Liebe zukünftige Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern!

Jetzt ist es bald so weit: Kurz vor den Sommerferien startet ein neuer Jahrgang in die Konfirmandenzeit, die auf das Fest der Konfirmation am 19./20. Juni 2027 vorbereitet. Wir wollen diese Zeit nutzen, um wichtigen Fragen nachzugehen, die alle beim Erwachsenwerden beschäftigen: Was sind meine Sorgen und Ängste, was meine Hoffnungen und Träume? Was ist mir wichtig und gibt mir Orientierung? Welche Rolle spielen dabei die anderen oder auch Gott? Wer Lust hat, neue Leute und die Kirche kennenzulernen, gemeinsam über Gott und die Welt zu reden, miteinander Ausflüge und Wochenenden zu erleben, ist herzlich willkommen!

Hier schicke ich einige Informationen und Termine vorab:

Das Konfirmandenjahr startet mit einer Kick-off-Veranstaltung am Donnerstag, den 2. Juli von 17:00 bis 18:30 Uhr, zu der alle Jugendlichen und Eltern eingeladen sind, um das Programm, die Gruppe, die Kirche und die Gemeinde ein bisschen kennenzulernen.

In der ersten Septemberwoche (KW 36) beginnt dann der Unterricht, voraussichtlich in zwei Gruppen am Mittwoch- und Donnerstagnachmittag von 16:30 bis 18:00 Uhr (wöchentlich außer in den Schulferien). Die genauen Termine können wir Anfang Juli mitteilen.

Am Wochenende 9./10. Oktober findet die Kirchenübernachtung statt, bei der wir alle von Freitag auf Samstag in der Kirche übernachten und den Begrüßungsgottesdienst für die neuen Konfirmand:innen am Sonntag, den 11. Oktober um 10:00 Uhr vorbereiten.

Neben dem zuverlässigen Besuch des Unterrichts gehören zur Konfirmandenzeit insgesamt 15 Gottesdienstbesuche, die Teilnahme an zwei Ausflügen am Samstag und an der Freizeit am 23.-25. April 2027.

Anmelden können sich alle Jugendlichen, die bei der Konfirmation Ende Juni 2027 religionsmündig, also 14 Jahre alt sind. Für die Anmeldung benötigen wir das beiliegende ausgefüllte Formular sowie Kopien der Geburts- und ggf. der Taufurkunde. Auch nicht-getaufte Jugendliche sind herzlich willkommen! Sie werden dann während der Konfirmandenzeit getauft.

Die Anmeldung kann bis zum 30. Juni per Post oder Mail (Scan) gesandt werden an:
info@stjohannis.hamburg
St. Johannis-Harvestehude
Heimhuder Straße 92
20148 Hamburg

Bei Fragen wenden Sie sich gerne an Pastorin Dr. Claudia Tietz, die diesen Jahrgang zusammen mit Studierenden leitet. Sie erreichen mich unter Tel. 040 44 88 48 oder tietz@stjohannis.hamburg

Für ein persönliches Kennenlernen, Infos und Gespräch bin ich am Dienstag- und Mittwochnachmittag, den 21. und 22. April von 16-18 Uhr im Gemeindesaal anzutreffen (Heimhuder Straße 92 / Bei St. Johannis). Das persönliche Erscheinen ist für die Anmeldung aber nicht notwendig. Wir sehen uns dann am 2. Juli zur Kick-off-Veranstaltung.

Ich freue mich auf das Kennenlernen und ein gutes gemeinsames Jahr!

Herzliche Grüße,
Pastorin Dr. Claudia Tietz

Predigttext: Markus 14, 3–9

Und als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Die Schriftstellerin Luise Rinser erzählt in ihrem Buch „Mirjam“ vom Leben, von der Verkündigung, dem Sterben und Auferstehen von Jesus aus Nazareth. Das Buch, Anfang der 80er Jahre erschienen, ist einerseits ein historischer Roman. Man erfährt viel über Politik, Gesellschaft und Lebensverhältnisse in Palästina unter römischer Besatzung vor 2.000 Jahren. Andrerseits erzählt Luise Rinsers Buch vom Ringen darum, ob und wie man an den Menschen und Messias, den Lehrer und König Jesus glauben und ihn verstehen kann.

Rinser erzählt ihre Jesus-Geschichte aus der Sicht der Maria von Magdala, deren aramäischer Name „Mirjam“ dem Buch den Titel gibt. Sie nennt die aus den Evangelien bekannten Personen nicht mit ihren griechischen Namen wie wir es gewohnt sind: Jesus, Maria, Johannes, Petrus – sondern im aramäischen Dialekt wie er damals auch von Jesus gesprochen wurde: Jeschua für Jesus, Mirjam für Maria, Jochanan für Johannes, Schimon für Simon Petrus.

Maria von Magdala, die eine Jüngerin Jesu war, wird zur Ich-Erzählerin Mirjam. Aus ihrer Perspektive schreibt Rinser sozusagen ein neues, ein fünftes Evangelium. Sie nimmt darin viele neutestamentliche Überlieferungen auf, auch die Geschichte von der Salbung in Bethanien, den heutigen Predigttext aus dem Markus-Evangelium. Ich lese ihre Schilderung:

„Ich sah die kleine Gruppe vom See her kommen … Es war Mittag, Zeit für die Mahlzeit. Er und die Seinen … traten ins Haus ein. Ich sah ihnen nach, das Tor blieb offen. Wie, wenn ich einträte, uneingeladen, eine Frau, eine Fremde, oder vielleicht erkannt als ‚die aus Magdala‘, ‚die mit dem bösen Blick‘ …? Was geschähe? Man wiese mich hinaus. Sicherlich. Und ER? Gleichviel, ich übersprang die Hürde, es musste sein, die Stunde war da, jetzt, oder aber nie: ich trat ein. Keiner hielt mich zurück. Es wurde nur sehr still im Raum, als hielten alle den Atem an. Als hielte das Schicksal selbst den Atem an. Da stand ich nun vor ihm.
Ich zog eins meiner Alabasterfläschchen heraus und zerschlug es an der Tischplatte. Der Raum füllte sich mit Wohlgeruch. Das Salb-Öl der Könige. Ich goß ein wenig davon auf sein Haar, den Rest über seine Füße … Die Szene hatte die Männer sprachlos gemacht. …
Der Gastgeber murrte, peinliche Mißstimmung breitete sich aus. Der Rabbi wartete das Ende des Mahles nicht ab. …
Er winkte seinen Jüngern und mir, und wir gingen hinaus. Ein Skandal. Einer von vielen, die ich später miterlebte.“
[Luise Rinser: Mirjam. Frankfurt a.M. 1987, S. 52f]

Ein Skandal. Die Geschichte, die Markus überliefert, die Rinser überliefert, ist anstößig, sie stößt an und auf. Sie rüttelt an Grenzen und sprengt sie:

Eine Frau durchquert allein und uneingeladen die Schwelle eines Hauses. Betritt einen Raum, in dem Männer beim Essen sitzen. Eine Frau steht – die Männer sitzen. Sie stört beim Essen und vermutlich auch ein Lehrgespräch. Aber sie wird weder vom Hausherrn hinausgeworfen noch von Jesus zurechtgewiesen.

Dann zerbricht sie ihr Alabasterfläschchen und gießt Jesus Öl über den Kopf. Die Männer wissen: Das tun Propheten und Priester, wenn sie einen neuen König in Israel salben. Der Duft des Nardenöls breitet sich im ganzen Raum aus. Die Männer wissen: So riecht es, wenn ein Toter einbalsamiert wird.

Eine mindestens doppeldeutige Zeichenhandlung vollzieht Mirjam vor den verblüfften Männern: Sie zeichnet Jesus als König Israels aus und sie bezeichnet ihn als Toten …

Das wird kaum zu verstehen gewesen sein, kaum zu fassen. Das zeigt auch die ärgerliche Reaktion der Jünger: „Hätte man das Geld für das teure Öl nicht besser den Armen geben sollen?“ (V. 5)

Und auch die Antwort von Jesus, der doch immer wieder Partei für die Armen ergreift, kommt überraschend und ist nicht leicht zu verstehen. Ein typisch radikales Jesus-Wort: „Arme habt ihr alle Zeit bei euch. Mich habt ihr nicht mehr lange bei euch. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch von dem reden, was sie getan hat.“ (V. 7+9)

Mit diesem letzten Satz qualifiziert Jesus Maria oder Mirjam als Evangelistin. Als Jüngerin, Bekennerin und Gerechte, an die wir Späteren uns erinnern sollen. Weil wir an ihrem Beispiel, an ihrer irritierenden, anstößigen Zeichenhandlung verstehen können, worum es in der Nachfolge von Jesus geht: um eine Suche nach der Nähe Jesu, die Grenzen überschreitet. Die sich von Sitte und Anstand nicht einengen lässt. Weil der Glaube selbst Grenzen – und manchmal auch Regeln – sprengt. Weil sich das Bekenntnis, die Verbundenheit und Liebe zu Jesus Christus oft eher in zeichenhaften Handlungen und Taten zeigt als in Worten.

In der letzten Woche wurde in England die erste weibliche Erzbischöfin der anglikanischen Church of England eingeführt. Sarah Mullally, 63 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, war in ihrem ersten Beruf Krankenschwester, bevor sie Theologie studierte. Im Alter von 40 Jahren wurde sie zur anglikanischen Priesterin geweiht, mit Mitte 50 zur Bischöfin von London. Im Herbst 2025 wurde sie als erste Frau zur Erzbischöfin von Canterbury ernannt und jetzt feierlich eingeführt.

In der kurzen Ansprache in ihrem Einführungsgottesdienst erzählt sie von dem Pilgerweg, den sie in den letzten Wochen von London nach Canterbury zurückgelegt hat. Der 140 km lange, historische Pilgerweg, auch „Becket Way“ genannt, führt von der Southwark Cathedral in London bis zur Canterbury Cathedral. Seit Ende des 6. Jahrhunderts ist dies der Sitz der Erzbischöfe und das Zentrum der englischen Kirche.

Die neue Erzbischöfin Sarah Mullally erzählt von den Gesprächen, die sie mit Menschen am Rand des Pilgerweges führte. Und sie spricht über ihren eigenen Lebensweg: wie die Geschichte oder die Zeichenhandlung der Fußwaschung Jesu ihre christliche Berufung geprägt habe – als Krankenschwester, Priesterin und Bischöfin. Wie sie an der Fußwaschung ablesen kann, worum es im christlichen Glauben geht: um „truth, compassion, justice and action“. Um Wahrheit, Wahrhaftigkeit, um Mitgefühl, Mitleid, Mit-Passion, um Gerechtigkeit und um Aktion, ums Handeln. Truth, compassion, justice and action.

