Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Zugleich sündig und gerecht

Zugleich sündig und gerecht

Gottesdienst am 10. Juli
Pastor i.R.

Josef Kirsch

Gottesdienst am 4. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu Johannes 8, 3-11

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

Was ist sündig? Was ist gerecht? Und was ist in alledem der Wille Gottes? Jesus hat die Frage beantwortet und auch Paulus und Martin Luther, um einmal die großen Namen unserer Tradition zu nennen. Und wie lautet die Antwort? Wir sind immer beides zugleich.

Simul peccator et iustus. „Zugleich Sünder und Gerechter“, hat Luther gesagt. Und als sein Kollege in Wittenberg Melanchthon versuchte, absolut gerecht zu sein, schrieb Luther ihm einen Brief, der ihm einen Schock versetzt haben dürfte. Luther schrieb im Wesentlichen zwei Sätze: Pecca fortiter, sed crede fortius. „Sündige kräftig, aber glaube noch kräftiger“. Beide Satzteile gehören zusammen. Versuche nicht, besser zu sein als du bist; aber lass Gott niemals aus dem Spiel. Der erste Satz alleine: Sündige kräftig, macht uns Menschen zu brutalen Menschenverächtern; der zweite Satzteil alleine: “aber glaube kräftiger“ macht uns zu Heuchlern. Im Zusammendenken der Gegensätze war Luther ein absoluter Meister. Sicherlich war er damit der Realität, wie wir sie erfahren, sehr, sehr nahe. Sünder und Gerechter sind aber erst einmal keine moralischen Kategorien, sondern Maßstäbe, an denen sich entscheidet, ob wir das Ziel unseres Lebens, das durch Gott qualifiziert ist, verfehlen oder erreichen, ob wir den Weg unseres Lebens, der von Gott gewollt ist, gehen oder ablehnen. Natürlich spiegelt sich dieses dann im Zusammenleben von uns Menschen und im Leben mit dieser Welt. Es ist absolut zentral, ob wir dem Menschen und dieser Schöpfung guttun oder ob wir sie verachten. Für beides gibt es wunderbare und grauenhafte Beispiele in unserer Zeit.

Und nun lese ich den Predigttext des heutigen Sonntags aus dem 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums:

Die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen und stellten sie in die Mitte und sprachen zu Jesus: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, um ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie ihn nun so beharrlich fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem anderen, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau die in der Mitte stand. Da richtete sich Jesus auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Dieser Text bietet mehrere Überraschungen. Die erste Überraschung ist, dass er in den ältesten Handschriften des Johannes-Evangeliums gar nicht vorkommt. Das Johannesevangelium ist um 100 nach Christus verfasst worden. Unser Text stammt aus dem 3. Jahrhundert. Und wenn wir uns einmal diese Zeit vergegenwärtigen, verstehen wir schon einiges an unserem Text. Es war die Zeit starker Christenverfolgungen. Und in der Kirche gab es eine heftige Diskussion, ja gegenseitige Verurteilungen zwischen den sog. Gefallenen, die die Forderungen des römischen Staates erfüllten, und den Rigoristen, die unglaublich hart am Hergebrachten festhielten. In dieser Situation gab es Fragen zu entscheiden: z.B. Wie ist mit jemandem zu verfahren, der oder die die Ehe bricht? Wir erleben Jesus vor einer Fragestellung, die in sein Leben zurückprojiziert worden war. Wie gesagt, der Text stammt aus späterer Zeit, und entsprechend erweisen sich die Ankläger der Frau als sehr schlecht bewandert in der strengen jüdischen Prozessordnung. Eine Sache, vor allem eine so gravierende Angelegenheit, durfte nur entschieden werden, wenn die Aussagen von mindestens zwei unabhängigen Zeugen übereinstimmten. Außerdem gehörten zum Ehebruch mindestens zwei Angeklagte, die beide – Frau und Mann – hätten angeklagt werden müssen. Aber es geht gar nicht um die Frau in unserem Text.

