Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wenn die stolzen Feinde schnauben

Wenn die stolzen Feinde schnauben

Predigt zu Epiphanias
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 8. Januar 2023

Predigt zu Jesaja 9, 1-6

Predigttext:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth. (Jesaja 9, 1-6)

 

Predigt:

Liebe Gemeinde,

auf Ihrem Programmheft vorne sehen Sie die Geburt eines Kindes. Das sieht alles ganz friedlich und idyllisch aus. War es natürlich in Wahrheit überhaupt nicht. Geburt in einem Stall, obdachlos im Prinzip, weil irgendein weit entfernter Herrscher – Kaiser Augustus in dem Fall– einen Befehl gegeben hatten, ohne sich darum zu scheren, was das für die Menschen bedeutet, gerade auch für die Kinder.

Ich musste oft an die Geburt im Stall denken, als man in den Medien Berichte darüber lesen und hören konnte, dass in der Ukraine Kinder in der U-Bahn-Station geboren wurden, weil gerade Bombenalarm war und das der einzig sichere Ort. Ich stelle mir die Kinder in dieser U-Bahn-Station vor – die Neuge­borenen, die kleinen Geschwister. Im Prinzip sind es, die uns den letzten Akt der Weihnachtsgeschichte erzählen: „Wenn die stolzen Feinde schnauben!“

Sie schnauben ja leider immer noch. Sie schnauben in der Ukraine, in Tigray, immer noch in Syrien und im Jemen, in Somalia und Myanmar, in der demokratischen Republik Kongo und im Südsudan, in Nigeria – ich glaube, ich höre lieber auf, die Liste ist zu lang. Die Stiefel der Soldaten, von denen Jesaja vor knapp 3000 Jahren sprach, sie dröhnen noch immer, die Mäntel werden weiterhin in Blut geschleift, Erschossene lagen auf den Straßen von Butscha, Feuer verzehrten die Weizenfelder und Bomben zerstören die Infrastruktur. Die Berichterstattung von Jesaja über die Eroberung Judas und die Reportagen über den Angriffskrieg auf die Ukraine, sie lassen sich übereinander blenden. Man kann sich auch vorstellen, dass König Herodes und Putin sich gut verstanden hätten. Machtgierige Herrscher scheinen sich über Jahrtausende zu reproduzieren. Und wenn ihre Macht in Frage gestellt wird, dann zählt für sie kein Menschenleben mehr, nicht mal das Leben von Kindern.

Herodes wird misstrauisch als die Weisen aus dem Morgenland bei ihm nach dem „neugeborenen König der Juden“ fragen. Ein Land – zwei Könige? Er wittert sofort die Gefahr. Erst recht, als er von seinen Schriftgelehrten hört, dass der neue König aus Bethlehem kommen soll. Das gab’s schon mal in der Ge­schichte. König David kam aus Bethlehem – deswegen mussten ja Maria und Josef dorthin – weil Josef aus dem Hause und Geschlechte Davids war. Als David zum König gesalbt wurde, gab es auch einen anderen König im Land. Saul. Und dieser hat im Endeffekt die Herrschaft an David verloren. König Herodes kennt die alten Geschichten nur zu gut. Und er hat aus der Geschichte gelernt. Das wird ihm nicht passieren! Deswegen möchte er die Weisen, die irrtümlicherweise in seinem Palast gelandet sind, dazu nutzen, um die Situation auszuspionieren. Als das nicht klappt, schreckt er – auch das erzählt Matthäus im Anschluss – nicht davor zurück, alle in Frage kommenden Kinder zu ermorden.

Herodes ein Herrscher, der alles tut, um an der Macht zu bleiben. Und ja, leider gibt es diese Art Herrscher noch heute. Ihr Titel ist vielleicht nicht mehr „König“, sondern „Präsident“. Und ich bin mir sicher, neben Putin fallen uns noch andere Namen ein, auch im Nahen Osten, in Syrien, im Iran. Heutige Herrscher, denen es egal ist, dass Kinder im Krieg sterben. Präsidenten, die das Recht ihres Volkes auf Meinungsfreiheit, auf Pressefreiheit, auf Versammlungs­freiheit eindämmen, nur um ihre Macht zu sichern. Herrscher, die jeden ins Gefängnis werfen, der nicht ihrer Meinung ist und wagt, das öffentlich zu äußern. Es gibt sie durch alle Jahrhunderte, die Könige, die sich aufführen wie Herodes.