Darin folgt sie in vieler Hinsicht Maria von Magdala oder Mirjam, die sich ehrlich, offen und wahrhaftig zeigte in ihrem Wunsch, Jesus nahe zu sein. Die wohl mehr fühlte und mitfühlte als die Männer am Tisch, als sie Jesus zum König salbte und auch sein Begräbnis vorwegnahm. Die auf ihre Weise für Gerechtigkeit eintrat, als sie ihr teures Öl an den unerkannten Messias verschenkte. Und die uns durch ihre Zeichenhandlung, ihre Aktion – nicht durch Worte – in Erinnerung ist bis heute.

Ich bin gespannt, was wir von der neuen Erzbischöfin Sarah Mullally noch sehen und hören werden! In der Diözese London hat sie sich gegen interne Widerstände erfolgreich für die Aufarbeitung von sexuellen Missbrauchsfällen eingesetzt. Sie spricht sich für die Segnung von homosexuellen Paaren aus, die in der anglikanischen Kirche bisher nicht erlaubt ist. Und sie tritt für Verbundenheit und Vielfalt ein, wenn zum Beispiel in ihrem Einführungsgottesdienst ein afrikanischer Chor auftritt – wobei die afrikanischen Geistlichen in der anglikanischen Kirche die Frauenordination am heftigsten ablehnen …

Truth, compassion, justice and action … Dafür will sie in der Nachfolge von Jesus und der Maria von Magdala eintreten.

Woran du dabei wohl denkst, liebe Brikenda, die auch du dich hast rufen und heute taufen lassen? Ob du an deinen Lebensweg denkst, der dich heute hierher geführt hat? An die Menschen, die dich auf deiner Suche begleitet und unterstützt haben … Die dir wahrhaftig, mitfühlend, gerecht und aktiv zur Seite gestanden haben … Und dir so etwas von der Liebe Gottes mitgeteilt haben, die in Jesus Christus Fleisch und Mensch geworden ist. Damit wir erkennen, wozu wir alle berufen sind: zu Nachfolgerinnen, Bekennern, Gerechten und Aktiven, denen die Liebe wichtiger ist als die Grenzen, Regeln und Gesetze der Welt.

Gott segne dich und uns alle und berufe uns in die Nachfolge Jesu Christi! Amen.

Predigt

Der Herr segne dich und behüte dich
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.

Liebe Gemeinde,

es ist ungewohnt, diese Worte mitten im Gottesdienst zu hören. Sie gehören eigentlich ans Ende. Aaronitischer Segen werden diese kurzen Sätze genannt. Und die biblische Geschichte erklärt warum: Aaron, der Bruder von Mose, bekommt den Auftrag so zu segnen, wie wir das noch heute am Ende des Gottesdienstes tun.

Der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
Der Herr segne dich und behüte dich
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.
Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne. (4. Mose 6, 22-27)

Meinen Namen auf die Israeliten legen – dieser Name schützt, er macht klar, wo jemand hingehört, er verspricht den Segen. Ein großes Versprechen in einer Zeit, in der die Israeliten es bitter brauchen. In der Wüste nämlich. Sie tragen all ihr Hab und Gut mit sich, sie tragen ihre Last und – sie tragen den Namen Gottes. An der Schwelle bekommen sie seinen Segen: Das Alte ist vergangen, sie haben es zurückgelassen; das Neue ist bisher nur ein Luftschloss, lebt nur in ihren Träumen. Sie sind dazwischen, im Niemandsland, in der Wüste. Der Segen gibt ihnen Gewissheit für einen ungewissen Weg.

Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse leuchten sein Angesicht. Er schenke Frieden.

Diese Worte gehören zu den ältesten geschriebenen Worten der hebräischen Bibel. Die Alten, die die Worte zuerst gehört hatten, sagten sie ihren erwachsenen Söhnen und Töchtern weiter; die wieder sagten sie ihren Kindern und Enkelkindern. Die Tempel­diener sprachen sie den Gläubigen zu, manche auch Fremden. Bis die Sätze schließlich aufgeschrieben wurden, sogar auf kleinen Silberplatten hat man sie gefunden. Es sind Worte wie Edelsteine, kostbar. Worte für die besonderen Momente. Für die großen und kleinen Schwellen des Lebens, an denen wir Schutz und Beistand besonders brauchen.

Deswegen segnen wir ja genau in solchen Situationen: vor Reisen, beim Umzug, beim Abschied und eben auch am Ende des Gottes­dienstes, wenn wir diesen besonderen Ort verlassen und wieder ins „normale Leben“ treten. Deswegen sprechen wir Segensworte auch an den biographischen Schwellen: Zum Beginn eines Lebens – bei der Taufe, später zum Beginn eines gemeinsamen Lebens ­– bei Trauungen und noch viel später am Ende eines Lebens bei der Aussegnung am Sarg. Und dazwischen eben auch – und daran erinnern wir heute – bei der Kon­firmation: Dann, wenn Jugendliche erwachsen werden, reli­gions­­mündig.

Einige von Ihnen sind hier, um zu feiern, dass Sie vor 50 oder sogar noch mehr Jahren hier oder anderswo eingesegnet worden sind. Vielleicht erinnern Sie sich noch, wie Sie sich damals gefühlt haben mit 14 Jahren. Ein Niemandsland ist dieses Alter allemal: Nicht mehr Kind, aber oft noch so behandelt, auch noch nicht erwachsen, aber oft schon gefordert, das zu sein. Manch einer fühlt sich unwohl im eigenen Körper, der mitten in der Veränderung ist. Manche eine sucht nach einer stimmigen Rolle in der Familie, im Freundeskreis, in der Schule. Man weiß nicht so genau, wohin mit sich. Man hat Träume für das Leben, aber noch keinen rechten Plan. Man fühlt sich nicht ernst genom­men und gleichzeitig überfordert. Man irrt so ein bis­schen durch die eigene Welt, in der sich die Parameter verschieben, und sucht Orientierung. Man hat tausend Fragen und kann mit den Antworten der anderen oft wenig anfangen. Man probiert sich aus, Dinge gelingen, andere scheitern und man weiß oft nicht so recht, warum. Man guckt sich im Spiegel an und spiegelt sich in den anderen. Und eigentlich sehnt man sich danach, dass man ange­nommen ist, so unfertig, wie man ist, so seltsam, wie man sich selbst gerade findet. Man will eigentlich nur hören und spüren: Du bist wertvoll und kost­bar, du wirst deinen Weg machen und du musst ihn nicht alleine gehen.

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Gott geht deinen Weg mit und hält dich.

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.

Gott lässt sein Blick auf dir ruhen, er guckt dich an, er sieht dich, er sieht auch deine Fehler und Macken, und liebt dich trotzdem.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.

Er richtet dich auf und du kannst in Frieden leben – mit dir, mit den anderen und Gott.

Bei der Konfirmation legt Gott seinen Namen auf dich. Es ist ja auch die bewusste Entscheidung, ich will dazugehören zu dieser Kirche, ich nenne mich Christ, Christin.

Für die meisten von uns sind viele Jahre seit der Konfirmation ver­gangen. Vielleicht blicken Sie heute zurück und fragen: Wo und wie war Gottes Segen in meinem Leben eigentlich spürbar? Manch eine mag hier heute sehr dankbar sitzen und sich freuen an dem, was bisher geglückt ist im Leben: gute Freundschaften, Partner­schaft, Kinder, Familie, Ausbildung, Beruf, Reisen, Umzüge, Hobbies, Leidenschaften, Gesundheit.
Andere denken vielleicht auch an die Träume, die sich nicht ver­wirklicht habt, Türen, die verschlossen blieben, schwere Entschei­dun­gen, Krankheitsphasen, Verluste, Scheitern.
Vielleicht gab es glückliche Phasen, in denen Sie überhaupt nicht an Gott gedacht haben, weil Sie ihn gar nicht brauchten. Läuft doch alles, Gott ist an den Rand des Sichtfelds gerückt oder ganz daraus verschwunden.
Vielleicht gab es schwierige Zeiten, in denen Sie sich von Gott verlassen fühlten. Wo ist er, wenn man ihn braucht? Wo ist das Land, in dem Milch und Honig fließt oder doch zumindest Wasser und Brot zur Verfügung steht?

Gottes Segen ist keine Zauberformel, die ein erfolgreiches, pro­blemloses Leben verspricht. Davon können die Israeliten auf ihren 40 Jahren Wüstenwanderung ein Lied singen. Und wir alle haben das vermutlich genauso erlebt und erleben es noch. Und doch sind Segensworte nicht nur fromme Wünsche. Wir spüren ja immer wieder, wie der Segen unser Herz rührt. Es sind eben nicht nur Worte, sie machen etwas, sie verändern uns. Sie versprechen nicht nur Gutes, sie tun uns gut.

Lateinisch heißt Segen „benedicere“. Gutes sagen, Gutes wünschen, Gutes von jemandem denken. Solche Wünsche haben Kraft, weil sie die entsprechende Realität schaffen oder zumindest anstoßen. Das kennt man von sich und von anderen. Menschen, die gelobt werden, freuen sich, werden selbstsicherer, entfalten sich kreativ. Während Kinder, die häufig getadelt werden, von denen Eltern und Lehrer schlecht denken, ängstlich reagieren oder aggres­siv und in ihren Leistungen nachlassen. Es zeigt, wie sehr wir in Abhängigkeit leben. In Abhängigkeit davon, dass uns jemand liebevoll und gnädig anschaut. Das geht nicht nur 14-Jährigen so, das brauchen wir unser ganzes Leben lang.

Es gibt viele wunderschöne Segensworte. Vielleicht erinnern Sie noch Ihren Segensvers von der Konfirmation. Aber kaum ein Segen beschreibt so schön dieses liebevolle Angeschaut werden. In der Bibel wird sonst selten so direkt über das Gesicht Gottes ge­sprochen. Von seinem Gesicht, dass sich uns zuwendet, so wie sich das Gesicht von Vater oder Mutter dem Säugling zuwendet. Gott ganz nah.

Er kommt in diesem Segen immer näher zu uns. Ein Dreischritt fast:

Der Herr segne dich und behüte dich – das ist allgemein und umfassend.

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir – im Hebräischen steht dort eine Präposition, die Bewegung ausdrückt: sein Gesicht wendet sich zu uns hin. Gott neigt sich zu uns – Zu-wendung, Zu-neigung ist damit gemeint.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich – Gott schaut uns an, sieht jedem einzelnen ins Gesicht. Wir werden angesehen, es geht um das Ansehen der eigenen Person.

Was für ein Segen, wenn mich jemand wirklich und wahrhaftig ansieht – sich mir zuneigt, mir seine Zuneigung zeigt. Wirklich ge­sehen und erkannt zu werden als die, die man ist, und darin nicht verurteilt zu werden, sondern liebevoll angenommen zu werden, das ist vielleicht der tiefste Wunsch des Menschen von Kind an.

Ich glaube, segnende Worte rühren uns so tief an, weil sie auf diese große Sehnsucht antworten: Wir brauchen den Segen. Er ist etwas, was wir uns nicht selbst geben können – niemand kann sich selbst segnen. Im Segen empfangen wir, was wir selbst nicht machen können. Im Segen wird inszeniert, was Gnade ist: nämlich mit dem beschenkt zu werden, wovon wir wirklich leben.

