Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Weise Worte

Weise Worte

Predigt am 16. Januar
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst mit Konfirmandentaufen

Predigt zu 1. Korinther 2, 1-10

Predigttext:

Brüder und Schwestern, ich bin damals zu euch gekommen, um euch das Geheimnis Gottes zu verkünden. Ich bin aber nicht mit großartigen Worten oder mit Weisheit aufgetreten. Denn ich hatte beschlossen, bei euch nur über eines zu reden: Ich verkünde euch Jesus Christus, der am Kreuz gestorben ist. Als schwacher Mensch trat ich vor euch und zitterte innerlich vor Angst. Meine Rede und meine Verkündigung sollten euch nicht durch ihre Weisheit überreden. Vielmehr sollte in ihnen Gottes Geist und Kraft zur Geltung kommen. Denn euer Glaube sollte nicht aus menschlicher Weisheit kommen, sondern aus der Kraft Gottes.
Und doch verkünden wir eine Weisheit – und zwar denen, die dafür bereit sind. Es ist eine Weisheit, die nicht aus dieser Welt stammt. (…) Nein, wir verkünden die geheimnisvolle Weisheit Gottes, die bis jetzt verborgen war: Schon vor aller Zeit hatte Gott bestimmt, uns Anteil an seiner Herrlichkeit zu geben. Keiner von den Herrschern unserer Zeit hat diese Weisheit erkannt. Sonst hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. In der Heiligen Schrift heißt es dazu: »Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, worauf kein Mensch jemals gekommen ist – all das hält Gott für die bereit, die ihn lieben.« Uns aber hat Gott dieses Geheimnis durch den Heiligen Geist enthüllt. Denn der Heilige Geist erforscht alles, selbst die unergründlichen Geheimnisse Gottes. (1. Kor 2, 1-10)

Predigt:

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmand:innen,

Sie und ihr sitzt da jetzt also, schaut mich mehr oder weniger erwart­ungs­voll an und wollt von mir eine gute Predigt hören. Zu recht. Aber was heißt eigentlich gut? Heißt das: hoffentlich nicht ganz so schrecklich langweilig, gut verständlich, schön formuliert, ergreifend, unterhaltsam, aktuell, am besten möglichst kurz? Ich muss zugeben, wenn ich nicht hier vorne stehen würde – und ich sitze ja auch öfter mal in der Kirchenbank – dann habe ich auch so meine Vorstellungen, wie eine Predigt sein sollte, damit ich gerne zuhöre.
Hier in Hamburg hat man ja den Luxus, dass man sich seinen Gottes­dienst selbst aussuchen kann, weil so viele Kirchtürme relativ nahe beieinander stehen. Man kann also in die ent­sprechenden Gemeinde­briefe oder ins Internet schauen und weiß, wer wo predigt und manchmal auch worüber. Man kann sich also den Pastor, die Pastorin selbst aus­suchen. Predigt à la carte sozusagen.

Ich glaube, der Apostel Paulus hätte heute in einer deutschen Stadt mit all der Auswahl an Kanzelreden nicht allzu viele Gottes­dienstbesucher und -besucherinnen in der Kirchenbank sitzen. Ich zumindest finde Paulus meistens relativ schwer zu verstehen. Er war auch einfach kein guter Redner – immer etwas umständlich und kompliziert. Er sagt das übrigens in dem Briefabschnitt, den wir gerade in der Lesung gehört haben, auch von sich selbst – da ist er ganz offen und ehrlich. Wenn Sie also den Predigttext, der gerade gelesen wurde, nicht auf Anhieb verstanden haben und sich davon nicht so sehr viel merken konnten, liegt das nicht an Ihnen oder an euch, zumindest nicht nur.

Paulus schreibt da etwas umständlich von der Weisheit und den unergründlichen Geheimnissen Gottes. Die bleiben für uns tatsächlich oft unergründlich. Was ich aber an den Worten von Paulus sofort nachvollziehen kann: Dass Paulus bei seinen Predigten innerlich zitternd vor der Gemeinde stand, wie er schreibt. Witzigerweise war die allererste Predigt meines Lebens über genau diesen Text. Und ich musste sie halten in einer der Hamburger Hauptkirchen, ich der ich damals mein Vikariat machte. Da stand ich also auf einer hohen Kanzel in einer riesigen Kirche vor lauter schlauen Hamburger Haupt­kirchen­gemeinde­gliedern, so kam mir das damals zumindest vor – und ich habe ganz schön gezittert! Diese Kanzel ist auch hoch, trotzdem ist hier alles gefühlt etwas familiärer und ich habe inzwischen auch mehr Erfahrung. Aber kein Gottesdienst, den ich halte, ist einfach nur Routine, jeder bringt sein kleines bisschen Aufregung mit sich. Und ihr Kon­firmandinnen und Konfirmanden wart heute sicher auch etwas aufgeregt. Wenn selbst der weitgereiste, heute hochbe­rühmte Apostel und Gemeinde­gründer Paulus nervös war, dann finde ich das wieder­rum ganz beruhigend.

