Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Von der Zeit

Von der Zeit

Predigt am 8. November 2020
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

8. November 2020 (Drittletzter So. d. Kirchenjahres)

Predigt zu 1. Thessalonicher 5, 1–11

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

„Von den Zeiten aber und Stunden…“,

so beginnt unser Predigttext aus dem 1. Thessalonicherbrief. Die früheste Schrift des Neuen Testaments, die Paulus um das Jahr 50 an die Gemeinde im heutigen Saloniki schrieb, die er vermutlich im Jahr zuvor gegründet hatte.

Diese Gemeinde ist mit der Frage beschäftigt, wann Jesus Christus zurückkommt: Wann wird der Auferstandene wiederkommen, um die Welt zu richten und zu erlösen? Wann bricht die neue Zeit an, ein neuer Äon, wann beginnt das Reich Gottes?

Vorstellungen von der Rückkehr Jesu haben die ersten Christen, haben christliche Gruppen zu allen Zeiten beschäftigt: Wann kommt endlich der Tag, die Zeit, in der alles anders wird?

Auf diese Frage, in der ja eine tiefe Sehnsucht steckt, wurde und wird bis heute mit unterschiedlichen Bildern reagiert: Die Einen entwerfen dazu Horror- und Schreckensszenarien, apokalyptische Bilder – und Andere malen das Paradies aus, die Seligkeit schon hier auf Erden.

Immer wieder gab und gibt es Stimmen, die den Weltuntergang ankündigen: sei es im Zusammenhang mit bestimmten Jahreszahlen, wie dem Jahreswechsel 1700 oder 2000; sei es bei technologischen Entwicklungen oder bei Seuchen und Krankheiten, wie der Pest, HIV oder Corona. Stimmen, die halb gruselnd, halb triumphierend verkünden: Jetzt ist es soweit, die Welt geht unter! Das wird niemand überleben!

Und ebenso, vielleicht weniger laut, hat es zu allen Zeiten Gruppen gegeben, die das Reich Gottes schon jetzt auf Erden herbeiführen wollten. Vorstellungen vom Tausendjährigen Reich, von Kommunen, von grenzenloser Freiheit oder Liebe. Die Sehnsucht, ohne Regeln, ohne Druck, ganz ohne Distanz miteinander zu leben. Schon hier und jetzt vollkommene Erfüllung, Gelassenheit oder Erlösung zu erfahren.

Beide Erwartungshaltungen können sich mit so etwas wie einer Zeitenwende verknüpfen. Mit Entwicklungen, die man beobachtet, mit einschneidenden Daten oder Ereignissen, die untrüglich das Neue ankünden. Und je dringender man darauf wartet, umso angespannter kann man werden – und umso fester und enger kann man sich an Zahlen, Zeichen und Prognosen klammern.

Diese Einstellung verbindet uns, wir erleben sie im Moment ja geradezu kollektiv: dass die allermeisten von uns Statistiken auf dem Bildschirm verfolgen, Infektionszahlen checken, die Monate einteilen in 1., 2. und 3. Welle… Was passiert wann und wo? Wird ein Impfstoff die Wende einleiten, oder kommt ein wirtschaftlicher Kollaps, der alles verändert?

Berechnungen und Einteilungen der Zeit, dieses und des nächsten Jahres oder der nächsten Dekade, die wir so nicht kannten und zu Beginn des verheißungsvollen neuen Jahres 2020 nicht erwartet hätten. Dass nicht unsere Arbeitszeiten, Aufträge, Dienstreisen, Ferien und Feste das Jahr, unser Zeitempfinden strukturieren würden, sondern Lock-downs, Schließungen, Reisebeschränkungen und Quarantänezeiten.

Die Zeichen der Zeit, die Marker und Taktgeber sind ganz andere geworden. Unser Zeitempfinden ist durcheinandergeraten oder jedenfalls für viele empfindlich gestört.

Das erleben wir gemeinsam, gesellschaftlich – und auch im privaten Bereich. Manche arbeiten viel mehr und unter noch mehr Druck als zuvor, in Krankenhäusern oder Gesundheitsämtern, aber auch zuhause in den Familien, in Wohngruppen oder Einrichtungen. Für viele unter ihnen lässt die Anspannung, unter der sie stehen, die Zeit schrumpfen. So, als bliebe ihnen gar keine Zeit mehr, als gäbe es keinen Freiraum, keine Auszeiten mehr.