Gottes Segen ist uns zugesprochen, er hat seinen Namen auf uns gelegt. In der Taufe wird das gefeiert, in der Konfirmation wurde das bekräftigt. Gottes Segen nutzt sich nicht ab, so dass er immer wieder erneuert werden müsste. Er verblasst nicht, aber manchmal verblasst unsere Erinnerung daran. Deswegen ist es gut, sich an einem Tag wie heute daran zu erinnern, dass wir unter Gottes Segen stehen. Und es tut gut, sich dessen immer wieder zu versichern – deswegen hören wir es in jedem Gottesdienst am Ende und heute auch in der Mitte:

Gott segne dich und behüte dich

Gott lasse leuchten das Angesicht über dir und sei dir gnädig

Gott erhebe das Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.

Amen.

 

 

 

 

 

 

Predigttext Römer 8, 18–24a

Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt. 
Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin.Amen.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Liebe Gemeinde!

Vor sechs Wochen war ich im Altonaer Museum in einer Ausstellung von Kinderbuch-Illustratorinnen und Illustratoren. Es wurden bekannte Künstler vorgestellt wie Wolf Erlbruch („Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“), von Jutta Bauer („Opas Engel“ und „Schreimutter“) oder Nadia Budde („Ein zwei drei Tier“) – und daneben mir bisher unbekannte Illustratorinnen wie Lena Hällmayer, Jahrgang 1981, die als Zeichnerin und Kunstpädagogin in Hamburg arbeitet.

Von Lena Hällmayer gab es eine große Wandzeichnung, fast ganz in Rot gehalten. Ein phantasievolles, netzartiges Gebilde: gekordelte Schnüre, geflochtene Zöpfe, Häkel- und Strickmaschen, gewebte Strukturen, dicke und dünne Fäden, lose Enden und Knoten …

Die große rote Zeichnung gleicht nichts, keinem Baum, keiner Landkarte – sie stellt nur ein unregelmäßiges Geflecht und Gewebe dar. Im unteren Teil des Bildes sieht man einige in Schwarz gezeichnete Menschen: einer schaukelt an einem dicken Tau, einer schneidet mit einer Schere Fäden durch, eine zieht an einem Band, eine sitzt und webt …

Es ist ein irgendwie unfertig und chaotisch wirkendes Bild, nicht im engeren Sinne „schön“ – aber interessant, anregend und überraschend. Mich hat es inspiriert.

Auch für diesen Gottesdienst heute. In dem es um unsere Verbundenheit mit unserer Mitschöpfung geht. Um Töne und Rhythmen, die Pilze – also Nicht-Pflanzen – und Gletscher erzeugen. Von Gott geschaffene Kreatur, die wir Menschen als „nicht-belebte Natur“ bezeichnen. Aber sind Pilze oder Gletscher bloß „tote Materie“?

Einer der stärksten und zugleich erstaunlich unbekannten Bibeltexte, der Abschnitt aus dem Römerbrief im 8. Kapitel, den wir eben gehört haben, spricht von dem „ängstlichen Harren der Kreatur“, von der „Vergänglichkeit“ und „Knechtschaft“ der Schöpfung (Röm 8, 19-21). Der Apostel Paulus macht hier keinen Unterschied zwischen Tieren und Menschen, Pflanzen, Steinen oder Gewässern, zwischen „belebter“ und „nicht-belebter“ Schöpfung. Alles ist für ihn Kreatur, also durch Gott Geschaffenes. Irdisch, leiblich und vergänglich.

Dem Schöpfungswillen oder der Schöpfungskraft Gottes entsprungen – der Zerbrechlichkeit und Endlichkeit alles Lebendigen unterworfen – aber auf Hoffnung hin. Auch unseren Mitgeschöpfen und der Schöpfung als Ganzer gelten Gottes Verheißungen: Frieden, Gerechtigkeit, Erlösung und Liebe.

Die Mitschöpfung ist schon bei Paulus nicht bloß „Umwelt“. Sie ist in ihrem Sein nicht auf den Menschen hin ausgerichtet. Gott hat sie nicht nur geschaffen, um den Menschen zu ernähren und zu erfreuen, um ihn mit Wasser, Nahrung, Licht und Boden unter den Füßen zu versorgen. Unsere Mitschöpfung ist ebenso sehr von Gott geschaffen, gewollt, geliebt um ihrer selbst willen wie wir. Wir Menschen sind für Gott und füreinander, für Palmen, Pilze und Pinguine ebenso Mitgeschöpfe wie sie für uns.

Der Vergleichspunkt für Paulus ist unser Geschaffensein: Weil Gott uns als irdische Wesen ins Leben gerufen hat, sind wir lebendig – aber deshalb auch vergänglich, verletzlich und sterblich.

Das macht uns Menschen jeder Lilie, jedem Leoparden, jedem Lavagestein vom Wesen her ähnlich. Es verbindet uns und alle Geschöpfe auf eine Weise, die uns zutiefst verwundern und berühren kann – die uns aber auch erschrecken und in Abstand und Abwehr bringen kann: Wir sollen so wesentlich oder eben unwesentlich und vergänglich sein wie Schneeglöckchen? Oder wie Spatzen, Lilien und Gras, mit denen Jesus uns in seinen Gleichnissen vergleicht?

Wer von uns mag das schon … Solche harten Relativierungen unserer Bedeutung und unserer Macht, wo wir doch so viel tun, um stark, gesund und langlebig zu sein – durch manches Handeln oder Wirken vielleicht sogar unsterblich?

Es gibt eine große Abwehr, uns mit unserer Mitschöpfung in dem Sinne zu identifizieren, wie der Apostel Paulus von uns spricht: als gemeinsam seufzende, ängstliche, ausharrende, hoffende, lebendige und vergängliche Kreatur …

Das hat mir auf geradezu erschreckende Weise auch ein Blick in die Predigtliteratur zu Römer 8 und unserem Predigttext gezeigt. Fast immer geht es in den Auslegungen um das menschliche Seufzen, Flehen und Leiden; fast nie kommt unsere Mitschöpfung in den Blick, obwohl sie von Paulus ja explizit genannt wird. Es zeigt sich hier ein für unsere westliche Theologie wohl typischer, ungeheurer Anthropozentrismus. Eine Fixierung auf den Menschen, seine Sorgen, Nöte und Wünsche, die die Mitschöpfung oder das Bild einer Gesamt-schöpfung radikal ausblendet.

Vielleicht hat diese Sicht in der Theologie in den letzten Jahrzehnten sogar noch zugenommen: dass wir fast nur noch vom Menschen sprechen und wenig von dem Gott des Lebens und der Liebe und von seiner Schöpfung, die auf den Schöpfer verweist.

Vielleicht hat dieser Anthropozentrismus mit dem riesigen Egoismus der meisten Menschen zu tun. Mit unserer ewigen Sorge, nicht genug zu bekommen, nicht genug gesehen, nicht genug geliebt, getröstet und geachtet zu werden. Sozusagen mit unserer Ursünde, unserer Trennung von Gott und unseren Nächsten durch unsere Ich-Fixierung.

Vielleicht hat unser Kreisen um uns selbst auch zu tun mit der Angst und Abwehr unserer Begrenztheit, Verwundbarkeit und Sterblichkeit. Wir verfügen ja über immer wirkungsvollere Mittel, um uns unsere Schwäche und Bedeutungslosigkeit vom Hals zu halten … Auf touristischen Raketenflügen können Menschen sich einbilden, selbst Herrscher der Galaxien zu sein. Oder Unsterblichkeit in einem aus der eigenen Asche erzeugten Diamanten zu erlangen …

Und vielleicht hat die Leugnung unserer tiefen, wesensmäßigen Verbundenheit mit der Schöpfung auch zu tun mit unserer „Unfähigkeit zu trauern“, wie das berühmte Buch heißt, mit dem die Psychoanalytiker Margarete und Alexander Mitscherlich 1967 Furore machten. Weil sie aufdeckten, welche Folgen die kollektive „Unfähigkeit zu trauern“ der Kriegsgeneration, der Täterinnen, Täter, Mitläuferinnen und Wegseher für die Nachkriegsgesellschaft hatte. Wie Schuld, Trauer und Scham in Selbstmitleid umgewandelt wurden und man sich selbst als Opfer stilisierte, ohne Verantwortung oder Handlungsoptionen.

Dieses Muster können wir heute im rechts-außen Flügel der Politik beobachten – und anscheinend auch im Blick auf unsere Haltung gegenüber den ökologischen Katastrophen. Unsere „Unfähigkeit zu trauern“ oder mitzuleiden oder Schuld zu empfinden. Wir waren es nicht; wir wussten es nicht; wir können nichts tun … Oder auch: Was ich nicht sehe oder fühlen will, das gibt es nicht.

Die biblische Tradition macht dagegen Verantwortung und Verbundenheit stark, wenn sie von „Schalom“, von „Gerechtigkeit“ und „Nächstenliebe“ spricht. Und sie macht auch die notwendige Auseinandersetzung mit Trauer und Schuld stark. Das Leiden, Ächzen und Seufzen der Geschöpfe, die nach uns schreien und nach unserem Verhalten fragen.

Unsere Verbundenheit mit unserer Mitschöpfung in der Lebensfreude, der Schönheit und Vielfalt der Schöpfung – und ebenso unsere Verbundenheit miteinander im Leiden. So wie Gott in Jesus Christus unsere Wege der Liebe und unsere Wege des Leidens mitgeht. Unsere Verbundenheit auch in der Hoffnung, im Vertrauen auf Gottes Verheißungen: auf Erlösung von Gewalt, Kampf und Schmerz; auf Frieden miteinander und mit Gott.

Ich möchte schließen mit dem Text der Zeichnerin Lena Hällmayer, den sie im Altonaer Museum an die Wand gegenüber ihres roten Geflechtes geschrieben hat:

„In meiner Vorstellung sind wir alle in einer Art Geflecht, einem Gewebe miteinander verbunden.

Dieses Gewebe umgibt uns und umhüllt uns wie ein schützender Mantel.

Ich meine damit nicht nur uns Menschen, sondern auch nichtmenschliche Wesen. Tiere, Pflanzen, Flüsse, Wälder und Meere – wir alle gehören zusammen.

Wir sind über die Zeit hinweg auch mit den Generationen vor uns, mit unseren Wurzeln verbunden.

Gemeinsam weben wir an diesem System, in dem wir alle leben. Wir können Maschen auflösen, Fäden zusammen ziehen und gestalten damit Muster und Strukturen.

