Zum Dienst berufen

Gottesdienst zur Einführung von Andrea Busse als neuer Pastorin an St. Johannis-Harvestehude
Pastorin

Andrea Busse

13. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu Apostelgeschichte 6, 1-7

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Er segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,

am Eingang wartet der Hunger. „J‘ai faim“- „ich habe Hunger“ hat eine Obdachlose auf ein Schild geschrieben und sich damit vor die Kirchentür gesetzt, als wir in Paris das erste Mal nach der Ausgangsperre wieder Gottes­dienst feiern durften. Heute habe ich hier vor der Kirchentür von St. Johannis die Frau wiedergesehen. Sie hat ein anderes Gesicht und statt eines Schildes einen Pappbecher, aber Hunger hat sie vermutlich auch.
Am Anfang war der Hunger. Frauen mit Migrationshintergrund, noch dazu Witwen, die keinen Ernährer mehr an ihrer Seite hatten, sie mussten hungern. Damals in der ersten Gemeinde in Jerusalem. Wir haben den Bericht gerade in der Lesung aus der Apostelgeschichte gehört. Diese Gemeinde war immer mehr gewachsen – eigentlich ja schön – aber offensichtlich nicht nur. Denn die Witwen haben Hunger. Und das wird zum Störfaktor. Es führt zu Murren in der Gemeinde.

Murren ist auch gar nicht schlecht. Es zeigt, dass da ein Problem ist, um das man sich kümmern muss. Es ist der erste Schritt, um ein Problem überhaupt anzugehen – so beschreibt es Lukas und er liefert die Problem­lösung netterweise gleich mit. Eine Problemlösung, die uns nicht ganz unbekannt ist: „Wer nicht mehr weiterweiß, gründet einen Arbeitskreis.“

Genau das geschieht dann auch in Jerusalem: „Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: „Es ist nicht recht, dass …“ und dann kommt das Problem auf den Tisch. Die geistliche Leitung der Gemeinde gibt zu, überfordert zu sein: „Wir können den Hunger nicht mehr stillen“ sagen die Zwölf, „den Hunger nach Brot und nach dem Wort Gottes.“Und dann wird beschlossen, eine Stellenanzeige aufgegeben. Es werden fähige Menschen gesucht, die dem Hunger Herr werden sollen. Inter­es­santer­weise sind all die Männer, die man schließlich beauftragt, Griechen, genau wie die hungrigen Witwen. Das sieht man an den Namen. D.h. Die, die das Problem vorgebracht haben, werden mit der Lösung beauf­tragt. Die Rufer nach Gerechtigkeit werden dazu berufen, für Gerechtigkeit zu sorgen. Raus aus der Komfortzone des Murrens und Meckerns, rein in die Zone des Machens. Und sie machen ihre Sache gut.

Die Witwen werden satt. Die Gemeinde wächst. Happy End.
Vieles an dem Problem damals gleicht unserer Situation heute. Auch bei uns gibt es Hunger, und die Corona-Krise hat es noch schlimmer gemacht. „Die Tafeln schlagen Alarm“, so stand es neulich in der Obdach­losenzeitschrift „Hinz & Kunzt“ und weiter: „Es kommen vermehrt junge Menschen, die bis vor Kurzem überhaupt nicht auf die Tafeln angewiesen waren und nun vor Erleichterung weinen, weil sie etwas zu essen bekommen.“ Und das hier in unserer eigentlich „reichen“ Stadt. Wir alle können ja beobachten, wie die sogenannte „Bettlerdichte“ steigt. Für viele auch heute ein Störfaktor: U-Bahn-Fahren nur noch mit schlechtem Gewissen, weil in den Wagen eigent­lich immer jemand seine Bedürf­tigkeit verkündet. Das stört mich manchmal auch. Ganz einfach weil es mir meine eigene Hilflosigkeit angesichts dieser Armut vor Augen führt. Und dann murre ich mit: Da müsste sich doch jemand kümmern!