Um Machtfragen geht es letztendlich beim Propheten Jesaja, im Matthäus­evangelium und im letzten Teil des Weihnachts­oratoriums – um Machfragen, wie wir sie heute immer noch kennen. Also alles beim Alten seit Tausenden von Jahren? Kann nichts diese Spirale durchbrechen? Doch: Weihnachten kann.

„Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.“

Glücklicherweise bieten Jesaja, Matthäus und Bach ein Gegenbild. Einen anderen König. Den neugeborenen König, ein hilfloses Kind, ange­wiesen darauf, dass andere sich um ihn kümmern, ihn schützen. Er ist anders und er heißt anders: Er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Gott erwählt sich seinen König jenseits der geltenden Macht­strukturen. Er dreht diese Machtstrukturen vielmehr um. Jesaja schreibt über eine Zeit, in der Großmächte aus dem Osten – Assyrer und Babylonier – die Israeliten besiegten, ihr Land eroberten und sie ins Exil nach Osten verschleppten. Und genau daher kommen jetzt Gesandte, die Weisen aus dem Morgenland, um den neuen König aus dem Hause Davids zu suchen. Sie kommen nicht als Eroberer und Unterwerfer, sondern sie erweisen dem König der Juden die Ehre. Sie bringen ihm Geschenke, sie huldigen ihn und beten ihn an. Das ist eine radikale Umkehr der Machtver­hält­nisse.

Diese Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland, sie ist im Endeffekt eine kritische Betrachtung über den Umgang mit Macht und Mächtigen. Herodes steht darin für die Machthaber, deren Zeit abgelaufen ist. Leider erleben wir das heute ganz und gar nicht so: Viele Herrscher, ich habe es gerade schon angesprochen, die heute das Sagen haben, erinnern uns an Herodes. Und doch feiern wir an Weihnachten, dass das ganz Andere, die andere Macht angebrochen ist, dass das Reich Gottes schon unter uns begonnen hat.

Eigentlich geht es uns wie den Weisen damals: Wir sehen und erleben beides: die mörderische Macht des Herodes und die des Kindes in der Krippe – eine friedliche Macht, die deswegen oft hilflos und ohnmächtig wirkt. Wie die Weisen befinden wir uns in diesem Spannungsfeld: Da ist Herodes, der die Weisen in seinen Dienst nehmen will, sie zu Kund­schaftern für seine Zwecke machen möchte. Die Weisen hätten seinem Befehl gehorchen, sie hätten ihm aus­plaudern können, was und wen sie entdeckt haben und wo. Sicher wären sie reich entlohnt worden, vielleicht auch mit einem mächtigen Ministerposten. Auf der einen Seite Herodes, auf der anderen das Kind in der Krippe. Dazwischen, zwischen Jerusalem und Bethlehem sind die Weisen unterwegs und sie müssen sich entscheiden: Wen beten wir an? Gehen wir – obwohl das so gegen jedes höfische Protokoll ist – gehen wir in einem Stall vor einem armen Kind auf die Knie?

 

Auch für uns stellt sich die Frage: Wen beten wir an? Verzweifeln wir an den Machthabern, die über Leichen gehen und unsere Welt in Kriege stürzen, oder trauen wir Gottes Botschaft die Macht zu, ein Friedenszeichen zu setzen in dieser Welt. Glauben wir daran, dass „nur ein Wink von seinen Händen ohnmächt’ger Menschen Macht stürzt“ – wie es der Sopran gesungen hat. Sind wir bereit, den Blick abzuwenden von den Palästen der Potentaten und uns dem zuzuwenden, der der versprochene König ist? Brechen wir neu auf und denken wir um, obwohl das Neue so klein und verletzlich daherkommt und wir sagen könnten: Das ist doch nur ein Kind und kein König? Reich Gottes – was ist das für eine fantastisches Wunschvorstellung ohne jede Kraft und Macht?

