Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Zwischen Hier und Jenseits

Zwischen Hier und Jenseits

Predigt zum Ewigkeitssonntag
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 21. November

Predigt zu Jesaja 65,17-25

Predigttext:

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. 18 Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, 19 und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. 20 Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. 21 Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. 22 Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. 23 Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. 24 Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. 25 Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR. (Jesaja 65, 17-25)

Predigt:

Liebe Gemeinde,
wir Menschen haben eine ganz besondere Begabung. Wir sind Zeitenwanderer. Wir können mit unseren Gedanken und Ge­fühlen durch die Zeiten wandeln. Wir können nicht nur in der Gegenwart leben, wir können uns auch in unsere Vergangen­heit zurück­ver­setzen, können in der Erinnerung Ereignisse noch einmal erleben, Gespräche rekapitulieren, Menschen – gerade auch Verstorbenen – wiederbegegnen. Wir können Gedanken und Fragen, die uns früher durch den Kopf gingen, wieder und neu abwägen. Alte Gefühle können uns einholen.

Wir haben ebenso die Fähigkeit in die Zukunft reisen, denn wir malen uns ja aus, was kommen könnte oder sollte. Wir haben einen Lebens­plan, Ideen von dem, was wir im Frühjahr tun wollen, wo wir im nächsten Sommer sein werden oder in fünf Jahren. Wir überlegen uns, wie wir alt werden wollen. Dass es fraglich ist, ob das dann so kommt, wie wir uns das vorstellen, ist uns allen klar, aber wir können uns Bilder davon vor Augen holen und wir tun es auch. Und wir können – und das haben Menschen auch immer wieder getan – über dieses irdische Leben hinausblicken. Natürlich wissen wir nicht, wie das sein wird nach unserem Tod, aber Visionen davon können wir entwickeln.

Dieses Wandeln durch die Zeit – durch Gegenwart, Vergangen­heit und Zukunft – ist eine besondere Begabung der Menschen, und sie ist zwiespältig. Der Blick zurück in die Vergangenheit, der Blick voraus in die Zukunft, beeinflusst unsere Gegenwart im Hier und Jetzt. Er kann das in heilsamer Weise tun oder aber er belastet und verunsichert.

Erinnerungen können uns quälen, wenn sie uns nur wieder und wieder schmerzhaften Verlust vor Augen führen, wenn wir in Endlos­schleifen mit Entscheidungen hadern, wenn wir Opfer von Ereignis­sen bleiben, die längst vergangen sind.
Wir können aber auch Kraft aus Erinnerungen tanken, können dank­bar sein für Menschen, mit denen wir unser Leben haben teilen dürfen, auch wenn deren Verlust dann wehtut. Unsere Prägung durch das, was wir erlebt haben, kann uns Sicherheit geben, Vertrauen darauf, dass wir unser Leben meistern werden, weil wir diese Erfah­rung schon haben machen dürfen. Dann ist die Vergangenheit der Boden, der uns trägt, und sich auf diesen zu besinnen, verleiht Sicherheit und Halt.

Genauso ist es mit dem Blick in die Zukunft: Er kann uns Hoffnung geben oder verzweifeln lassen. Gerade, wenn man einen nahen Menschen verloren hat, ist der Blick voraus manchmal unerträglich: Wie kann ich allein alles bewältigen? Wie soll ich ohne ihn/ohne sie leben? Man hat das Gefühl abzu­stürzen in das riesige Loch, das der geliebte Mensch hinterlässt. Dass das eine „ganz normale“ Trauer­phase ist, die auch vorübergehen wird, tröstet in dem Moment erstmal wenig. Es fühlt sich deswegen nicht einfacher an, sondern es tut weh – und zwar im Jetzt und Hier. Das braucht seine Zeit. Eine schwere Zeit. Ich denke einige von Ihnen haben das im vergangenen Jahr erleben müssen oder stecken noch mitten­drin in diesem schmerzhaften Blick zurück und dem ängstlichen voraus.

Auch für Menschen, die nicht trauern, kann die Zukunft bedroh­lich wirken: Sorgen darum, was beruflich, was familiär, was ge­sell­schaftlich werden könnte, haben ja oft die Form von dunklen Zukunftsszenarien und kommen einher mit dem Gefühl der Hilflosig­keit, dem, was da kommt, ausgeliefert zu sein. Menschen, die sehr zur Schwarz­malerei tendieren, machen sich damit das Leben oft schwer, und manches wird zur self-fullfilling prophecy.
Manchmal ist es aber auch richtig und wichtig, sich ehrlich an­zu­­schauen, was die Zukunft tatsächlich belastet: Beim Klima­gipfel in Glasgow wurden viele Horrorszenarien an die Wand gemalt, wie es mit unserer Welt weitergehen wird, wenn wir so weiter­machen wie bisher. Da müssen wir uns mahnen lassen durch den Blick in die Zukunft, um jetzt ver­nünftiger zu handeln.

