Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Was habt ihr getan?

Was habt ihr getan?

Predigt am 19. November
Pastorin

Andrea Busse

Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr

Predigt zu Matthäus 25, 31–46

Predigttext:

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.
Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.
Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben

Predigt

Heute ist Volkstrauertag. Trauert heute das Volk?
Es gibt ja bestimmte Rituale: Kranzniederlegungen an Gedenktafeln, Reden von Politikerinnen und Politikern, Schweigeminuten. Wie ambivalent der Tag ist, zeigt seine Geschichte: Vom Gedenktag zu Ehren der gefallenen Soldaten des 1. Weltkriegs – zur Heldenverherrlichung unter den Nazis – bis hin zum Erinnern an Opfer von Terror und Gewalt nach dem 2. Weltkrieg. Und heute? Trauert das Volk? Trauert Gott mit uns? Dass immer noch kein Friede werden will? Dass es immer noch und immer mehr Opfer von Gewalt und Kriegen gibt? Ich spüre schon eine große Traurigkeit über die Kriege dieser Tage, vor allem über die, die hier bei uns im Fokus stehen: in der Ukraine und im Nahen Osten natürlich.

Und ich merke an mir selbst neben der Betroffenheit eine Hilfslosigkeit, weil das alles so unübersichtlich ist. „Frieden schaffen ohne Waffen“ – das war doch mal eine klare Ansage aus christlicher Grundüberzeugung, aber kann ich mich wirklich gegen Waffenlieferungen in die Ukraine positionieren? Und wenn ich mich über den Konflikt im Nahen Osten äußern will, muss ich aufpassen, weil jedes „aber“ schon eine unange­messene Rela­tivierung sein könnte, weil der „nicht luftleere Raum“ Gefahr läuft, einem um die Ohren zu fliegen. In dieser Zeit ist alles so durcheinander, so uneindeutig, so viele Perspek­tiven, die alle irgendwie ihre Berechtigung haben und doch zu hinterfragen sind. Dilemmata, in denen man sich bei jeder Entscheidung oder Äußerung wiederfindet. Man kann sich eigentlich gar kein Urteil erlauben.

Und dann kommt da einer, um zu urteilen, und sagt ganz klar: Schafe – Böcke, richtig – falsch, Daumen hoch Daumen runter. Da sagt einer, wo’s lang geht. Die einen hierhin, die anderen dorthin. Da ist sie die ersehnte und zugleich befürchtete Eindeutigkeit. Ich sehne mit nach Klarheit in dieser unüber­sichtlich gewordenen Welt und merke doch, dass mich diese Schwarz-Weiß-Malerei befremdet. Da fällt einer sein eindeu­tiges, unwiderrufliches Urteil über die Menschen: entweder gut oder schlecht. Himmel oder Hölle.

Das kann doch nicht wirklich Gottes Ernst sein? Müssen wir Gott da nicht mal über das „christliche“ Menschenbild aufklären: Wir bemühen uns, nicht vorschnell zu urteilen und wissen, dass kein Mensch nur gut oder schlecht ist. Wir sind alle irgendwie zwischendrin, nicht schwarz oder weiß, sondern grau. Manchmal gelingt es mir, meinen Mitmenschen mit Empathie und Mitleid, mit Großzügigkeit und Weitherzigkeit zu begegnen. Und manchmal scheitere ich daran, bin überfordert, drehe mich um, schaue weg. Bin ich dann Schaf oder Bock? Wenn ich ein Patenkind bei Plan habe, habe ich dann schon jemanden gekleidet, der nackt ist? Wenn ich monatlich die Hinz & Kunzt kaufe, habe ich dann schon Hunger gestillt? Wenn ich regelmäßig meinen einsamen Onkel anrufe, habe ich das Soll dann erfüllt?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde sie auch irritierend, diese end­zeitliche Gerichtszene, die der biblische Text uns heute vor Augen malt. Und viele Künstler haben sie ja tatsächlich gemalt. Vermutlich haben Sie alle bei Besichti­gungen in alten Kirchen schon große Kunstwerke gesehen, in denen jemand fast genüsslich ausgemalt hat, wie die auf der einen Seite von Engelchen in Paradies gehoben und auf der anderen Seite vom Teufel in der Hölle gequält werden. Im „Dies Irae“, Tag des Zorns, der alten Totenmesse sind die Schrecken des Jüngsten Gerichtes hörbar. Diese Vorstellung eines endzeitlichen Gerichts ist uns neu­zeitlichen Menschen ja fremd geworden. Was Menschen in anderen Jahr­hunderten noch wirklich umgetrieben, auch Angst gemacht hat, ist für uns kein Thema mehr. Ich zumindest bin als Pastorin noch nie darauf angesprochen worden, dass jemand von der Vorstellung gepeinigt wäre, bei der Wiederkunft Christi auf der falschen Seite zu laden. Was uns aber durchaus um­treibt, ist die irdische Gerechtigkeit bzw. Ungerechtigkeit und wie wir uns dazu verhalten. Eigene Gewissensfragen, die werden sehr wohl sehr ernsthaft diskutiert. Und darum geht es.