Wir können einfach mit dem Faden, der uns nahe liegt, anfangen.“
[17.01.2026 im Altonaer Museum, Hamburg]

In dieses Gewebe der Mitgeschöpflichkeit hat Gott uns hineingewebt. Er vertraut es uns an – nicht als Besitz, sondern als einen gemeinsamen Lebensraum, wie einen schützenden Mantel, den wir mit allem teilen, was atmet, wächst und sich verändert …

Möge Gott uns Achtsamkeit und Demut schenken, als Mitgeschöpfe unter Mitgeschöpfen zu leben und die Fäden des Lebens so zu halten, dass auch kommende Generationen in diesem Geflecht Leben und Geborgenheit finden. Amen.

Bibeltext:

Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt. Denn er spricht: »Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit dieser Dienst nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben. 

Predigt:

Liebe Gemeinde!
Seht doch! Jetzt ist die rechte Zeit. Seht doch! Jetzt ist der Tag der Rettung!
Es war ihr Tag, ein Kairos-Moment, etwas für die Rettung der Welt zu unternehmen. Eigentlich hatte sie gar nicht vor, diese mutige Rede zu halten und damit berühmt zu werden. Der Gottesdienst, in dem sie als zuständige Bischöfin predigen sollte, ist seit den 1930 Jahren eine feste Tradition und wird stets in ihrer Kirche gefeiert, der National Cathedral von Washington. Doch noch nie war die Situation so aufgeladen wie an diesem Tag. Nach einem spaltenden wie verletzenden Wahlkampf war das Land zutiefst zerrissen. Lange rang sie um die richtigen Worte. Als Seelsorgerin wollte sie etwas Versöhnendes sagen, wollte helfen, Wunden zu heilen, wollte über die Einheit des Landes reden, der Härte der politischen Macht ihr Mitgefühl entgegensetzen. Sie überlegte sich, was Gott ihr in diesem Moment wohl zu sagen hätte, suchte Rat in der Bibel. Wie konnte sie leise und doch unmissverständlich daran erinnern, dass Gebete um die Einheit des Landes ihren Klang verlieren, wenn das Handeln von Verachtung geprägt ist? Wie konnte sie denen, die in ihrer Menschenwürde herabgesetzt worden waren, ein Gesicht und Würde zurückgeben? Und mit aller Ruhe und allem Respekt, den sie aufbringen konnte, um Barmherzigkeit bitten?

Bischöfin Marianne Edgar Budde hat ihre Rede gehalten. Im traditionellen interreligiösen Gottesdienst zur Amtseinführung sprach sie dem neuen Präsidenten ins Gewissen. Fein und bescheiden im Ton, aber klar in ihrer moralischen Haltung. So konfrontierte die Kirchenfrau die politische Macht mit der Barmherzigkeit desEvangeliums. Sie erinnerte an die Menschenwürde, Ehrlichkeit, Toleranz und die Demut als die Fundamente des gesellschaftlichen Zusammenhalts:
Mr President, have mercy on the people in our country who are scared. Haben Sie Erbarmen für Menschen in unserem Land, die jetzt in Furcht leben. Es sind die Menschen, die unsere Ernten einholen und unsere Büros putzen, die das Geschirr spülen, von dem wir gegessen haben und im Krankenhaus die Nachschicht übernehmen. Sie sind gläubige Mitglieder unserer Kirchen, Moscheen und Tempel. Haben Sie Erbarmen mit denen, die aus Kriegsgebieten und Verfolgung fliehen, um hier Mitgefühl und Aufnahme zu finden.

Die eindringlichen Worte der Bischöfin gingen um die Welt. In den letzten Wochen meldete sie sich zusammen mit vielen anderen Geistlichen in den USA erneut zu Wort. In Minneapolis erhoben sie ihre Stimmen gegen das brutale Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE und riefen zum christlichen Widerstand auf. Hunderte unterschrieben einen christlichen Appell für eine anderes Amerika.

Eine Kirchenfrau, die der Obrigkeit trotzt – das erinnert mich an Martin Luther auf dem Wormser Reichstag. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Ungewollt stellte sich die Bischöfin in die Reihe so vieler Christinnen und Christen, die für die Menschenwürde, Anstand und Mitgefühl aufgestanden sind. Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King oder den in dieser Woche verstorben Bürgerrechtler Jesse Jackson.

Einer der ersten in der Reihe war der Apostel Paulus. Auch er saß wegen seiner Glaubensüberzeugungen im Gefängnis. In der Gemeinde von Korinth erlebte er Streit und Spaltungen, gegenseitige Verletzungen und Anfeindungen. Auch persönlich wurde er von Gemeindegliedern angegriffen. Seine Autorität wurde massiv infrage gestellt. Vor diesem Hintergrund beschreibt Paulus im Predigttext, was einen Christenmenschen ausmacht und mit welcher Haltung er oder sie in die gesellschaftliche Auseinandersetzung gehen soll. Er schreibt:

Wir erweisen uns als Diener Gottes in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten.

In Minneapolis waren es so viele Menschen, die in ihren Kirchengemeinden und Nachbarschaften Bedrängnisse, Schläge und Hetze ausgehalten haben und dafür das Gefängnis riskierten. Sie hakten sich unter, machten sich Mut und gingen miteinander auf die Straße, standfest und unerschrocken. „Neighborism“ bezeichnet man diese neue Art der Widerständigkeit, die sich gegen die Gewalt und Willkür der Regierung gebildet hat: „Neighbor“ in seiner doppelten Bedeutung als „Nachbar“ und als „Nächster“. Es geht um den in der US- Gesellschaft auf einmal entstandenen beispiellosen Zusammenhalt von Kommunen, Bürgermeister*innen, lokaler Polizei, Zivilgesellschaft mit Kirchengemeinden, Synagogen und Moscheen. Schon sehr beeindruckend, wie sich hier das andere Amerika zu Wort meldet. Auch hierzulande sind wir als Kirche immer mehr gefordert, gegen Hass und Hetze für den demokratischen Zusammenhalt einzutreten. Weiter schreibt Paulus:

Ein Christenmensch erweist sich als Dienerin Gottes in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit in der rechten und in der linken Hand.

Starke Worte. In diesem Tugendkatalog klingt an, was unsere jüdisch-christlichen Werte trägt: Demut und Bescheidenheit, Geduld und Freundlichkeit im Umgang miteinander, Liebe und Mitgefühl, Mut zur Wahrheit und der Sinn für Gerechtigkeit. Dazu gehören der Glauben und die Hoffnung, dass Gott uns die Kraft dazu gibt. Paulus macht uns Mut, für das einzustehen, wovon wir als Christinnen und Christen überzeugt sind, und daran festzuhalten, selbst wenn es gefährlich wird. Lebendig, resilient und fröhlich die Liebe Christi zu kommunizieren, wo Menschenhass sich ausbreitet, Mitgefühl zu zeigen, wo herzlos miteinander umgegangen wird, wahrhaftig zu bleiben, wo gelogen wird.

Die beginnende Passionszeit ist eine gute Gelegenheit, dies einzuüben, liebe Gemeinde. Sieben Wochen ohne Härte. Sieben Wochen Mit-Gefühl. Nicht nur in Minneapolis begegnen Menschen einer bislang unvorstellbaren Verhärtung des gesellschaftlichen Klimas. Ob in China, in Russland, im Iran, weltweit gehen Machthaber mit ungeheurer Brutalität gegen Bürgerinnen und Menschenrechtsaktivisten vor. Auch hierzulande erleben wir eine nie dagewesene Infragestellung unserer demokratischen Institutionen. Die schlimmsten Härten müssen im Moment die Menschen in der Ukraine aushalten, in eiskalten Kellern ohne Strom und Heizung.

Härten begegnen uns auch im Kleinen, mitten im Alltag: die Kälte dieses Winters, die Erschöpfung einer Long-Covid-Erkrankung, die Angst in der Krebs-Chemo, die Enttäuschungen einer zerrütteten Ehe, die Belastung durch Arbeitslosigkeit und manchmal auch die Härte, mit der wir uns selbst begegnen. All das verdient unsere Aufmerksamkeit und Mitgefühl. Mir klingt dabei das Lied von Wolf Biermann im Ohr: Du lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit.

Die Passionszeit ist eine Chance, sensibel zu werden für die Härte des Lebens um uns herum, Menschen anzusprechen, Mitgefühl zu zeigen und zu helfen. Vielleicht auch, uns selbst zu öffnen und von dem eigenen Leid zu sprechen. Es gilt, sieben Wochen lang der Verletzlichkeit des Lebens nachzugehen und der Sehnsucht nach einem heilen Leben Raum zu geben. Die Aktion Sieben Wochen ohne spielt bei dem Wort „Mit-Gefühl“ mit der doppelten Bedeutung des Begriffs. Es geht einmal darum, in der Passionszeit Gefühle zuzulassen und Gefühl zu zeigen, sensibel zu werden für die Bedürftigkeit der anderen. Zum anderen um das Mitgefühl als unsere Entschlossenheit, sich vom Leid des anderen berühren zu lassen und etwas zu tun.

Ganz konkret könnte das bedeuten: Wo werde ich in dieser harten Zeit gebraucht?
Wo könnte ich Mitgefühl zeigen und das Leben eines anderen erleichtern helfen?
Wem kann ich durch ein Wort, einen Besuch oder eine Einladung Freude machen?
Wo braucht es meine Stimme, um jemanden zu mehr Gerechtigkeit zu verhelfen?
Wo braucht es mein Engagement, um die Demokratie zu verteidigen?

Mich hat da in dieser Woche der junge Rodler aus der Ukraine beeindruckt, der seinen Start bei den olympischen Spielen davon abhängig machte, auf seinem Helm Fotos von gefallenen Sportlern zu tragen. Beschämend, dass die olympischen Regeln ein solches Zeichen des Mitgefühls nicht erlaubt haben.

„Mit Gefühl – sieben Wochen ohne Härte.“ Dieses Motto führt uns nicht zuletzt auf die Spur von Jesus von Nazareth, der selbst unermessliche Härten bis zur letzten Konsequenz durchlitten hat. Wie kein anderer hat er harte Verfolgung ausgehalten – und doch sein Mitgefühl nicht aufgegeben. Er ist nicht hart geworden. Er hat sich nicht vom Hass der anderen bestimmen lassen. Die Passionszeit lenkt unseren Blick auf seinen Weg – vom Einzug in Jerusalem über Verrat, Gefangennahme und Verhör bis zum Kreuzigung in Golgatha. Es ist ein Weg durch menschliche Abgründe. Und doch bleibt Jesus auf diesem Weg dem Leben zugewandt – den Schwachen, den Schuldigen, selbst denen, die ihn ans Kreuz bringen.

Paulus schreibt an die Gemeinde von Korinth:

„Wir sind vom Tod bedroht, und seht doch: Wir leben! Wir werden ausgepeitscht und kommen doch nicht um. Wir geraten in Trauer und bleiben doch fröhlich.“

Die Passionszeit trägt die neue Hoffnung schon in sich. Sie führt durch die Dunkelheit zum Licht. So hart sich manches anfühlt, von Ostern her scheint die die Hoffnung in unser Leben, dass alle Härten überwunden werden können durch das Liebe und das Licht Christi. Mitten im Tod, wir leben. Mitten im Leid, wir halten durch. In Trauer, aber fröhlich. Das beschreibt das Gefühl und Mitgefühl der Fastenzeit und ist die Quelle unserer Resilienz. Wer sich in der Passionszeit vom Leid berühren lässt, wer Mitgefühl wagt, wer sich nicht verhärten lässt – der geht schon Schritte ins Osterlicht. Jede Geste der Barmherzigkeit ist ein kleiner Ostermorgen. Jedes Wort der Wahrheit ein kleiner Durchbruch des Lichts. Manche Widerständigkeit ein Zeichen des Auferstandenen mitten in dieser Welt.