Und noch etwas ist damals wie heute gleich: Es gibt den Unterschied zwischen „denen“ und „uns“. Zwischen den Einheimischen und den Neudazugekommenen – damals zwischen den hebräischen und den griechischen Juden. Auch bei uns sind da Barrieren von Sprache und Kultur. Viele, die ein „ich habe Hunger Schild“ vor sich halten, kommen aus Osteuropa, in Paris habe ich die Aufschrift oft auf Arabisch gesehen. Gefragt ist dann die hohe Kunst des Teilens mit denen, die ein anderes Wort für Hunger, Danke und Bitte haben. Wie schlägt man Brücken zwischen Menschen die keine gemeinsame Sprache, sondern nur einen gemeinsamen Glauben haben. Und dann nicht mal mehr das: Wie gerecht werden den zu uns geflüchteten Menschen aus musli­mischen Ländern?

Der Hunger scheint so groß, die Chance ihn zu stillen so gering. Der Hunger nach Brot – aber auch der Hunger nach Sinn. Nach dem, was man alltäglich braucht, um zu überleben, und nach dem, was darüber hinaus geht, was aus purem Überleben sinnvolles Leben macht. Der Hunger nach dem täglichen Brot, nach Wort Gottes, nach Gerechtigkeit. Und wir fühlen uns oft genug überfordert, diesen Hunger zu stillen.

Was ist also mit der Lösung, die Lukas anbietet? Es werden Stellen geschaffen, um dem Hunger zu begegnen. Diese Geschichte aus der Apostelgeschichte gilt ja als Begründung des Diakonen­amtes. Und was haben Diakone und Diakonissen – heute Diakoninnen – für hilfreiche, weise, vom heiligen Geist erfüllte Arbeit geleistet und tun es noch. Wie segensreich ist das Tun der Diakonie. Wie viel Hunger konnte und kann gestillt werden!
Aber Sie ahnen es schon: Diese Lösung funktioniert nicht auf Dauer. Zum einen können wir nicht jedes Mal, wenn ein Problem auftritt, neue Stellen ausschreiben. Und zum anderen hat die Schaffung von Ämtern ja auch eine problematische Kehrseite. Vor lauter Ämtern verliert man das eine Amt aus dem Blick. Was damals noch ganz klar war – dass das Kümmern um das Wort Gottes und das Kümmern um das Brot bei Tisch – dass beides unbedingt zusammengehört, dass es nur zwei Weisen des einen Amtes waren – dieses Bewusstsein ist uns an manchen Punkten verloren gegangen. Wir feiern liturgisch hochwertige Gottesdienste und haben die Sozialarbeit an Experten outgesourct. Wir spenden dafür, aber wir holen uns nicht selbst fettige Finger beim Brote schmieren. Das hat zur Folge, dass viel der diakonischen Arbeit, die die Kirche macht, gar nicht als kirchliche Arbeit wahrgenommen wird.

Und noch etwas hindert uns daran, die Lukas-Lösung einfach umzusetzen: Die Gemeinde wuchs, so endet die Geschichte. Was damals einzelne, noch relativ überschaubare Gemeinden waren, ist im Laufe der Zeit eine riesige Institution geworden. Natürlich brauchte es da ausdifferen­zierte Leitungsstrukturen. Natürlich kann nicht jede alles machen. Und nicht jeder ist für alles begabt. Aufgaben sind – sinnvollerweise – verteilt worden.
Und heute – heute sind wir keine kleine Gemeinde, die wächst, sondern eine große Institution, die schrumpft. Aufgaben müssen nicht verteilt, sondern zusammengefasst werden. Darüber können wir jammern und murren. Und dann nehmen wir das Murren hoffentlich zum Anstoß und überlegen uns, wie wir damit konstruktiv umgehen könnten. Vielleicht ja auch eine Chance, Dinge, die zusammen­gehören, auch wieder stärker zusammen­zubringen. Das Brote schmieren wieder selbst zu lernen. Ich habe mich gefreut, als ich hier in der Gemeinde Tüten mit Lebensmittel gesehen habe, die sich Bedürftige einmal die Woche abholen dürfen – und dabei nicht nur etwas zu essen bekommen, sondern auch ein paar freundliche Worte.

Ich glaube, das ist für uns, die wir in der Nachfolge, dieser ersten Diakonen­berufung leben, der Auftrag: Dass wir uns und anderen wieder stärker klar machen, dass es in der Nachfolge Jesu nicht Ämter gibt, sondern nur ein Amt – nämlich, den Auftrag so von Gott zu erzählen, wie er es vorgelebt hat. Das heißt: Anwalt der Menschen zu sein, zu ihnen, mit ihnen und manchmal für sie zu sprechen, mit ihnen zu leben und zu leiden, mit Ihnen zu teilen: unser Geld und unsere Zeit. Gemeinde, die sich zurückzieht in die Feier der eigenen Gottesdiensttraditionen und Liturgien, verliert ihre Glaubwürdigkeit und wird weiter schrumpfen. Gemeinde, die nur noch Armenpflege betreibt, verliert den Himmel über sich, vergisst die Antwort auf die Frage, warum sie mit dem Armen das Brot bricht. Gebet ohne Diakonie ist ein Essen, bei dem man vergisst, dass Gott mit am Tisch sitzt in Gestalt der fremden Witwe. Diakonie ohne Gebet ist mühseliges Abarbeiten, ist wie Brot, das nie reicht. Eine Gemeinschaft braucht beides, um an ihrem Lebens­hunger nicht zugrunde zu gehen.

Hilfreich für dieses „Zusammenbringen“ könnte das Wort „Diakonie“ selbst sein. Es heißt schlicht und ergreifend „dienen“. Gemeint war damit ursprüng­lich die Hausarbeit, die Sklaven und Sklavinnen verrichteten und – natürlich Frauen. Nichts, wofür Männer zuständig waren, auch nichts, was man mit Gott in Verbindung gebracht hätte. Jesus überschritt diese Hausarbeits­grenze, als er Menschen die Füße wusch, Kranke berührte, bei Tisch diente. An Jesus selbst können wir uns dieses umfangreiche Dienen – Dienen mit Worten und Taten – abschauen. Dienen ist dann nicht auf soziale Hilfe begrenzt, es gibt genauso den Dienst am Wort. Diakonie im ursprünglichen Wortsinn ist nicht ein eigener abgrenzbarer Aufgabenbereich der Kirche, sondern eine umfassende Lebens­haltung der Christen. Und die macht deutlich: Wenn die Gemeinde nicht dient, dient sie zu nichts.

Heute übernehme ich in dieser Gemeinde meinen Dienst. Und ich danke Ihnen, für das Vertrauen, das Sie mir entgegenbringen. Welche genauen Aufgaben sich daraus ergeben, das wird sich in den nächsten Wochen und Monaten konkretisieren. Auf jeden Fall bin ich sehr froh, mit diesem Amt, das ich heute übernehmen darf, Teil eines Teams zu werden. Auch damals in Jerusalem wurde ja nicht ein einziger als Zuständiger für die Witwen bestimmt, sondern es wurden mehrere berufen und das ist gut so. Mehrere, die unterschiedliche Aufgabe übernehmen mit unterschiedlichen Begabungen und Qualifizierungen – aber alle zu dem einen Amt und Dienst: sich um den Hunger zu kümmern – den Hunger nach Sinn und nach Brot. Darum möchte ich mich ab jetzt hier an diesem Ort kümmern und freue mich darauf.

Am Anfang war der Hunger. Wir müssen ihn nicht stillen – das kann nur Gott. Aber wir können uns dazu in seinen Dienst stellen. Gemeinde ist dort, wo wir zu den Menschen gehen, die Hunger haben, Hunger nach einem Wort, das sie sich selbst nicht sagen können, und nach Brot, das sie sich selbst nicht beschaffen können. Brot und Wort Gottes müssen auf den Tisch. Aber es sind nicht wir, die an diesen Tisch laden, sondern Gott. Wir sind eingeladen und dürfen die Gegenwart Christi feiern, bis er kommt und uns alle satt macht. Amen.