Denn diese biblische Endzeitszene ist ein Gleichnis ist, d.h. hier wird nicht behauptet, dass dieser Gerichtsprozess so ablaufen wird, sondern Gleichnisse sind ja Geschichten, die etwas klar machen, etwas beleuchten sollen. Dieses Gleichnis fragt nach unsrer Verant­wortung – und zwar im Hier und Jetzt: Wie begegnest du deinem Nächsten? Was tust du, was tust du nicht? Was habt ihr getan? Was habt ihr nicht getan?

Was wir tun sollen, wird dann fast matraartig wiederholt: Hungrigen zu essen geben, Durstigen zu trinken, Fremde aufnehmen, Nackte bekleiden, Kranke und Gefangene besuchen. Es sind elementare Werke der Barmherzigkeit. Und sie allein werden zum Kriterium, wie Gott menschliches Handeln beurteilt.

Das ist die nächste Irritation, die der Text hervorrufen kann. Wenn Gott über Menschen urteilt, dann geht es nicht um Glaube, nicht darum, ob wir nach Gott gefragt, ihm vertraut, ihm eine Rolle in unserem Leben gegeben haben. Es geht nicht um Frömmig­keitspraxis und Kult, sondern nur um das, was wir getan haben. Um Werke. Jemand hat diesen Text einmal als „Schlag in die lutherische Magengrube“ bezeichnet. Wo Luther doch immer betont hat, dass wir gerechtfertigt sind allein aus Glauben, dank der Gnade. Und nicht durch unsere Werke.

„Was ihr getan habt!“ darauf kommt es an, denn „Was ihr getan habt, einem diesem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan!“ Ich glaube, es ist einer der bekanntesten Sätze der Bibel, immer wieder zitiert, ein Kernsatz der Diakonie, ein Kernsatz christlichen Glaubens. Man kann im Endeffekt die ganze lange Gerichtsrede darauf reduzieren. Und dann wird auch deutlich, dass es nicht um ein Soll geht, das zu erfüllen ist – wie viele Nackte gekleidet, wie viele Gefangene besucht? – sondern darum, im anderen Gott zu erkennen. Darum, dass sich Gottesliebe und Nächstenliebe eben nicht auseinander definieren lassen. „Was ihr getan habt, einem diesem meiner geringsten Brüder….“. „Einem“ – heißt es sogar, das reicht schon.

An diesem Punkt wird Gottes Anspruch an uns zugleich zur Verheißung. Von uns werden keine übermenschlichen Taten erwartet, sondern wir sollen uns einfach von der Not eines Mitmenschen anrühren lassen und helfen. Manchmal tun wir das, ohne es zu merken – wie die Rückfragen beim Gerichts­prozess zeigen. Wir müssen eben nicht die Welt retten, sondern nur einen anderen Menschen so genau ansehen, dass wir Christus in ihm erkennen. In einer kleinen Tat, kann dann Großes drinstecken. Für etwas Kleines habe ich immer noch Zeit und Kraft, gerade, wenn mich das Große ratlos und hilflos macht.