Andere haben ganz viel Zeit. Tage ohne Arbeit, ohne Kontakt zu Kolleginnen und Kunden. Lange Abende und Wochenenden ohne Verabredungen mit Freunden, ohne Kino-, Konzert- oder Restaurantbesuche… Und wenn man zuerst meinte, das müsste ja herrlich sein – so viel Zeit zu haben! – dann ging vielen dieses Gefühl nach den ersten Märzwochen schnell verloren. Denn seitdem häufen sich die Sorgen, und außerdem ist es gar nicht so leicht, Tage, Abende, Wochen so zu füllen, dass die Zeit in ihnen gut gehalten ist. Dass wir sie weder als bleiern und endlos, noch als flüchtig, vergeudet und verloren erleben.

Merkwürdig ist unser Zeitempfinden…

„Von den Zeiten aber und Stunden,“ schreibt Paulus, „ist es nicht nötig, euch zu schreiben. Denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.“

(1. Thessalonicher 5, 1+2)

Das, was Paulus hier zum „Tag des Herrn“ schreibt, dass er unvorhersehbar ist und geradezu überfallartig kommen kann, das gilt in gewisser Weise auch für uns gerade. Wir wissen nicht, wann und wie das Corona-Virus gestoppt oder geheilt werden kann. Wir wissen nicht, was wir planen können, wann wir wieder zu einem normaleren Leben zurückkehren dürfen, nach dem wir uns sehnen. Mit Begegnungen, Arbeit und Freizeit in den uns vertrauten Rhythmen, Zeiteinteilungen und Gestaltungsmöglichkeiten. Wir wissen nicht, wann die Zeitenwende kommt.

Für diese Unsicherheit im Blick auf die kommenden „Zeiten und Stunden“ legt Paulus uns in seinem Brief ein Bild ans Herz, gibt er einen Rat:

„Wir wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.“

1. Thessalonicher 5, 8

Legt euch wie einen Brustpanzer Glauben und Liebe an, sagt er. Den Glauben an Gottes Liebe, an die Verbindung mit Jesus Christus und an unsere Gemeinschaft miteinander, hier in der Gemeinde, in der Nachbarschaft, mit unseren Familien und Freunden – als ein Schild gegen alle wahnhaften Vorstellungen von totalem Untergang oder sofortiger Erlösung, gegen abstruse Theorien der Verbreitung oder Verschwörung.

Legt den Brustpanzer der Liebe an, schreibt Paulus, gegen Menschenscheu und -feindlichkeit, gegen Angst, Aggressionen und Schuldzuweisungen. Bleibt in Kontakt mit anderen und mit der Liebe, zu der ihr fähig seid. Macht die Liebe stark – nicht die Angst.

Und setzt euch den Helm der Hoffnung auf. Dass der Kopf frei bleibt – oder immer wieder wird – von Resignation und Depression. Dass wir nicht zynisch oder träge werden, sondern Hoffnung behalten, die den Blick offenhält, die uns über diese Woche, diesen Monat, dieses Jahr hinausblicken lässt. Hoffnung, die dem vertraut, was uns verheißen ist: dass wir leben werden – und Jesus Christus mit uns.

Ein Mensch, von dem ich glaube, dass er mit diesen Metaphern viel anfangen kann, ist Hans-Jürgen Lueder, der heute zur Anerkennung seines großen ehrenamtlichen Engagements in dieser Gemeinde das Ansgarkreuz verliehen bekommen hat.

Ich denke mir, Hannes, dass du dich sowohl mit den konkreten Gegenständen gut auskennst – mit Brustpanzern, Allwetterjacken, Helmen und Gummistiefeln, die du zur Zeit vor allem bei deinen Waldarbeiten trägst. Dass du aber auch weißt, wie man sich innerlich rüsten kann, mitunter auch rüsten muss, um schwere Zeiten zu durchstehen, im persönlichen, wie im öffentlichen oder kirchlichen Leben. Glaube, Liebe und Hoffnung im Herzen und im Kopf zu bewahren, für sich selbst und auch für andere, Einzelne oder eine Gemeinschaft, für die man Verantwortung übernommen hat.

Deinen eigenen Brustpanzer des Glaubens und der Liebe, deinen Helm der Hoffnung hast du – so meine Wahrnehmung – insbesondere mit Geduld, mit Friedfertigkeit und Treue ausgestaltet. Und warst und bist darin vielen ein gutes Vorbild, wie man den christlichen Glauben anlegen und alltäglich tragen kann wie ein Kleid, wie eine Jacke oder ein Sakko, das zu einem passt und das man gerne, ganz selbstverständlich trägt.

Den Brustpanzer des Glaubens und der Liebe, den Helm der Hoffnung – sucht ihn in euren Freundschaften und Beziehungen, in der Natur und vor allem in euren inneren Schatzkammern. Wo ihr euren Glauben aufbewahrt und findet: an die Liebe Gottes, an die Verbindung mit Jesus Christus und an unsere Gemeinschaft miteinander!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.