Und am Ende sind die sieben Wochen dann vielleicht auch ein Weg zu mir selbst und meinen manchmal widersprüchlichen Gefühlen Sieben Wochen Verzicht üben, dafür Zeit für die Dinge zu gewinnen, die wirklich wichtig sind. Sieben Wochen für Herz und Seele. Sieben Wochen, um meinen Mut auszutesten, aber auch meine Grenzen zu akzeptieren. Sieben Wochen, um abzuschütteln, was mich hart macht, und gnädig mit mir umzugehen. Sieben Wochen, eine aufrechte Haltung einzuüben und Gott in mein Leben zu lassen.

Dietrich Bonhoeffer hat dies in einem Brief aus dem Gefängnis so formuliert:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und feste

wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig, lächelnd und stolz,

wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andre von mir sagen?

Oder bin ich nur, was ich selbst von mir weiß:

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge.

Wer bin ich? Der oder jener?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.

Der Friede Gottes bewahre unsere Herzen.

Amen.

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

„Liebe ist … gemeinsam älter zu werden. Liebe ist …, den zweiten Handschuh anzugeben. Liebe ist … Vertrauen und Zärtlichkeit.“

Drei Szenen, drei Aussagen zur Liebe, die ich eben wahllos von der Wäscheleine im Altarraum abgenommen habe. Drei Sätze, die uns ansprechen und anrühren, vielleicht schmunzeln lassen. Die Bilder in uns wachrufen, Erinnerungen anstoßen, uns neugierig machen. Welche konkreten Erlebnisse stehen in diesem Satz? Welche Geschichte liegt ihm zugrunde? Und um welche Beziehung geht es hier – um die eigene oder eine Liebesbeziehung anderer, um eine vergangene oder eine ersehnte?

Bei jedem der Sätze zur Liebe, die jetzt hier an der Leine hängen, ahnen wir, dass dahinter ein Schatz, eine ganze Welt liegt.

Die Unterschiedlichkeit von zwei Menschen, die sich erst finden mussten. Ihre Freude an bestimmten Ritualen. Die Familien, die sie mitbringen in ihre Partnerschaft oder Ehe; Eltern, Werte und Haltungen, die sie geprägt haben: Küsst man sich in der Öffentlichkeit – oder nicht? Macht man einander Geschenke auch außer der Reihe – oder nur zu Weihnachten und zum Geburtstag? Benutzt man Kosenamen – „Schatzi“, „Bärchen“ oder „Wuschelmausi“ – oder ist das völlig verpönt? Zeigt man Liebe in Worten oder lieber in Taten, durch Backen, Bügeln, Reparieren oder Erledigen unangenehmer Dinge? Macht man alles zu zweit – oder achtet man darauf, dass beide eigene Spielfelder und Freunde haben?

Jedenfalls ein Teil solcher Themen ist wahrscheinlich enthalten in dem kurzen Satz „Liebe ist …“, den wir heute aufgeschrieben haben. Ein Teil der großen Welt der Liebe, die jede und jeder von uns in sich trägt.

Dass es so eine große, unsichtbare, geheimnisvolle Welt der Liebe überhaupt geben könnte, haben mir als Kind die amerikanischen Comics gezeigt. Sie wurden von der Neuseeländerin Kim Casali für ihren Freund und späteren Mann Roberto gezeichnet, waren zuerst rein private Liebesbotschaften. Bis ihr Mann die ersten Comics ohne ihr Wissen veröffentlichen ließ, und diese dann ab 1970 in den „Los Angeles Times“ zur Erfolgsserie wurden.

Die Zeichnerin Kim Casali war eine schüchterne junge Frau. Nicht gewohnt, ihre Liebe durch viele Worten auszudrücken oder laut auszusprechen. Es fiel ihr leichter, ihrem Geliebten kleine Zettel zu schreiben, eine Zeichnung aufs Blatt zu werfen, wenige Worte, konkret und persönlich. Auf eine eher schüchterne Weise romantisch und verliebt.

Als Kind habe ich mehr oder weniger bewusst verstanden, dass hinter ihren Comics eine große Welt lag. Eine Welt der Liebe, die für Erwachsene offenbar etwas Besonderes, Aufregendes und Exklusives war. Neugierig war ich, fasziniert, voller Vorfreude und Spannung, was da später einmal vielleicht auch auf mich zukommen würde. Was es zu entdecken geben würde in diesem Kosmos der Liebe …

Sie mögen, ihr mögt euch erinnern an die Bilder, Bücher oder Filme, die euch zuerst etwas von diesem Geheimnis enthüllt haben. Ob es die „Bravo“ war oder verbotene Zeitschriften, ob es Nachbarn waren, ältere Geschwister oder Freunde …

Früh ahnen wir – sofern unsere Ahnungen, Gefühle und Sehnsüchte nicht als Kind missbraucht wurden – dass Liebe, Romantik und Erotik, tiefes Vertrauen und Treue etwas Wunderbares sind.

Wie wunderbar – davon schreibt auch der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief im 13. Kapitel, dem sog. Hohelied der Liebe im Neuen Testament.

Die Liebe ist langmütig und freundlich,
die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen,
sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit,
sie freut sich aber an der Wahrheit;
sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
Die Liebe hört niemals auf. (V. 4-8)

Man spürt beim Zuhören, wie Paulus, der unseres Wissens unverheiratet war, sich geradezu in das hohe Lob der Liebe hineinschreibt. Wie seine eigenen Sehnsüchte, Gefühle und Gedanken über die Liebe ihn beflügeln, vielleicht berauschen.

Ohne Liebe, so Paulus, hätte ich nichts und wäre ich nichts:

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete
und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz …
Wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe,
und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. (V. 1+3)

Ohne Liebe wäre mein Leben eigentlich nichts wert. Unsere Worte und Taten, all unsere Anstrengungen wären in der Tiefe zu nichts nütze. Wir wären Hohlköpfe, Pappkameraden, leer und langweilig. Erst die Liebe – so meint Paulus, so meint Jesus – macht uns echt, lebendig, interessant und unverwechselbar. Erst die Liebe gibt unseren Gedanken die richtige Richtung, unseren Gefühlen Tiefe und unseren Taten einen guten Grund.

Relativ nahtlos geht Paulus von diesem ersten Teil seines großen Liebesgedichtes, in dem es um das menschliche Lieben geht, zum zweiten Teil über, in dem es eher um das Wesen der göttlichen Liebe geht:

Die Liebe ist langmütig und freundlich,
die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen …
sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu …
sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. (V. 4-7)

Was Paulus hier, in diesem zweiten Teil über die Liebe schreibt, ist nicht das, was das Neue Testament von Menschen fordert! Keine Frau, kein Mann muss aus Liebe „alles“ ertragen, „alles“ erdulden!

Es ist von Gottes Liebe gesagt, von Gottes Wesen, das wir als solche umfassende Liebe am ehesten verstehen, dem wir uns als Liebende und Geliebte am ehesten annähern können.

Die Liebe – nicht als romantische Liebe, sondern als Hingabe, Freundschaft, Verbundenheit, Empathie und Unterstützung – ist eins der großen Themen im Neuen Testament. Sie prägt den christlichen Glauben als ideale Grundhaltung des Menschen und als Wesensbeschreibung Gottes. Sie wird konkret im Leben von Jesus Christus, der den Weg der bedingungslosen Liebe gegangen ist, bis zur Hingabe am Kreuz.

Aus christlicher Sicht ist sie der schöpferische Ursprung, die ethische Richtschnur und der eschatologische Horizont unseres Lebens.

Diese „uneingeschränkte Liebesideologie gegenüber dem Nächsten und der ganzen Welt“, so sagte es kürzlich der Bonner Theologieprofessor Jan Rüggemeier in einem Interview mit DER ZEIT, war das außergewöhnliche, aufregende Charakteristikum der damals neuen Religion des Christentums. „Das werdende Christentum“, so sagt er, „entwickelte in der Folge eine ungekannte Empathie gegenüber jeder Form von Leiden. Das war anderen Kulten fremd.“ [https://www.zeit.de/2026/06/aufstieg-christentum-roemisches-reich-paulus-jesus; abgerufen am 14.02.2026]

Das ist bis heute manchen anderen Kulturen, Religionen und Lebensphilosophien fremd. Und es wird mitunter leider auch dem Christentum selbst fremd … Die „uneingeschränkte Liebesideologie“, die allen meinen Nächsten gilt, und nicht nur meiner Familie, meiner Blase oder meiner Nation.

Die Liebe sprengt Grenzen. Das wissen wir aus der karitativen oder diakonischen Arbeit, wo es ganz egal ist, welchen Reisepass, welche Hautfarbe, welche Familie oder Bildung ein Mensch hat, der in Not ist und Hilfe braucht. Das wissen wir auch – völlig anders gelagert – hier aus der Gemeinde, wo zum Beispiel jede und jeder zum Gottesdienst und zu anderen Veranstaltungen kommen kann, am Abendmahl teilnehmen oder sich segnen lassen darf.

Und schließlich wissen wir um die Sprengkraft, die Spontaneität und Gesetzlosigkeit der Liebe auch aus unseren persönlichen Liebesbeziehungen. Nicht immer verhält sich die Liebe moralisch korrekt. Nicht immer ereilt sie uns im richtigen Moment. Nicht immer passt sie in die Bilder, die wir uns von der Liebe machen, oder zu unseren Wünschen. Und manchmal – auch das gehört zur Unverfügbarkeit der Liebe – macht sie sich auch wieder aus dem Staub. Oder sie taucht an völlig unerwarteter Stelle auf …

Die Liebe führt als Gottes Macht ihr eigenes starkes, unberechenbares Leben. Mal freundlich, zärtlich und weich, mal lodernd und stürmisch, mal ganz nah und mal unerträglich fern … Ein ganzer Kosmos!

„The only thing more powerful than hate is love” – “Das Einzige, was mächtiger ist als Hass, ist Liebe”. So stand es schwarz auf weiß auf einem riesigen Banner im Hintergrund der Halbzeit-Show beim Superbowl in Santa Clara. Als der puerto-ricanische Rapper Bad Bunny in der Halbzeit des großen Baseballspiels mit vielen anderen Hispanics auftrat, sang und tanzte und ein großes Zeichen für Vielfalt und Zugehörigkeit in den USA setzte.