Und doch glaube ich, dass es kein Zufall ist, dass die drei Besucher als Weise bezeichnet werden. Sie sind weise genug, um zu wissen, wann sie den König gefunden haben. Den richtigen, den auf den sie ihre Hoffnung setzen können. So wünsche ich uns, dass wir uns diese drei Weisen zum Vorbild nehmen, wenn wir uns fragen: Wer ist unser König, wem geben wir Macht über unser Leben. Das wird Konsequenzen haben – nicht nur in diesem Moment an der Krippe. Auch das lernen wir von den Weisen. Sie wählen – vom Engel geleitet – einen anderen Weg nach Hause. Und dass das Neue schon den Heimweg prägen wird, das berichtet eine Legende, die ich zum Abschluss erzählen will:

Die Männer sind weise und kennen sich am Himmel mit den Sternbildern gut aus, aber die Gegend um Bethlehem, die kennen sie nicht, hier waren sie nie zuvor. Und so kommt es, dass sie sich verirren. Schließlich leuchtet ihnen ja auch kein Stern mehr.

So bleiben sie stehen und beraten, können sich aber nicht einigen, welche Richtung sie nun einschlagen sollen, da das Gelände voller Berge und Schluchten ist und sie nicht so genau wissen, wie sie am besten durchkommen. Da kommt einer der Diener zu ihnen – denn solche reichen und berühmten Herren reisen natürlich mit einer Schar von Dienern. Und dieser Diener behauptet: „Ich weiß, wo sich ein Weg durchschlängelt.“ – „Seit wann reden Knechte, ohne gefragt zu werden? Du willst uns sagen, wo es lang geht? Wo kämen wir hin, wenn jeder mitreden wollte.“, antwortet empört Balthasar.

Der Diener wagt einen zweiten Versuch: „Majestät, bitte entschuldigt. Als wir vor ein paar Stunden gemeinsam vor dem Kind knieten, da meinte ich, wir können uns vielleicht auch gemeinsam in die Dinge der Welt hinein knieen.“

Melchior aber reagiert ärgerlich: “Wie knieen jetzt nicht mehr vor einer Krippe. Wir stehen draußen im kalten Wind. Da gelten andere Gesetze, da gibt es Könige und Knechte, Herren und Diener, jeder an seinem Platz“. Nach dieser Antwort zieht sich der Diener eingeschüchtert zurück.

Kaspar, der dritte, hat bisher nichts gesagt. Nun aber wendet er sich zu seinen zwei Gefährten: „Ist es nicht seltsam: Wir lassen uns von unseren Knechten bedienen, sie versorgen unsere Tiere, sie tragen unsere Lasten, sie rennen hin und her und halten ihre Köpfe hin für uns. Aber mitreden dürfen sie nicht. Woran liegt das?“ Und dann geht er zu dem Diener und fragt ihn: „Kennst du diese Gegend?“ – „Ja, ich war vor vielen Jahren hier und habe mir alles gut gemerkt.“ – Da streckt ihm Kaspar die Hand hin und bedankt sich. Und zu den Balthasar und Melchior sagt er: “Wir können weitergehen. Dieser Mann weiß, wo es lang geht, er wird uns führen.“ Er steigt auf sein Kamel und befiehl dem Diener: „Geh voran und zeige uns den Weg. Und – ach ja, gib mir dein Gepäck. Auf meinem Tier ist genug Platz dafür, seit ich das Gold dem Kind gegeben habe.“

Die beiden anderen schüttelten den Kopf und flüsterten Kaspar zu: „Bedenkst du auch, was du da tust? Du stellst die Welt auf den Kopf!“ Kaspar aber lächelte und sagte: „Welche Welt wird auf den Kopf gestellt, wenn man aufeinander hört und die Lasten anders verteilt?“ Dann zogen sie weiter, voran der Diener und dann die Weisen. Und es war, als ob zwischendrin auf dem dunklen Weg ein heller Glanz mitlaufen würde. Amen.