Paulus hatte es aber auch nicht gerade leicht in einer Stadt wie Korinth mit ihrem hochprofessionellen Unterhaltungsangebot. Und in der Gemeinde gab es auch schnell Probleme. Da sind Menschen aufgetreten, die von sich und ihren Fähigkeiten im religiösen Sinn sehr überzeugt waren und mit ihren Einsichten und Ansichten brillierten. Sie haben die Gemeinde durch­ein­ander und auseinander gebracht. Plötzlich gab es da Christ:­innen erster und zweiter Klasse. Und Paulus müsste ja nun als Gründer absolute Oberklasse sein – die Weisheit, von der ständig die Rede ist, sozusagen mit Löffeln gegessen haben, aber nichts davon: Er spricht von Furcht und Zittern. Und was überhaupt Weisheit ist, das stellt er ganz grundsätzlich in Frage:

Da ist auf der einen Seite die menschliche Weisheit, Weisheit dieser Welt, Weisheit der Herrscher dieser Welt. Die vergehen – samt ihrer ganzen Weisheit. Das kennen wir aus der Ge­schichte und der aktuellen Politik. Menschliche Weisheit ist vergänglich, wird immer wieder von neuen Erkenntnissen eingeholt und überholt. Und dann ist da die heimliche, verborgene Weisheit Gottes, die er schon vor der Zeit der Welt verordnet hat. Ob echte oder nur scheinbare Weisheit entscheidet sich also daran, wie nachhaltig, wie haltbar sie ist. Ob sie tatsächlich durchträgt durch’s Leben oder ob sie beim ersten Hinterfragen in sich zusammen­bricht. Wie wirksam ist sie?

Die Weisheit, die Paulus anzubieten hat, sieht erstmal alles andere als wirksam aus. Ziemlich ohnmächtig sogar. „Allein Jesus, den Gekreuzigten“ kann er predigen. Und das nicht mal sonderlich gut und überzeugend. Dazu fehlt ihm das Talent. Aber das passt zur Botschaft, findet er. Die Weisheit liegt eben in der Umkehrung: In den Ohnmäch­tigen, im Niedrigen. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ – hat Gott Paulus versprochen. Was für ein Versprechen! Hätte Gott nicht einfach zusagen können, ihm die nötige Kraft zukommen zu lassen? Nein, eben nicht. Es geht darum, die Schwäche zu akzeptieren. Und das, wo man doch meistens Angst hat vor der eigenen Schwäche und Unsicherheit, sie am liebsten vor sich selbst und den ande­ren verbergen möchte. Da stellt Gott wirklich alle weltlichen Maß­stäbe auf den Kopf.

Das Entscheidende – so Paulus – das Entscheidende ist, dass nicht DAS wirklich wirksam und weise ist, was auf den ersten – menschlichen – Blick danach aussieht. Sondern das, was erstmal gar nicht danach aussieht: das Kreuz. Ein Kreuz, um die Menschheit zu retten. Ein Gekreuzigter als Erlöser. Verkehrte Welt! Und das ist auch das Problem der christlichen Botschaft: damals für Paulus und auch für die, die heute predigen. Wir können leider keine Gebrauchsanweisung zum Glücklichsein bieten, auch wenn wir uns danach sehnen. Die christliche Botschaft fordert uns sogar auf, unser Kreuz auf uns zu nehmen. Das ist wenig attraktiv! Genauso wie die Tatsache, dass ich jetzt, so kurz nach Weih­nachten, laut Predigtplan schon wieder vom Kreuz sprechen soll.

