Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wer aufbricht, der kann hoffen

Wer aufbricht, der kann hoffen

Gottesdienst am 17. Juli
Pastorin

Andrea Busse

5. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu 1. Mose 12,1-4

Predigttext:

Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog. (1. Mose 12, 1-4)

Predigt:

Aufbrechen wirbelt Staub auf: Im Falle von Abrams Aufbruch ist es im wahrsten Sinne des Wortes Jahrtausende alter Staub. Vielleicht Sternenstaub. Ich zumindest sehe Abraham immer unter dem Sternenzelt stehen, wenn er die göttliche Stimme hört und die Segens­verheißung bekommt. Stellen wir uns also mit ihm heute hinein in diesen Staubwirbel – und gucken, ob der uns bloß husten lässt oder ob er uns Stern­schnuppen verheißt.

Die göttliche Stimme treibt Abram mitten in der Nacht vor das Zelt. „Geh!“ Schon seit Wochen hört er diese Stimme in sich. Am Tag schwächer, da geht sie unter in dem, was erledigt werden muss. Da wird sie übertönt, wenn Sarai zum Essen ruft, sein Neffe Lot eine Frage stellt, wenn die Hirten Anweisungen über die Ziegen hinweg brüllen. Aber nachts, wenn alle Ge­räusche verstummt sind, dann plagt ihn die Stimme mit Hart­näckig­keit. „Geh!“

„Du solltest“ – „Du könntest!“ – „Du müsstest!“ – die Stimmen in ihrem Kopf plagen sie seit Wochen, wenn sie sich im Halbschlaf hin- und herwirft. Tagsüber am Computer gehen sie unter in dem, was erledigt werden muss. Da werden sie übertönt von den Besprechungen mit den Kollegen, vom Gemecker ihrer pubertierenden Tochter, vom Geplapper an der Supermarkt­kasse. Aber nachts, wenn alles zur Ruhe kommt, dann kommen die Stimmen immer wieder hoch: „Ich wollte schon immer mal…!“- „Ich müsste jetzt wirklich endlich….! Ich könnte doch eigentlich auch….“

Abram steht vor dem Zelt und schaut ins Weite. Obwohl es dunkel ist, sieht er alles genau vor sich. Die Ebene, die Senke, die Hügel, das Weideland. Jeder Baum, jeder Strauch ist ihm bekannt von Kindesbeinen an. Er kennt die Geräusche, die Gerüche, den Wechsel der Jahreszeiten. Das ist seine Heimat. Hier hat er Wurzeln. Alles vertraut und gewohnt und sicher. Sein Vaterland und seine Muttersprache. Seine Familie und die Vorfahren. Seine Zelte, seine Tiere, seine Hirten. Die besitzan­zeigenden Fürwörter bohren sich in sein Herz beim Gedanken­spiel an Abschied. All das verlieren? Zurücklassen? Bei Null anfangen?

Auf dem Computer läuft der Bildschirmschoner: Zeigt Fotos aus ihrer Galerie in Zufallsfolge. Ihre Tochter mit den ersten Zähnen, Grillabend mit der Nachbarschaft, Strandszene aus dem Portugalurlaub, Gruppenfoto der Abteilung, Umzugs­kartons vor dem neuen Eigenheim, Hochzeitbild, das alte Auto, Taufe ihrer Nichte. Sie drückt auf die Entertaste. Ihre Ordner tauchen auf in alpha­be­thischer Reihenfolge: Bauangelegenheiten, Bewerbungen, Dienstpläne, Familie, Finanzen, Korrespondenz, Reise, Rezepte, Steuer, Versicherungen. Inventar ihres Lebens. Was davon hält sie fest? Was gibt ihr Halt?

Abram hebt den Blick von den Weiden und schaut in den Himmel. Er träumt von der Zukunft, einer Zukunft, die anders ist als die Gegenwart. Was könnte da draußen alles auf ihn warten? Welche neuen Möglichkeiten! Aufbrechen, Aus­brechen. Alles Alte, allen Ballast loswerden. Nicht mehr auf starre Bilder und Rollen festgelegt sein. Der Kinderlosigkeit entfliehen. Noch einmal ganz neu anfangen können. Er hat die göttliche Stimme im Ohr, die „Segen“ flüstert. Segen, Segen und noch mehr Segen. Das verspricht Wunder­bares: Nicht nur das zum Leben Notwendige, sondern Überfluss und Fülle. Nachkommen und einen Namen, Land und ein großes Volk unter allen Geschlechtern auf der Erde. Sternenstaub.

