Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Weitersagen

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Predigt am 14. März 2021
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Sonntag Lätare, 14. März 2021

Predigt zu Johannes 12, 20–24

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der kommt und der da war!

Wenn ich als Gemeindepastorin in den Grundschulen angeboten habe, einmal in den Unterricht zu kommen und etwas über die Kirche, die christlichen Feste oder meinen Beruf zu erzählen, dann bin ich eigentlich immer gebeten worden, mit den Kindern etwas zu Ostern zu machen. Ostern sei so ein schwieriges Fest; Tod und Auferstehung den Kindern zu erklären, das sei wirklich schwer – und manche Lehrerinnen und Lehrer möchten sich dazu vor der Klasse auch gar nicht äußern.

Das Beste, was mir eingefallen ist, um mit Kindern über Sterben, Abschiednehmen, Auferstehen und Neuanfangen zu sprechen und ihnen die Osterbotschaft näher zu bringen, ist das Bild vom Weizenkorn.

Wir alle wissen, wie Weizen auf dem Feld wächst. Erst ein kleiner hellgrüner Halm, der größer und kräftig grün wird, eine Ähre ansetzt, gelb wird und reift. In jeder Ähre sitzen etwa 40-50 Körner. Im Juli wird gemäht und gedroschen. Die Weizenkörner werden gesammelt und bei uns meistens gemahlen und zu Brot, Brötchen, Nudeln und Kuchen verarbeitet.

Aber nur ein Weizenkorn, das sich von der Ähre löst, sich vereinzelt und in die Erde fällt, verwandelt sich, treibt einen Halm, bringt eine Ähre hervor und viele neue Weizenkörner.

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

(Johannes 12,24)

Biologisch gesehen, stirbt ein Weizenkorn nicht, wenn es in die Erde fällt. Es verwandelt sich, es verändert sich – und was dabei genau geschieht, ist unseren Blicken meistens entzogen.

Man kann zu Lätare Weizenkörner einweichen und in eine flache Schale säen – und wenn man die Saat feucht hält und sie genügend Licht bekommt, wachsen bis Ostern grüne Halme als Ostergras heran.

Ein Bild, das man ansehen und anfassen kann. Ein Symbol für das Loslassen, Hergeben, Abwarten und aufs Neue Empfangen. Für Sterben und Auferstehen.

Jesus hat dieses Bild verwendet, um – so meine ich – auch für sich selbst zu deuten und anzunehmen, was ihm bevorstand. Wovon er ahnte oder wusste, dass es kommen würde.

Als er mit seinen Jüngern und Jüngerinnen in Jerusalem angekommen ist, treffen andere Gäste und Pilger in der Stadt ein, um das Passahfest mitzufeiern. Einige griechische Pilger haben offenbar von Jesus gehört und möchten ihn sehen. Sie wenden sich an Philippus, der sagt es Andreas weiter… Wie ein Lauffeuer geht der Wunsch in der Stadt um, Jesus zu sehen!

Aber Jesus möchte nun nicht mehr angesehen werden. Er hat zu so vielen Menschen gesprochen, an so vielen Orten gepredigt, so viele Kranke geheilt, mit so vielen verschiedenen Leuten zusammen gegessen und gewandert – aber nun weiß, dass in Jerusalem die entscheidende Wende bevorsteht, dass der schwerste Teil seines Weges kommt.

Und er spricht davon mit diesem scheinbar leicht verständlichen und dennoch geheimnisvollen Bild der Verwandlung:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

(Johannes 12,24)

Jesus redet in einem Gleichnis von dem, was zu den großen Geheimnissen im christlichen Glauben gehört. Wie dem Geheimnis, dass Gott ein Mensch geworden ist und sich uns in Jesus Christus zeigt… So das Geheimnis, dass Leid und Tod nicht das Ende von Gottes Weg mit uns Menschen sind, sondern dass Gott Wege der Auferstehung und des Neuanfangs für uns kennt – die uns allerdings meistens verborgen sind.

Ich denke, es ist angemessen, von diesen Geheimnissen in Bildern zu sprechen, so wie Jesus es getan hat. Angemessener jedenfalls, als sie scheinbar vernünftig erklären oder auflösen zu wollen. Und das heißt wiederum nicht, dass wir nicht darüber nachdenken oder davon sprechen sollten.

