Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Von der Freiheit eines Christenmenschen

Von der Freiheit eines Christenmenschen

Predigt am 25. Juli
Pastor i.R.

Josef Kirsch

8. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu 1. Korinther 6, 9-14.19+20

Liebe Gemeinde,

mit der Gemeinde in Korinth hatte Paulus seine Probleme. Korinth war eine eindrucksvolle Metropole in der antiken Welt, eine internationale Hafenstadt mit Geschäftsvierteln, mit Vergnügungsvierteln, mit den typischen Gewohnheiten des griechischen Lebens, der Knabenliebe, wir würden heute sagen, des Kindesmissbrauchs, mit einem großen Tempel der Aphrodite, der ein Tempel der Prostitution war. Und in alledem gab es eine christliche Gemeinde; sie waren gläubig, sie waren getauft, sie feierten Gottesdienste und dennoch waren sie Teil dieses griechischen Lebensstils. Und Paulus, von Haus aus ein frommer Jude, hatte damit gewaltige Probleme. Was er am wenigsten akzeptieren konnte, war die griechische Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Körper. Wichtig war den Griechen die unsterbliche Seele. Der Körper war – damit verglichen – zu vernachlässigen. Alles klassische Überzeugungen, die Paulus zutiefst widerstrebten. Für ihn gab es die Trennung von Körper und unsterblicher Seele nicht. Der Mensch war als Einheit von Gott geschaffen, gewollt und auch erlöst. Paulus war ein kranker Mann und hat durchaus unter seinem Körper gelitten; Paulus war kein überzeugender Redner, das konnten die Griechen besser und auch diese Schwäche bereitete ihm Probleme. Dennoch die Geringschätzung des Körpers, der ja Gottes Schöpfung war, war für ihn auf Gott bezogen eine Lästerung und auf den Menschen bezogen eine Form von Sklaverei.

Und jetzt kommt der Predigttext des heutigen Sonntags aus dem 6. Kapitel des 1. Korintherbriefes:
Wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht über mich haben. Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine und das andere zunichtemachen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn und der Herr dem Leibe. Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selber gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.

Wir müssen uns bei diesem steilen, sperrigen Text einige Denkvoraus­setzungen des Apostels ins Gedächtnis rufen. Paulus ist nicht der Meinung, dass wir uns durch ein züchtiges Leben mit maßvollen Konsumgewohnheiten die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, verdienen könnten. Ihr seid in Ordnung dadurch, dass ihr alles von Gott erwartet und nicht mehr von eigener Leistung und besiegelt habt ihr das durch die Taufe. Ich kann mir vorstellen, dass die Gemeindeglieder in Korinth dazu ein wenig verständnislos genickt haben. Gerade deswegen ist es doch völlig belanglos, was wir im Alltag tun oder lassen, ob wir uns Sex kaufen, ob wir uns betrinken oder überfressen. Unser Leib spielt doch keine Rolle.
Und genau hier setzt unser Text ein. Wenn ihr zu Gott gehören wollt, so sagt Paulus, zu seinem Reich, dann sind verschiedene Dinge einfach klar. Da ist er ganz jüdischer Tradition verhaftet, und er führt alles auf, woran er Anstoß nimmt: an käuflichem Sex, an der Verführung minderjähriger Knaben, an Diebstahl, an Habgier, an Trunksucht, an Völlerei. Eigentlich ist die Liste gar nicht so abwegig. Gut, wir leben fast 2000 Jahre später. Wir würden mit Sicherheit einige Akzente anders setzen: bei der Prostitution sicherlich differenzierter hinschauen und eher die Abhängigkeit von Frauen, den Verkauf, den Zwang in die Prostitution verurteilen. Wir würden bei dem Knaben­missbrauch natürlich nicht die Knaben, sondern die Erwachsenen verurteilen. Auch den einvernehmlichen Sex zwischen Erwachsenen, ob Männer oder Frauen, würden wir immer als deren privateste Angelegenheit respektieren, auch wenn Paulus dieses anders sah, auch wenn es Länder gibt, selbst in der europäischen Union, in denen dieses anders beurteilt wird. Vieles würden wir – wie gesagt – heute gänzlich anders sehen, aber die Denkvoraussetzung des Paulus ist auch heute noch wichtig. Wenn ihr zu Gott gehören wollt, dann gibt es Dinge, die völlig selbstverständlich sind. Auch wenn die Zugehörigkeit zu Gott sich durch Glauben, durch Vertrauen realisiert, gibt es trotzdem keinen ethikfreien Raum. Diese Denkvoraussetzung, so meine ich, müssen wir einfach teilen.
Unterschiedlich bleibt die Beurteilung der Einzelfragen. So wie in vielem der griechische Umgang miteinander für uns ferne Geschichte ist, ist es in vielem auch die Beurteilung durch den Apostel Paulus. Dennoch gibt es zentrale Dinge, in denen wir als Christenmenschen dem Apostel Paulus ohne Wenn und Aber folgen müssen, auch wenn es dem Zeitgeist heute widerspricht. In der Nachfolge des Apostels hat M. Luther in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ die beiden ersten Sätze komplex-widersprüchlich formuliert:

Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan;
ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Den ersten Satz würden, glaube ich, fast alle Zeitgenossen rückhaltlos bejahen. Darum scheint es zu gehen. Selbstbestimmung, Autonomie auf allen Ebenen. Gleichgültig werden die Belange eines anderen Menschen. Erschreckend können wir das in Zeiten der Corona-Pandemie erleben mit ihren absurden Verschwörungstheorien, ihrem verantwortungslosen sogenannten Querdenken, ja der völligen Gleichgültigkeit gegenüber der Schädigung, eventuell sogar dem Tod anderer Menschen. Autonomie über alles. Das ist aber Gottseidank nur die halbe Wahrheit. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan. Fremdbestimmung hören wir die Kritiker schreien, Heteronomie. Fraglos richtig, wenn wir die beiden Sätze voneinander trennen. Weder Paulus noch Luther dachten in Kategorien moderner Autonomie oder veralteter Heteronomie. Sie dachten ein Drittes. Weder Selbstbestimmung, die blitzschnell in Rücksichtslosigkeit umschlagen kann, noch Fremdbestimmung, die sich augenblicklich in unwürdige Sklaverei verwandeln kann, sind die Lebensformen des Christenmenschen. Was wünschenswert erscheint ist das Bestimmtsein durch Gott, um es griechisch zu sagen: Theonomie.

Worum geht es bei diesem unzeitgemäßen, schwierigen, erklärungsbedürftigen Begriff? Es geht erst einmal darum, dass mir Gottes Schöpfung nicht gleichgültig sein kann und Gottes Schöpfung ist am unmittelbarsten die eigene Person. Da sind wir schon bei einem Hauptstreitpunkt zwischen Paulus und seiner Gemeinde. Unser Leib ist nicht beliebig; er gehört uns nicht in dem Sinne, dass wir ihn vollstopfen könnten mit Dingen, die uns Krankheit und Tod bringen. Ein fremder Gedanke in unserem Zusammenleben, ein kluger Gedanke für unser Wohlergehen. Wisst ihr nicht, schreibt Paulus, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist. Mit anderen Worten wisst ihr nicht, dass Gott euch als Wohnung auserwählt hat. Martin Buber fragte: Wo wohnt Gott? Und er antwortete: Gott wohnt, wo man ihn einlässt. Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt, sagten die alten Rabbiner. Das ist nicht leibfeindlich, im Gegenteil, nicht genussfeindlich, im Gegenteil, sondern sorgfältig, aufmerksam, liebevoll. Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt. Dieser Satz weitet den Gedanken des Apostel Paulus auf die gesamte Schöpfung aus. Weil Mensch und Welt als Schöpfung von Gott besetzte Räume sind, können wir nicht so tun, als seien sie beliebige Verfügungsmasse, als sei jede beliebige Zerstörung erlaubt. Wir haben in den letzten Tagen auf entsetzliche Weise erlebt, wie sich missbrauchte, ausgebeutete Natur selbst in unserem in vielerlei Weise bevorzugtem Land sich gegen den Menschen wandte und sehr viele Menschen durch die Wasserfluten umkamen. Scheinbar völlig unzeitgemäß und doch von geradezu schmerzhafter Aktualität beendet Paulus seinen Text und er bezieht dieses auf alles: auf Arbeit, auf Freizeit, auf Feste, auf die Mitmenschen: Wisst ihr nicht, dass ihr nicht euch selber gehört. Darum preist Gott mit eurem Leibe. Und die alten Rabbiner würden hinzusetzen: gemeinsam mit der gesamten Schöpfung. Und Paulus würde dem zustimmen, schreibt er doch in seinem letzten Brief, im Römerbrief Kapitel 8, dass die gesamte Schöpfung mit uns nach Erlösung seufzt. Und wir entdecken, dass die Bestimmung durch Gott die Tiefendimension einer recht verstandenen Selbstbestimmung ist.

Und der Friede Gottes der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen