Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Von Engeln getragen

Von Engeln getragen

Predigt am 19. Juni
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

19. Juni 2021 (1. Sonntag n. Trin.)

Lukas 16, 19–31

Predigttext: Lukas 16, 19–31

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20 Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür, der war voll von Geschwüren 21 und begehrte sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. 22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. 23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. 24 Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme. 25 Abraham aber sprach: Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein. 26 Und in all dem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. 27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; 28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. 29 Abraham aber sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. 30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. 31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Gemeinde!

Es gibt Wohlfühlgeschichten und Lieblingstexte in der Bibel, wie das Hohelied der Liebe, manche Psalmen, Rettungs- oder Heilungsgeschichten, und es gibt Geschichten wie den heutigen Predigttext. Die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus, bei der einem ungemütlich werden kann.

Schon die Stichworte stechen uns: „Der reiche Mann“. Und wir wissen ja, dass wir in einem der reichsten Viertel in einer der reichsten Städte Europas leben. Dass unser Wohlstand zu Lasten anderer geht. Also ahnen wir auch, wo wir in der Geschichte wohl zu verorten sind…

Dann ist die Rede von der „Hölle“, die einem Angst machen kann, die Menschen jahrhundertelang geängstigt hat. Eine Vorstellung, die wir weitgehend abgelegt haben, und darauf sind wir auch irgendwie stolz.

Der altertümliche Ausdruck „Abrahams Schoß“ – und doch sehnen wir uns danach, wie nach den Engeln, die uns behüten und tragen mögen, nach Geborgenheit und Frieden, wenigstens im Tod.

Und schließlich die Weigerung von Abraham, die Brüder des Reichen durch Lazarus warnen zu lassen. Wie ungerecht ist das denn?!

Leicht gerät es uns mit dieser Geschichte so, dass wir uns angeklagt, abgelehnt oder ausgegrenzt fühlen, und dann drehen wir den Spieß sozusagen um und klagen die vermeintliche Ungerechtigkeit oder Lieblosigkeit der Geschichte an.

Ich will daher eingangs etwas tun, was man in einer Predigt eigentlich auf keinen Fall tun soll, nämlich sagen, worum es in Jesu Erzählung vom reichen Mann und armen Lazarus nicht geht.

Es ist keine Beispielgeschichte über Himmel und Hölle oder das Gericht. Von einem Gericht ist gar nicht die Rede, von der Hölle eigentlich auch nicht. Denn im griechischen Urtext steht dort „Hades“, also das Totenreich, von dem man in der hellenistischen Welt der Antike, zu der der Evangelist Lukas gehörte, mehr oder weniger konkrete Vorstellungen hatte – aber nicht die von Höllenfeuer und Paradiesgarten.

Es ist eher eine bildreiche, mythologisch aufgeladene, als eine ethische oder eschatologische Geschichte. Dafür spricht das Bild von Abraham, dem beispielhaften Gerechten und Urvater im Glauben, in dessen Schoß oder an dessen Seite nach jüdischer Vorstellung ein rettender Ehrenplatz war.

Der Text ist schließlich auch keine Lehrgeschichte über Reiche und Arme. Die Moral von der Geschichte, die Pointe lautet nicht: Reiche landen in der Hölle, Arme im Himmel. Die Erzählung geht ja weiter; sie endet nicht mit der erschreckenden Gegenüberstellung von Lazarus und dem reichen Mann im Jenseits.

In dieser ungemütlichen Geschichte geht es um anderes: Um Menschen und um Gott und um die Beziehung zwischen ihnen.

Zuerst kann einem auffallen, dass „der reiche Mann“ in der Geschichte keinen Namen hat, der arme Mann aber schon: „Lazarus“, das heißt „Gott hilft!“ So, wie es früher die Vornamen „Gotthelf“, „Gottlieb“ oder „Gottfried“ bei uns gab.

Für die Beziehung zwischen Gott und uns Menschen heißt das wohl, dass bei Gott auch die Menschen einen Namen haben, die in der Welt ohne Rang und Namen sind. Manche Namen kennen wir ja gut, auf manche Namen beziehen wir uns gerne, seien es Prominente aus Politik, Wirtschaft oder Kultur, Leute mit guten Verbindungen oder Einfluss. Menschen, unter deren Schutz oder in deren Glanz wir uns stellen möchten, von denen wir uns Unterstützung erhoffen. Der Arme dagegen setzt seine Hoffnung auf Gott: „Gott hilft!“ Sein, der Erzählung nach einziger, Gewährsmann ist Gott. Der wiederum kennt Lazarus beim Namen.

Dieser, mit Gott in einer Beziehung stehende Mensch wird von Engeln in Abrahams Schoß getragen. Denn wo die eigene Kraft nicht ausreicht und die Nächsten fehlen, da – so erzählt es die Bibel immer wieder – sendet Gott seine Engel. Zu dem unerwartet schwangeren, unverheirateten Mädchen Maria, zu dem lebensmüden, ausgelaugten Propheten Elia wie zu dem im Dreck sterbenden Lazarus. Der Reiche mag das eher weniger kennen, dass die eigene Kraft, das Geld oder die Beziehungen nicht reichen, um sich selbst zu helfen, und sich stattdessen auf Engel zu verlassen.