Wenn ihr, wenn wir diesem Bildwort vom Weizenkorn nach-denken, ihm nach-gehen… Raus aufs Land, auf die Felder, wo bald der Sommerweizen ausgesät wird… Oder auf die verschiedenen Felder unseres Lebens, wo wir säen möchten oder abwarten müssen, ernten dürfen oder auch brach liegen lassen… Oder auf die Wege unseres Lebens, wo wir Saat und Ernte, Abschiede und Neuanfänge erleben…

Wo erfahren wir so etwas wie Verwandlung, Entwicklung, Veränderung, die unseren Blicken entzogen ist? Wo mussten oder wollten wir loslassen, Abschied nehmen und einen anderen Weg einschlagen? Wo galt es herzugeben, wegzuwerfen, uns zu trennen? Und wo ist vielleicht auch Neues entstanden, das wir nicht vermutet oder so nicht erwartet hätten?

Für manche mag das zutreffen im Blick auf ihre Beziehungen oder Freundschaften. In der Familie, als Konstellationen sich verändert haben, die Einen gingen, Andere neu hinzukamen – und das Gefüge wurde ein anderes.

Andere haben die Krankheit, den Abschied oder Tod von nahen Menschen erlebt – und auch, wie sich die Trauer im Laufe der Zeit verändern und neue Gefühle, neue Bilder des Verstorbenen in uns entstehen können. Wie Zuversicht und Kraft zurückkehren, vielleicht auch neue Beziehungen und Pläne entstehen…

Und manche mögen so ein Abschiednehmen und Neuanfangen an sich selbst, mit ihren eigenen Kräften, Interessen und Talenten erleben. Manches, wofür wir uns einmal mit aller Kraft eingesetzt haben, und dann verliert es an Bedeutung. Anderes, wo wir gegen Wände gelaufen sind, nichts erreichen konnten – und dann hat sich langsam, unbemerkt doch etwas verwandelt oder es tat sich wider Erwarten eine Tür auf.

Das Weizenkorn, die Körner wie ein Symbol für die vielen Gaben, Fähigkeiten, Beziehungen, Gefühle und Interessen, mit denen wir gesegnet sind – und die zu unterschiedlichen Zeiten ausgesät werden können, Frucht tragen, absterben und neu keimen.

Jesus hat dieses Bild ganz radikal auf sich selbst angewandt. Er spricht von „dem Weizenkorn“, dem Einen, das von den anderen, den Freunden, Interessierten und Schaulustigen losgelassen und hergegeben werden muss. Als das er sich selbst loslassen und hingeben will. Das sich frei geben muss, damit Gottes Verwandlung an ihm geschehen kann.

Ein Akt der Freiheit – die Hingabe an Gott, das Loslassen, damit etwas Neues und vielfältige Frucht entstehen kann. Ein Geheimnis – Jesu Tod für uns und seine Auferstehung für uns, Gottes Verwandlung des Lebens durch den Tod hindurch.

Und es ist an uns, diesem Geheimnis zu vertrauen. An Gottes verwandelnde Kraft zu glauben, auf sie zu hoffen und ihre Zeichen zu lesen und sie für uns anzunehmen.

Ein syrischer Franziskaner, der Pfarrer in Aleppo ist, in dieser zerstörten, umkämpften Stadt, deutet für seine Gemeinde und für uns in seinem Buch „Hoffnung in der Hölle“ das Wort vom Weizenkorn auf seine Weise. Er erzählt, wie eines Sonntags eine Gasflasche auf die Kirche abgeworfen wurde, die bei ihrer Explosion die Kuppel zerstörte, während die Messe gefeiert wurde. Es gab Verletzte, die Kirche war teilweise eingestürzt. Wenige Wochen später, bei einer Messe für die Kinder, wurde ein großes Stück der explodierten Gasflasche, das auf dem Kirchendach gefunden wurde, mit Blumen geschmückt und als eine der Gaben zum Altar getragen.

Die Gemeinde hat das Sinnbild des Hasses und des Todes als solches gleichsam losgelassen und hat es verwandelt. Zu einem Zeichen der Liebe, die das Alte loslässt, den Schmerz und die Gewalt vergibt und neues Leben ermöglicht.

Welche Zeichen der Verwandlung wir wohl entdecken können in unserer auf ganz andere Weise bedrohten, umstrittenen Situation? Was mag uns wohl in den kommenden Wochen zum Sinnbild werden für Gottes verwandelnde Kraft – durch die Schmerzen des Loslassens, Nicht-Wissens und Abschiednehmens hindurch?

Gott stärke unseren Glauben an die verborgene Kraft des Weizenkorns. Er stärke unsere Hoffnung auf eine Zukunft, die kommt, und unsere Freude an dem, was Gott verwandelt, wachsen und Frucht bringen lässt!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.