Laub.

Als Nordostdeutsche kenne ich mich mit Weinstöcken und Weinbau nicht gut aus. Ich kenne zwar Weinlauben im Garten oder ein Weinspalier an der Hauswand, aber richtige Weinberge kenne ich – wie Sie und ihr wahrscheinlich auch – hauptsächlich von Reisen.

Dabei haben sich mir drei Eindrücke besonders eingeprägt: Zum ersten Mal habe ich Weinberge bewusst als Jugendliche in der Provence wahrgenommen. Im Hochsommer. Lavendel- und Sonnenblumenfelder, Olivenhaine und Weinberge wechselten in der Haute Provence ab. Von diesen vier – duftender Lavendel, leuchtende Sonnenblumen, silbrige Olivenbäume und grüne Weinstöcke – erschienen mir die Weinberge eigentlich am wenigsten interessant. Auf ausgetrockneten Böden standen Ende Juli die staubig-grünen Weinstöcke in langen, gleichförmigen Reihen. Die grünen Trauben zwischen dem Laub kaum zu erkennen. Monoton und farblos.

Später durchquerte ich auf einer Pilgerwanderung auf dem Ignatiusweg in Spanien ein Rioja-Anbaugebiet. Es war Oktober. Breite Täler und langgezogene Hänge standen wie in Flammen. Das Weinlaub loderte in allen Farben: rot, lila, orange, gelb und grün. Die Trauben, fast schwarz, waren süß. Und wenn man die Augen schloss, hörte man die Weinstöcke, denn sie summten und brummten voller Bienen und Wespen.

Und ein drittes Bild steht mir vor Augen, wenn ich an Weinberge denke: Wie ich einmal im März in der Nähe von Meißen in Sachsen war. Ganz nackt standen da die Weinstöcke. Von Blättern, Trauben oder Knospen keine Spur. Krumm und schutzlos wirkten sie gegen den hellen Märzhimmel, fast wie graue Kreuze.

So verschieden können Weinstöcke aussehen! So verschieden werden auch die Bilder sein, die Sie und ihr von Weinbergen im Kopf habt. Und so verschieden wird uns auch Jesu Wort ansprechen: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15, 5)

Wir hören das sicher unterschiedlich, je nachdem, wie alt wir sind, wie wir im Leben stehen, was die starken Worte von Gemeinschaft, Miteinander-Verwachsen-Sein und Abhängigkeit in uns auslösen, welche Erfahrungen wir mit dem Glauben und der Zugehörigkeit zu Jesus Christus oder zur Kirche gemacht haben…

Manche bleiben in der Kirche, andere treten aus. Manche halten enge Beziehungen zu ihren Eltern, andere entfernen sich über die Jahre. Manche bleiben an einem Ort, in einer Gegend, andere ziehen in ihrem Leben mehrmals um, wechseln Städte oder Länder.

Und es ist nicht immer so, dass die einen die „Bleibenden“, „Treuen“ wären und die anderen die „Unsteten“ oder „Aussteiger“. Äußere Sesshaftigkeit muss nicht mit inneren Kontinuitäten einhergehen, wie äußere Umtriebigkeit nicht innere Wechselhaftigkeit bedeuten muss.

Aber dies ist eine Frage, die der Text stellt: die Frage nach dem, was uns hält. Wo bleiben wir gerne? Zu wem oder an was halten wir uns? Welche Zugehörigkeit, welche Traditionen behalten wir, auch wenn sich anderes in unserem Leben verändert? Was hält uns im Wandel der Zeiten?

Ich vermute, so natürlich, selbstverständlich und fest verbunden, wie es das Bild vom Weinstock und den Reben fasst, fühlen sich die wenigsten von uns mit Jesus Christus im Glauben verbunden. Die meisten von uns kennen Kritik und Zweifel, Unbehagen oder Unsicherheit im Blick auf den Glauben, auf ihr Verhältnis zu Jesus Christus und allzumal zur Kirche. Und ebenso kennen die meisten von uns die Suche nach dem, was uns hält.

Vielleicht erschließt sich uns das Bild vom Weinstock und den Reben am ehesten im Wandel. Im Wandel der Jahreszeiten wie im Wandel der Lebensalter.

Ich erinnere deutlich, wie ein junger Vikar in unserer Ausbildung einmal über diesen Text eine Probepredigt hielt. Wie er sich mit dem Bild des Vaters auseinandersetzte, mit dem der Text beginnt: „Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.“ (Joh 15, 1) Viel zu starr und zu hierarchisch erschien ihm dieses Bild. Es fühlte sich für ihn zu eng an, so an Jesus hängen zu sollen, wie eine Rebe am Weinstock, und außerdem noch abhängig zu sein von Gott dem Weinbauern. So, als könne er gar nichts selber entscheiden, als müsse er immer ganz nah dranbleiben und dürfe nichts verändern. Das waren wohl Gefühle, die er auch von zuhause, von seinen Eltern kannte, aus der Kleinstadt, in der er aufgewachsen war.

Jesus stellte er sich eher als „Tür“ oder als „Weg“ vor, wie es in anderen Ich-bin-Worten heißt. Als einen, der seinen Anhängern Freiheit und Bewegung ermöglicht, statt passives Hängen und Bleiben zu fordern.

Für Jesus selbst – der auch ein junger Mann war, als er aufbrach mit Freunden und der Botschaft vom kommenden Reich Gottes – war der Vater im Himmel oder der Weingärtner eine stärkende Macht. Gott, in dem er sich verwurzelt und aufgehoben wusste, auf dessen Hilfe er setzte. Aus der Beziehung zu Gott heraus hat er Kraft geschöpft für seinen Weg, für die Gemeinschaft mit immer wieder wechselnden Menschen, für Entbehrungen und Ängste. Das Gefühl oder Vertrauen, wie ein Weinstock zu einem bestimmten Weingärtner zu gehören, sich von ihm leiten, ziehen und pflegen zu lassen – auch wenn dessen Leitung nicht immer seinen eigenen Wünschen entsprach.

So ähnlich haben es andere nach ihm erlebt und erleben es bis heute. Die in schwerer Krankheit oder im Krieg, in Angst oder Trauer Halt finden in Gott. Die manche Worte – ihren Konfirmationsspruch oder Psalm 23 oder das Vaterunser – beten wie ein Mantra. Darauf vertrauen, dass Jesu Worte wahr sind: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.“ (Joh 15, 7) Dass wir Jesus Christus nicht immer wie von selbst oder durch seine Kraft, sondern auch durch unsere eigenen Worte und Gebete so nah bleiben, wie eine Rebe dem Weinstock.

Und zu wieder anderen Zeiten sind wir vielleicht eher mit den Früchten unseres Lebens beschäftigt. So, wie ein alter Mann, pensionierter Religionslehrer, der sich schließlich ganz auf Sizilien niedergelassen hat. Der dort ein altes, verfallenes Steinhaus wieder aufgebaut und einen kleinen Gemüsegarten angelegt hat, Ziegenkäse und Rotwein liebt, gelegentlich die Vorabendmesse in der Dorfkirche besucht. Für ihn ist das Bild von Jesus dem Weinstock und Gott dem Weinbauern stimmig. Als alter Mann ist er eins damit, sich in seinem Leben mal mehr, mal weniger zu Jesus gehalten zu haben. Zufrieden mit dem, was der große Weinbauer durch ihn hat wachsen lassen: den Beruf, die Schülerinnen und Schüler, Kinder und Enkel, Essen und Lebensfreude. Er freut sich an den Früchten seines Lebens und weiß, dass er sie kaum sich selbst verdankt. Sondern wohl vor allem dem Weinbauern, der ihn gezogen, dem Weinstock, der ihn gehalten, und dem Boden, der ihn genährt hat.

So ähnlich ist es wohl auch mit dem Jesuswort vom Weinstock: Dass es seine Kraft entfalten kann je nachdem, auf welchen Boden es in uns fällt. Wie wir es hören, in uns aufnehmen und etwas daraus machen. Zum Trost, zum Ansporn, zur Ermutigung oder Freude…

Guter Wein braucht – so heißt es – einen bestimmten Boden: tiefgründig, locker, kräftig und warm. Nicht zu sauer oder steinig. Auf guten Boden möge Jesu Wort in uns fallen, wachsen und reifen und den Geschmack entfalten, den wir wie Trauben am Weinstock Christi der Welt zu geben haben. Saft und Wein zum Zeichen der Freude am Leben!

Amen.