Es gibt Menschen, für die hat dieser biblische Text das ganze Leben auf den Kopf gestellt. Am bekanntesten ist vermutlich Mutter Teresa. Bei einer Fahrt durch Kalkutta sieht sie ein Kruzifix und hat eine Art mystisches Erlebnis, nämlich, dass dieser Jesus am Kreuz zu ihr spricht. „Mich dürstet“ sagt er und fordert sie dazu auf, ihm in den Ärmsten der Armen zu dienen – was sie künftig ihr Leben lang tut. Was vielleicht weniger bekannt ist, ist, dass Mutter Teresa jahrzehnte­lang in Glaubens­krisen steckte. In ihrem Tagebuch finden sich Sätze wie: „Der Himmel bedeutet nichts mehr. Für mich schaut er wie ein leerer Platz aus.“ Sie konnte Gott offensichtlich nicht mehr da oben verorten, sondern fand ihn nur noch in den Ärmsten der Armen. Dort, allein dort, war er ihr nahe.

Es ist das faszinierende an diesem Gleichnis, dass wir Christus nicht nur als Richter erleben, sondern an der Seite der Opfer. Er identifiziert sich mit ihnen. Wenn wir Christus suchen, finden wir ihn in den Hungernden, den Fremden, den Gefangenen. Wir finden ihn im Obdachlosen, in der einsamen und vielleicht nervigen Nachbarin, im Flüchtling, der auf dem Mittelmeer in Seenot gerät. Und dann stellt sich die Frage: Was habt ihr getan? Was tut ihr?

Und da wird die Eindeutigkeit des Gleichnisses zur Zumutung. Auch im Flüchtling auf dem Mittelmeer erkennen wir das Angesicht Jesu – völlig unabhängig von politischen Debatten über Asylverfahren, Obergrenzen und Verteilung. Natürlich werden wir dann auch immer wieder schuldig. Aber glücklicher­weise richten nicht andere über uns und auch nicht wir selbst. Sondern Christus. Und er ist das, was eigentlich für einen Richter verpönt ist. Er ist parteiisch. Er ist gerecht, aber nicht unerbittlich neutral. Er richtet nämlich nicht „ohne Ansehen der Person“. Er sieht uns an, voreingenommen, liebend. Er rechnet nicht auf, zu wie viel Prozent wir dem Anspruch genügt haben, und wie oft wir gescheitert sind, sondern er erinnert, was wir einem dieser geringsten Geschwister getan haben. Erinnert es besser, als wir selbst. Er ist ein voreingenommener Richter, weil er selbst beteiligt ist. „Was ihr mir getan habt.“ Es gibt den Juristenwitz: „Von einem Gericht bekommt man keine Gerechtigkeit, sondern ein Urteil.“ Dieses himmlische Gericht, in dem unsere irdischen Maßstäbe außer Kraft gesetzt sind, ist anders. Das Gleichnis vom Weltgericht ist eine kraft­volle Antwort auf unsere Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Die Opfer werden nicht übergangen, sie werden gesehen, in dem was an ihnen getan und unterlassen wurde.

Und wir werden gesehen in dem, was wir getan und unter­lassen haben. Gesehen von einem parteiischen Richter, der nicht von uns erwartet, Entwürfe für Gerechtigkeit auf Erden zu liefern, sondern einfach nur einen anderen Menschen anzusehen, einem Menschen zum Nächsten zu werden. Es geht nicht um die Massen an Menschen, die Hilfe brauchen – das erschlägt uns – sondern um den konkreten Menschen, der unserer Zuwendung bedarf. Wenn ich mich dann frage, was mein Tun bringt, wie viele andere leer ausgehen, wenn ich glaube, dass ich ja doch nichts ausrichte und es deswegen gleich bleibenlassen kann, dann schaue ich durch diesen Menschen hindurch, werde ihm nicht gerecht. Es steckt nicht ein Tausendstel oder Millionstel von Christus in einem Menschen, sondern Christus an sich.

Das Gleichnis vom Weltgericht mutet uns viel zu: Wir als Christen und Christinnen tragen Verantwortung für unseren Nächsten. Wir müssen uns immer wieder fragen: Was tue ich? Aber wir haben eine Vision, dass es Gerechtigkeit geben wird, die unsere menschlichen Maßstäbe sprengt. Und dass wir Teil davon sein können. Ein kleiner Teil. Aber Christus sieht diesen, unseren geringen Teil, wenn wir ihn im Geringen sehen. Amen.