Es geht um Jesus, der von den harten Rigoristen in Gestalt der Pharisäer und Schriftgelehrten auf die Probe gestellt werden sollte. Der Erzähler unseres Textes wagt schon eine Menge, Jesus so in Frage gestellt zu sehen. Schließlich wurde die Geschichte im Gemeindekontext des 3. Jahrhunderts verfasst. Und Jesus, wie reagierte er? Die Geschichte erzählt, dass Jesus mit dem Finger im Sande malte. Warum? Vielleicht um Zeit zu gewinnen; vielleicht ist es auch ein Stilmittel, um die Spannung zu erhöhen. Denn – wie gesagt – wir befinden uns in einer kirchengeschichtlich sehr schwierigen Zeit. Und als die Schriftgelehrten und Pharisäer nicht aufhörten, Jesus zu bedrängen, richtet er sich auf und sagt einen unglaublichen Satz:

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Das entsprach durchaus wieder jüdischer Prozessordnung: Die Zeugen einer todeswürdigen Straftat hatten die ersten Steine zu werfen. Das ist erst einmal eine überraschende Bestimmung. Meistens sind wir gewohnt, den Gott der Strafe, der Rache im AT zu verorten, im NT aber den Gott der Liebe. Dem muss aber eindeutig widersprochen werden. Dass die Zeugen die ersten Steine werfen mussten, war eine Bestimmung, die sich gegen die Todesstrafe richtete. Wenn die Zeugen sagten: Das schaffen wir nicht, das können wir nicht, dann wurde die Todesstrafe kassiert. Wenn man unter dieser Fragestellung die Thora, also die 5 Bücher Mose liest, dann begegnet einem sehr häufig die Todesstrafe, aber ebenso die gewichtigen Vorbehalte dagegen, die man noch heute vergeblich in vielen Ländern der Erde sucht. Noch stärker diskutiert und noch eindeutiger verankert ist dieses im Talmud. Da lesen wir: Ein Sanhedrin – also der oberste Gerichtshof Israels -, der einmal in sieben Jahren jemanden tötet, ist blutrünstig. Dagegen argumentierte Rabbi Eleazar ben Azariah: Dieses gilt auch für einen Sanhedrin, der einmal in siebzig Jahren ein Todesurteil fällt. Die Todessstrafe war im jüdischen Recht, eher Prinzip als Praxis. Ich glaube, dass man dieses wissen muss, um sich unserem Text anzunähern:

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Es fällt ein Schlaglicht auf die Ankläger: Wer unter euch ohne Sünde ist… Es ist die Überzeugung des Apostels Paulus, des Reformators Martin Luther, dass es keinen Menschen gibt, der nicht das Ziel, das Gott ihn gesetzt hat, auch verfehlt. Nicht permanent, aber immer wieder. Und so den Spiegel der eigenen Existenz vorgehalten zu bekommen, verfehlt seine Wirkung nicht. Die anklagenden Pharisäer und Schriftgelehrten verschwinden nach und nach. Und Jesus richtet sich an die Frau: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Niemand, Herr.

Jesus und die Frau stehen alleine da. Wieso schreibt unser Text: die Frau, die in der Mitte stand. Es ist ein dritter vorhanden, der nicht genannt wird: Gott. Ich muss bekennen, dass dieser Text in seiner Schönheit und seiner Tiefgründigkeit mich sehr beeindruckt. Die vordergründige Moraldiskussion, auch die verschärfte Form des 3. Jahrhunderts, ist völlig verschwunden. Wir sehen Menschen vor uns, die zu tiefer Selbsterkenntnis fähig sind, die Pharisäer und Schriftgelehrten. Wir sehen eine Frau, die gegen die Normen der Tradition verstoßen hat, und wir erleben in der Nähe Gottes einen Neubeginn des Lebens, eine Feier des Lebens, die die schwierige Situation des 3. Jahrhunderts weit hinter sich lässt. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Ist dieser Schluss zu simpel? Ich glaube es nicht. Er behaftet die Frau nicht auf ihre Vergangenheit, sondern er eröffnet ihr eine neue Lebenschance.

Und zugleich begleitet er sie mit einer Richtlinie, mit einer Lebenshilfe. Ich denke nicht, dass die Frau ein Leben ohne Zielverfehlungen in Zukunft führen konnte. Aber Jesus schaut sie mit anderen Augen an: Sei achtsamer im Blick auf dich selbst und im Blick auf die Menschen, mit denen du zusammen lebst. Du kannst es sein mit Gott an deiner Seite. Und damit entlässt er die Frau im 3. Jahrhundert und uns im 20. Jahrhundert. Amen