Sie schaut auf die Uhr. Die Spitze des Sekundenzeigers leuchtet. Wie ein kleiner Licht­punkt bewegt er sich durch die Dunkelheit fort. In winzigen regelmäßigen Sprüngen. Unendlich viele Sprünge noch bis zum Morgen, unendlich viele kleine Lichtpünktchen. Tausende und abertausende Sekunden, die noch vor ihr liegen. Sie erscheinen ihr als Meer an Licht­pünktchen – ein ganzer lichtpünktchenvoller Sternen­himmel. Jeder Sprung des Zeigers, jeder Lichtpunkt ist ein neuer Anfang, ein neues Versprechen, alles in Bewegung. Nichts bleibt stehen, nichts bleibt dort, wo es war und wie es war. Aufbruch ist keine Option, es ist Wirklichkeit. Tausende, Millionen, Milliarden verheißungsvollen Lichtpünkt­chen warten noch auf sie. Was könnte daraus nicht alles werden? Was birgt das für Möglichkeiten? Welcher Segen könnte darauf liegen?

Liebe Gemeinde,
in den wenigen Versen, die wir heute über Abram gehört haben, spiegelt sich die ganze menschliche Existenz. Abram hört Gott sagen „Geh!“ und er geht. Und dazwischen liegen Rückblick und Ausblick, Abschiedsschmerz und Segens­verheißung. Unser Leben befindet sich in jedem Sekunden­schlag zwischen Loslassen ­Müssen und neue, erfüllende Erfahrungen machen Können. Dieses Gefühl verdichtet sich natürlich in konkreten Aufbruchs­situationen und bei wichtigen Entscheidungen. Aber es trifft auch zu, wenn wir nicht über konkrete Lebensveränderungen nachdenken. Immer wieder erleben wir Verlust und Abschied, sei es ganz banal, dass wir mit dem Älterwerden bestimmte Möglichkeiten nicht mehr haben, bestimmte Fähigkeiten verlieren, z.B. meine Predigt ohne Brille lesen zu können. Und genauso gibt es immer wieder – auch im Alter, Abram ist das beste Beispiel – es gibt immer wieder die Chance, ein „Ich wollte schon immer mal!“ oder ein „Ich könnte doch auch!“ in uns laut werden zu lassen und dem nachzugehen.

Wir tragen als Menschen alle das Bedürfnis in uns, irgendwo dazu zu gehören, beheimatet zu sein, verwurzelt. Wir lieben unsere Kom­fort-Zone und hassen Veränderungen. Und doch kenne ich keinen Menschen, der nicht auch neugierig ist, der nicht über den Horizont des Alltags hinausblickt und fragt, was es noch so zu entdecken geben könnte. Wir alle haben Träume, uner­füllte Sehn­süchte und eine Ahnung vom Zauber des Neuan­fangs. Die Fluchtpunkte dieser Abram-Geschichte betreffen deswegen auch unsere meist un-nomadische Lebens­form: Es geht um Grundsicherung und Wohlstand, um familiäre Norm und Eigentum, um Geltung und Identität. In diesen Fluchtpunkten lagern auch unsere Sehnsüchte. Und deswegen sind auch unsere Ohren so empfänglich für die göttlichen Worte: Ich will dich segnen!