Aber nur mit dunklen Aussichten können wir nicht leben, wir brauchen auch die ermutigenden Visionen. Solche, wie sie Jesaja malt. Hoffnungsstarke Bilder bietet er uns heute morgen an. Worte, die auch zwischen den Zeiten wandern, die in einer weit entfernten Vergangenheit, Jahrhunderte vor Christus formuliert wurden und doch als Verheißung aus der Zukunft in unsere Gegenwart hinein­sprechen. Es sind Verheißungen, die unser Leben – trotz all der Trauer und der Sorgen – mit Hoffnung füllen wollen. Und so wie es der Seele guttut, Musik zu hören oder ein schönes Bild anzuschauen, so tut es uns in der Gegenwart eines Novembertages 2021 gut, diese Bilder anzuschauen und uns ein bisschen hineinzuträumen in ein Leben in Friede und Freude. Träumen wir also mit Jesaja von einer Welt, die die bitteren Bilder der Gegenwart von Gewalt, Tod und Abschied auf den Kopf stellt und alles neu macht: neuer Himmel, neue Erde.
Kein Klagen mehr und kein Weinen,
Keine Tränen mehr und kein Leid.
Keine Bosheit und kein Schaden,
Keine Kindersterblichkeit mehr
und Alte, die ein lange erfülltes Leben haben,
keine Häuser, aus denen man fliehen muss,
sondern Häuser, die ein Zuhause sind und bleiben,
keine Weinberge, aus denen man vertrieben wird,
sondern deren Früchte man ernten und genießen kann.
Was im Paradies noch möglich war und Jenseits von Eden unmöglich wurde, ist in der Verheißung wieder Wirklichkeit.

Sicher, das sind fremde Welten für uns. Bilder, die nicht die unseren sind. Wir spazieren wie Gäste durch diese Zukunfts­vision. Aber die Sehnsucht nach einer heilen Welt verbindet uns mit den Menschen, die damals träumten. Die Sehnsucht danach, geborgen zu sein, Heimat zu finden, in Frieden leben zu können. Die Sehnsucht, nicht mehr weinen und klagen zu müssen, sondern uns freuen zu können und fröhlich zu sein. Kein Verlust mehr, sondern Fülle, kein Schmerz mehr, sondern Heilsein. Sehnsucht nach dem tragenden Grund, nach dem Gott, der antwortet noch ehe wir rufen, und hört, noch ehe wir reden.

Diese Vision des Jesaja spielt nicht in irgendeinem fernen Jenseits – sondern in Jerusalem, an einem konkreten, irdischen Ort. Hier wird angekündigt, wonach Israel sich sehnt. Die Worte wollen trösten, nicht vertrösten, sie wollen die Brücke schlagen aus der Zukunft in die Gegen­wart der Hörerinnen und Hörer – auch in unsere.

Unsere Gegenwart ist diese Stunde hier in dieser Kirche. Wir sind in einem Zwischenraum zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Und wir schreiten heute morgen gemeinsam durch die Zeiträume. Wir blicken zurück. Wir denken an die Menschen, die nicht mehr bei uns sind, die wir verloren haben, die uns so schmerz­lich fehlen. Wir haben ihre Namen gelesen – und mit jedem Namen verbindet sich ein Gesicht, der Klang einer Stimme, unzählige Erinnerungen. Hier ist Raum für die Trauer um den Menschen, dem ich viel verdanke, ohne den ich nicht die wäre, die ich bin und der Teil meines Lebens bleibt. Vater oder Mutter, die geliebte Ehepartnerin, der beste Freund und manchmal auch ein Kind. Wir erinnern uns an gemeinsame Erlebnisse und daran, wie unwiederbringlich vergangen diese sind. Das ist schwer auszuhalten und tut weh. Unsere Gedan­ken sind an diesem Sonntag auf vergangenes Leben eingestellt und auf Abschied.

Abschied heißt, sich umdrehen. Heißt zurückblicken, sich dann aber losreißen von dem, was zurückliegt, und sich umdrehen und in die andere Richtung schauen. Damit wir das schaffen, muss es in der anderen Richtung schon etwas Wunderschönes zu sehen geben, das uns das Um­drehen und Weitergehen möglich macht. Und genau das will uns Jesaja vor Augen halten.

Ob das hilft, schwere Zeiten zu überstehen?
Kann man im Verlust die Vision schon vertragen?
Neuer Himmel und neue Erde. Reizt und lockt das überhaupt?
Wo wir doch manchmal das Alte so sehr liebgewonnen haben und nicht verlassen wollen. Manchmal gewinnen wir ja sogar den Schmerz lieb, weil er die letzte Verbindung ist. Neue Wege, neue Blickrichtung. Manchmal fällt uns das Umdrehen, fallen uns die Übergänge schwer. Dann brauchen wir das Verweilen in den Zwischen­räumen. Das Leben von Tag und Tag im Hier und Jetzt.

Unsere kirchlichen Rituale gestalten solche Übergänge: Wir sind genau auf der Schwelle von altem Kirchenjahr hin zum Neuen, das am nächsten Sonntag mit dem 1. Advent beginnt. Aber es ist kein harter Schnitt zwischen alt und neu. Aus der trüben dunklen Novemberzeit, der Zeit, in der wir an Vergäng­lichkeit und Tod denken, gehen wir hinüber in die Lichterzeit des Advent. Aber es ist eben nicht so, dass wir vom Dunklen kommend plötzlich ins helle Licht treten, sondern langsam werden die Kerzen angezündet, Woche für Woche, ein Licht mehr, damit wir uns daran gewöhnen können und es langsam in uns heller werden kann.

In diesem Zwischenraum zwischen gestern und morgen, zwischen Hier und Jenseits soll Raum sein für das Vergangene – für das was schmerzt und das was stärkt. Und es soll Raum werden für das Kommende und für den Kommenden. Für Gott, der uns entgegenkommt und uns verspricht:

„Ehe ihr ruft, will ich antworten, wenn ihr noch redet, will ich hören.“

Und wenn wir spüren, dass Gott uns entgegenkommt, dann können wir sein wie die Träumenden. Amen.