„The only thing more powerful than hate is love” – das ist die Kernaussage des christlichen Glaubens: Die Liebe ist stärker als Hass und Tod. Gottes Macht der Liebe sprengt alle Grenzen – und sei es die des Todes. Die Liebe ist die größte Macht im Himmel und auf Erden, Gott sei Dank! Amen.

Bibeltext:

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme 15 und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. (Offenbarung 1, 9-18)

 

Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Er segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,

Wenn Sie in unsere Kirche kommen und nach oben zu den Kirchenfenstern auf der Empore schauen, dann können Sie auf dieser Seite, von mir aus gesehen links ganz hinten ein Fenster entdecken, das den Seher Johannes zeigt, den Autor der Offenbarung. Über ihm schwebt mit zum Segen ausgebreiteten Armen ein Engel. Der Künstler, der das Fenster gestaltet hat, hat darin die ersten Verse der Offen­barung ins Bild gesetzt:

„Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, (…) er hat sie gesandt durch seinen Engel zu seinem Knecht Johannes. (…)“

Dieser Johannes, so haben wir gerade aus seiner Feder gehört, sitzt auf der kleinen Inseln Patmos in der Verbannung. Ob er selbst geflohen ist, um sich in Sicherheit zu bringen, oder man ihn zwangsweise dorthin abgeschoben hat, damit er die Bot­schaft von Jesus nicht mehr unter die Leute bringen kann – das wissen wir nicht. Wir wissen, er musste seine Heimat verlassen wegen seines Glaubens. Es war die Zeit, in der die frühen christ­­lichen Gemeinde auf römischem Gebiet mit dem Kaiser­kult in Konflikt kamen und verfolgt wurden. Eine Zeit der Be­drängnis, wie Johannes schreibt.

Aber nicht nur. Johannes schickt seiner Ausführungen einen Dreischritt voraus, in den er seine Glaubensgeschwister – und in zeitlicher Verlängerung auch uns – mit hineinnimmt: Er stellt sich nämlich vor als „euer Bruder und Mitgenosse in Bedrängnis und am Reich Gottes und an der Geduld“. Dieser Dreischritt erinnert mich ein bisschen an das Gelassenheits­gebet: Es gibt schwere Dinge, die wir nicht ändern können – die Bedrängnis. Es gibt Dinge, die wir ändern können und die sich ändern werden – da blitzt die Hoffnung auf das Reich Gottes auf. Und es erfordert Gelassenheit und Geduld, das zu unter­scheiden und abzuwarten.

Johannes auf seiner kleinen griechischen Insel in der östlichen Ägäis braucht vielleicht Geduld am meisten – ist der doch auf unabsehbare Zeit abgeschnitten von all den Menschen, die ihm nahestehen. Aber nicht abgeschnitten von Gott. Der lässt sich auch in der Fremde blicken und wie! Johannes kriegt etwas zu hören und zu sehen – und den Auftrag, er soll es aufschreiben. Festhalten für seinen Zeitgenossen, von denen er schmerzhaft getrennt ist, und für uns, von denen ihn Jahrhunderte trennen.

So werden wir mit hineingenommen in seine erste Vision: Da ist eine große Stimme zu hören wie von einer Posaune, oder wie eine großes Wasserrauschen, goldene Leuchter tauchen auf und der Menschensohn selbst – in gleißendem Licht, weiß wie Schnee, Augen wie Feuerflammen, Sterne in der Hand, ein zweischneidiges Schwert aus dem Mund.

Wenn man sich das wirklich einmal vor Augen malt, sich viel­leicht auf einer großen Kinoleinwand mit Dolby surround sound vorstellt, sich hineinversetzt, wie Johannes da umtost wird von Geräuschen und Bildern – dann ist das ganz schön überwälti­gend. Kein Wunder, dass es Johannes umhaut. „Und als ich ihn sah, viel ich zu seinen Füßen, wie tot.“, schreibt er.

Ich muss gestehen, auch ich habe – wie oft bei diesen visio­nären Texten der Offenbarung – das Gefühl, der Text donnert über mich hinweg, bleibt mir auch unverständlich. Ein Buch mit sieben Siegeln – eine Redewendung, die ja aus genau diesem letzten Buch der Bibel stammt. Eine ganz schöne Zumutung jedenfalls für unsere Vorstellungskraft und unser Verständnis.

Man kann versuchen, ein bisschen was von der alten Symbol­welt aufzuschlüsseln:
Die Zahl sieben taucht mehrfach auf: Johannes soll an die sieben Gemeinden in Kleinasien schreiben, sieben Leuchter erkennt er, sieben Sterne in der Hand des Menschensohnes. Sieben erinnert an die Zahl der Schöpfungstage, die auch heute noch unsere Woche ausmachen. Die Zahl steht für etwas Vollständiges, für Vollendung.
Auch das Gold der Leuchter und des Gürtels und der Füße lässt sich für uns deuten, denn Gold war das wertvollste und reinste Material der damaligen Zeit.
Und dass der Menschensohn strahlt, dass er beschrieben wird als eine Lichtgestalt weiß und rein, das können wir füllen mit den biblischen Motiven, die wir sonst kennen: „Ich bin das Licht“ sagt Jesus von sich zu seinen Lebzeiten. Die Weih­nachts- und die Epiphaniaszeit ist für uns eine Lichtzeit, die daran erinnert. Ganz fremd ist die Beschreibung des Men­schen­sohnes für geübte Bibelleser:innen auch nicht, sie greift nämlich alttestamentliche Visionen des Propheten Daniels auf. Und verrät uns damit, dass auch Johannes ein geübter Bibel­leser war, also vertraut mit den jüdischen Traditionen der Thora und darüber hinaus.

Sie sehen, ein bisschen was kann man entschlüsseln, aber die Vision bleibt doch verwirrend. Die Bilder wechseln in der Szene, verschwimmen ineinander, lassen sich nicht gut greifen und auch nicht rational vereinheitlichen. Ein bisschen wie wir das aus Träumen kennen. Die Formulierungen machen das auch deutlich: Johannes sieht etwas, das ist „wie“, das gleicht etwas anderem oder ähnelt etwas. Kleine Hinweise, die davor warnen, Bild und Wirklichkeit zu verwechseln. Diese Visionen malen „nur“ etwas aus, das sich eben gar nicht in konkreten Bildern fassen und verstehen lässt. Damit bleiben sie schwammig, vielleicht auch zweischneidig wie das Schwert, das aus dem Mund des Menschensohnes kommt. Es braucht eine Deutung. Und diese Deutung kommt in den Worten, die die Lichtgestalt spricht:

„Ich bin“ – sagt dieses Traumwesen um sich zu identifizieren: „Ich bin der Erste und der Letzte. Ich war tot und siehe ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Damit gibt sich diese visionärere Gestalt zu erkennen als Jesus Christus, der gestorben ist und zu neuem Leben auferstand, als der, der schon immer da war, immer da sein wird und alles in Ewig­keit zusammenhält, als der Weltherrscher, der die Schlüssel in Händen hält.

Ich denke, emotional bleibt die Vision bleibt für Johannes zwei­schneidig: Da ist das überwältigende Donnern und Rauschen und Gleißen, umwerfend, beängstigend. Eine Zumutung. Und dann – dann kommt eine zarte Geste, die wir schnell überlesen oder überhören. Diese mächtige Gestalt legt dem Seher seine Hand auf. Und dann spricht sie: Fürchte dich nicht. Den, der wie tot am Boden liegt, berührt die Hoffnung. Der, der verbannt in der Ein­samkeit sitzt, den Gewalten des römischen Reiches ausgeliefert, erhält einen Blick hinter die Kulissen, eine Ahnung auf das Reich Gottes, in dem ein anderer die Macht in Händen hält. Eine Vision, wie es sein könnte, wie es sein wird. Da ist der Trost in all der Verwirrung und Furcht. Und diesen Trost, diese Hoffnung, diesen Blick auf eine andere Welt, gibt Jo­hannes weiter. Ein Visionär.

Menschen mit Visionen kommen nicht immer gut an. Von Helmut Schmidt ist das berühmte Zitat überliefert: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Gemeint ist, dass wir doch in der Realität leben und mit ihr zurecht kommen müssen und uns nicht daraus wegträumen sollen. Und doch glaube ich, dass wir Visionen brauchen. Gerade, wenn die Realität zu wünschen übrig lässt, brauchen wir Bilder, wie es sein könnte und sein sollte. Die Kraft solcher Bilder sollte man nicht unter­schätzen. Innere Bilder einer wünschenswerten Zukunft sind mehr als nur mentale Wunschvorstellungen. Sie sind Motor für konkrete Handlungen und können die Realität oft mehr ver­ändern als rationale ausge­arbeitete Zielsetzungen.

Als ich in Kairo gelebt habe, hatte ich die Möglichkeit, die SEKEM Initiative 60 km nordöstlich von Kairo zu besuchen. Angefangen hat alles mit einer Vision: Ibrahim Abouleish stand in den 70er Jahren mitten in dieser unberührten Wüste und träumte davon, dieses Land grün zu machen. Er träumte davon, dass das ökologisch und nachhaltig möglich sein könnte und Menschen dort unter würdigen Bedingungen arbeiten sollten. Heute ist das Projekt viel mehr als ein Landwirtschaftsbetrieb, es ist Existenzgrundlage für zahlreiche ägyptische Familien und Hoffnung für viele mehr. Googelt man Sekem – lauter die erste Überschrift „Die Vision“. Mit der Kraft eines starken Bildes hat alles angefangen.

 

Wir brauchen heilsame Bilder, um sie der realen Welt entgegen­zustellen, um Veränderungen anzustoßen. Solche Visionen sind nicht nur Hirngespinste, sie hinter­lassen Spuren, sie geben Menschen Kraft und Kreativität. Sie sind widerständig gegen jedes „Das ist so und das bleibt so“. Es sind Hoffnungsbilder – und ja die dürfen gerne auch mal überwältigend und kraftvoll daherkommen wie bei Johannes. Er braucht die Vision, dass es Gott ist, der die Welt in Händen hält, der die Zukunft aufschlüsseln kann – und nicht irdische Herr­scher, mögen sie auch noch so mächtig oder größenwahnsinnig daherkommen.

Viele Menschen haben im Moment das Gefühl, dass unsere Welt, unsere Werteordnung aus den Fugen gerät. Mir geht das oft auch so. Dann komme ich mir so ohnmächtig vor, so kaltge­stellt wie Johannes auf Patmos: Was kann ich schon machen, wenn global Großmächte Grenzen verschieben: Grenzen auf der Landkarte und Grenzen im stabil geglaubten Moralkodex? In dieser Sorge kann uns der Blick hinter die Kulissen der Zeit helfen, der sich uns durch Johannes auftut. Ich vertraue darauf, dass es nicht weltliche Herrscher sind, die die Schlüssel zu unserer Zukunft, zu dieser Schöpfung, zu unserem Leben in der Hand halten. Ich schaue dann auf das Bild des Welten­herrschers, das wir hier vorne im zentralen Kirchenfenster haben: Jesus Christus, der in seinen Händen das Buch und die Schlüssel hält. Bei diesem Bild kann ich mich vergewissern: Er hält mich in seiner Hand, auch wenn die Realität scheinbar dagegen spricht. Er ist es, der uns auch heute noch mit zar­ter Geste berührt und uns sein Fürchte dich nicht! zu­spricht.

Und wenn Ihnen Ihre inneren Hoffnungsbilder und Visionen abhanden kommen, dann kann vielleicht eines unserer Kirchenfenster Sie erinnern an die kraftvollen biblischen Bilder, die uns mit einem Blick in das Reich Gottes trösten, das hier und jetzt und unter uns schon begonnen hat. Amen.

 

Bibeltexte:

Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maß. Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speise­meister! Und sie brachten’s ihm. Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn. Danach zog er hinab nach Kapernaum, er, seine Mutter, seine Brüder und seine Jünger, und sie blieben nur wenige Tage dort.  (Johannes 2, 1–11)

Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: Juda liegt jämmerlich da, seine Städte ver­schmach­ten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst. 
Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht! (jeremia 14, 1-9)

Predigt:

Heute bieten uns die biblischen Texte großes Kino:
Die erste Szene: Ein rauschendes Hochzeitsfest. Die Leute essen und trinken, trinken so viel, dass der Wein ausgeht. Aber die Peinlichkeit wird abgewendet, der Wein noch besser. Ein erleichterter Bräutigam gibt seiner Liebesten einen Kuss, alle sind fröhlich. Glückliche Menschen heben ihr Glas auf die Liebe. Und mittendrin Jesus mit seinen Freunden. Er feiert mit, er rettet das Fest. Ein sympathischer Jesus. Da zeigt sich Gott, so, wie wir ihn haben wollen: Er kümmert sich um die Men­schen, versorgt sie, macht sie glücklich.

Und dann ein harter Schnitt: Nächste Szene: Die große Dürre. Da gibt es keinen Wein, da gibt es nicht mal mehr Wasser. Die Menschen sind nicht ausgelassen am Feiern, sondern ver­zweifelt am Klagen. Keine Festtagskleidung, sondern die Häup­ter verhüllt, keine Musik, sondern Weinen und Wut. Jeremia malt uns vor Augen, was geschieht, wenn der Regen nicht kommt: Die Erde wird steinhart und rissig, nichts Grünes ist mehr zu sehen. Die Brunnen sind leer, Tiere verdursten.

Dieser Text ist mehr als 2 ½ Tausend Jahre alt und trotzdem haben wir alle aktuelle Bilder vor Augen: Äcker, auf denen die dürftigen Setzlinge verwelken, aufgerissene Böden, leer gefal­lene Stauseen, Knochen von veren­deten Tieren. Ganze Land­striche, in denen kein Leben mehr möglich ist. In Afrika weitet sich die Sahelzone aus und Länder wir Somalia, Kenia und Äthiopien leiden unter extremer Trockenheit. Der Iran erlebt gerade eine der schlimmsten Dürrephase, Indien ver­zeichnet in mehrerer Bundesstaaten Wassermangel, weil der Monsun aus­gefallen ist. Im Amazonasgebiet kam es zu einer Rekorddürre. Und auch aus Südeuropa hört man, dass die Wasserreserven in den Stauseen knapp sind. Die große Dürre.

„Ach, Herr, so hilf uns doch!“ – ruft Jeremia in dieser Not. Damals waren die Men­schen beim Ackerbau der Natur auf eine Art und Weise ausge­liefert, die wir uns heute nicht mehr vor­stellen können. Sie waren angewiesen auf Regen und Sonne und fruchtbare Böden, auch auf die eigene Körperkraft, um die Felder zu bebauen, sich und die Familien zu versorgen – einfach um zu überleben. Das Wetter, die eigene Gesund­heit – das alles stand in Gottes Hand. Unverfügbar. Angewiesen auf die Gnade Gottes, die sich mal zeigte und mal entzog. Not­zeiten, Dürre­perioden wurden als Strafe Gottes gedeutet für die eigenen Sünden. „Unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben!“ – so Jeremia.

Wenn wir heute über Extremwetterereignisse sprechen, über Trockenheiten oder auch über Stürme und Überschwem­mungen, redet keiner mehr von Gott. Wir wissen, der Klima­wandel ist menschengemacht. Von Schuld wird allerdings immer noch gesprochen: Der Mensch ist schuld an dem, was mit Gottes guter Schöpfung passiert.

Ist Gott selbst damit raus aus der Verantwortung? Spiegeln diese biblischen Texte ein vormodernes Denken, das Gott ins Spiel brachte, wenn man Dinge nicht erklären konnte? Sind wir heute sozusagen darüber hinaus? Ich glaube, so einfach ist es nicht, denn die Unverfügbarkeit des Lebens, die erfahren wir ja auch heute noch. Anders als damals. Unsere Lebensmittel können wir im Supermarkt kau­fen, auch wenn es ein trockenes Jahr ist. Wir sind in unserem Alltag der Natur nicht mehr annähernd so ausgeliefert, wir versichern uns gegen Risiken und sind es gewohnt, unser Leben ziem­lich gut selbst steuern, unsere Biographie nach eigenen Vorstellungen ge­stalten zu können.

Aber dann durchkreuzt das „Schicksal“ doch unsere Pläne: Dann kommt eine Diagnose, die das Leben auf den Kopf stellt, oder ein betrunkener Autofahrer übersieht eine Radfahrerin. Dann wünscht man sich so sehr ein Kind und es klappt einfach nicht mit der Schwanger­schaft oder das Kind wird nicht gesund geboren. Dann baut die Firma Arbeitsplätze ab und verschlankt die Leitungsstruktur und plötzlich steht der sicher geglaubte Lebensstandard in Frage. Da findet das erwachsene Kind nicht den Start ins eigene Leben, sondern muss mit schwerer De­pression in eine Klinik.

Natürlich lässt sich auch dann nach Schuldigen suchen – der betrunkene Autofahrer natürlich oder eine Ärztin, die die ersten Anzeichen einer Krankheit übersehen hat. Beliebt bei manchen auch: die Politik, die die Rahmenbedingungen schlecht steuert, die Migration, die meinen Arbeitsplatz gefährdet. Aber viele Erklärungen greifen zu kurz oder helfen auch einfach nicht weiter. Die „Warum“-Frage von Jeremia ist heute noch genauso aktuell. Warum geschieht das Schwere, das Lebensbedrohliche, warum geht uns manchmal nicht nur der Wein, sondern sogar das Wasser aus im Leben?

Jeremias Erklärungsversuch lautet: „Unsere Sünden verklagen uns“. Gott ist gerecht. Irgendwas muss der Mensch also falsch gemacht haben, dass Gott ihn so bestraft. Wenn ich an ein Unfallopfer, einen weg­rationalisierten Arbeits­platz oder einen unerfüllten Kinder­wunsch denke, dann möchte ich niemanden sagen: „Da hast du dich wohl irgendwo schuldig gemacht und Gott straft dich jetzt.“ Ich glaube das auch nicht. Auch die Menschen, die in der Sahelzone um ihr Überleben kämpfen, sind nicht schuld daran, dass ihre Brunnen vertrock­nen. Ich denke, Jeremias Erklärung sagt mehr über den Menschen als über Gott.

Es ist in der Psychologie oder besser in der Psychotrauma­tologie ein bekanntes Phänomen, dass Opfer die Schuld bei sich suchen. Denn wenn ich die Ursache bin für das, was mir Schlimmes widerfährt, dann kann ich vielleicht auch etwas daran ändern. Es ist ein Versuch, aus der totalen Ohnmacht wieder in die Handlungsfähigkeit zu kommen. Ich will dem Schick­sal nicht einfach ausgeliefert sein, ich will es doch wenigsten ein bisschen selbst bestimmen können. Eine ver­ständ­liche menschliche Reaktion. Wenn ich es mal zuspitze, könnte man sagen: Wenn der Mensch böse ist, dann bleibt Gott gut.

Und damit sind wir bei der Frage nach Gott. Darauf läuft unser prophetischer Text hinaus: Auf genau diese Frage:

„Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Land

und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt.

Warum bist du wie einer, der verzagt ist,

und wie ein Held, der nicht helfen kann.“

Ja, genau, warum? Wir wünschen uns Gott als Held, der die Widrigkeiten des Lebens aus dem Weg räumt, als einen, der es über uns regnen lässt, der uns heilt und tröstet und versorgt. „Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer“ – das ist keine Frage bei Jeremia, sondern eine Feststellung. Damit beruft er sich auf die Verheißungen, von denen doch das Volk und die Einzelnen seit Jahrhunderten leben und die sie doch auch als wahr erfahren haben.

Das Kontrastprogramm, das uns heute morgen serviert wird, zeigt uns ein komplexes Gottesbild. Natürlich, es gibt ihn, den menschenfreundlichen, zugewandten Gott, den Barmherzigen, der uns Wein serviert und nicht nur Regen, sondern manchmal auch Rosen über uns regnen lässt. Aber das ist nicht alles. Wenn wir Gott darauf reduzieren, haben wir ein sehr plattes Gottesbild, das schnell an der Realität zerbrechen kann. Es gibt ja beides im Leben: die Zeiten, wo der Tisch für uns reich gedeckt ist, wo wir aus dem Vollen schöpfen, in Gemeinschaft mit anderen feiern, satt und zufrieden sind. Und dann gibt es Dürrephasen, in denen wir hungern und dürsten nach einem guten Leben, nach Zuwendung und Beziehung, nach Gelingen und Sinnhaftigkeit.

Ein harmloser, handlicher „lieber Gott“ wird dem nicht gerecht. Den kann man im Endeffekt auch nicht ernst nehmen. Gott ist viel größer. Oft rätselhaft, geheimnisvoll und nicht zu greifen. „Wie ein Fremdling“, der nur einen kurzen Moment zu fassen ist, so beschreibt Jeremia diese Erfahrung und stellt die andere Erfahrung daneben: „Du bist ja doch unter uns, Gott“. Diese Spannung in müssen wir aushalten. Deus revelatus und deus absconditus hat Luther das genannt – der offenbarte und der verborgene Gott. Der nahe und nahbare einerseits, der ferne und unbegreifliche Gott andererseits. Jeremia klagt und hofft, er fühlt sich allein gelassen und weiß doch um Gottes Nähe. Dieses Kontrastprogramm lässt sich nicht auflösen.

