Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Zusammen essen – geht das noch?

Zusammen essen – geht das noch?

Predigt zum Erntedankfest
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Erntedankfest am 4. Oktober 2020

Predigt zu Markus 8, 1-9

Gnade sei mit euch und Friede von Gott,
heute, vor der Zeit und am Ende aller Zeiten!

Es war einmal… Es war einmal, da aßen alle und wurden satt.

Wie ein Märchen klingt die Geschichte von der Speisung der 4.000, die uns der Evangelist Markus überliefert hat. Eine große Menschenmenge ist hungrig. Es gibt nur sieben Brote und einige Fische, aber als Jesus darüber den Segen spricht und sie von den Jüngern austeilen lässt, reicht es für alle.

Sie aßen und wurden satt und sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll.

 

(Markus 8, 8)

Ein Wunder, ein Märchen, wie es auch in vielen Filmen geschildert wird. Zum Beispiel in „Babettes Fest“ (1987), wo in einem dänischen Pfarrhaus die stille französische Köchin, deren Fähigkeiten niemand ahnt, die ganze engherzige, asketisch-fromme Gemeinde mit ihrem Festessen verzaubert. Die wunderbaren Speisen, die sie bei ihrem Gastmahl auftischt, öffnen und beleben die pietistische Gemeinschaft so, dass es zu Heiterkeit, Versöhnung und Liebesszenen kommt.

Es gibt gelungene Festessen – und es gibt weniger gelungene oder sogar misslungene Essen und Einladungen. Wer von uns würde sich nicht erinnern an verbrannte Hähnchen oder Weihnachtsgänse, versalzenen Nachtisch oder missglückte Kochexperimente? Und wer hätte nicht am Esstisch auch schon heftige Auseinandersetzungen, einen Eklat, einen Familienstreit erlebt? Klirrendes Geschirr, umgestürzte Stühle, knallende Türen…

Vieles spielt sich am Esstisch ab: Lachen, Gespräche, Verbundenheit, Versöhnung und Harmonie – aber eben auch Murren, Schweigen, Enttäuschung und Entzweiung.

In den letzten Jahren haben das gemeinsame Kochen und Essen mit Freunden, die Bedeutung von Nahrungsmitteln und ihrer Zubereitung stark zugenommen. Ich denke an die vielen Koch-Shows im Fernsehen, wo Männer, Frauen, Paare vor laufender Kamera um die Wette schnipseln, hacken, rühren und dekorieren… Ich denke an überbordende Regale in Buchläden, voller Kochbücher aller Länder, Geschmacks- und Stilrichtungen. An Vegetarier, Veganerinnen oder Anhänger der Slow-Food-Bewegung, an Diäten und Nahrungsmittelallergien.

Auch in der Zeit des Corona-Lockdown waren für viele das eigene Kochen und die Mahlzeiten zuhause eine wichtige Entdeckung.

Aber schon vor dem Ausbruch der Corona-Krise, die das gemeinsame Essen mit Freunden und Nachbarn, am gemeinsamen Tisch in der Gemeinde, in der Kantine oder dem Restaurant erschwert, wenn nicht ganz verhindert, habe ich mich manchmal gefragt: Mit wem können wir eigentlich noch einfach zusammen essen? Wer braucht glutenfreies Brot, wer isst kein Fleisch, wer verträgt keine Kuhmilch, wer mag kein Gemüse, wer verzichtet auf Zucker, auf Gelatine, Kaffee oder Alkohol?

Ich weiß, dass es gute und unterschiedliche Gründe gibt, warum Menschen bestimmte Lebensmittel nicht essen. Nicht zuletzt die Einsicht, dass die Nahrungsmittelindustrie, die unsere Essgewohnheiten weitgehend beherrscht, ihren Gewinn auf Kosten der Umwelt, auf Kosten der Menschen in den armen Ländern und auf Kosten unserer Gesundheit macht.

Hunger auf der einen und Überfluss auf der anderen Seite, eine grausame Fleischproduktion, ein verächtlicher Umgang mit Pflanzen, Wasser und Erde können einem das Essen im Halse stecken lassen. Sodass ich zunehmend den Eindruck habe, dass wir kaum noch zu mehreren das Gleiche essen können und mögen. Dass es wortwörtlich immer schwieriger wird, alle an einen Tisch zu bekommen.

Angesichts dieser Erfahrungen wirkt die biblische Geschichte von der Speisung der 4.000 geradezu fabelhaft, wirklich wie ein Wunder. Wie ein Sehnsuchtsbild oder ein Hoffnungsort. In dem schlichten Satz: „Alle werden satt“ könnten tatsächlich wesentliche jüdisch-christliche Hoffnungen auf Gerechtigkeit, Fülle und Erlösung kondensiert sein.

„Alle werden satt.“ Es gibt genug für alle, und alle dürfen, können und wollen auch zusammen essen.

Um das, was wie ein heilsgeschichtliches Wunder klingt, auch als ein Wunder für uns wahrnehmen zu können, als ein Wunder, das auch dir und mir verheißen ist, ist es vielleicht nötig, dass wir mitunter aus bestimmten Mechanismen aussteigen. So, wie es ja auch viele Menschen tun, die bewusst einkaufen, kochen und essen wollen.

Es braucht manchmal Abstand von den Supermärkten, Großküchen, Zuckerbäckereien und Fast-Food-Läden. Es braucht – jedenfalls für die meisten von uns – mitunter Abstand von massenhaftem Essen, von Konsum, Überfluss und Verschwendung, um für Wunder empfänglich zu werden.

Immer wieder, zu allen Zeiten, haben Menschen solchen Abstand gesucht. Und nicht zufällig sind so viele reiche – und auch gebildete – Bürgerkinder zu Anwälten und Kämpferinnen für Gerechtigkeit, Bescheidenheit, Umdenken und bewussten Verzicht geworden.

Einer von ihnen, vor langer Zeit im 13. Jahrhundert, war Franz von Assisi. Wie seine Schwester im Geiste, Klara von Assisi, stammte er aus einer wohlhabenden Familie. Sein Vater Pietro Bernardone war im internationalen Handel tätig; sie kam aus adligem Hause. Franz von Assisi, schon früh in Auseinandersetzungen mit seinem Vater, hat sich in einer legendären Szene nackt auf dem Domplatz ausgezogen und seinem Vater, dem Tuchhändler, alle Kleidungsstücke zurückgegeben. Klara ist bei Nacht und Nebel aus der Stadtvilla ihrer Eltern geflohen. Später haben sich ihre Mutter und ihre Schwester ihr im Kloster angeschlossen.

Heute würde man sagen: Sie sind ausgestiegen. Sie sind aus dem Reichtum, der Bequemlichkeit, dem abgeschirmten Leben ihres Milieus und auch aus der Frömmigkeit ihrer Zeit ausgestiegen. Wohl aus Protest – und auch aus einer Sehnsucht heraus. Aus dem Wunsch, Gottes Wunder zu erfahren und Gottes Nähe zu spüren. Jesus Christus mit ihrem ganzen Leben nachzufolgen und ihm allein gehorsam zu sein.

Franz hat diese Nachfolge für sich vor allem als einen Weg in die freiwillige Armut beschritten.

Auf der Pilgerreise Mitte September mit einer Gruppe aus unserer und der Kirchengemeinde St. Nikolai am Klosterstern haben wir in Assisi seine Kutte gesehen, aus unzähligen braunen Leinenflicken zusammengesetzt. Wir haben das grob gezimmerte Bett gesehen, auf dem er während seiner langen Krankheiten lag. Die Wälder Umbriens, die steilen, steinigen Pfade, die Felsspalten und -höhlen, in die er sich zum Schweigen und zum Gebet zurückgezogen hat.

Wie ein Spiegel konnte er, der leer oder still oder frei war, die Wunder Gottes wahrnehmen. Sie in sich aufnehmen und auch in Worte fassen, wie im „Sonnengesang“, den wir vorhin gebetet haben. Die Fülle, die Farben, die Schönheit und Kraft der Schöpfung.

„Bruder Sonne“, „Schwester Mond und die Sterne“, „Bruder Wind“, „Schwester Wasser“ und „Mutter Erde, die uns ernährt und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter“…

Selbst satt zu werden und andere zu sättigen – Menschen und alle Geschöpfe – das hat Franziskus auf seine eigene Weise erfahren und getan. Vollkommen anspruchslos für sich, hat er geduldig und liebevoll für andere – besonders für die Tiere – gesorgt. Mit Worten und Gebeten, mit Taten und Nahrung.

Viele von Ihnen werden das Fresko aus der Basilika San Francesco in Assisi kennen, auf dem Franz die Vögel segnet. Lerchen, Tauben und Elstern wendet er sich zu.

Oder die Geschichte vom Wolf von Gubbio, der die Bewohner der Stadt Gubbio in Angst und Schrecken versetzte. Der Legende nach fiel der hungrige, grimmige Wolf immer wieder in das Städtchen ein. Er riss nicht nur Hühner und Schafe, sondern sogar Männer und Frauen. Niemand traute sich mehr unbewaffnet aus den Stadtmauern heraus. Bis sich die Leute an Bruder Franz wandten, er möge ihnen helfen. Franziskus ging in den Wald, sprach zuerst mit dem Wolf, fragte ihn, was ihm fehle, und stellte fest, dass er großen Hunger litt. Dann redete er mit den Menschen: Sie müssten dem Wolf schon Futter hinstellen, dann würde er sie auch nicht mehr anfallen und sie, ihre Kinder und Tiere in Ruhe lassen.

Wie ein Wunder, so erschien es den Leuten in Gubbio, dass Frieden einkehrte, als sie den Wolf ernährten. „Alle aßen und wurden satt.“ Tiere und Menschen.

Das Erntedankfest heute mag uns an diese Verheißung und diese Möglichkeit erinnern. Und wir nähern uns ihr wohl am besten im Staunen, Loben und Danken, und auch in der Umkehr. Im Dank, der uns hilft, das in den Blick zu bekommen, was nicht selbstverständlich ist, was uns geschenkt wird und eigentlich einem Wunder gleichkommt. Dass wir Teil sein dürfen, Anteil haben und miteinander teilen dürfen, was Gott uns und unseren Mitgeschöpfen aus seiner Gnade zum Leben schenkt.

Aller Augen, unsere Augen warten auf dich, Herr, und du gibst uns unsere Speise zur rechten Zeit.

 

(Psalm 145, 15)

Amen.