Segen – das ist keine magische Kraft. Und doch beschreibt Segen nicht nur etwas, sondern bewirkt etwas. Segen verändert Wirklichkeit. Im Segen wird inszeniert, was Gnade ist, nämlich sich nicht verdienen müssen, wovon man wirklich lebt, sondern es geschenkt bekommen. Und was braucht jeder Mensch, um wirklich leben zu können: Nicht in erster Linie Heimat und Haus, nicht Wurzeln und Wohlstand, sondern: Zuwendung und Anerkennung. Anerkennung ohne Vorbe­dingung. Wo ich gesehen, anerkannt und geschätzt werde als die, die ich bin, da kann ich gut leben. Da fühle ich mich angenommen und angekommen, da bin ich zuhause. Wer segnet, erkennt an, und wer anerkannt wird, kann groß und gut sein. Das wissen wir im Grunde genommen alle oder ahnen es zumindest. Deswegen erbitten wir für manche Unter­nehmung oder Entscheidung ja den Segen anderer. Wenn wir jemanden um seinen Segen bitten, heißt das ja: Ich brauche dein OK, dein Anerkennen, dass du das, was ich tue, richtig findest. Nur dann kann es auch richtig werden.

Als Gott Abram segnet, hat der noch nichts geleistet. Er ist noch kein Glaubensheld. Er hat sich noch nicht mal bereit erklärt, Gottes Aufforderung zum Aufbruch zu folgen. Vor alldem kommt der Segen. Göttliche Anerkennung. Die göttliche Anerkennung wird in diesem Fall ausgemalt in den Kategorien der menschlichen Anerkennung und zwar der menschlichen Anerkennung der damaligen Zeit, das heißt konkret: Nachfahren, Land, Volk. Das ist die Verheißung, die Gott gibt. Er gibt nicht die Erfüllung.

Wir alle wissen, dass die Geschichte Abrams nicht in diesen vier Versen erschöpft ist. Abram bekommt das Sternenzelt über sich ausgespannt mit der himmlischen Verheißung, aber dann geht es an den langen, mühsamen und auch enttäuschenden Weg der Erfüllung: Abram und die Seinen geraten in eine Hungernot, er macht sich schuldig an seiner Frau, verkracht sich mit seinem Neffen Lot, erlebt die Zerstörung von Sodom und Gomorrah. Er bekommt immer noch nicht den verheißenen Sohn, bekommt dafür einen mit seiner Magd Hagar, womit der nächste Streit vorprogrammiert ist. Den ersehnten Sohn soll er dann opfern und als seine Frau Sarah stirbt, muss er – immer noch Fremdling im Land – bei den Einheimischen um eine Grab­stätte für sie bitten, weil er kein eigenes Land besitzt. Es ist ein Weg voller Fehltritte, Gefahren, Taktiererei, Streit, Stress, Sorgen und Not. Aber auch voller Bewahrung und Begleitung. Ein Weg, der Abram zum Vater zweier Söhne macht und zu Abra-ham, das heißt Vater vieler Völker. Abrams nomadische Existenz bleibt hart und gefährdet. Sein Vertrauen auf Gott bietet kein einfaches Leben, kein Leben in Sicherheit, aber es bietet einen Halt, der ihn trägt auf seinen unsicheren Wegen. Immer wieder wiederholt Gott seine Verheißung an Abraham. Dieser bleibt ein Nomade, er bleibt unbehaust, aber er ist in seinem Glauben beheimatet.

Wenn sich jetzt der Staub, den Abram mit seinem Aufbruch aufgewirbelt hat legt, was wird dann für uns sichtbar?
Eine staubige Wüste, ein sternenklarer Himmel?
Die Entbehrungen des Weges, die Erfüllung der Verheißung?
Ein Glaubensheld, eine Persönlichkeit mit vielen Facetten, Urvater dreier Religionen?

„In dir sollen gesegnet sein alle Geschlechter auf Erden“ so weitet sich der göttliche Segen, den Abram damals empfängt, über die ganze Welt und die Weltgeschichte bis hin zu uns. In ihm sind auch wir gesegnet. Wie er können auch wir aufbrechen, können den inneren Stimmen folgen, Altes zurücklassen, Umwege gehen, scheitern, neu beginnen – alles unter dem Segen Gottes. Auch wir können Heimat finden im Glauben. Und Vertrauen in die Zusagen Gottes – so wie wir es besungen haben:

„Vertraut den neuen Wegen auf die uns Gott gesandt,
er selbst kommt uns entgegen, die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen, in Zeit und Ewigkeit,
die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit. Amen.