Andererseits ist diese Botschaft wenigstens ehrlich. Es ist ja nicht alles einfach und friedlich und harmonisch. Jeder und jede von uns kennt Situationen, in denen wir uns überfordert fühlen, auf dem Zahnfleisch kriechen. Wir kennen Erfahrungen, die schmerzlich sind und hässliche Wunden hinterlassen, die lange brauchen, um zu heilen. Es gibt einfach viel, was besser zum Kreuz passt als zu weisen Sprüchen übers „positiv Denken.“ Ich erlebe das immer wieder in Seelsorgegesprächen. Da er­zählen Menschen viel Leidvolles. Und da bin ich mit meinen schlauen Rat­schlägen und meiner menschlichen Weisheit schnell am Ende. Da geht es tatsächlich darum, sein Kreuz auf sich zu nehmen. Und anderen dabei zu helfen, ihr Kreuz zu tragen.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Jugendlichen aus einer früheren Ge­meinde. Sie hielt mir netterweise die Tür auf. Es war Sommer, sie trug etwas Kurzärmliches und in diesem Moment konnte ich an ihren Unterarmen feine Striche sehen – unver­kennbares Zeichen dafür, dass sie sich geritzt hatte. Auto­aggressives Verhalten. Leider ziemlich verbreitet unter Jugend­lichen. Sie hatte meinen Blick gesehen, die Hand schnell von der Tür weggezogen. Aber uns war beiden klar, dass ich es gesehen hatte. Und schon konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten und erzählte, dass ihre Schwester bei einem Autounfall so schwer verletzt worden war, dass sie jetzt im Rollstuhl sitzen muss. Dass ihre Eltern monatelang nur in Kranken­häusern und Reha-Kliniken unterwegs waren und – natürlich – kaum mehr Zeit für sie hatten. Wie sie in der Schule noten­mäßig abgesackt war, es aber verheimlicht hatte, um ihre Eltern nicht noch mehr zu besorgen. Dass sie auch mit ihren Freundinnen nicht mehr klarkam, weil die alle plötzlich in einer anderen, viel sorgloseren Welt zu leben schienen. Sie war einfach unendlich einsam, wie sie da vor mir stand.

Ich weiß heute, dass sich ihre familiäre Situation wieder stabili­siert hat und es ihr wieder viel besser geht. Ich habe damals gehofft und geahnt, dass das so kommen würde. Aber das hätte ihr gar nichts genutzt, wenn ich ihr das damals prophezeit hätte. In diesem Moment ihrer Einsamkeit tröstet sie das überhaupt nicht. Da konnte ich ihr nur sagen. „Ja, das was du erlebst, ist richtig schwer. Und die meisten sehen vermutlich nur, wie hart es für deine Schwester ist oder deine Eltern und du gerätst total aus dem Blick, keiner ist wirklich für dich da.“ Eigentlich sehr hart, das so direkt zu sagen. Und ich bin immer wieder erstaunt, wenn Menschen nach solchen Gesprächen trotzdem ein klein wenig getröstet sind. Aber ich glaube, dass es im Endeffekt tröstet, wenn wir das Leid sehen, wenn wir wahr­nehmen und zugeben, wie schlimm es ist und es eben nicht schönreden oder auf später vertrösten.

Die Rede von Kreuz ist da tatsächlich weise. Sie besagt nämlich nicht, dass Gott alles Schwere irgendwie wieder gut macht. Das widerspricht ja jeder Erfahrung und ist unglaub­würdig. Die Rede von Kreuz heißt vielmehr, dass Gott auch und gerade da bei uns ist, wo es schwierig wird, wenn es richtig tief runter geht, da, wo wir unter unseren Schwächen leiden. Wer kann das besser verstehen, wer kann da besser trösten als „allein der Gekreuzigte“? Das ist also die wahre Weisheit, die eben nicht gleich in sich zusammenbricht, sondern tatsächlich auch etwas aushält.

Das heißt nicht, dass alle Weisheit der Welt grundsätzlich verteufelt werde muss. Das Kreuz ist ein gutes Kriterium, menschliche Weisheit – also Lebensphilosophien, aber auch wissen­schaft­liche Erkenntnisse – zu hinterfragen:
Ein Lebens­konzept, das die Gebrochenheit und Vorläufigkeit menschlicher Selbstbe­stim­mung ignoriert, hält nicht lange stand.
Die Wissenschaft, die sich als Herrin der Schöpfung ausspielt und glaubt, alles im Griff zu haben, auch nicht.
Oder politische Orientierungen, die die Würde der Schwachen nicht achten.

Menschliche Weisheit braucht einen Rahmen, der sie zusammen­hält, einen Rahmen der Verantwortung. Das Kreuz ist ein solcher Rahmen. Von diesem Rahmen zu reden – das ist eine gute Predigt, egal mit wie viel oder wie wenig rhetorischem Talent sie gehalten wird. Sie lässt Gott eben nicht nur aller Weisheit Anfang sein, sondern auch ihr letzter Schluss. Amen.