Und wir – wir sind jetzt eingeladen. Gott lädt uns an seinen Tisch zu Brot und Wein. Wir feiern gemeinsam Abendmahl. Der Wein ist Zeichen der Freude und des Feiers, aber er steht auch für Christi Blut. Die ganze Ambivalenz ist auch hier zu greifen. „Zu seinem Gedächtnis“ kommen wir zusammen, wir denken an sein Leiden und Sterben. An seinen Durst. „Mich düstet!“ sagte Jesus, kurz bevor er starb. Am Kreuz sehen wir denn allmäch­tigen Gott ohnmächtig – und dürfen wissen: Wir sind in unserer Ohnmacht nicht allein. Gott ist bei uns. Die Ohnmacht spricht nicht gegen seine Gegenwart. Im Gegenteil. Gerade dort lässt er sich finden. Gott ganz unten, Gott auch ganz oben, klein wie ein Kind und groß als der Weltherrscher, gefühlt ganz nahe oder auch weit weg. All das ist in Gott vereint, auch wenn unser Verstand das schwer zusammenbringen kann. Und so stimmen wir heute ein in das Gebet des Jeremia, das die ganze Ambivalenz umfasst:

„Du bist ja doch unter uns, Gott“ – „Verlass uns nicht!“ Amen.

Predigttext: Jesaja 60, 1–6

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! 2 Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. 3 Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. 4 Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden. 5 Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. 6 Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen. 

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Gemeinde!

Zum Jahreswechsel war im Kalender „Der Andere Advent“ ein Text von Julia Engelmann abgedruckt. Eine junge Sängerin, Schauspielerin und Bestsellerautorin, die vor etwa zehn Jahren zuerst durch ihre beeindruckenden Auftritte in Poetry Slams bekannt wurde. Einmal habe ich sie im Schauspielhaus mit ihren eindringlichen, druckreifen Texten erlebt.

Im Kalender „Der Andere Advent“ waren nun „Silvestergedanken“ von ihr zu lesen:

„Wenn ich an das letzte Jahr denke, dann denke ich vor allem daran, dass alles anders gekommen ist, als ich erwartet hatte, und daran, dass sicher auch weiterhin alles anders kommen wird, als ich erwarte. Ich denke nicht an Meilensteine, sondern daran, dass Glück am Ende des Tages eine lose Collage aus tausend kleinen Momenten ist: als die untergehende Sonne einen Mückenschwarm golden angeschienen hat. […] Wie du mich angelächelt hast, als ich gedankenverloren am Frühstückstisch gemalt habe. Die Extrarunde beim Spazierengehen. Blühende Lilien. Im Wohnzimmer tanzen.“

Nachdem Julia Engelmann schreibt, was sie sich für das neue Jahr wünscht, was sie hofft und will, beendet sie ihren Text:

„Es gibt immer noch etwas, von dem ich denke, dass ich es noch werden oder sein sollte, aber die Wahrheit ist: Ich möchte nicht mehr, ich möchte weniger. Weil alles genug ist. Weil ich genug bin.“
[aus: Der Andere Advent 2025/26, 31. Ausgabe, Hamburg 2025, 31. Dezember]

Ich verstehe diese Gedanken. Ich verstehe, dass es im Persönlichen wie im Gesellschaftlichen und vor allem im Blick auf unseren Konsumismus und unseren Optimierungswahn darum geht, weniger zu wollen. Weniger Güter, Rohstoffe und Energie zu verbrauchen. Weniger Leistung von den Leistungsträgerinnen und Spitzenkräften zu verlangen. Weniger, stattdessen menschenfreundlichere und fehlerfreundlichere Ansprüche an mein Leben, meine Mitmenschen und mich selbst zu haben.

Das alles verstehe und teile ich. Und doch stießen mir diese Sätze auf, stieß ich mich an ihnen:

„Es gibt immer noch etwas, von dem ich denke, dass ich es noch werden oder sein sollte, aber die Wahrheit ist: Ich möchte nicht mehr, ich möchte weniger. Weil alles genug ist. Weil ich genug bin.“

Ja, wir sind – gerade vom christlichen Glauben her – „genug“. Wir sind von Gott geliebt und gewollt. Wir sind „genug“ als Menschen und müssen keine Götter, auch keine Roboter oder Cyborgs sein.

Aber ich glaube zutiefst daran, dass wir „werden“ sollen – und auch dürfen. Dass wir nicht fertig, perfekt oder in unserer Entwicklung abgeschlossen sind, so wie wir sind. So wie wir alle jetzt hier sind. Ganz unabhängig von unserem Alter, unserer Ausbildung, unserer familiären Situation, unseren Talenten und Neigungen.

Ich glaube, ich hoffe, ich wünsche mir, dass wir noch „werden“. Uns verändern, uns vielleicht in manchem verbessern und anderes verlieren. Uns verwandeln und immer mehr zu denen werden, als die wir von Gott gedacht, gewollt und geliebt sind: als Menschen zu seinem Bilde und Gegenüber.

Zu Epiphanias, dem Fest der Erscheinung des Herrn und des Lichtes, das von Jesus Christus ausgeht, gehört ein besonders schöner Text aus dem Alten Testament, aus dem Buch des Propheten Jesaja. Tilman Seidel hat ihn uns eben vorgelesen.

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt,
und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! (Jes 60, 1)

Ein großes, verheißungsvolles Bibelwort, das ermutigt, tröstet und stärkt! Im Sprachduktus an Zion gerichtet, an den heiligen Berg, der als Gottes irdische Wohnung vorgestellt wurde, galten die Worte von Jesaja denen, die sich zu Gott hielten, zu seiner Gegenwart in Zion, zu Gottes Kraft und Licht, die von dort ausgingen. In diesem Sinn sind auch wir angesprochen:

Machet euch auf, werdet licht; denn euer Licht kommt,
und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über euch!

Ihr, die ihr euch zu dem einen Gott haltet, an seine Kraft glaubt und seinen Verheißungen vertraut, die ihr auf seine Liebe, seine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit setzt – ihr sollt, ihr dürft „licht werden“.

So licht wie die Wintersonne auf dem Schnee glitzert. So zart wie sich die Sonne morgens aus den Schleiern der Nacht erhebt. So hell wie der Stern, der die drei Weisen aus dem Osten nach Bethlehem führte.

Mache dich auf, werde licht!

Weil du, weil wir zu dem Licht hinstreben, das mit Gottes Sohn in unsere Welt gekommen ist. Weil wir sein Licht, seine Liebe, seine Worte und Taten brauchen. Für uns – um zu werden, was wir noch nicht sind. Und für unsere Welt – damit sie anders wird als die, zu der wir sie gemacht haben.

Wie aber „wird“ man? Wie „werden“ wir? Neu, anders, licht …

Die meisten von uns würden wahrscheinlich antworten: Wir sind so geworden, wie wir jetzt sind, durch unsere Eltern und Familien, durch die Schule, die Ausbildung, das Studium. Durch bestimmte Menschen, die uns geprägt, und manche Erfahrungen, die wir gemacht haben, durch Erfolge wie Enttäuschungen und Krisen. Durch die Zeit und Kultur, in der wir leben.

Aber wie geht es weiter? Wie werden wir noch mehr und immer weiter zu denen, als die wir von Gott gedacht, gewollt und geliebt sind: als Menschen zu seinem Bilde und Gegenüber? Ist das ein bewusster Willensakt, Zufall oder Geschenk? Ist das überhaupt der Fokus, den wir für unser eigenes „Werden“, für unser Leben und Wachsen haben?

Wenn wir zu Gottes Bilde und Gegenüber, zu seinen Menschen werden wollen, dann werden wir dies wohl, indem wir uns sowohl auf Gott als auch auf diese Welt einlassen. Indem wir versuchen, die mitunter schmerzliche Spannung zu halten zwischen dem, was ist, und dem, was nach Gottes Willen kommen soll. Zwischen der gegenwärtigen irdischen Welt mit ihren Abgründen und dem kommenden Reich Gottes im Himmel und auf Erden. Indem wir mitten in dieser Welt, in der Zeit, der Umgebung und mit den Menschen, zu denen wir gestellt sind, an Gottes Verheißungen festhalten.

Uns an Gottes Licht ausrichten. An der Möglichkeit von Liebe und Verbundenheit. Versöhnung, Verständigung und Frieden. An dem, was alttestamentlich gesprochen, dem Schalom dient, Heil und Heilung, Erlösung und Frieden. Dass wir selbst zu einem Teil oder zumindest zu Wegbereiterinnen und Vorläufern von Gottes Schalom werden.

Als ich im Dezember auf einem Adventsmarkt in der Koppel 66 in St. Georg war, habe ich einen Mann kennengelernt, dessen Projekt für mich ein solches heilvolles „Werden“ versinnbildlicht:

Der New Yorker Künstler und Kunsttherapeut Drew Matott stellte dort im Keller Papier her. Aber nicht aus Altpapier, Zellstoff oder Holz, sondern aus Stoffresten, Fetzen und Fundstücken von der Straße. „Es gibt eigentlich nichts, aus dem ich kein Papier machen kann“, sagte er.

Er erzählte von den Masken aus der Corona-Pandemie, die er sammelte und zu Papier machte. Besonderes Papier, das sich weltweit verkaufte und ihm die Rechnungen bezahlte.

Noch mehr bewegte mich die therapeutische, die heilende Arbeit des Papierkünstlers: Er hat mit Menschen gearbeitet, die traumatisiert sind. Die den Krieg erlebt oder selbst gekämpft haben. Menschen, die fliehen mussten und Angehörige verloren haben. Vergewaltigte Frauen, Geflüchtete, Kriegsveteranen. Daraus ist das „Peace Paper Project“ geworden. Traumatisierte Menschen bringen ihm ihre Kleidung aus dieser Zeit, Stücke ihrer schmerzhaften Vergangenheit. Er lässt sie diese Kleiderstücke zerschneiden, zerreißen, zerfasern – und dann machen sie daraus neues Papier.

Auf diesem Papier schreiben die Menschen danach ihre Geschichten, ihre Gedichte oder Lieder. Sie überschreiben wortwörtlich die Verletzungen, schreiben ihre eigenen Geschichten dazu und nehmen den alten hierdurch die Macht. Sie schaffen ein neues Gewebe, wirken selbst daran mit, dass ihre Lebensgeschichten verwandelt werden.

Dass aus dem Zerrissenen, dem Verwundeten, dem Alten Neues werden kann, gehört zur erlösenden Botschaft unseres Glaubens. Dass Heilung und Verwandlung möglich sind und wir mit und aus dem, was uns geprägt, uns vielleicht auch verletzt oder korrumpiert hat, neu und anders werden dürfen – das ist unser großes Glück. Ein Geschenk aus Gottes Gnade.

Und so wünsche ich uns für das neue Jahr, dass wir uns „aufmachen“ und „licht werden“. Botinnen und Wegbereiter der Heilung, des Friedens und der Liebe, die Gott uns schenkt. Und zu der wir immer mehr hinwachsen und „werden“ mögen.

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt,
und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!

Amen.

In unserem Kirchenkreis gibt es seit 10 Jahren Präventions- und Interventionsarbeit, die Vorbereitungen dazu begannen 2012. Es gilt, mit den Ergebnissen der Studie die Aufklärung weiter voranzubringen und die Maßnahmen zu intensivieren.
Bitte kontaktieren Sie uns, wenn Sie von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche betroffen sind oder waren oder wenn Sie Fragen dazu haben: