Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Das Unglaubliche glauben

Das Unglaubliche glauben

Predigt zu Ostersonntag
Pastorin

Andrea Busse

Festgottesdienst zu Ostern

Predigt zu 1. Korinther 15, 12-14.18-28

Bibelische Texte:

Markusevanglium:
Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich. (Aus Markus 16)

Paulusbrief:
Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferweckt ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten? Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. (…)
Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat« Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn »alles hat er unter seine Füße getan« Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem. (1. Korinther 15, 12-14.18-28)

Predigt

Das Osterevangelium beschreibt uns eine Szene am Grab. Maria Magdalena, Maria und Salome kommen, um zu trauern. Drei Tage ist er her, dass Jesus begraben wurde. Es hat ihnen das Herz gebrochen.

Tobias steht am Grab. Der Bestatter hat die Urne versenkt. Es bricht ihm das Herz. Seine Frau Nina, Mitte 50. Tot. Der Tod sei nicht das Ende, hat der Pastor bei der Trauerfeier gerade behauptet und von Auferstehung gesprochen. Von der Oster­botschaft, die für uns alle gilt: „Wie Christus auferstanden ist, so werden wir auferstehen“, hat er gepredigt. Tobias kann’s nicht recht glauben. Er ist ein rationaler Mensch. Auf­erstehung von Jesus Christus – ja, das schon, das kann man ja auch so deuten, dass der Glaube seiner Anhänger:innen nicht ins Leere ging, sondern daraus etwas Neues geworden ist. Aber Auferstehung der Toten? Leben nach dem Tod? So fühlt es sich für ihn überhaupt nicht an. Er schaut in das kleine runde Erdloch. Es ist wie ein Punkt. Ende. Das war’s.

Eine halbe Stunde später sind alle Trauergäste im Restaurant neben dem Friedhof zusammengekommen: Leichen­schmaus – was für ein furchtbares Wort. Jemand reicht Tobias einen Kaffee und eine Freundin erinnert daran, dass Nina immer drei Löffel Zucker brauchte. Er muss lächeln. Ja, sie liebte es süß. „Und wisst ihr noch“, erzählt jetzt ihr Bruder, „als wir auf der Hütten­wan­derung waren und es keinen Zucker gab, wie Nina dann einfach in die Küche spaziert ist und das Personal dort beim Küssen er­wischte“. Tobias Lächeln wird unwillkürlich zum Lachen. Ja, das war auch süß. Und dann passiert, was oft passiert beim Kaffee nach einer Trauerfeier: Es wird geredet, geweint und gelacht, Erinne­rungen werden geteilt. Und Tobias hat das Gefühl: Ja, das ist sie: seine Nina, so lebendig in all dem, was von ihr erzählt wird, so präsent hier und heute. Sie würde dabeisitzen und lauthals mitlachen. Und sich freuen daran, dass Kerstin und Thorsten, die so lange kein Wort mehr mit­einander geredet haben, sich hier gerade still die Hand drücken.

In den Monaten nach der Trauerfeier ist Tobias selten nach Lachen zumute. Immer wieder muss er an die letzten Wochen mit Nina denken, an ihr Sterben. Sie war krank, sie wusste was kommt. Im Gegensatz zu ihm, hat sie es akzeptiert. Und sie hat das geglaubt mit der Aufer­stehung der Toten. Er konnte nicht mir ihr darüber reden, konnte ihr ja schlecht ihre Hoffnung weg­argumentieren. Er fand das befremdlich, dass sie so gefasst war, so überzeugt, dass da noch was kommt. „Wie kannst du das glauben?“, hat er sie in einem schwachen Moment dann doch gefragt: „Weil es mir versprochen ist“, hat sie lächelnd geantwortet und 3 Löffel Zucker in ihren Tee gehäuft. Er hat sie dafür bewundert, dass sie so ihren Frieden machen konnte mit diesem viel zu kurzem Leben. Für die Trauerfeier hat sie sich Ostermusik gewünscht. Jubelnde Trompete. Wenn er zu schwer­mütig wird, dann hört er sich das Stück an. Dann wird ihm leichter zumute.

Fünf Monate nach Ninas Tod ist Ostern. Tobias will in den Gottes­dienst gehen. Warum, kann er nicht so genau sagen. Vielleicht will er einfach nur die Musik hören, die ihm guttut. Freunde laden ihn zum Oster­frühstück ein. „Ich kann nicht, ich gehe in den Gottes­dienst“ – schreibt er in den Chat. „Ich muss gucken, ob da doch was dran ist – Auferstehung, Leben nach dem Tod. Was meint ihr?“ Die Reaktionen im Chat gehen sehr aus­ein­ander: Da kommen überzeugte Glaubensaussagen (von Katrin, das wusste er schon vorher), aber auch offene Ablehnung und tastende Hoffnung bis hin zu Neugierde und Fragen. Tom entscheidet sich, mitzukommen in den Gottes­dienst, Katrin natürlich auch.

Und dann sitzen die drei da und hören Geschichten: von den Frauen, die sich fürchten, als sie das Grab leer finden. Von Maria, die Jesus nicht erkennt, sondern für den Gärtner hält. Vom Jünger Thomas, der das alles auch nicht glauben kann. In diesen Geschichten kann Tobias sich wiederfinden. Wenn selbst die ersten Zeug:innen das genauso unvorstellbar fanden, was sich da vor ihren Augen tat – dann ist er vielleicht doch nicht so weit weg von all dem.

Schließlich kommt im Gottesdienst Paulus dran, mit dem, was er zur Auferstehung zu sagen hat, oder besser geschrieben hat an die Korinther damals. Der Pastor erklärt, dass Paulus am nächsten dran war. Dass er das so um 50 n. Chr. geschrieben hat, während all die schönen Ostergeschichten mit den Frauen, mit Maria und Thomas erst 20, 30 Jahre später entstanden sind. Tobias ist enttäuscht. Paulus findet er so abstrakt, er hat kaum zuhören können bei der Lesung. Der Apostel argumen­tiert, dass in Adam alle sterben und in Christus alle auferstehen. Da steigt Tobias innerlich aus. Aber was er mitkriegt hat, ist, dass die schon damals, in den ersten Gemeinden sich nicht einig waren, ob man das glauben kann. „Wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten.“ Aha – schon damals also schwer zu glauben. Nur Paulus ist der Ober-Gläu­bige. Alles umsonst, wenn man das nicht glaubt, Aufer­stehung Christi und Auferstehung der Toten, das hängt unmit­telbar zusammen – so seine Argumentation.

„Paulus ist so trocken und nüchtern“, beschwert sich Tobias nach dem Gottesdienst bei Katrin. Sein Brief hat nichts mit der Oster­freude zu tun, die er erwartet hat, mit Fröhlichkeit und Leichtig­keit, mit Trompete und Gesang. „Paulus ist alles andere als nüchtern“, widerspricht Katrin, „der ist so emotional, dass es ihn umgehauen hat. Der hatte seine höchst eigene Ostererfahrung“. Und dann erzählt Katrin ihm vom so­genannten Damaskuserlebnis, als Paulus eine Vision hat, ein Strahlen, eine Stimme, als er Jesus erlebt, der doch eigentlich längst tot ist, und begreift, dass er wirklich aufer­standen ist. Und dass dieses Erlebnis Paulus zu einem neuen Menschen macht. Vom Saulus zum Paulus – sprichwörtlich. Ein wiedergeborener Mensch, ein anderes Leben. Völlig ver­wandelt. Katrin erzählt weiter, dass Menschen das auch heute noch erleben, so ein einprägsames Erlebnis, dass sie spüren, das ist wahr, was von Jesus erzählt wurde und wird. (langsam:) Da ist Kraft dahinter, Leben, Gegenwart – es sind nicht nur histo­rische Ge­schichten, die im höchsten Fall eine ethischen Bot­schaft haben.

Auf dem Heimweg denkt Tobias an Nina. Sie hatte kein spekta­kuläres Bekehrungs­erlebnis à la Paulus. Aber da war immer ein tiefes Urvertrauen ins Leben, ein Grundvertrauen in diese Welt und in andere Menschen. Genau das hat er an ihr geliebt. Sie war einfach lebensfroh. Natürlich hat sie gehadert mit ihrer Krankheit. Sie wäre gerne noch ein bisschen länger alte Eva, also ein irdischer Mensch gewesen, um mit Paulus zu sprechen, aber sie wusste, dass der Weg nicht zuende ist. Sie hatte auch dann noch Vertrauen ins Leben, als das Leben sich Stück für Stück von ihr verabschiedet hat. Da war immer Hoffnung in ihr. So als ob sie hinter die Lebenskulissen gucken könnte und entdeckt hätte, dass mehr dahintersteckt, als das, was vorne gespielt wird. Nina war selbst wie Ostern – so denkt Tobias auf dem Heimweg. Nicht erst beim Sterben, sondern schon immer. Wenn er bedrückt war, weil die Welt ist, wie sie ist mit ihren ganzen Kriegen und Konflikten, wenn er den Glauben an das Gute im Menschen oder an den Sinn seiner Arbeit in Frage gestellt hat, dann hat sie ihm die Augen geöffnet für das, was das Leben bejaht: Sie hat gefeiert mit der ukrainische Nach­barin, die den B1-Sprach­kurs bestanden hat. Sie hat gespendet für die israelisch-palästinen­sische Organisation, die für ein Miteinander eintritt. Sie hat ihn ermutigt, die neue Projektidee beim Chef vorzustellen. Und als sie starb, schien sie selbst ein neues Projekt vor sich zu sehen. Sie ging nicht, als ob sie sich für immer verabschiedet, sondern wie jemand, die einen neuen Weg geht.

Auch er muss seither neue Wege gehen. Ohne seine Frau. Ihr Tod hat ihn verändert. Er ist nachdenklicher geworden. Was ist das Leben? Fragt er sich. Und sein rationaler Anteil fängt gleich an biologisch zu argumentieren, aber er merkt, dass das nur eine Wahrheit von vielen ist. Leben ist mehr als essen und trinken, schlafen und atmen. Leben ist auch mehr als die Tage an Lebenszeit, die wir mehr oder weniger sinnvoll füllen.

Wenn er mit Tom darüber spricht, merkt er, dass die Fragen nicht nur mit seiner Trauer zu tun haben. Auch den Freund treibt das um. Es sind Fragen an das Leben an sich: Was ist Sinn, was ist Glück? Was ist hinter der Kulisse? Woran freue ich mich?
Manch­mal fühlt Tobias sich sehr nach altem Adam, erden­schwer und vergänglich. Er schaut auf die Welt, auf die Menschen und sieht, was Paulus schon be­schrieben hat: Macht und Gewalt und Tod. Aber manchmal ist es auch ganz anders. Dann macht er einen Spaziergang an der Alster, er atmet tief durch, riecht den Frühlings­duft und sieht die auf­brechen­den Knospen. Verän­derung. Und Tobias muss über sich selbst schmunzeln: Ein paar Frühlings­blüten und schon grünt die Hoffnung – so ein Klischee! Aber er hört Nina in seinem Kopf sagen: Das ist wie drei Löffel Zucker, mach es dir doch süß. Und dann bestellt er sich im Café am Wasser einen Tee und löffelt Zucker rein und findet es schmeckt furchtbar und muss darüber lachen und merkt, dass es ihm gut geht trotz allem. Und er fragt sich, ob Paulus nicht eigentlich von der „Auferstehung der Lebenden“ sprechen sollte. Denn so fühlt er sich gerade. Wie jemand, der aus einem dunklen Loch ans Licht gekrochen ist und merkt, wie die Sonne wärmt und wie Lebensfreude sich anfühlt. Er hat das Gefühl, dass der alte Adam – Paulus hat sich da doch festgesetzt in seinem Kopf mit seinen Worten – also, dass der alte Adam irgendwie durch­sichtiger geworden ist für eine andere Dimen­sion von Leben. Vielleicht doch durch­sichtig für die Oster­botschaft, für die Hoffnung, dass Leben mehr ist, als sein naturwissen­schaftlicher Verstand begreifen kann, schon jetzt mitten in diesem irdischen Leben mehr ist und dass es deswegen auch nicht einfach auf­hört mit dem Tod.

Ein paar Tage später geht er wieder auf den Friedhof. Er legt Nina einen Zettel hin mit einem Zitat von der US-ameri­kani­schen Schriftstellerin Emily Dickinson, Worte aus dem 19. Jh:

Wir wissen nicht, wie groß wir sind, bis sie uns zum Auf­stehen zwingen.
Und wenn wir es dann wirklich tun, wird unser Kopf durch die Wolken dringen.

Als er da am Grab steht, hat er den verwegenen Gedan­ken, dass Nina da irgendwie und irgendwo – außer­halb einer Dimen­sion seines Verstandes – ange­kommen ist. Vielleicht ist es mehr ein Gefühl als ein Gedanke, ein Geistesblitz, eine Be­wegung in seiner Seele. Er fühlt sich ein bisschen benommen, wie mit dem Kopf durch die Wolken, und er kann Auferstehung – naja, vielleicht nicht glauben, aber ahnen und fühlen und sich dran freuen das kann er schon. Und in seinen Kopf hört er die jubelnde Trompete.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, dem Auferstandenen. Amen.