Der Reiche stirbt nun auch, aber er sieht Abraham und Lazarus im Totenreich nur von Ferne. Er ist von dem Ort des Friedens und der Gottesnähe weit entfernt. Das quält ihn. Nun will er, dass Abraham Lazarus zu ihm schickt, damit der ihm die Zunge mit Wasser kühlt. Wie selbstverständlich geht er davon aus, dass der Arme ihm zu Diensten sein müsste. Er beherrscht auch die Spielregeln der Mächtigen, wendet sich direkt an die höchste Ebene: Vater Abraham soll Lazarus wie einen Sklaven zu ihm schicken.

Der Reiche, der sich zu Lebzeiten nicht um den Mann gekümmert hat, der krank, hungrig und obdachlos vor seiner Tür lag, dem er noch nicht einmal seine Essensreste überlassen wollte, meint noch immer, es gehe nach seinem Wunsch. Es gibt, wie Abraham nüchtern bemerkt, „zwischen uns und euch eine große Kluft“ (V. 26)

Ich glaube, diese Kluft kennen wir. Sie tut sich nicht erst nach dem Tod, im Jenseits oder beim Letzten Gericht auf. Es gibt diese himmelschreiende Kluft zwischen Reichtum und Armut auf der Erde und in schwächerer Form auch in unserer Stadt.

Aber es gibt daneben noch eine weitere erschütternde Kluft zwischen Menschen, die ihre Hoffnung auf Gott und ihre Nächsten setzen, und Menschen, deren Herz allein an ihrem Hab und Gut, ihrem Tisch, Haus und Beruf, ihrer eigenen Kraft und Gesundheit hängt. Es gibt eine riesige Kluft zwischen Menschen, die auch für andere oder nur für sich selbst leben. Und meistens spüren wir schon im Gespräch, noch bevor es um Taten geht, mit welcher Sorte Menschen wir es zu tun haben. Daran, wie jemand zuhört, ob er sich in andere hineinversetzen und mitfühlen kann, ob sie das Wohl von anderen im Blick hat…

Unendlich schwer fällt es dem reichen Mann in der Geschichte, von sich selbst abzusehen. Noch im Tod schielt er auf das, was er auch gerne hätte: Engel, Geborgenheit, Erleichterung… Mit Mühe lenkt er seine Gedanken schließlich auf seine Brüder als seine engsten Verwandten: Diese Fünf mögen doch gewarnt werden, indem Abraham den Lazarus auferstehen lässt und als Boten zu ihnen schickt!

Auf dieses letzte Ansinnen der Indienstnahme des Armen für die Rettung der eigenen Familie antwortet Abraham – und darin stecken wahrscheinlich Jesu eigene Gedanken: „Wer Mose – also das Gesetz – und die Propheten nicht hört, lässt sich auch nicht überzeugen, wenn jemand von den Toten aufersteht.“ (V. 31)

Denn ihr wisst, wir wissen ja, was uns im Alten wie im Neuen Testament gesagt ist: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (vgl. 3. Mose 19, 18; Lk 10, 27)

Das ist die Botschaft, die wir hören sollen, die Pointe der Geschichte, die Gott uns durch seine Propheten immer wieder gesagt hat, für die Gott schließlich in seinem Sohn selbst zu uns gekommen ist. Die Grundlage jeder Gottesbeziehung, die sich nicht an arm und reich entscheidet und auch nicht erst im Tod, sondern jetzt, im Leben: Der Liebe Raum zu geben, Kraft, Gedanken und Vermögen – der Liebe zu Gott, zu unseren Nächsten und zu uns selbst.

„Was für ein Mensch möchtest du sein?“ hat die Rednerin Aster Obereit bei der Antirassismus-Veranstaltung „Speech&Sound“ am Donnerstag im Gemeindesaal gefragt. Gott stellt uns diese Frage auch, damit wir – auch durch ungemütliche Geschichten wie den heutigen Predigttext – uns erkennen und uns entscheiden, was für ein Mensch wir sein möchten.

Nur dass dies im Glauben nicht beliebig ist und nicht allein bei uns liegt, sondern Gott sich von uns eine bestimmte Entscheidung, ein bestimmtes Menschsein wünscht: Dass wir zu Menschen werden, die ihn und die er mit Namen kennt. Dass wir dann und wann von unseren eigenen Sicherungssystemen absehen und uns wie von Engeln tragen lassen. Dass wir möglichst mehr als bloß unsere Reste mit anderen teilen und in unseren Nächsten nicht Sklaven und Dienerinnen sehen, sondern Bilder Gottes, unsere Geschwister.

Auch Lazarus sei dabei. „Gott hilf!“ uns allen. Amen.